Die Kluckstraße soll umbenannt werden

Die Bezirksverordnetenversammlung Mitte hat am 26. Juni 2025 beschlossen, dass die Kluckstraße in Tiergarten-Süd umbenannt werden soll: „Das Bezirksamt wird ersucht, die Umbenennung der 1935 nach Alexander von Kluck (1846 –
1934) – im 1. Weltkrieg Oberbefehlshaber der Armee des Deutschen Kaiserreichs und nach Kriegsende weiter Verfechter von Militarismus und Fürsprecher der Diktatur – benannte Kluckstraße einzuleiten, und die Straße, wie von vor Ort vorgeschlagen, nach der Frauenrechtlerin und Pazifistin Anita Augspurg (1857-1943) zu benennen. (Quelle: Beschlüsse vom 11.11.2025 – 191./VI. Sitzung – Berlin.de )

Die Umbenennung war ursprünglich für den 23. Mai 2026 vorgesehen. Wegen der im September anstehenden Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin musste der Termin jedoch verschoben werden.

Kluckstraße in Tiergarten-Süd

Kluckstraße in Tiergarten-Süd

Anwohner der Kluckstraße sind mit der Umbenennung nicht einverstanden: nicht nur, dass ein einsilbiger Straßenname etwas einfacher zu händeln ist als ein langer Straßenname mit zwei Bindestrichen. Die Redaktion mittendran bekam Stellungnahmen von Nachbarn zugesandt, mit der ausdrücklichen Zustimmung, diese Texte zu veröffentlichen.
Wir freuen uns, wenn auch Sie uns Ihre Meinung zur Straßenumbenennung mitteilen und veröffentlichen sie auch gern, wenn Sie uns das OK dazu geben. 

Prof. Joachim Krausse hat an mittendran geschrieben: Es geht mir nun darum, der ganzen Umbenennungsfrage eine positive Wendung zu geben, dadurch, dass man einen geeigneten Namen findet. Es gibt die einmalige Chance, unserem Kiez eine historische Tiefenschärfe zu geben und die alte Magdeburger Straße nach einem Autor von Weltgeltung zu benennen, der nicht nur hier aufgewachsen ist, sondern dem Kiez auch ein bedeutendes literarisches Denkmal mit seinem Buch „Berliner Kindheit um 1900“ gesetzt hat. Ich werbe also dafür, die Straße in Benjaminstraße umzubenennen. Und ich hoffe, bei Ihnen Unterstützung dafür zu finden.

An das Bezirksamt Mitte hat Joachim Krausse einen Widerspruch zur  Umbenennung geschrieben:

Bezirksamt Mitte von Berlin
Abteilung Ordnung, Umwelt, Natur, Straßen und Grünflächen
Straßen- und Grünflächenamt
Karl-Marx-Allee 31
10178 Berlin

Widerspruch Umbenennung Kluckstraße                                                                                                                                        Berlin, 3.3.2026
Bau 1 115 UB 729/25-Ti
statistische Schlüsselnummer 11442

Guten Tag,
heute erfuhr ich durch einen anonymen Aushang an der Eingangstür, dass die Kluckstraße umbenannt werden soll. Dagegen möchte ich Widerspruch einlegen. Mein Widerspruch richtet sich ausschließlich gegen die Art und Weise der Umbenennung, nämlich ohne eine ausreichende Information der Bewohner und Bewohnerinnen und ohne deren Einbeziehung. Denn die Umbenennung einer Straße bedeutet für die Anwohner Aufwand und Kosten, ihre Adresse in Ausweisen und Dokumenten umzustellen. Also kann dies nur einvernehmlich geschehen.

Zum Inhalt der Umbenennung: ich spreche mich nicht gegen die Umbenennung generell aus, insbesondere, wenn es sich – wie im Falle Kluck – um einen Militaristen handelt, und diese Benennung unserer Straße nach ihm 1935 als Umbenennung der ehemaligen Magdeburger Straße zustande kam. Der jetzige Änderungsvorschlag, nämlich nach der Frauenrechtlerin Anna Augspurg, scheint mir keinen besonderen Bezug zu dem konkreten Ort zu haben. Dabei gibt es hier Bezüge zu sehr bekannten Persönlichkeiten, die es verdient hätten, an sie hier zu erinnern. Im besonderen ist zu fragen, wieso offenbar niemand an die Familie Benjamin gedacht hat, die am Magdeburger Platz wohnte. Die Gegend um die Kluckstraße ist von Walter Benjamin in seinem Buch Berliner Kindheit um 1900 detailliert beschrieben worden, denn er ist hier aufgewachsen. Seine beiden Großmütter wohnten in der heute durch die Bebauung von Familienministerium und Jugendherberge verschwundenen kleinen Stichstraße Blumes Hof. Es gäbe also gute Gründe, bei einer Umbenennung an diese damals hier heimische jüdische Familie zu erinnern. Mir ist bekannt, dass es
bereits einen Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg gibt. Aber dabei handelt es sich weder um einen richtigen Platz, noch um einen konkreten Ortsbezug. Bei einer Benjaminstraße wäre das anders.
Mit freundlichen Grüßen
Joachim Krausse

