Auf der Suche nach dem Ketotaph, dem „leeren Grab“ in Walter Benjamins Kindheitserinnerungen an Luise von Landau, dem „geliebten Namen“ (1), dachte ich zunächst an den kleinen Park, der heute Calandrelli-Anlage heißt (mittendran vom 26. Februar 2021), obgleich diese Namensgebung nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar ist.
Aber ein Blick auf historische Stadtpläne (Bild 1) belehrte eines Besseren. Lag das Blumenbeet, das Benjamin sich als leeres Grab vorstellte, dem Haus der Familie Landau am Lützowufer 5 direkt gegenüber auf der nördlichen Kanalseite, so liegt der Calandrelli-Park etwas weiter westlich neben der von-der-Heydt-Villa, heute Sitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hinter der Lützowbrücke (heute: Hiroshima-Steg). Da Walter Benjamin später dort auch direkt vorbeigekommen war, wie er schrieb, ist eine Verwechslung auch „erinnerungstechnisch“ ausgeschlossen, dazu war diese Parkanlage zu auffällig und zu groß. Von dem „Gärtchen, das, am anderen Ufer, in das Wasser hängt“ ist nichts geblieben; wo damals Wohnhäuser sich entlang des Landwehrkanals reihten, residieren heute Repräsentionsbauten von Gesellschaften und staatlichen Institutionen, und das Kanalufer wirkt eher verwildert denn gepflegt.

Bild 1: Zwei Stadtplan-Auszügen von 1867 (oben) und 1910. Markiert ist das Haus Lützowufer 5, in dem Walter Benjamins Kinderliebe Luise von Landau wohnte. Der kleine Park wird 1867 noch von der Einmündung des Entwässerungsgrabens in den Landwehrkanal besetzt.
Das war zu Walter Benjamins Lebzeiten anders: Als der Landwehrkanal noch ein unbefestigter Stadtgraben war und Schafsgraben hieß, zweigte an der Stelle, an der die Uferstraße (Königin-Augusta-Straße, heute Reichpietschufer) in die Von der Heyd-Straße übergeht, ein weiterer Entwässerungsgraben nach Nordwesten ab (Bild 1). Im Zuge der Eingemeindung in das Stadtgebiet und der Bebauung wurde dieser Entwässerungsgraben zugeschüttet und an seiner Stelle um 1874 die Kaiserin-Augusta-Straße (heute: Köbisstraße) angelegt. Das spitze Dreieck zwischen Landwehrkanal, von-der-Heyd-Straße und Gartenmauer der Villa blieb unbebaut und wüst, allenfalls ein Spielplatz für Kinder. Theodor Fontane flanierte hier (mittendran vom 18. Januar 2021) zur chinesischen Botschaft in der Villa; von einer Parkanlage oder gar einem Brunnen mit der Statue einer Nymphe war da noch keine Rede.
Eine solche Statue soll der Berliner Bildhauer Alexander Calandrelli (1834-1903) bereits 1885 entworfen haben (2). Calandrelli war der Sohn eines italienischen Edelstein-Schleifers und Lehrers an der Berliner Gewerbeschule. Mit 16 Jahren begann er eine Bildhauerlehre, die er aus finanziellen Gründen unterbrechen musste; ab 1852 war er Schüler des Bildhauers Friedrich Drake (1805-1883) und 1864 richtete er sich eine eigene Werkstatt ein. Seinen bildhauerischen Durchbruch erreichte er mit der Gestaltung einer der vier Reliefseiten des Reiterstandbildes von König Friedrich Wilhelm III. in Köln. Danach erhielt er vielfach Aufträge aus dem Königshaus zur Gestaltung von Denkmälern und Reliefs. 1874 wurde er zum Professor ernannt, 1884 wurde er Mitglied in der Akademie der Künste und 1887 dort in den Senat gewählt. Damit gehörte Calandrelli zur hochrangigen Gruppe der „offiziellen“ Künstler der Reichshauptstadt (2).
Die erste Meldung über den Platz, den die „Calandrelli-Gruppe“ einnehmen soll, fand sich im Tätigkeitsbericht der Berliner Kunstdeputation von 1897 mit den für dieses Jahr vorgesehenen neuen Kunstwerken in der Stadt und ihren Kosten. Die „Nymphe, vor der v.d. Heyd-Villa“ sollte nebst Brunnenanlage 10.700 Mark kosten, die Aufstellung war für Ende August 1897 vorgesehen (3), die Statue befände sich „zur Zeit in Laas zur Ausarbeitung in Marmor“; im Laaser Tal in Südtirol wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein sehr fester, widerstandsfähiger und wetterbeständiger Marmor abgebaut. Das spricht gegen die Existenz einer Marmorskulptur Jahre zuvor, 1885, möglicherweise existierte eine Gipsskulptur aus diesem Jahre.
Ob die Aufstellung dann wirklich noch im Jahr 1897 erfolgte, ist unklar. Die nächste Pressemeldung stammt vom Februar 1898 und kommentiert die Aufstellung zweier neuer Brunnen, einen davon im Westen der Stadt “ in der kleinen parkartigen Anlage, die am Kanalufer vor der Abzweigung der von der Heydt-Straße liegt … Die Nymphe von Calandrelli ist mit bemerkenswerthem … Ungeschick aufgestellt“ . Der Autor fährt fort: „Ich weiß nicht, ob die Figur von Calandrelli für dieses Gebüsch erfunden ist. Man müßte, wäre sie von vornherein bestimmt gewesen, im Freien zu stehen, dem Künstler den Vorwurf machen, daß er im Maßstab und in der Durchführung zu klein gewesen ist. Wie dem auch sei, die ängstlich umschauende Nymphe hätte sich ganz gut hier unterbringen lassen; hätte sie, dem Motiv entsprechend, sich etwas im Grünen versteckt, so wäre auch der Mangel im Maßstab nicht ins Auge gefallen. Statt dessen hat man sie mitten auf den Rasen gestellt, also den Zusammenhang mit dem Landschaftlichen verschmäht. Nun steht sie gegen die Luft, was nur Werke von kräftiger Silhouette vertragen. Das Postament ist als Klippe gebildet, auf dem kleines Seegethier angebracht ist. Und diese Klippe ragt aus einem viel zu kleinen Bassin, das kaum so viel Wasser enthalten kann wie eine Badewanne“ (4).

