Spaziergang in die Vergangenheit (43): Die „Backfische“ der Charlottenschule

Einem Treffen im Les Climats mit zwei reizenden Personen verdanke ich ein geradezu spektakuläres Foto von 14 jungen Mädchen (Bild 1), alle im Alter von etwa 16 Jahren. Damals, um 1900, hatte man sie Fräulein genannt, vielleicht auch Backfische, in meiner Generation Teenager, und heute eher Teenies. Das Gruppenfoto zeigt alle 14 herausgeputzt für die Aufnahme im Studio, gleichzeitig selbstbewusst und ernst.

Bild 1: Vierzehn Schülerinnen der Charlottenschule um 1900 (Fotograf unbekannt, aus (1) mit freundlicher Genehmigung)

Die beiden reizenden Personen waren Cheryce von Xylander und Bubar (Bild 2); sie ist eine freiberufliche deutsch-amerikanische Autorin und Wissenschaftlerin, er ein Franzose mit juristischem Hintergrund und Ausbildung, aber den Berlinern vielleicht eher bekannt als Crêpes-Bäcker und Caterer bei Roland Kretschmers Pohlonaise im Sommer in der Pohlstraße 75.

Bild 2: Cheryce von Xylander und Bubar, eigenes Foto, aufgenommen am 4. August 2026.

Wie es zu dem Treffen kam und was daraus wurde, ist eine eigene Geschichte wert: Wir hatten vor einiger Zeit eine Geschichte über die Charlottenschule recherchiert und geschrieben im Rahmen einer Serie „Erziehung und Wissenschaft damals“ (mittendran vom 27. Oktober 2024). Roland Kretschner erinnerte sich daran, als er mir neulich von einer Bekannten erzählte, die über die Schule recherchiere und mit der ich mich unbedingt treffen müsse; er hat dann den Kontakt hergestellt. Und in der Tat: es gibt ein soeben fertiggestelltes Buch (1), mit einem Aufsatz über die Schule, und insbesondere über eine Schülerin dieser Schule, Gertrud Bruck (1875-1948) (Bild 3). Das Buch handelt von deren jüdischer Familie, über ihre Heirat mit dem Fabrikanten Hans Siegfried Cramer (1872-1963) und die Freundschaft mit der Familie des Architekten Hermann Muthesius (1861-1927), der den Cramers in Dahlem ein Haus entworfen hatte, das Haus Cramer in der Pacelliallee 18-20; heute wird das restaurierte Haus von der Stanford Universität genutzt. Die Familie Cramer floh vor den Nationalsozialisten 1933 nach Amerika und lebte und lebt seitdem an der Ostküste der USA. Für dieses Buch, das vor allem auch für Architektur-Interessierte von Bedeutung ist, hat die Familie Cramer ihr Familienarchiv geöffnet, und namhafte Experten haben Beiträge geschrieben, darunter Cheryce von Xylander über die Schülerinnen und den pädagogischen Ansatz von Carl Goldbeck (1830-1900), dem Direktor der Charlottenschule.

Bild 3: Gertrud Cramer-Bruck mit Sohn Fritz 1907 (Fotograf unbekannt, aus (1) mit freundlicher Genehmigung)

Getrud war dort unter den Schülerinnen der ersten Stunde, in einer Zeit, als Frauenrechtlerinnen wie Georgina Archer (1827-1882) (mittendran vom 18. Mai 2024), Ulrike Henschke (1830-1897) (mittendran vom 21. August 2026), Helene Lange (1848-1938), Alice Salomon (1872-1948), Gertrud Bäumer  (1873-1954) und viele andere darum kämpften, dass Mädchen eine höhere Schulbildung bekamen und das Abitur machen durften – die generelle Zulassung zum Studium war damit noch lange nicht erreicht und sollte noch bis 1908 dauern. Aber mit den ersten sechs Abiturientinnen 1896 war in Berlin ein Anfang gemacht; bis 1906 wurden es 111 (2).

Gertrud Bruck, die sich – als Nachmittagsschülerin, in vier Jahren den Stoff von neun Jahren – dort auf das Abitur vorbereitete, das sie dann in Köln machte, hatte dieses Foto mit nach Amerika genommen; sie hatte auch, in ihrem Tagebuch, ihre Mitschülerinnen psychologisch charakterisiert und sie mit ihren Spitznamen genannt, und von den meisten kennen wir ihren Namen, von einigen den Lebensweg und die zumeist erfolgreiche Berufskarriere. Eine spannende, selbst gestellte Aufgabe wird es sein, diese Biografien mit den im Bild Dargestellten in einen Zusammenhang zu bringen. Das könnte leicht ein Projekt über mehrere Jahre werden, vergleichbar dem Projekt des Journalisten und Schriftsteller Momme Brodersen, der vor einigen Jahren das Buch „Klassenbild mit Walter Benjamin“ publiziert hatte (3). Wir, Cheryce von Xylander und ich, werden Kurzbiografien der Schülerinnen von der Charlottenschule auch in diesem Blog vorstellen – „gleiche Stelle, gleiche Welle“, um es mit Friedrich Luft (4) zu sagen.

Literatur

  1. Karen Ruoff Kramer, Cheryce von Xylander, Hrsg.: Stanford in Haus Cramer. A Berlin Microhistory. Stanford University Press, Stanford, California, USA 2026.
  2. Geschichte der Gymnasialkurse für Frauen in Berlin, herausgegeben vom Vorstand der Vereinigung zur Veranstaltung von Gymnasialkursen für Frauen. W. Moeser Druckerei Berlin 1906.
  3. Momme Brodersen: Klassenbild mit Walter Benjamin. Eine Spurensuche. Siedler Verlag München 2012.
  4. Petra Kohse: Gleiche Stelle, gleiche Welle. Friedrich Luft und seine Zeit. Aufbau Verlag Berlin 1998

Paul Enck

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