Starke Frauen im Lützow-Viertel (Teil 3): Der Deutsche Lyceum-Club (Teil 2)

Der Deutsche Lyceum-Club (DLC) war zu Beginn seiner Aktivitäten als deutscher Arm des Internationalen Lyceum-Clubs (ILC) gegründet worden, hatte aber das englische Erbe aus finanziellen, wie auch aus organisatorischen Gründen schnell abgelegt und sich 1907 als eigenständiger Club neu etabliert; damit verbunden war auch die Anmietung eines etwas bescheideneren Club-Domizils Am Karlsbad 12/13 (mittendran vom 25. April 2026). Im Jahr 1909 hatte der DLC über 500 Mitglieder, 1911 waren es bereits knapp 900, die in der Regel einen jährlichen Beitrag von 5 Reichsmark zahlten (1). Davon konnte sich der Verein, bei allem Glanz seiner prominenten Berliner Mitglieder, kaum „große Sprünge“ leisten, selbst wenn Vereinsmitglieder zusätzlich spendeten und die Nutzung der Vereinsräume (Bewirtung, Übernachtung, Verkauf von Kunstgewerbe) zusätzliche Mittel abwarfen. Das Barvermögen des DLC betrug mit dem Jahresabschluss 1911 insgesamt 35.420 Reichsmark (1), einer Kaufkraft heute von etwa 250.000 € entsprechend.

Bild 1: Der Vorstand des Frauenkongresses (aus: Wikipedia, gemeinfrei).

Der erste deutsche Frauenkongress von 1912

Am ersten deutschen Frauenkongress von 1912 (2), den der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) organisierte, nahmen mehr als 3.000 Frauen aus Deutschland und aller Welt teil (Bild 1). Die Tagung fand vom 27. Februar bis 2. März 1912 in den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten statt (Bild 2). Themen waren unter anderem die Rechte von Frauen in Familie und Beruf, ihre gesellschaftliche Stellung, die Verbesserung der Lebensbedingungen, das soziale Engagement und weiteres, ausführlich referiert und diskutiert auch in der ausländischen Presse (3). Eine der ersten Rednerinnen des Kongresses war Elly Heuss-Knapp (1881-1952), die Ehefrau des späteren ersten deutschen Bundespräsidenten (2).

Bild 2: Links die Ausstellungshallen an Zoolo0gischen Garten; im Hintergrund die Kaiser-Wilhelm-Gedächtsniskirche (Bildpostkarte, um 1912, gemeinfrei).

In Überschneidung mit dem Kongress fand vom 24. Februar bis 24. März 1912 in Charlottenburg die Ausstellung „Die Frau in Haus und Beruf“ statt (Bild 3) (4), die der DLC gemeinsam mit dem BDF organisierte und deren finanzieller Erlös sich die beiden Organisationen teilten. In vier Abteilungen (Die Frau … im Haus, im Beruf, im Vereinsleben und in persönlichen und öffentlichen Interessen) mit jeweils bis zu 20 Unterabteilungen diskutierten die Frauen ihre Chancen und Hindernisse in Workshops und Arbeitsgruppen; der Ausstellungskatalog mit den Namen aller Referentinnen und Workshop-Teilnehmerinnen erweist sich so als „Who is who“ der deutschen Frauenbewegung zu diesem Zeitpunkt.

Bild 3: Ausstellungplakat „Die Frau in Haus und Beruf“ 1912 (Wikipedia, gemeinfrei)

Der eigentliche Erfolg der Ausstellung war jedoch vor allem geprägt durch das breite Angebot und Interesse an Ausstellern und ausgestelltem Gewerbe, Kunstgewerbe und Technik für die Bereiche Haushalt, Familie und Beruf. Es wurden mehr 200.000 Einzel-Eintrittskarten und 6.150 Dauerkarten für die Ausstellung verkauft. Da Dauerkarten mehrfach genutzt wurden, schätzte der DLC die Gesamtzahl der Besucher auf rund eine halbe Million. Am Ende blieben dem DLC aus diesem Kongress 80.000 RM als Überschuss (1), so dass nunmehr über 115.000 RM für den Kauf einer „eigenen Immobilie“ zur Verfügung standen.

