Starke Frauen im Lützow-Viertel (Teil 3): Der Deutsche Lyceum-Club

Der Deutsche Lyceum-Club war der letzte der neugegründeten Vereine der Frauenbewegung um die Jahrhundertwende, gegründet nach einem internationalen Frauenkongress im Jahr 1904. Er hatte sicherlich die prominenteste Mitgliederliste und hatte am längsten Bestand von allen Frauenvereinen. Er war gleichzeitig der Verein mit dem pragmatischsten und daher dem vielleicht unpolitischsten Profil aller Frauenvereine, im Sinne von Abstinenz gegenüber den politischen Parteien und Parolen und einer vornehmlich praktischen Orientierung. Er hatte – vielleicht genau deswegen – die größte Reichweite und die höchste Mitgliederzahl (1.100 in den Jahren zwischen 1912 und 1928). Gleichzeitig wurde ihm dieses unpolitische Profil zum Verhängnis: Nach der Machtübernahme durch die Nazis 1933 löste er sich nicht auf, sondern warf seine jüdischen Mitglieder hinaus, vor allem die Künstlerinnen, wenn sie nicht schon vorher geflüchtet waren wegen eines Berufsverbotes, und wurde von den Nationalsozialisten instrumentalisiert und gleichgeschaltet.

Und in all der Zeit verblieb der Verein im Lützow-Viertel: zunächst an der Potsdamer Straße 118b (heute etwa 65), ab 1908 am Karlsbad 12/13, nach 1914 am Lützowplatz 8 (später 15), 1937 am Lützowplatz 17, dann verliert sich die Spur im Adressbuch; nach anderen Quellen residierte er bis zu seinem Ende in Dahlem in der Peter-Lenné-Straße 1-3. Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg 1956 wiedergegründet.

Die Gründung des Internationalen Lyceum-Club 1905

Der dritte internationale Frauenkongress des International Council of Women (ICW) – nach Chicago 1893 und London 1899 – brachte 1904 mehr als 2.000 Teilnehmerinnen aus 25 Ländern nach Berlin (Bild 1) und setze die Tradition des Berliner Kongresses von 1896 – Beteiligung aller Frauzenverbände – fort, brachte sie aber auf eine höhere, internationale Ebene (1). Über Fortschritte der Frauenrechte, insbesondere des Wahlrechts in vielen Ländern wurden berichtet, die nationale wie internationale Aufmerksamkeit war groß, nicht nur in der Presse, auch wenn spöttische Töne nicht fehlten (2).

Bild 1: Plakat des 3. Internationalen Frauen-Congrsses in Berlin 1904 (Wikipedia, gemeinfrei).

Der Kongress von 1904 gab auch den Anstoß für die Gründung des Internationalen Lyceum-Clubs (ILC): Maria von Bunsen (1860-1941), der wir schon in der Maienstraße begegnet sind (mittendran vom 8. Juni 2021), brachte die Idee aus England mit, ihrer zweiten – oder vielleicht auch der ersten – Heimat (3) und trug sie auf dem Frauenkongress 1904 vor; in London gab es den ILC seit 1903. Maria von Bunsen fand in Hedwig Heyl geborene Crüsemann (1850-1934), eine konservative Frauenrechtlerin, Sozialpolitikerin und Unternehmerin, eine Mitstreiterin, wie überhaupt der ILC, der dann 1905 gegründet wurde, von konservativen, teilweise adligen Frauen getragen wurde, deren Männer vielfach in einflussreichen politischen Positionen saßen und den Forderungen der Frauenschaft Gehör verschaffen konnten. Hedwig Heyl und Helene Gräfin von Harrach de Pourtales (1849-1941) wurden die ersten Vorsitzenden des Lyceum-Klubs. Die Schirmherrschaft übernahm Königin Elisabeth von Rumänien, eine geborene Elisabeth von Wied (1843-1916) (Bild 2). Die war unter ihrem Künstlernamen Carmen Sylva eine bekannte Schriftstellerin und Förderin der Malerin Dora Hitz (1850-1924), der wir neulich begegnet sind (mittendran vom 12. April 2026).

Bild 2: Hedwig Heyl (oben links), die Vorsitzende des Lyceum-Clubs, und Marie von Bunsen (oben rechts), die Initiatorin de Idee. Unten links die Schirmherrin, Königin Elisabeth von Rumänien, und rechts Helene Gräfin von Harrach de Pourtales, ebenfalls Vositzende des Klubs (alle Fotos aus Wikipedia, gemeinfrei; das Gemälde unten rechts stammt vom Ehemann der Abgebildeten, dem Maler Ferdinand von Harrach).