Ein anderer Nachbar, Dr. Bodo-Michael Baumunk, der ebenfalls in der Kluckstraße wohnt, hat sich intensiv mit beiden Namensgebern, Alexander von Kluck und Anita Augspurg, beschäftigt.  Hier seine Ergebnisse:

 

Dolchstoß und Eugenik

Eine fragwürdige Straßenumbenennung in Berlin-Mitte                    6. März 2026

 Bodo-Michael Baumunk

 

Situation

Das Bezirksamt Mitte von Berlin hat auf der Basis eines Votums der Bezirksverordnetenversammlung vom 26. Juni 2025 entschieden, die Kluckstraße in Tiergarten in Anita-Augspurg-Straße umzubenennen, um damit die erste deutsche Juristin, eine Pazifistin und streitbare Kämpferin für Frauenrechte zu ehren.

Dazu soll dem bisherigen Namensgeber, dem Generaloberst Alexander von Kluck (1846-1934) gemäß den Ausführungsvorschriften zu § 5 des Berliner Straßengesetzes nachgewiesen werden, dass er zu den „aktiven Gegnern der Demokratie und zugleich geistig-politischen Wegbereitern und Verfechtern der nationalsozialistischen Ideologie und Gewaltherrschaft“ zählte, der Straßenname „nach heutigem Demokratieverständnis negativ belastet“ ist „und die Beibehaltung nachhaltig dem Ansehen Berlins schaden würde.“

Die vorgelegten Begründungen des Bezirksamts sind ahistorisch, unzureichend und irreführend. Die Eile, mit der die Umbenennung durchgezogen werden soll, und die ausgebliebene Anhörung oder gar Beteiligung der betroffenen Bürgerinnen und Bürger erregen Argwohn.

Alexander von Kluck

Die Umbenennung geht zurück auf eine Initiative der „Landesarbeitsgemeinschaft Schwule Juristen“ in Gestalt eines von den Anwälten Dirk Siegfried und Sarah Ponti unterzeichneten Schreibens an die damalige Bezirksstadträtin Stefanie Remlinger vom 25.11.2021. Es enthält eine Collage aus insgesamt nur drei Passagen der 1929 in einmaliger Auflage erschienenen und nicht sehr umfangreichen Memoiren Klucks (Wanderjahre – Kriege – Gestalten).

Auf der Basis dieser einzigen Quelle und den daraus abgeleiteten Urteilen beruhen Empfehlung der BVV und Entscheidung des Bezirkssamtes. Dass das ein bisschen wenig ist, fiel natürlich auf: In den Begründungen wurde noch eine weitere Publikation Klucks (Der Marsch auf Paris und die Marneschlacht 1914, Berlin 1920) nachgeschoben, aber sichtlich gar nicht rezipiert. Was kein Wunder ist, denn es handelt sich um eine rein militärhistorische Studie, die als Quelle Ansehen genießt, weil sie gleich nach dem Erscheinen und bis in die jüngste Zeit im anglophonen Sprachraum wieder aufgelegt wurde). Gleichwohl ist in den Verlautbarungen des Bezirksamtes mal von einem „Gesamtwerk“, mal von „Schriften“ Klucks die Rede.

In den Memoiren beschreibt Kluck seinen militärischen Werdegang, ausgedehnte Bildungsreisen nach Italien, seine Rolle in der Marne-Schlacht 1914 sowie als Annex mehrere Aufenthalte in der Schweiz in den 1920er Jahren. Die interessanten Schilderungen vom fühlbaren Widerwillen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft gegen das Militär in der Industrie- und Garnisonsstadt Magdeburg oder der polnischen Bevölkerungsmehrheit in der preußischen Provinz Posen gegen die Fremdherrschaft tragen die Handschrift der Zeit und seines Standes, aber nicht die des Klassen- oder Völkerhasses.

