Radio und Fernsehen in meiner Kindheit

Gastbeitrag von Ralf Hausding

Der Autor, Ralf Hausding, ist in Tiergarten nah am Potsdamer Platz aufgewachsen und erinnert sich gern an seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Nach dem Abriss seines Wohnhauses hat es ihn nach Spandau verschlagen. Heute bietet er Stadtrundgänge in Tiergarten und weiteren Berliner Bezirken an. 

Radio und Fernsehen in meiner Kindheit

Der Anfang war schwierig, für uns. Meine Eltern waren zwar berufstätig, aber für große Sprünge hat es nicht gereicht. 1950 bezogen sie eine kleine Wohnung in der Potsdamer Straße 29 Ecke, Eichhornstraße. 1953 kam ich dazu. An Fernsehen war damals noch nicht zu denken, aber das Radio gab es ja schon seit dem 29. Oktober 1923. Aus dem Vox-Haus, Potsdamer Straße 10 (früher Nr. 5), wurde die erste kommerzielle Radiosendung ausgestrahlt. Das war nur etwa 200 Meter von unserem Wohnhaus entfernt. Ein Radio war damals eine größere Anschaffung, Meine Eltern kauften sich ein Modell der Marke Emud. Ich glaube, das kennt heute kaum noch jemand.

Vox-Haus, Potsdamer Straße 5 (später Nr. 10) (Foto DRA)

Viele Jahre habe ich beim Spielen in der Wohnung Radio gehört. Es gehörte einfach dazu und das tut es auch heute noch. Damals hörten wir oft RIAS. Der amerikanische Sender aus Schöneberg hatte zwei Kanäle, RIAS 1 und RIAS 2. Daneben hörten wir natürlich auch den SFB. Für mich war damals am Sonntag „Onkel Tobias vom RIAS“ wichtig. Eine Kindersendung, die wohl viele in meinem Alter  hörten. Ab und zu gab es ein Kasperle-Theater. Auch das ging im Radio. Abends, wenn wir gemeinsam am Abendbrottisch saßen, lief auch das Radio. Dann kamen natürlich Sendungen für Erwachsene. Ab und zu gab es einen Krimi und – Sie können mir glauben – das reichte mitunter für eine Gänsehaut. Im RIAS lief „Es geschah in Berlin“, kurze Krimis aus Berlin nach wahren Begebenheiten. Auch die Serie „Simon Templar“ lief im Radio, extrem spannend.

Hans Rosenthal war damals oft im RIAS zu hören und immer eine Garantie für gute Unterhaltung. Ob als Moderator des Ratespiels „Wer fragt gewinnt“ oder der „Rias-Kaffeetafel“, einer Veranstaltung, oft im Prälat-Schöneberg mit Publikum und vielen Prominenten durchgeführt.

Der Fernseher hat natürlich gefehlt. Meine Freunde erzählten mir oft, was sie gesehen hatten und ich konnte nicht mitreden. Aber es bot sich dann doch ein Ausweg an. Ein Ehepaar, das über uns wohnte, besaß so ein tolles Teil. Wir hatten ein recht gutes nachbarschaftliches Verhältnis und so wurde mir erlaubt, ab und zu nach oben zu kommen und am Nachmittag Kindersendungen zu schauen. Das hat über längere Zeit funktioniert. Spätestens, wenn der Ehemann am Abend von der Arbeit kam, er war Kellner, musste ich gehen und unten wartete ja auch schon das Abendbrot auf mich.

1961 war es dann soweit. Wir, das heißt meine Mutter und ich, hatten meinen Vater überzeugt, dass es nun auch für uns Zeit wurde einen Fernseher anzuschaffen. Wir durchforsteten die Anzeigen in den Tageszeitungen (BZ und Nachtdepesche) und fanden ein Angebot aus Tegel! War ja die nächste Ecke. Wir fanden ein gebrauchtes Gerät der Firma Saba. Es hat uns mit seinem, für heutige Verhältnisse kleinen schwarz-weiß-Bildschirm einige Jahre gute Dienste geleistet.

Mein Vater war ein Fußballfan und hat mich oft zu Spielen mitgenommen. So kam ich noch auf den alten Hertha-Platz in Gesundbrunnen und auch ins Olympiastadion. Aber meine Leidenschaft war Fußball nie, man möge mir verzeihen. Auch damals gab es schon hochrangige Spiele, die man eben nur im Fernsehen verfolgen konnte.

Neben dem Vox-Haus hatte sich ein kleines Café etabliert. Das Café Maurer. Das war ein Flachbau mit einer dunklen Holzverkleidung. Hier gab es Kuchen, Schlagsahne, auch zum mitnehmen und auch Bier und anderes. Gegenüber dem  Tresen stand eine Musikbox, wie sie damals in vielen Restaurants üblich war. Es war vielleicht keine echte Wurlitzer, aber die Lichtspiele an der Musikbox waren für mich faszinierend. Im Hinterzimmer dieses Cafés stand ein Fernseher und bei wichtigen Spielen wurde er natürlich angeschaltet. Damals war die Grenze noch offen und zahlreiche Ost-Berliner nutzten die Möglichkeit, West-Fußball zu sehen. So war der Raum gut gefüllt und stark verraucht. Man saß mit einem Bier oder einem Kaffee und schaute gespannt zu. So auch mein Vater, mit einem Glas Bier, was für ihn völlig ungewöhnlich war, harrte 90 Minuten aus. Ich nervte in dieser Zeit, mir war langweilig und ich lief ständig rein und raus.

Die Auswahl an Fernseh-Programmen war damals sehr beschränkt. Zunächst gab es das 1. Programm, die ARD und den Deutschen Fernsehfunk aus der DDR. Mein Vater murrte meist, wenn ich den „Osten“ sehen wollte. Ein paar Jahre später kamen das ZDF, das 3. Programm und das 2. Programm der DDR dazu. Aber das war es dann auch schon. Von so vielen Fernseh-Programmen wie heute hat keiner zu träumen gewagt.

Öffentliche Großbildstelle (Fernsehstelle) der Deutschen Reichspost im Berliner Bechsteinsaal, Linkstraße 42, vor der Eröffnung im Mai 1941.  © Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Inventarnummer: 3.2017.3242.

Nicht vergessen sollten wir, dass die Wiege des Deutschen Fernsehens hier in Berlin stand. Am 8. März 1929 wurde vom Funkturm die erste Versuchs-Sendung ausgestrahlt. Ab 1935 wurden dann regelmäßig Sendungen auf UKW ausgestrahlt. Bei den Olympischen Spielen 1936 hatte das Fernsehen natürlich auch seinen großen Auftritt. In sogenannten Fernsehstuben konnten die Spiele gesehen werden. Ein richtiges Fernsehstudio, von dem aus regelmäßig gesendet wurde, befand sich am heutigen Theodor-Heuss-Platz (früher Reichskanzlerplatz), schräg gegenüber dem Fernsehzentrum des RBB. Auch in unserem „Sendegebiet“ Tiergarten-Süd gab es so eine Fernsehstube. Der Bechsteinsaal in der Linkstraße 42, in der Nähe des Weinhaus-Huth, wurde dafür umgebaut und am 10. Januar 1942 eröffnet. Der schöne Saal war durch Einbauten dafür hergerichtet worden. Leider hat das Haus den Krieg nicht überstanden. Später habe ich unter anderem auf diesem Grundstück mit meinem Freund gespielt, ohne zu ahnen, was hier einstmals war.

 

Redaktion

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