Der ILC war weniger durch sein politisches als vielmehr durch sein praktisches, wiewohl internationales Profil gekennzeichnet: „Der neubegründete Lyceumklub in Berlin …hat nicht in erster Linie gesellige, sondern vor allem praktische Zwecke. Er ist im Interesse der künstlerisch und wissenschaftlich arbeitenden Frauen gegründet worden als Zweig eines englischen Unternehmens, das von vornherein als internationales gedacht war“ (4). Sektionen innerhalb des Klubs orientierten sich an Tätigkeitsbereichen der sich organisierenden Frauen in der Literatur, der bildenden Kunst und des Kunstgewerbes, der Musik und der Wissenschaft – womit gleichzeitig klar wurde, dass dies ein Klub der sogenannten gebildeten Schichten der Bevölkerung werden sollte, nicht einer der – weiblichen – Arbeiterschaft oder des Haushalts- und Dienstleistungsbereiches.

Der ILC mietete in der Potsdamer Straße 118b ein ganzes Wohnhaus (Bild 3), das wir früher schon mal besucht hatten: Die Grundstücke 118, 118a bis 118c an der Potsdamer Straße (heute Nr. 62 bis 67) gehörten ursprünglich dem Drucker Eduard Hänel (mittendran vom 7. August 2023) und ab 1883 den Gebrüdern Julius und Louis Oppenheim, die einen Großteil der erworbenen Immobilie der jüdischen Gemeinde schenkten für den Bau der Synagoge an der Lützowstraße (mittendran vom 30. Juli 2023), aber an der Potsdamer drei Mietshäuser errichteten, von denen das mittlere (118b) allein vom ILC angemietet wurde (Bild 3 A,B). Das 1883 gebaute und frisch renovierte Haus war ausgestattet mit Ausstellungsräumen, einem Bühnensaal, einem großen Restaurant, einem Tee-Raum, Gemeinschaftsräumen wie einem Leseraum, einem Musikzimmer, einer Bücherei und Räumen zum Rauchen, Schreiben und Billard-Spielen. Es gab etwa 30 Gästezimmer in den oberen Stockwerken, in denen durchreisende Klubmitglieder oder Frauen, die in der Stadt zu tun hatten, wohnen konnten, zu mäßigen Preisen (Bild 4); hinter dem Haus lag ein sehr schöner Garten (5). Die Gesamtmiete betrug 18.000 Reichsmark (RM) jährlich, was einer Kaufkraft von etwa 150.000 € heute entspricht, nicht gerade wenig für einen gerade erst ins Leben gerufenen Verein; der hatte allerdings durch den Kongress von 1904 einige Rücklagen gebildet aus Überschüssen und Verkäufen von Kunst und Kunsthandwerk, und wurde durch den englischen Mutter-Verein unterstützt.

Bild 3 A: Fassade des Hauses Potsdamer Str. 118b um 1905 (aus: (4), Fotograf unbekannt).

Bild 3 B: Garten des Hauses Potsdamer Str. 118b um 1905 (aus (4), Fotograf unbekannt).

Neugründung 1907 als Deutscher Lyceum-Club

Vielleicht war es das elitäre Ansinnen, dass die initiale Gründung scheitern ließ: „1907 kam es aufgrund finanzieller Probleme und struktureller Dissonanzen zum Bruch mit dem von einem englischen Unternehmer finanzierten Londoner ´Mutter`-Verein und die Berliner Dependance gründete sich als Deutscher Lyceum-Club (DLC) neu“ (6). 1933 führt Hedwig Heyl dies auch auf den so ganz anderen Charakter des englischen Klublebens zurück, in dem Frühstück ebenso wie das Abendessen oft im Klub eingenommen wurde, im Gegensatz zu deutschen Vereinssitten (7).

Bild 4: Aus den Mitteilungen des Deutschen Lyceum-Klub, März 1914.

An den prinzipiellen Zielen des DLC änderte diese Neugründung allerdings nichts: Vertretung der Frauen mit höherer Bildung und/oder künstlerischer (malender, schreibender) Berufstätigkeit. Neben den sozialen und kulturellen Aktivitäten wie Vorträge, Konzerte und Ausstellungen gewannen aber Berufsaktivitäten eine zunehmende Bedeutung. Für die Malerinnen der Kampf um Zulassung zum Studium an der Akademie, für die Lehrerinnen der Kampf um die Anerkennung der höheren Mädchenbildung als gleichwertig zur gymnasialen Ausbildung von Jungen, und für die Ärztinnen die Einrichtung eines Systems der Frauengesundheit, z.B. die Etablierung von Polikliniken von Frauen und für Frauen.

