Nach den Frauenvereinen setzen wir die Serie der starken Frauen im Lützow-Viertel fort mit Einzelpersonen, Frauen, die in den diskutierten Vereinen eine bedeutsame Rolle spielten und die alle im Viertel wohnten. Eine, die sich ganz früh und lange Zeit ohne institutionelle Unterstützung für die Schul- und Berufsausbildung junger Mädchen engagiert hatte, war Ulrike Henschke geborene Benas (1830-1897).
Die Herkunft
Ulrike Benas (Bild 1) wurde am 24. November 1830 in Krotoschin, eine Kreisstadt in der preußischen Provinz Posen, geboren. Sie war die jüngste Tochter des jüdischen Kaufmanns Levin Benas, dessen erste Frau, die Mutter von Ulrike und ihren Geschwistern, früh verstarb. In dem Provinzstädtchen war schulische Ausbildung für Mädchen beschränkt, es gab keine „höhere Mädchenschule“ am Ort. Sie litt unter dieser Zurücksetzung – im Vergleich zu ihren Brüdern – erheblich; dies erklärt vermutlich ihr lebenslanges Engagement für die Schul- und Berufsausbildung von Mädchen und Frauen (1).

Bild 1: Ulrike Henschke (Quelle: (1), Fotograf und Datum unbekannt, gemeinfrei).
Ulrike heiratete im April 1854 den Juristen Wilhelm Henschke (1825-1894) ihre ältere Schwester Henriette (Bild 2), geboren 1825, heiratete 1853 den Rabbiner Abraham Meyer Goldschmidt (1812-1889) Beide Schwestern wurden engagierte Frauenrechtlerinnen, Henriette in Leipzig, Ulrike in Berlin, aber zunächst wurden ihre Lebensläufe vor allem durch die berufliche Tätigkeit ihrer Männer beeinflusst.

Bild 2: Henriette Goldschmidt geborene Benas, die Schwester von Ulrike Henschke (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei).
Ulrikes Ehemann Wilhelm Henschke (1825-1894) wurde in Fraustadt (Provinz Posen, heute: Wschowa, Polen) geboren, er war der Sohn des königlichen Leutnants a. D. August Henschke und dessen Frau Julie Stolzke, beide zuletzt wohnhaft und verstorben in Cottbus. Er machte im Frühjahr (Ostern) 1844 das Abitur in Bromberg (Provinz Posen) und studierte Jura vom Sommersemester 1844 bis zum Sommersemester 1847 an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, wo er auch die juristische Staatsprüfung ablegte. Er traf Ulrike Benas in Schrimm während seiner Referendarzeit, die er, wie im Justizausbildungssystem üblich, an wechselnden Orten und verschiedenen Gerichten in seiner Heimatregion absolvierte.
Die Heirat fand sechs Jahre später (April 1854) in Schrimm (Posen, heute: Srem, Polen) statt, wo er seine Assessor-Zeit verbrachte; Ulrike konvertierte dazu zum Christentum. Und sie folgte ihrem Mann, als der seine juristische Karriere startete: Im Februar 1861 erfolgte seine Versetzung an das Amtsgericht Schroda, eine Kleinstadt von etwa 3.000 Einwohnerndanke im äußersten Süd-Osten Preußens, in unmittelbarer Nähe zur Grenze nach Russland. Zwei Jahre später (1863) ging er als Kreisrichter nach Fraustadt, und nach weiteren fünf Jahren (Mai 1868) wurde er an an das Appellationsgericht Glogau (Niederschlesien) versetzt. Zum 1. Januar 1876 kam er wieder nach Berlin an das Tribunalgericht, das nach Reorganisation 1879 zum Berliner Kammergericht wurde, der Entsprechung eines Oberlandesgerichtes in anderen Landesteilen. Auf diesem langen Karriereweg begleiteten ihn zahlreiche Ehrungen: Ernennungen zum Kreisgerichtsrat 1864, zum Geheimen Ober-Justizrat 1875 und die Ehrendoktorwürde der Berliner Universität 1892. Am Ende seiner Karriere war er Senatspräsident am Berliner Kammergericht (Bild 3).

Bild 3: Wilhelm Henschke in seinen späteren Berufsjahren (Quelle: (1), Fotograf und Datum nicht bekannt, gemeinfrei).
Die Frau und Mutter
Ulrike Henschke war in den zwanzig Jahren zwischen Schrimm und Berlin vor allem Ehefrau und Mutter dreier Töchter, die in Schrimm bzw. Schroda zu Welt kamen (Bild 4):