Das dritte Domizil: Lützowplatz 8

Das dritte Domizil des Lyceum-Clubs war gleichzeitig das architektonisch bedeutsamste und interessanteste. Der Verein kaufte am 1. April 1914 eine Stadtvilla im Neo-Renaissance-Stil (Bild 4) am Lützowplatz 8 (später 15, das Eckhaus zur früheren Einem-Straße), die um 1872 für den „Wirklichen Geheimen Legationsrat Jordan“ (vermutlich Wilhelm Jordan (1827-1903, Direktor im Auswärtigen Amt) gebaut worden war. Die Finanzierung erfolgte teilweise über die Zeichnung von Anteilsscheinen der Mitglieder des DLC – bis November 1914 waren dies fast 60.000 RM.

Bild 4: Fassade des Hauses Lützowplatz 8 vor dem Umbau (oben, aus (6)) und nach dem Umbau 1914 (aus (7)).

Der DLC ließ das Haus von Emilie Winkelmann (1875-1951) (Bild 5) umbauen, der ersten freischaffenden Architektin Deutschlands und Mitglied im DLC (5). Der Umbau erfolgte der Zeit gemäß: die Fassade wurde „entstuckt“ im Stil der neuen Sachlichkeit und das Haus um ein Stockwerk erhöht (Bild 4). Er dauerte von April bis August, die Einweihung war am 3. Dezember 1914.

Bild 5: Emilie Winkelmann um 1900 (aus: Stadtarchiv Aken, Fotograf unbekannt, gemeinfrei)

Was auf der Straßenseite eher wie ein bescheidenes Mietshaus aussah, erwies sich in den Bauplänen (6) als opulentes Domizil (Bild 6) mit einer Grundfläche von fast 700 qm, davon bebaut 500 qm, auf vier Etagen also etwa 2.000 qm Nutzfläche.

Bild 6: Grundriss des Hauses Lützowplatz 8; rot markiert sind die von Emilie Winkelmann geplanten Umbauten (aus (6)).

Das Haus hatte im Erdgeschoss die Vereinsräume (Büros) und einen Vortragssaal für 200 Personen nebst einem Teezimmer und einen Speisesaal. Im ersten Stock waren drei Salons zum persönlichen Austausch, ein Billardzimmer, ein Näh- und ein Schreibzimmer sowie eine Terrasse mit Ausblick auf den Vortragssaal. Im zweiten und dritten Stock gab es neben einem Sitzungszimmer 13 Logierzimmer zur Straßenseite für Gäste des DLC, die temporär angemietet werden konnten sowie eine Portierswohnung und Zimmer für die angestellten Mädchen zum Hof. Die Innenausstattung der Räume übernahmen Künstlerinnen und Designerinnen des DLC im Biedermeier-Stil (7) (Bild 7).

Bild 7: Das Musikzimmer (aus: Else von Boetticher: Das neue Heim des Deutschen Lyzeumklubs. Die Welt der Frau, Jahrgang 1915, Seite 14-16).

Der Verein Krankenhaus weiblicher Ärzte im DLC

Das Engagement der Mitglieder des DLC in den Kriegsjahren 1914 bis 1918, insbesondere der Einsatz in der Versorgung der verwundeten Soldaten und die Ernährung der Kinder und Mütter in den Hungerjahren nach dem Krieg hat das initial eher elitäre Image des DLC nachhaltig verändert. Dazu zählt auch die Integration des „Verein Krankenhaus weiblicher Ärzte e.V.“ unter das Dach des DLC im Jahr 1914 (8).