Eher am Rande finden sich Bemerkungen, mit denen das Bezirksamt „deutlich revisionistische, nationalistische, militaristische und antidemokratische Überzeugungen“ zu beweisen hofft. Die Reihung der Attribute entspricht einem Stereotyp im Geschichtsbild der DDR, wie es in der Zeit ihres Bestehens auch propagandistisch in Richtung Bundesrepublik eingesetzt wurde. Es handelt sich um Trigger-Worte, angewandt, um Urteile der kritischen Nachfrage zu entziehen. So erklärt sich die Fehlschreibung „Führsprecher“ („einer Diktatur in Deutschland“) in Verlautbarungen des Bezirksamts – der „Führer“ war von Anfang an im Kopf, wozu sich mit Nuancen aufhalten?

 

Bezirksamt

„Er lehnte die im Versailler Vertrag festgeschriebene Kriegsschuld des Deutschen Reichs entschieden ab und bezeichnete sie als ‚Kriegsschuldlüge‘ […]. Wiederholt forderte er eine Revision der Friedensverträge und strebte nach einer Wiederherstellung des deutschen Ansehens.“

 

Dies alles entsprach den Zielen auch aller demokratischen Parteien zuzüglich der KPD, der Reichsregierungen und der gesamten liberalen Presse, welche die Schuld-Abweisung lediglich zurückhaltender formulierten, um die Ausgleichspolitik mit den Westmächten nicht zu belasten. Dasselbe gilt für die wie auch immer vorgestellte Revision der Grenzziehung im Osten. Und das „Ansehen“? An dessen Aufhellung arbeitete die ganze Republik in seltener Eintracht und auf allen Ebenen, vom Zeppelinflug über Stresemanns Außenpolitik bis zur Architekturmoderne.

 

Bezirksamt

„Kluck war ein überzeugter Anhänger der sogenannten Dolchstoßlegende, die die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg fälschlicherweise auf eine angebliche Unterwanderung und den Verrat im Inneren zurückführte.“

 

Weder das Wort „Dolchstoß“ noch eine vergleichbare Bezeichnung findet sich in Klucks Buch. Der Memoirenschreiber hält nach dem Scheitern der Frühjahrsoffensive 1918 noch einen „erträglichen Abschluß“ und „tragbaren Frieden“ durch hinhaltenden Widerstand für möglich, was der tatsächlichen militärischen Lage nicht entsprach, aber selbst von Walther Rathenau vertreten wurde. Von der „verhängnisvollen Revolution“ spricht Kluck einmal und nur in Trauer über die dahingegangene „prächtige, stolze Kriegsflotte“. Eine kausale Linie zur Kriegsniederlage von 1918 und zur republikanischen Staatsverfassung (etwa im Sinne der Vokabel ‚Novemberverbrecher‘) zieht er nicht.

 

Bezirksamt

„Diese Haltung prägte sein Verhältnis zur Weimarer Republik, die er offen kritisierte und diffamierte.“

 

An keiner einzigen Stelle des Buches „kritisierte und diffamierte“ Kluck die Weimarer Republik – er schreibt überhaupt nichts über sie. Kein Wort. Er wünschte sich die (seinerzeit durch den Versailler Vertrag verbotene) allgemeine Wehrpflicht zurück, was heute auch der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages tut. Klucks Vertrauen in den Militärdienst als Schule der Nation teilen manche bis heute, spezifisch auf den Nationalsozialismus verweist das nicht, auch nicht, dass er den aus seiner Sicht erzieherischen Wert der Wehrpflicht einem „Übermaß politischer Rechte“ entgegensetzt.

Die zeittypische, uns fremd gewordene Terminologie wie „Selbstzucht und Opferwilligkeit“ sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein entsprechender Geist auch in demokratischen Ländern mit ungebrochener Militärtradition virulent ist. Der scheinbar zusammenhanglose Annex der Memoiren, worin Kluck seine Aufenthalte in der Schweiz beschreibt und sich lobend mit der schweizerischen Militärorganisation auseinandersetzt, lässt sich auch so lesen: Effektive Landesverteidigung und Demokratie sind vereinbar.

Es ist durchaus nicht abwegig, der Straßenumbenennung hier einen sehr gegenwartsbezogenen Subtext zu unterstellen, da der Gegensatz Kluck („Militarist“) versus Augspurg („Pazifistin“) mehrfach betont wird, und die Kluckstraße direkt auf das Bundesministerium der Verteidigung zuführt. Das Wort „Militarist“ verwendet Kluck übrigens einmal selbstironisch, indem er Goethe zubilligt, keiner zu sein trotz dessen gedichtweiser Empfehlung an die Jugend, lieber Hammer als Amboss zu sein.

