Um es vorwegzunehmen: Nicht ich habe diese Spur gesucht und gefunden, sondern Jun Tanaka, Recherche-Freund im fernen Japan (mittendran vom 22. Februar 2026) hat gezeigt, dass man nicht vor Ort sein muss, um Rätsel zu entziffern, die Walter Benjamin (1892-1940) hinterlassen hat in seiner „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ (1).
Für diejenigen, die Benjamins Rätsel kennen: die Spurensuche findet sich hier (2).
Für alle anderen: Walter Benjamin, der von 1892 bis 1900 im Lützow-Viertel wohnte, zuerst am Magdeburger Platz 4, dann in der Kurfürstenstraße 154, ging vor seiner Einschulung in eine Vorschulklasse, die von einer Privatlehrerin, Helene Pufahl, geleitet wurde (Bild 1). Das müsste in den Jahren 1896 oder 1897 gewesen sein, wenn er mit fünf oder sechs Jahren eingeschult wurde. Zu diesem Zeitpunkt lebte das Frl. Pufahl in der Chausseestraße 97, so wie ihre Mutter Luise und ihr Bruder Otto, während ihre Schwester Katharine, Oberlehrerin an der Dorotheenschule, in der Gitschinerstraße 107 wohnte.

Bild 1: Auszug aus dem Adressbuch von Berlin für das Jahr 1897.
Wo der Unterricht stattfand, ist nach wie vor unklar, möglicherweise in den Räumen der 107. Gemeindeschule in der Genthiner Straße 4 (mittendran vom 6. August 2024), von der das Lehrerhaus heute noch steht (Genthiner Straße 10). Diese Lehrerin, über die bis dato wenig bekannt war, hat Jun Tanaka nun identifiziert und mit einer veritablen Biografie versehen: Geburts- und Sterbedatum (21. März 1863 – 3. Januar 1946), Familienherkunft, Berufstätigkeit und Wohnadressen, selbst Fotos ihres Altersruhesitzes in Potsdam-Babelsberg in einer Art Frauen-Kommune finden sich in dem lesenswerten Aufsatz (Bild 2). Das „Haus der Sonne„, ein Wohnhaus für berufstätige, alleinstehende Frauen der Genossenschaft für Frauenheimstätten, wurde von Emilie Winkelmann (1875-1951) entworfen, die auch das Haus des Deutschen Lyceum-Clubs (DLC) am Lützowplatz entworfen hatte (mittendran vom 27. Juni 2026). Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine Recherche in dieser Komplexität hätte leisten können.

Bild 2: Das Haus der Sonne in Potsdam-Babelsberg (früher: Nowawes) mit dem von Emilie Winkelmann gebauten Frauenhaus (Postkarte ohne Datum, gemeinfrei).
Einzig eine Schriftprobe von Helene Pufahl fehlt, von der Benjamin schrieb: Unter den Ansichtskarten meiner Sammlung gab es einige, deren Schriftseite mir deutlicher in der Erinnerung haftet als ihr Bild. Sie trugen die schöne, leserliche Unterschrift: Helene Pufahl. Das war der Name meiner Lehrerin. Das P, mit dem er anhob, war das P von Pflicht, von Pünktlichkeit, von Primus; f hieß folgsam, fleißig, fehlerfrei und was das l am Ende anging, war es die Figur von lammfromm, lobenswert und lernbegierig. So wäre diese Unterschrift, wenn sie wie die semitischen aus Konsonanten allein bestanden hätte, nicht nur Sitz der kalligraphischen Vollkommenheit gewesen, sondern die Wurzel aller Tugenden.
Literatur
- Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2010.
- Jun Tanaka (2026). Walter Benjamins Lehrerin Helene Pufahl (Version 1.0). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.21287949
