Jüdische Geschichte im Lützow-Viertel (17): Die Familie Popper, Lützowplatz 2 (Teil 9)

Mit dem Teil 9 der Geschichte der Familie von Martin Popper erreicht diese endlich das Lützow-Viertel, wo die Familie von 1913 bis 1936 am Lützowplatz 2 lebte. Zuletzt (mittendran vom 28. März 2026) hatten wir den beruflichen Werdegang und das Leben seines Bruder Georg Popper verfolgt. Hier also die Geschichte von Martin Popper (Bild 1).

Bild 1: Martin Popper im Alter von etwa 50 Jahren (1910) (Quelle: Archiv der Familie Popper-Armaleo mit herzlichem Dank)

In den Jahren 1878 bzw. 1879 hatten die Brüder das Humboldt-Gymnasium in der Gartenstraße verlassen, Martin zuerst mit der sogenannten mittleren Reife (in der Obersekunda) und Georg ein Jahr später in der Untersekunda, d.h. ohne diesen Schulabschluss; beide gaben an, Kaufleute werden zu wollen. Für den akademisch gebildeten und promovierten Vater Julius Popper, Prediger der jüdischen Gemeinde Berlin seit 1862, könnte dies eine herbe Enttäuschung gewesen sein, selbst wenn er diesen Schritt aus Fürsorge für seine Söhne veranlasste: In den Jahren zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg gelang viele jüdische Familien den sozialen Aufstieg und die ersehnte bürgerliche Gleichstellung. Fast die Hälfte der Abiturienten der beiden Jahrgänge waren jüdischer Herkunft und wollten Ärzte, Juristen oder Naturwissenschaftler werden. Martin begann vermutlich unmittelbar im Anschluss an seine Schulzeit eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Bank Robert Warschauer und Co. in Berlin.

Die Warschauer Bank

Die Privatbank Robert Warschauer und Co. war 1849 von Robert Warschauer (1816-1884) gegründet worden. Dessen Vater war Marcus Warschauer (1765-1835), Kaufmann und Bankier aus Breslau, der in die Bankiersfamilie Oppenheim in Königsberg eingeheiratet hatte und das dortige Bankhaus Oppenheim & Warschauer seit 1805 mitleitete. Die Gründung des Bankhauses Robert Warschauer & Co. war als Berliner Zweigstelle des Königsberger Bankhauses geplant, residierte zunächst in der Charlottenstraße 48 und zog 1859 in die Behrenstraße 48. Mit 22 Jahren trat 1882 sein Sohn Robert Warschauer jun. (1860- 1918) in den Bankvorstand ein, nachdem der Vater durch einen Schlaganfall 1878 aus dem Tagesgeschäft ausgestiegen war (1).

Das dreigeschossige Haus in der Behrenstraße 48 gehörte bis 1853 der Witwe des weit über Berlin hinaus bekannten Chirurgen Professor Carl Ferdinand von Graefe (1787-1840), Begründer der plastischen Chirurgie und Vater des ebenso berühmten Augenarztes Professor Albrecht von Graefe (1828-1870); es war 1800 gebaut worden und 1855 umgebaut und aufgestockt worden (Bild 2). Die Bankräume befanden sich im Erdgeschoss und im ersten Stock, die Privaträume der Familie Warschauer lagen im zweiten Stock – mit anderen Worten: es war eine kleine Bank, in die Martin Popper vermutlich 1878 als Lehrling eintrat, aber sie entwickelte sich in der Folgezeit zu einer der großen und bedeutenden Privatbanken des Reiches, neben den Bankhäusern Bleichröder, Stern, Mendelsohn & Co. und Rothschild & Söhne (1). Erst nach 1900 zeichnete sich das Ende der Privatbanken und die Zeit der Großbanken ab.

Bild 2: Das Bankhaus Warschauer in der Behrenstraße 48 (Aufnahme um 1910) (Quelle und Fotograf unbekannt).

Die Bank hatte 1849 mit nur zwei Angestellten begonnen, ein Jahr später waren es vier, beim Umzug in die Behrenstraße schon zwölf, und als Robert Warschauer jun. 1882 die Leitung übernahm, waren es 39 Angestellte und Lehrlinge.  Als er aus gesundheitlichen Gründen aus dem Vorstand ausschied, hatte die Bank 60 Mitarbeiter, darunter sieben Angestellte mit Kollektivprokura (Vertretungsvollmacht) neben den Teilhabern. Martin Popper war, gemessen an der Position seiner Unterschrift unter ein Dankesschreiben der Angestellten an den scheidenden Direktor, in der Bankhierarchie eine gutes Stück nach oben geklettert und einer dieser Sieben (Bild 3). Leider enthalten die überlieferten Akten der Warschauer Bank, die heute im Archiv der Commerzbank in Frankfurt lagern, keine weiteren Informationen über seine Position in der Bank, wenngleich bekannt ist (1), dass die Angestellten der Warschauer Bank überdurchschnittlich gut bezahlt wurden und die Bank es sich zu eigen machte, in einen großzügig ausgestatteten Pensionsfond einzuzahlen.