Und der besonders inkriminierte „Mann von Eisen“? Das vollständige Zitat in den Memoiren lautet:

Kluck, S. 195

„Auch Clemenceau und Lloyd George gaben uns durch ihre harte Handhabung der Staatsgewalt bedeutungsvolle Lehren, nicht minder Gambettas Faust 1870/71. Im Kampf ums Dasein das Steuer des Staatsschiffes führen und herumwerfen kann nur ein Mann von Eisen. Will man ihn in drangvollen Lagen als Diktator bezeichnen, so ist der Begriff erlösend, trotz händeringenden Zornes widerstrebender Elemente, unter denen geheime die schlimmsten sind.“

 

In einem kurzen Beitrag (Der siegreiche Kampf unseres Heeres) zu dem Sammelband Das Deutsche Volk und der Friede. Dreißig Stimmen über die Ziele der Deutschen Vaterlands-Partei (1918) hat sich Kluck auch während des Krieges entsprechend geäußert, geschrieben unter dem Eindruck der „Friedensresolution“ des Reichstags vom 19. Juli 1917, in der sich die beginnende Parlamentarisierung des Reiches ankündigte, sich die erhoffte Wirkung der Resolution auf die Entente aber als kaum weniger illusionär erwies als Klucks Einschätzung der Kriegslage und noch erreichbarer Kriegsziele. Dies eine Frage, in der auch die hinter der Resolution stehenden Parteien (Zentrum, SPD und Freisinnige) schwankten. Unter diesen Prämissen übernimmt Kluck mit dem „Caveant consules nequid res publica detrimenti capiat“ die Rechtsformel einer auf den Notstand beschränkten Ermächtigung der Exekutive durch den Senat in der römischen Republik.

Hier wie in den Memoiren schreibt Kluck unmissverständlich über den Staat im Krieg, nicht über eine wünschenswerte Staatsform als solche. In den Memoiren von 1929 beruft er sich – siehe oben – auf robuste Kompetenzen von Kriegspremiers der gegnerischen Demokratien. Wen Kluck mit den ‚geheimen Elementen‘ gemeint hat, ist nicht eindeutig; der Linkssozialismus in Gestalt der USPD agierte 1917/18 nicht geheim. Der Vermutung, hier könnte ein in seinen Kreisen verbreiteter antisemitischer Grundton (wie bei der berüchtigten „Judenzählung“ des preußischen Kriegsministeriums 1916) durchschimmern, steht eine auffällige Anekdote aus dem Jahr 1866 in seinen Memoiren entgegen. Er erwähnt darin einen vorbildlichen Offizier „jüdischer Herkunft“. Der „beklagte sich oft, im Leben Gegenstand unprovozierter Kränkungen gewesen zu sein. Umso rücksichtsvoller wurde er von seinen Kameraden behandelt.“ (Kluck, S. 13).

Hat sich Kluck – um Präzedenzfälle der Straßenumbenennung zu zitieren – wie Erich Ludendorff an putschistischen Umtrieben gegen die Republik beteiligt? Nein. Hat er sich propagandistisch vor den Karren der Nationalsozialisten spannen lassen wie August von Mackensen? Ist er im Rahmen etwa der Deutschnationalen Volkspartei oder gar der NSDAP aktiv in Wort und Schrift gegen die Republik aufgetreten? Nach allem, was wir wissen, nicht. Reden wir hier – um weitere, zu recht aberkannte Namenspatronate anzuführen – von einem bekennenden Antisemiten wie Heinrich von Treitschke oder einem Kolonial-Monster wie Carl Peters? Auch dies trifft nicht zu.

Dass sich ein preußischer General 1918 in einen lupenreinen Demokraten verwandelt, hat sicher auch die Weimarer Republik nicht erwartet, nur stille Loyalität. Diesbezüglich ist von Kluck nichts Nachteiliges bekannt geworden. Ginge es hier nicht um eine Straßenumbenennung, sondern um ein Gerichtsverfahren wegen Verfassungsfeindlichkeit hätte nichts Bestand, was das Bezirksamt gegen ihn vorbringt.