Bild 2: Foto der „Nymphe, bei Baden überrascht“ von A. Calandrelli am Originalplatz in der sogenannten Calandrelli-Anlage (aus (5), gemeinfrei).
Aus 1898 stammt auch die einzige Fotographie des Nymphen-Brunnens, aus der illustrierten Kunstzeitung „Über Land und Meere“ (5) (Bild 2). Aber Nahaufnahmen können die Kritik an der Aufstellung der Statue, auf freiem Platz statt im Gebüsch, nicht bestätigen. Einen künstlerischen Blick auf die Parkanlage bietet stattdessen ein Gemälde von Hans Purrmann (1880-1966), einem impressionistischen Maler aus Speyer, der laut Adressbuch von 1928 bis 1933 am Lützowufer 13 wohnte, in dem Haus, in dem im Erdgeschoss zwischen 1921 und 1934 auch die Galerie Flechtheim untergebracht war (mittendran vom 24. April 2025). Purmann und seine Frau Mathilde, ebenfalls Malerin, wohnten in einem der oberen Stockwerke dieses Hauses (Bild 3).

Bild 3: Wohnhaus Lützowufer 13 mit der Galerie Flechtheim im Erdgeschoss. In einem der oberen Stockwerke wohnte der Maler Hans Purrmann und seine Frau Mathilde (Quelle: Sammlung Ralf Schmiedecke mit freundlicher Genehmigung)
Hans Purrmann hat vom Balkon seiner Wohnung aus mehrfach die dem Haus gegenüberliegende Seite des Landwehrkanals gemalt und dabei auch die Calandrelli-Anlage dargestellt (Bild 4), jedoch in impressionistischer Manier, so dass zwar die Nymphe sichtbar ist, aber nur in vagen Umrissen. Was dabei zur Geltung kommt, unterstützt jedoch die Kritik aus der Entstehungszeit auch dreißig Jahre später: Gemessen an der Größe des Parkes wirkt die „Nymphe, beim Baden überrascht“ eher unscheinbar und klein: sie war 160 cm hoch ohne Sockel.
(Bild 4: Wir hätten den Leser:innen gern eines der Bilder gezeigt, die Purrmann von seinem Balkon aus gemalt hat, aber die Lizenz dafür kostet bei der Verwertugnsgesellschaft Bild-Kunst 16,00€ im Monat, was wir uns beim besten Willen nicht leisten können. Sie können ein Bild jedoch hier (https://www.budarts.com/upload/art_mid/0accbfd723bb42679fdfaf759625f9c3.jpg) anschauen).
Im Jahr 2022 wurde eine solche Skulptur, ohne Sockel, aber ein Unikat aus Marmor und gezeichnet A. Calandrelli, in Wien versteigert (6). Also gab es entweder eine zweite Marmorfassung, oder jemand hat sie „in Sicherheit“ gebracht. Seit dem Bombenhagel im Tiergartenviertel im November 1943 galten der Brunnen und die Nymphe nämlich als zerstört und verloren. Jedoch hatte die Kunstgießerei von Hermann Gladenbeck (1827-1918) in Berlin-Friedrichshagen bronzene Abgüsse nach dem Original hergestellt und vertrieben; die Firma ging 1926 in Konkurs. Eine der Kopien wurde 1979 im Stadtpark von Bad Wildungen entdeckt und diente als Vorlage für die Berliner Kunstgießerei Kraas in Kreuzberg, die an Ort und Stelle eine Abformung vornahm und 1981 einen Abguss herstellten (7). Diesen Abguss, jedoch ohne den ehemaligen Sockel, wollte man jedoch nicht wieder in der Anlage aufstellen, sondern im geschützten und nicht allgemein zugänglichen Garten der von-der-Heydt-Villa, um sie vor Vandalismus zu schützen. Und da steht sie heute und verbirgt, warum und woher die Calandrelli-Anlage ihren Namen hat (Bild 5).

Bild 5: Schild an der Calandrelle-Anlage (Foto (c) eki).
Literatur
- Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Frankfurt, Suhrkamp Verlag 1987.
- Peter Bloch, Waldemar Grzimdk: Das klassische Berlin. Die Berliner Bildhauerschule im neunzehnten Jahrhundert. Propyläen Verlag Berlin 1978.
- Unterhaltungsblatt des Vorwärts vom 30. Juli 1897, Seite 3.
- Berliner Tageblatt und Handelszeitung vom 26. Februar 1898, Seite 2.
- Über Land und Meere, 14. Jahrgang, Nr. 27 (Oktober 1898) (Titelbild).
- Tiberius Versteigerung, Los 603, Wien 16. November 2022 (online)
- Tagesspiegel vom 9. August 2000 (online)