Bild 3: Unterschriften der Angestellten des Bankhauses Robert Warschauer jun. im Jahr 1898. Martin Poppers Unterschrift ist markiert (aus (1), Seite 87).

Die Bank wurde im Jahr 1905 von der Darmstädter Bank für Handel und Industrie (BHI) übernommen. Damit verschwand der Name der Bank; 1909 verschwand dann auch das BHI-Bankhaus in der Behrenstraße 48, um einem Neubau zu weichen – hier entstand der Kerkau-Palast, ein Theater. Bis dahin hatte sich die Darmstädter BHI mit vielen Zweigstellen über ganz Berlin ausgebreitet. Wir nehmen an, dass Martin Popper zwischen 1905 und 1909 aus dem Bankgeschäft ausgestiegen ist und sich ins Privatleben zurückgezogen hatte; er war 1910 nur 50 Jahre alt.

Die Stimmen des Herzens

Ein Gruppenfoto „aus den 1880er Jahren“ zeigt 19 der insgesamt 37 bis 60 Lehrlingen und Angestellte des Bankhauses, je nachdem, ob das Foto 1880 oder 1889 aufgenommen wurde (Bild 4). Alle sind festlich angezogen im Frack (Gehrock), das Foto muss also bei einer ganz bedeutenden Feier aufgenommen worden sein, möglicherweise bei der Übernahme des Bankvorsitzes durch Robert Warschauer jun. 1882.

Auf Nachfrage im Archiv der Bank gibt es leider keine Namenszuordnungen zu diesem Foto, das einen jungen Martin Popper zeigen könnte. Um zu klären, ob Martin Popper auf diesem Foto abgebildet, hatten wir für einen Vergleich nur ein Foto zur Verfügung, das ihn im Alter von etwa 50 Jahren zeigt (siehe Bild 1). Daraus ergab sich für uns jedoch keine Eindeutigkeit: es kamen mehrere Personen in Betracht, neben der Möglichkeit, dass er gar nicht auf diesem Foto abgebildet ist. Auch ein Gesichtsvergleich mit Hilfe einer KI ergab für mehrere der Kandidaten eine – allerdings eher geringe – Übereinstimmung.

Als wir jedoch den Nachkommen der Familie, Daniele Armaleo und seine Frau in North Carolina (mittendran vom 3. Mai 2025) das Foto vorlegten, war deren Votum eindeutig und zweifelsfrei: Martin sei auf dem Foto, und es sei der im Bild 4 markierte Jüngling im Alter von etwa 25 Jahren. Daniele wörtlich: „Ich habe nicht erst durch 19 Gesichter suchen müssen, sondern ich habe ihn gleich erkannt. Dann erst habe ich mir jedes Gesicht genauer angeschaut ….„. Das überraschte uns, ist aber auf den zweiten Blick plausibel: Neben dem direkten Vergleich der beiden Bilder hatte die Familie eine Reihe anderer Informationen und Bilder im Kopf bzw. im Herzen (und in der Schublade), die den Vergleich stützten: Andere Fotos von Martin Popper mit anderer Kopfhaltung, aus anderer Perspektive, Fotos anderer Familienmitglieder, seines Bruders Claudio und der Tochter Martins, Lore Armaleo, der Mutter von Daniele und Claudio, in verschiedenen Lebensabschnitten, und all das, was die „Stimme des Herzens“ noch so an Quellen benutzt, ohne dafür einen Namen oder eine Begründung zu haben. Die Leser:innen mögen sich jedoch selbst ein Bild machen und ihren Favoriten unter den Kandidaten wählen.

Bild 4: Angestellte und Lehrlinge des Bankhauses Robert Warschauer jun., vermutlich im Jahr 1882; Martin Popper ist nach Meinung der Familie die markierte Person (aus: (1), Seite 62-63).