– Clara Amalie wurde am 4. August 1856 in Schrimm geboren. Sie heiratete 1879 den Landrichter Bruno Dionisius Germershausen (1850-1928) aus Glogau. Die Ehefrau starb am 8. März 1880 in Meseritz, zwei Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Dora Felicitas am 21. Februar 1880; nach Angaben der Tante, Margarethe Hemschke, starb das Kind im Jahr 1885 (1). Der Vater heiratete erneut, allerdings erst acht Jahre später (1893), Emily Rickert aus Berlin; er war zu diesem Zeitpunkt, wie sein Schwiegervater, Senatspräsident am Berliner Kammergericht.
– Auch Julie Margarete Henschke wurde in Schrimm geboren, am 28. August 1859. Sie blieb zeitlebens unverheiratet, absolvierte das Königliche Lehrerinnen-Seminar der Augusta-Schule in Berlin (2) und wurde Lehrerin; sie trat in die Fußstapfen ihrer Mutter, übernahm 1903 die stellvertretende Leitung der Viktoria-Fortbildungsschule und wurde 1915 deren Leiterin. Aufgrund einer gesetzlichen Regelung von 1880 mussten Frauen aus dem Lehrerinnenberuf aussteigen, wenn sie heirateten. Dieses sogenannte Lehrerinnen-Zölibat (3) wurde erst 1919 mit der Weimarer Verfassung aufgehoben. Zum 100. Jahrestag des Geburtstages ihrer Mutter 1930 schrieb sie ein Erinnerungsbüchlein, dem viele der hier berichteten Einzelheiten entnommen sind (1). Margarete starb am 21. April 1942 in Berlin nach einem Unfall mit Schenkelhalsbruch.
– Anna Henschke, die jüngste Tochter, wurde 1864 in Schroda geboren, einer Kleinstadt im äußersten Süd-Osten der preußischen Provinz Posen. Sie erkrankte mit zwei Jahren an Kinderlähmung (Poliomyelitis, Polio) (4), eine Infektionskrankheit, die von Mensch zu Mensch übertragen wird. Bis zur Entwicklung eines Impfstoffes in den 1950er Jahren führte die Erkrankung zu Lähmungen insbesondere der Extremitäten und in vielen Fällen auch zum Tod. In der Familienlegende der Henschkes wird diese Erkrankung mit den schlechten Wohn- und Lebensverhältnissen in Schroda in Verbindung gebracht: „Unendlich schwer waren jedoch die wirtschaftlich-häuslichen Verhältnisse; ungesunde, ungenügende, fast unheizbare Wohnungen; die Nähe der russischen Grenze in allen Lebenseinrichtungen spürbar“ (1, S. 26). Anna überwand aber die Lähmung des Armes mit ärztlicher Unterstützung – in Berlin durch den Sanitätsrat Dr. Moritz Meyer (1821-1893), einem Spezialisten für Elektrotherapie – und der Fürsorge ihrer Mutter so weit, dass sie im späteren Leben allein Reisen unternehmen konnte. Sie besuchte die höhere Töchterschule eines Fräulein Boretius in Berlin (Potsdamer Str. 113 – heute 81, Mercatorhöfe – in der Villa V), verbrachte einige Jahre in England und wurde Schriftstellerin und Übersetzerin englischer Literatur (Bild 5). Sie wohnte ab 1908 in Berlin mit ihrer Schwester Margarete zusammen, blieb unverheiratet und starb am 11. April 1928 in Berlin im Gertraudenkrankenhaus.

Bild 5: Titelblatt einer von Anna Henschke übersetzten Arbeit von John Ruskin 1901.
Nach dem Umzug nach Berlin im Jahr 1876 wohnt die Familie zunächst (1877-1879) in der Kurfürstenstraße 33, dann für die nächsten 15 Jahre (1880-1895) in der Genthiner Straße 18. Nach dem Tod des Ehemannes 1894 wohnt die Witwe Henschke geb. Benas dort, vermutlich mit ihren beiden Töchtern, bis zu ihrem Tod 1897; sie starb aber in Baden-Baden „nach langer Krankheit“. Nach dem Tod der Mutter wohnte Margarethe Henschke ab 1900 bis 1907 in der Derfflinger Straße 16; für ihre Schwester Anna findet sich kein Eintrag im Berliner Adressbuch dieser Jahre. Ab 1908 und bis 1911 wohnte auch Anna Henschke unter dieser Adresse. In den Jahren 1912 bis 1914 wohnten beide in der Wormser Straße 5, dann zogen sie in die Landgrafenstraße 7, wo sie bis zu ihrem Tod lebten.
Die Frauenrechtlerin
Erste Hinweise auf ihr frauenrechtliches Engagement zeigte Ulrike Henschke bereits 1866, als die Familie noch in Fraustadt wohnte. Ulrike war 36 Jahre und ihre Töchter zehn, acht und zwei Jahre alt, also etwa zu der Zeit, als das Bild 4 entstand. Sie hielt im nahen Lissa (heute: Lesno, Polen) einen Vortrag mit dem Thema „Die Bedeutung des Vereinslebens für die Frauen“ im Lissaer Frauenverein. Im Juli des darauffolgenden Jahres hielt sie in Leipzig einen Vortrag über „Freiheit die ich meine„. Im Monat zuvor (Juni 1867) war sie Teilnehmerin am zweiten deutschen Frauentag in Leipzig, gemeinsam mit ihrer Schwester Helene, verheiratet mit Abraham Goldschmidt. Diese beiden Vorträge und die Teilnahme am Frauenkongress markierten ihren Einstieg in die Interessenspolitik der Frauen, wie auch ihre Tochter Margarethe in ihren biografischen Notizen festhielt (1).
In Glogau, wo die Familie ab 1868 wohnte, begann sie ihre schriftstellerische Arbeit mit einer Publikation „Zur Frauen-Unterrichtsfrage in Preußen“. In dieser Schrift fordert sie nicht nur eine Reform der sogenannten „höheren Mädchenschule“, in die Mädchen zwar bis zum 16. Lebensjahr gehen konnten, aber keinen Abschluss erhielten, sondern auch die Reform der Lehrerinnen-Ausbildung, einschließlich der Einrichtung des Beamtenstatus und der Pensionsberechtigung – zu diesem Zeitpunkt radikale Forderungen weit entfernt von der Realität (siehe oben, Lehrerinnen-Zölibat).
Zu dieser Schreibtätigkeit gehören auch einige eher feuilletonistische Publikationen z.B. „Ueber das Pantoffelregiment“ (1871), das angeblich drohe mit der Gleichberechtigung der Frauen, „Der wahre Mensch“ (1872) und „Der Pessimismus und die Frauen“ (1877). Diese waren in Frauenzeitschriften abgedruckt wie „Der Bazar – Illustrirte Damen-Zeitung“ (Bild 6) und „Der Frauen-Anwalt – Organ des Verbandes deutscher Frauenbildungs- und Erwerbsvereine“, die von Jenny Hirsch herausgegeben wurde, der Schriftführerin des Lette-Vereins (5).

