Post und Besuch aus Shanghai, und wieder geht es um Walter Benjamin

Von Walter Benjamin (1892-1941) geht auch mehr als 80 Jahre nach seinem Tod eine ungebrochene Faszination aus, wie es scheint. Neulich meldete sich (mittendran vom 22. Februar 2026 und 7. Mai 2026) ein Wissenschaftler und Benjamin-Übersetzer ins Japanische, jetzt eine junge Germanistin aus Shanghai mit der Absicht, die „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ (1) in die chinesische Sprache (genauer:  in Mandarin Chinesisch) zu übersetzen.

Jieran (Jan) Cao ist Assistenzprofessorin an der East China Normal University in Shanghai, hat Germanistik in den USA (Northwestern University, Kirkland, Washington State) studiert, und sich mit einer chinesischen Übersetzung und Interpretation eines Gedichtes (Psalm) von Paul Celan (1920-1970), einem deutschsprachigen, rumänisch-französischen Lyriker, akademische Meriten erworben; für eine Veröffentlichung dieser Arbeit – in englischer Sprache (2) – erhielt sie einen Preis der Max-Kade-Stiftung; Max Kade (1882-1967) war ein deutsch-amerikanischer Unternehmer, Mäzen und Philanthrop. Das wiederum brachte ihr die ihre gegenwärtige Position an der Universität in Shanghai ein.

Jan Cao ist auf Europareise, besucht einige Lebensstationen von Walter Benjamin (Berlin, Bern, Paris, Port Bou) und machte in Berlin Station, um das Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste (Luisenstraße 60, 10117 Berlin) zu besuchen. Mir schrieb sie „I’ve been following your articles on mitteNdran for a while, and I love them!“ Dass mittendran inzwischen offenbar eine Anlaufadresse für Walter-Benjamin-Kenner ist, hat sicherlich damit zu tun, dass wir ab und an in seiner Berliner Kindheit recherchieren (siehe mittendran am 7. Dezember 2024), und auch die Begegnung mit Jan Cao hat uns mit einem Rätsel zurückgelassen, das zu lösen einige Recherche erfordern wird. In der Geschichte Zwei Rätselbilder tauchen drei Personen auf, die in der Erinnerung Walter Benjamins um 1930 eine Rolle spielten, dem Leser aber verschlossen weitgehend bleiben:  Helene Pufahl, Luise von Landau, und Herr Knoche. Die Geschichte schließt mit einem Bedauern über „das leere Grab und das gewogene Herz – zwei Rätselbilder, deren Bedeutung mir das Leben weiter schuldig bleiben wird“ – machen wir uns also auf die Suche, zunächst nach den Personen, dann nach den Rätseln.

Literatur

  1. Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Frankfurt, Suhrkamp Verlag 1987.
  2. Jan Cao: From „Purpurwort“ to Forgiveness: A Tawadian Translation of Celan´s „Psalm“. The German Quarterly Vol 94 (2021), Heft 3.

Paul Enck

Ein Kommentar

  1. Lieber Paul,
    auch ich habe zu Helene Pufahl recherchiert und möchte Dir zunächst nur die wichtigsten Ergebnisse mitteilen. Ihr vollständiger Name sowie ihre Lebensdaten lauten: Helene Ottilie Luise Pufahl (21. März 1863 in Berlin – 3. Januar 1946 in Potsdam).
    Ihr Vater war Rudolf Eduard David Pufahl (1820 in Stettin – 7. August 1893 in Berlin), ihre Mutter Luise Helene Adelheid Pufahl, geb. Fischer (1827 in Colberg – 24. Mai 1904 in Berlin). Helene war die zweite Tochter von insgesamt sechs Geschwistern. Die Namen und Lebensdaten der Geschwister lauten wie folgt:
    Der älteste Sohn: Georg Theodor Ferdinand (9. Juni 1852 in Pommern – 9. August 1852 in Pommern)
    Die älteste Tochter: Katharine Wilhelmine Emilie (19. November 1853 in Barnimskunow, Kreis Pyritz – 16. Februar 1929 in Berlin)
    Der zweite Sohn: Otto Rudolf August (26. April 1855 in Regenwalde – 18. November 1924 in Berlin)
    Die zweite Tochter, also Helene selbst: Helene Ottilie Luise (21. März 1863 in Berlin – 3. Januar 1946 in Potsdam)
    Der dritte Sohn: Paul Heinrich Rudolf (9. April 1865 in Berlin – 4. Juni 1907 in Eberswalde)
    Die dritte Tochter: Elisabeth Johanna Luise (10. September 1868 in Berlin – 5. Februar 1890 in Berlin)
    Wie sich den Berliner Adressbüchern leicht entnehmen lässt, lebten Helene und ihre Mutter Luise nach dem Tod des Vaters Rudolf mit Otto zusammen. Da Otto später Professor an der Technischen Hochschule Berlin wurde, ist sein beruflicher Werdegang gut dokumentiert.
    Helene war von Beruf Privatlehrerin. Von 1907 bis 1921 leitete sie die Moritz-und-Johanna-Simon-Stiftung. Dazu gibt es auch einen Artikel im Internet. Anschließend lebte Helene bis zu ihrem Tod im „Haus in der Sonne“, einer Frauengemeinschaftseinrichtung in Potsdam. Ihr Todesdatum lässt sich anhand des im Stadtarchiv Potsdam aufbewahrten Sterberegisters bestätigen.
    Die älteste Schwester Katharine war übrigens Oberlehrerin an der städtischen höheren Mädchenschule Dorotheenschule in Berlin. Bekannt ist sie durch eine historische Untersuchung über die Zeit der Besetzung Berlins durch die napoleonischen Truppen.
    Ich beabsichtige, diese Ergebnisse zu gegebener Zeit zusammen mit den entsprechenden Quellen in einem deutschsprachigen Aufsatz darzustellen. Für den Augenblick wollte ich Dich nur kurz darüber informieren.
    Herzliche Grüße
    Jun Tanaka

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