Der Privatier (Rentier) Martin Popper

Nach dem Verkauf des Hauses in der Krausnickstraße 16 im Jahr 1900, das der Vater Julius Popper 25 Jahre zuvor gekauft hatte, wohnten die beiden Brüder MArtin und Georg zunächst von 1900 bis 1905 in der Anhalter Straße 16 – sie zogen also, wie so viele jüdische Einwohner Berlins, die es sich leisten konnten, weg aus dem Norden der Stadt, dem traditionellen Judenviertel rund um die Synagoge in der Oranienburger Straße und dem angrenzenden Scheunenviertel. Als sein Bruder 1905 heiratete und umzog in die Flensburger Straße 18 im Hansaviertel, blieb Martin bis 1906 in der Anhalter Straße wohnen, dann zog es ihn ins Tiergartenviertel in die Hitzigstraße 8, die zu dieser Zeit eine Reihe kleinerer Villen und Häuser mit wenigen Bewohnern hatte. Das allein deutet auf ein besseres Einkommen und vor allem auf höhere Ambitionen hin. Er blieb hier bis 1910 und zog weiter in ein Mietswohnhaus in der Landgrafenstraße 14. Er war nun finanziell ausreichend gesichert, um eine Familie gründen zu können. Im Adressbuch Berlins ist nach wie vor als Beruf Kaufmann eingetragen, aber in der Heiratsurkunde ist er ausgewiesen als Rentier, d.h. als jemand, der von seinem Einkommen (Rente, Vermögen) leben konnte (Bild 5).

Bild 5: Heiratsurkunde (Ausschnitt) von Martin Popper und Paula Salomon aus dem Jahr 1912 (Quelle: Ancestry)

Dabei hätte seine Braut, Paula Susanne Salomon (1874-1942), vermutlich sein Einkommen gar nicht nötig gehabt: Sie kam aus einer vermögenden jüdischen Kaufmannsfamilie aus Hannover. Nach der Familienlegende (2) kannten sich die beiden bereits viele Jahre, aber er war schüchtern und arm, also verlobte sie sich zunächst im Januar und heiratete im Mai 1897 Dr. Gustav Heymann (1862-1905) (Bild 6), ein in der Arbeiterbildung engagierter Berliner praktischer Arzt, dessen berufliche und bildungspolitische Aktivitäten vor allem im sozialdemokratischen „Vorwärts“ berichtet wurden. Das Ehepaar bekam im Dezember 1897 einen Sohn, Gerhard. Acht Jahre später, 1905, starb ihr Mann im Alter von nur 43 Jahren an progressiver Paralyse; damit bezeichnete man vermutlich eine Neurosyphilis, eine Psychose mit neurologischen, motorischen wie psychischen Anfällen infolge einer Geschlechtskrankheit (Lues). Er lebte zu diesem Zeitpunkt in einer Pflegeanstalt, seine Frau wohnte in dieser Zeit temporär im Hospiz am Brandenburger Tor, einem christlichen Hotel (Kommandantenstraße 5A), lebte aber wohl wieder in Hannover. Sie heiratete angeblich ein Jahr später erneut, einen Witwer mit Tochter, Dr. Herz, mehr ist in der Familie nicht überliefert, aber die Ehe wurde bereits nach einem Jahr geschieden. Objektivieren lässt sich diese Ehe bislang nicht, ganz im Gegenteil: In der Heiratskurkunde von Martin und Paula (siehe Bild 5) wird sie als Witwe des Arztes Dr. Gustav Heymann bezeichnet.

Bild 6: Verlobungsanzeige von Paula Salomon mit Dr. Gustav Heymann (Berliner Börsen-Zeitung vom 1. Januar 1897) und Sterbeanzeige für Dr. Heymann (Berliner Tageblatt und Handelszeitung vom 2. März 1905).

Endlich am Lützowplatz

Martin Popper wurde schließlich 1912 ihr dritter Ehemann, zunächst wohl sehr zum Unbill ihrer Familie, aber das änderte sich schnell: Als ihr Vater Jacob Salomon 1929 starb, war der gelernte Bankkaufmann Martin Popper sein Lieblingsschwiegersohn und wurde auch sein Testamentsvollstrecker. Mit 53 Jahren wurde er erstmals Vater, als seine Tochter Lore am 8. April 1913 zur Welt kam, noch in der Landgrafenstraße. Am 1. August 1914 zog die Familie dann an den Lützowplatz 2 (Bild 7).

Bild 7: Geburtsanzeige für Lore Popper (Berliner Tageblatt und Handelszeitung vom 9. April 1913) und Eintrag im Berliner Adressbuch von 1915 für den Lützowplatz 2.

Literatur

  1. Laura Herr: Arbeit ist des Bürgers Zierde. Das Privatbankhaus Robert Warschauer & Co. Herausgegeben von der Eugen-Gutmann-Gesellschaft e.V. Dresden 2014.
  2. Lore Armaleo: Lebenserinnerungen 1913-1933 (unveröffentlichtes Manuskript, Rom 1983) (im Archiv der Familie Popper-Armaleo).

Paul Enck

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