  

Anita Augspurg

Die ‚differenzierende Betrachtung‘, die das Bezirksamt dem General von Kluck verwehrt, lässt es der designierten neuen Namenspatronin Anita Augspurg (1857-1943) umso ausführlicher zuteil werden. Geht es doch um den Vorwurf, sie habe zeitweilig mit eugenischem Gedankengut operiert und zwar in dem Aufsatz Reformgedanken zur sexuellen Moral (1911). In der Vorlage der Bezirksverordnetenversammlung heißt es noch nonchalant: „Vorwürfe eugenischer Positionen von Anita Augspurg sind historisch nicht belastbar.“ Da musste offenbar nachgebessert werden.

Bereits zwei Biographinnen Augspurgs haben sich bemüht, ihre diesbezüglichen Einlassungen in die lediglich ironische oder rhetorische Volte einer antipatriarchalischen Beweisführung umzudeuten. Augspurg beruft sich aber ausdrücklich auf Evolutionstheorie und Tierreich, um der Frau ein selektiv wertvolleres Partnerwahlverhalten zu attestieren als dem auf schiere Quantität gepolten und daher minderwertigen des Mannes. Es geht also sehr wohl um ein Kernziel der Eugenik, die „natürliche Zuchtwahl“ von überkommenen sozialen oder normativen Barrieren zu befreien, in diesem Falle des Patriarchats. Augspurgs Gedankengang ist durch und durch eugenisch und biologistisch, auch was die von ihr priorisierte Mutterrolle der Frau angeht.

Eugenisches Denken war in der Tat weit verbreitet, von links bis rechts und dies bis heute, was das geistige Umfeld der neuen Rechten in den USA zeigt. Die ethische Grenze aber blieb bis zur Zeit des Nationalsozialismus eindeutig: Nämlich die Tötung von „Degenerierten“ als Instrument der „Zuchtwahl“. Dies hat Augspurg nicht, ihre Lebens- und Arbeitsgefährtin Lida Gustava Heymann aber zum Entsetzen der Öffentlichkeit durchaus in Erwägung gezogen. Bei anderen Personalien würde die Denkfigur „Kontaktschuld“ bereits ausreichen, um eine Würdigung in Frage zu stellen.

Dies alles ist nachzulesen in der Biographie Augspurgs von Susanne Kinnebrock, Anita Augspurg (1857-1943). Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik (2005). Merkwürdigerweise fehlt dieser Titel im Literaturverzeichnis des vom Bezirksamt Mitte verbreiteten Erläuterungstextes. Ebenso fehlt ein Hinweis aus der BVV-Vorlage, worin es heißt: Augspurg „bewegte sich intellektuell in der Nähe der Philosophie Friedrich Nietzsches.“ Wahrscheinlich befürchtete man einen weiteren Schatten auf Augspurgs Biographie, obwohl sich doch im Nietzsche-Kult um 1900 die unterschiedlichsten Lager zusammenfanden, Fortschrittlerinnen und Reaktionäre, Untertan und Übermensch, Feingeist und Feldgrau. Das Literaturverzeichnis enthält gleichwohl Titel, Erscheinungsort und -jahr der Erstausgabe „Nietzsche, Friedrich, Also sprach Zarathustra. Chemnitz 1883“, was unweigerlich die Frage weckt, ob hier wirklich mit einer bibliophilen Kostbarkeit gearbeitet wurde oder doch eher mit einer Abbildung aus Wikipedia. Jedenfalls fehlt eine Antwort, warum das Ergebnis dann dem Lesepublikums vorenthalten wurde.

 

Fazit

 

  • Zwei völlig inkommensurable Persönlichkeiten werden gegeneinander aufgerechnet, und dabei wird mit zweierlei Maß gemessen.
  • Es gibt keinen Grund, Anita Augspurg die Ehre einer Namensgebung im öffentlichen Raum abzusprechen.
  • Es gibt keinen Grund, die Kluckstraße umzubenennen.
  • Das Bezirksamt ist aufgefordert, nach einer alternativen Lösung zu suchen.

 

Die verwendeten Zitate entstammen folgenden Quellen:

 

(Beschluss der BVV)

file:///C:/Users/dahei/Downloads/1069_2025_ds_2192_umbenennung_kluckstrasse_anita_augspurg_strasse-2.pdf

(Abruf 22.02.2026)

 

Bezirksamt Mitte, Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte

https://www.berlin.de/kunst-und-kultur-mitte/geschichte/erinnerungskultur/strassenbenennungen/artikel.1613457.php

(Abruf 22.02.2026)

 

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zur Umbenennung der Kluckstrasse.

Fotos: FP

 

 

 

 

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