Bemühungen um die spezielle medizinische Versorgung von Frauen – bei Schwangerschaft und Geburt, aber auch unabhängig davon bei Witwenschaft und Armut, und durch weibliche Ärzte – gab es international in vielen Ländern, zuerst in den USA, in Großbritannien, in Russland und in der Schweiz; Preußen bzw. nach 1871 das Deutsche Reich bildete hier eher das Schlusslicht der Entwicklung: Die ersten deutschen Ärztinnen, Emilie Lehmus (1841-1932)  und Franziska Tiburtius (1843-1927),  absolvierten das Medizinstudium in Zürich und ließen sich 1876 in Berlin nieder (im Adressbuch erstmals 1877: Friedrichstraße 203, Arzt (!) für Frauen- und Kinderkrankheiten); erst 1908 war Frauen hier das generelle Recht zum Medizinstudium zugesprochen worden, erst 1914 die Zulassung zur Ausübung des ärztlichen Berufes (Approbation), auch wenn es vorher bereits Einzelfälle gab (8). Anfang der 1890er Jahre wurde Agnes Bluhm (1862-1943) die dritte Ärztin, die sich in Berlin niederließ. 1894 war Pauline Plötz (1866-1942) die vierte und Anna Kuhnow (1959-1923) die fünfte niedergelassene Ärztin.

Bild 8: Erinnerungstafel für Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius in der Schönhauser Str 23/24, dem Ort der ersten Poliklinik für Frauen (aus: Wikipedia, gemeinfrei)

Neben ihrer Praxis engagierten sie sich in Polikliniken, die die ambulante Versorgung der ärmeren weiblichen Patienten gewährleistete, zunächst ab 1877 in der Poliklinik weiblicher Ärzte für Kinder und Frauen in der Alten Schönhauser Straße 23/24 (Bild 8), nach 1901 in der Gleditschstraße 48 in Schöneberg und ab 1913 in der Adalbertstraße 4 am Kottbusser Tor. Diese fünf Ärztinnen, und 110 andere im gesamten Deutschen Reich, gründeten im Jahr 1913 den Verein Krankenhaus weiblicher Ärzte e.V., der sich 1914 dem Deutschen Lyceum-Club anschloss. Dies und das patriotische Engagement des DLC während des Krieges führte zur besseren finanziellen Ausstattung der Poliklinik und zum Anstieg der zur Verfügung stehenden Bettenzahl in Berlin auf 50 in den Jahren bis 1933, d.h. etwa 15.000 Bettentage, was bei einer durchschnittlichen Belegzeit von – angenommen – 10 Tagen etwa 1500 stationär behandelten Patientinnen im Jahr entsprach, die zu den nicht gezählten ambulanten Patientinnen hinzuzurechnen sind.

Zum Schluss noch ein kurzer Blick auf die Mitgliederliste: Von den 115 weiblichen Mitgliedern, nicht alles Ärztinnen, waren 87 aus Berlin, und davon wohnten zwölf im Lützow-Viertel (8) – einige von ihnen werden wir in kommenden Artikeln wiedertreffen.

Der Ende des deutschen Lyceum-Club

Wie zu Beginn seiner Aktivitäten 1905 bildete in den Jahren bis 1933 die Gruppe der Bildenden Künstlerinnen, als Arbeitskreis im DLC organisiert, einen zentralen Bestandteil der Außendarstellung des Vereins (7,9). Die Bedeutung der „Krankenhauskommission“ im DLC sank dagegen schon in den Jahren vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten deutlich (8). Diese „Entpolitisierung“ der Arbeit des DLC mag es dem Verein erlaubt haben, die politische Zäsur 1933 zu überleben, während alle anderen, eher politisch definierten Frauenvereine sich entweder selbst auflösten oder im Zuge der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ aufgelöst wurden. In welchem Umfang der DLC dafür seine jüdischen Mitglieder entließ, ist bislang nicht aufgearbeitet.

Die langjährige erste Vorsitzende des Vereins, Hedwig Heyl (1850-1934) versuchte noch, kurz vor ihrem Tod, mit einer Denkschrift „Die Geschichte des Deutschen Lyceum-Clubs und seine Aufgaben in Gegenwart und Zukunft“ (10) von 1933 den DLC den neuen Machthabern als des Bewahrens würdig und zeitgemäß anzudienen, bereits im Duktus der „neuen Zeit“, aber es dauerte nur wenige Jahre, bis der DLC ebenfalls gleichgeschaltet und dem Reichsfrauenbund ein- und untergeordnet wurde; sein Name verschwand aus den Adressbüchern.