Bild 6: Kopfzeile der Zeitschrift „Der Bazar. Illustrirte Damernzeitung“ von 1871.
Aber erst der Umzug der Familie nach Berlin im Jahr 1876 bescherte Ulrike Henschke das soziale und politische Umfeld, in der sie ihr Engagement voll enthalten konnte. Sie war jetzt 46 Jahre und ihre Töchter 20, 17 und 12 Jahre alt, so dass für diese die Ausbildungsfrage auch unmittelbare praktische Bedeutung hatte. Ulrike Henschke engagierte sich in der Berufsausbildung für Mädchen im 1866 gegründeten Lette-Verein (Bild 7). Unverheiratete Frauen hatten zu diesem Zeitpunkt nur sehr wenige Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, z.B. als Lehrerin, Haushälterin oder Gouvernante. Der Lette-Verein setzte sich für die Öffnung weiterer Berufsfelder für Frauen ein und organisierte praktische Kurse zur Berufsvorbereitung (6). Ulrike Henschke wurde die Leiterin der Viktoria-Fortbildungsschule, die fast 20 Jahre am Schöneberger Ufer 2 residierte, bevor diese 1907 in die Kurfürstenstraße 160 zog, dort, wo heute die MELO ist (siehe mittendran vom 23. Juli 2024). 1882 hielt sie die Gedächtnisrede für die verstorbene Georgina Archer, die Gründerin und Leiterin des Viktoria-Lyceums in der Potsdamer Straße 39 (heute: 98) (siehe mittendran vom 18. Mai 2024) (7).

Bild 7: Berliner Gedenktafel für Anna Schepeler-Lette in der Stresemannstraße 32 (Quelle: WIkipedia, hochgeladen von OTFW, Berlin, gemeinfrei).
Ihr letzter publizistischer Beitrag war vielleicht auch ihr wichtigster und nachhaltigster: 1900 erschien posthum, gemeinsam mit ihrer Tochter Margarete, das „Deutsche Lesebuch für die weibliche Jugend“ (8), das viele Auflagen erlebte.
Am Ende ihres Lebens – sie starb mit 67 Jahren im Jahr 1897 – konnte sie sich aus dem politischen Tagesgeschäft weitgehend zurückziehen, eine neue Generation von Frauen hatte sich inzwischen in Frauen-Vereinen und -Verbänden organisiert und die Interessen an Schul- und Berufsausbildung für Mädchen und Frauen weiter vorangetrieben. Die historische Leistung von Einzelkämpferinnen wie Ulrike Henschke wurde erst viele Jahre später wiederentdeckt und gewürdigt (1).
Literatur
- Margarete Henschke: Ulrike Henschke. Ein Lebensbild aus der deutschen Frauenbewegung. Karl Curtius Verlag Berlin 1931.
- Bodo Förster: Die Sophie-Scholl-Oberschule in Berlin-Schöneberg. 175 Jahre Schulgeschichte. (Eigendruck) Berli 2008.
- Lehrerinnen-Zölibat: https://de.wikipedia.org/wiki/Lehrerinnenzölibat
- Polio: https://de.wikipedia.org/wiki/Poliomyelitis
- Zeitungsportal: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/select/title
- Lette-Verein: https://de.wikipedia.org/wiki/Lette-Verein
- Ulrike Henschke: Miß Archer. Gedächtnisrede. Julius Springer Verlag Berlin 1884.
- Ulrike Henschke, Margarete Henschke: Deutsches Lesebuch für die weibliche Jugend – Zum Gebrauch an Fortbildungsschulen und anderen Lehr- und Erziehungsanstalten für das nachschulpflichtige Alter. Berlin, Hofmann Verlag 1900.