Mit dem Wegfall der Unterstützung durch den englischen Mutter-Verein war möglicherweise auch die Finanzierung der hohen Miete des Gebäudes Potsdamer Straße 118b in Frage gestellt, so dass der DLC 1908 in ein anderes Domizil am Karlsbad 12/13 umzog, erstmals im Adressbuch 1909. Die Vereinsvorsitzende Hedwig Heyl begründete das neue Heim auch mit dem insgesamt niedrigeren Mietpreis von 11.000 RM im Jahr. Dort blieb der Verein bis 1914, teilte sich aber das große Gebäude mit mehreren anderen Mietern.

Das Haus Karlsbad 12/13 (ursprünglich Nr. 8) war 1869 von dem Architekten Martin Gropius (1824-1880) für sich und seine Familie gebaut worden (8). Gropius ist uns schon mehrfach im Lützow-Viertel begegnet, zuerst mit der ersten von ihm gebauten Villa Heese in der Dörnbergstraße (mittendran vom 27. September 2021), als das Viertel noch fast unbebaut war. Später hatte Gropius sein Atelier zusammen mit Heino Schmieden (1835-1913) am Lützowplatz (mittendran vom 26. Januar 2025). Wie alle Gebäude von Gropius war auch dieses etwas Besonderes: Es war ein mehrstöckiges Wohngebäude entlang der Straßenfront (Bild 5), in dem die Familie in der Beletage wohnte, aber es hatte anstelle von einem oder zwei Seitenflügeln einen „Mittelflügel“ in der Grundstückstiefe inmitten eines großen Gartens. Gropius vermied auf diese Weise das sogenannte „Berliner Zimmer“, ein Raum ohne eigene Fenster, der üblicherweise hinter dem Wohnzimmer zwischen Hauptgebäude und Seitenflügel lag.

Bild 5: Links die Fassade des Hauses Am Karlsbad 8 (später 12/13) von Martin Gropius (aus: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, Inventar Nr. 13738); rechts der Grundriss des Hauses (2. und 3. Etage) aus: Berlin und seine Bauten, Band 1, 1877, Seite 472).

Solange Gropius mit seiner Familie hier wohnte, waren die Stockwerke zwei und drei vermietet, während in der ersten Etage sowohl die Familienräume wie die Büroräume des Architekturbüros Gropius & Schmieden waren; letztere nahmen die Hälfte des Vorderhauses in Anspruch. In den Jahren 1909 bis 1914, als der DLC hier residierte, gehörte das Haus den „Gropius´schen Erben“, den sieben Töchtern aus der ersten Ehe von Martin Gropius mit Elisabeth, geborene Altgeld (1828-1863) und mit seiner zweiten Frau Julie, geborene de Greif (1837-1889). Der DLC mietete offenbar nur die erste Etage, die weiteren Stockwerke waren wie zuvor geteilt und vermietet (Bild 6).

Bild 6: Adressbucheintrag Am Karlsbad 12/13 für 1914.

Der DLC zog 1914 an den Lützowplatz 8 in ein „eigenes“ Haus, finanziert aus Überschüssen des großen Kongresses „Die Frau in Haus und Beruf“ im Jahr 1912 – dazu mehr im nächsten Teil.

Literatur

  1. Marie Stritt: Der Internationale Frauenkongress in Berlin 1904. Bericht mit ausgewählten Referaten, herausgegeben im Auftrag des Vorstandes des Bundes Dresdner Frauenvereine. Verlag Carl Habel Berlin 1905.
  2. Dresdner Nachrichten Nr. 171 vom 21. Juni 1904, Seite 1.
  3. Marie von Bunsen: Die Welt, in der ich lebte. Erinnerungen aus glücklichen Jahren 1860–1912. Koehler & Amelang 1929. Unveränderte Neuauflage Verlag Koehler, Biberach an der Riß 1959.
  4. Helene Lange: Der Lyceumklub. In: Die Frau, Band 12 (1905), S. 752-755.
  5. Gudrun M. König: Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900. Böhlau Verlag Wien/ Köln/Weimar 2009.
  6. Internationaler Lyceum-Club Berlin (Hrsg.) QUA VADIS, MATER? Künstlerinnen des Berliner Lyceum-Clubs 1905-1933. Berlin 2015.
  7. Luise Marelle, Hedwig Heyl: Die Geschichte des Deutschen Lyceum- Clubs und seine Aufgaben in Gegenwart und Zukunft. Buchdruckerei Hans Winter Berlin 1933.
  8. Arnold Korte: Martin Gropius. Leben und Werk eines Berliner Architekten (1824-1880). Lukas Verlag Berlin 2013.

Paul Enck

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