Bild 9: Mietvertrag zwischen dem DLC und der NSDAP von 1935 (aus (11).

Im Jahr 1937 war der DLC letztmalig im Adressbuch Berlins verzeichnet, bereits in diesem Jahr residierte im Haus am Lützowplatz 15 neben dem DLC die Reichsarbeitsgerichtsschule der NSDAP. Im Jahr 1935 hatte die NSDAP per Mietvertrag das zweite und dritte Obergeschoss sowie den Vortragssaal im Erdgeschoss übernommen (Bild 9), zu einem Mietpreis von 10.200 Mark. Offenbar geplant war die Unterbringung der NS-Frauenschaft in diesen Räumen (11). Die zog jedoch 1938 in die Derfflinger Straße 19 in die Privatklinik von Prof. Ernst Unger, nachdem man diesem jüdischen Arzt die Aufgabe seiner Klinik abgezwungen hatte (mittendran vom 20. März 2023). Ab 1938 waren an der Adresse Lützowplatz 15 verschiedene wirtschaftliche Fachverbände untergebracht (Bild 10). Im Krieg wurde das Haus vollständig zerstört.

Bild 10: Adressbuch von Berlin 1939: Lützowplatz 15 (früher 8).

Literatur

  1. Mitteilungen, Deutscher Lyceum-Club, 9. Jahrgang, Nr. 5 (1. Mai 1912) Seite 338f.
  2. Deutscher Frauenkongreß, Berlin 27. Februar – 2. März 1912. Sämtliche Vorträge, herausgegeben vom Bund Deutscher Frauenvereine. Verlag von B. Teubner in Leipzig und Berlin 1912. Der Vortrag von Elly Heuss-Knapp (Die Reform der Hauswirtschaft) auf den Seiten 6 – 24.
  3. E. R., Ausstellung und Frauenkongress in Berlin, in: Frauenbestrebungen, Organ der deutsch-schweizerischen Frauenbewegung Jahrgang 1912, Nr. 4 (1. April 1912), S. 25ff.
  4. Ausstellung: Die Frau in Haus und Beruf. Unter dem Allerhöchsten Protektorat ihrer Majestät der Kaiserin und Königin. Berlin 1912, 24. Februar bis 24. März, Ausstellungshallen am Zoologischen Garten. Druck und Verlag Rudolf Mosse in Berlin 1912.
  5. Sophie Schleimer: Suche [emilie winkelmann berlin 1914]. Masterarbeit an der RWTH Aachen, Institut für Architektur, Aachen 2022/3.
  6. Bauakte im Landesarchiv Berlin: B. Rep. 202 Nr. 3082, Bände 1 und 2.
  7. Jarno Jessen (Anna Michaelson): Der Deutsche Lyzeumklub und seine bildenden Künstlerinnen. Westermanns Monatshefte. Illustr. Zeitschrift fürs deutsche Haus. 60 Jahrgang, Heft 8 (April 1916), Seite 165-178.
  8. Kristin Hoesch: Ärztinnen für Frauen. Kliniken in Berlin 1877 – 1914. Verlag J.B.Metzler Stuttgart 1995; darin Satzung und Mitgliederliste des Vereins, 1. Jahresbericht 1914.
  9. Internationaler Lyceum-Club Berlin (Hrsg.) QUA VADIS, MATER? Künstlerinnen des Berliner Lyceum-Clubs 1905-1933. Berlin 2015.
  10. Luise Marelle, Hedwig Heyl: Die Geschichte des Deutschen Lyceum-Clubs und seine Aufgaben in Gegenwart und Zukunft. Druckerei Hans Winter, Berlin 1933.
  11. Akte im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde: NS_1 2504

Paul Enck

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