Als die Bissingzeile noch keinen Namen hatte, sondern nur „Durchgang zur Lützowstraße“ hieß und eben erst (1897) bebaut worden war (mittendran vom 28. März 2021), zog der Investor der Anlage, Adolf Gradenwitz (1841-1920) und seine Frau Regina mit ihren fünf Kindern, darunter die beiden Töchter Dorothea und Berta, in das Haus mit der Adresse Potsdamer Straße 121e. Berta (1879-1947) war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt, „sie galt als mäßig-begabte Malerin, was ihr jedoch niemand gesagt hatte, weswegen sie glücklich vor sich her pinselte …“ (1). Ganz so unbegabt kann sie jedoch nicht gewesen sein, immerhin hatte sie Unterricht bei Karl Hagemeister (1848-1933) genommen, einem der Mitbegründer der Berliner Secession (2). Sie heiratete 1903 den Wirtschaftswissenschaftler (Statistiker) Robert Rene Kuczynski (1876-1847) (Bild 1), das Ehepaar hatte einen Sohn Jürgen (1904-1997) und emigrierte 1933 wegen politischen Engagements über die CSSR und die Schweiz nach England.

Bild 1: Robert Rene Kuczynski, gemalt von seiner Ehefrau Berta Kuczynski geborene Gradenwitz (Quelle: Nachlass von Robert Rene Kuczynski in der ZLB: https://digital.zlb.de/viewer/Nachlass-RobertReneKuczynski/)
Aber nicht nur Berta Kuczyinski malte, es gab 1897 weitere drei Malerinnen und zwei Maler in den zehn Häusern der Privatstraße, die dies als Beruf angegeben hatten. Es waren dies Ludwig Dettmann (1865-1944), Pia Petermann (1863-1960) und August Westphalen (1843-????) sowie zwei Künstlerinnen, von denen wir zurzeit nur die Nachnamen kennen: D. von Geyer zu Lauf und F. Marensy. Als die Privatstraße von den Nationalsozialisten 1936 den trügerisch-harmlos klingenden Namen „Bissingzeile“ bekam, der heute Stein des Anstoßes ist und für den inzwischen eine Umbenennung beim Bezirk beantragt wurde (mittendran vom 4. Oktober 2025), wohnten dort noch zwei Künstler, Emil Rudolf Weiss (1875-1942) und Heinrich E. Linde (-Walther) (1868-1939) (Bild 2).

Bild 2: Gemälde „An der Ostsee“ (1939) von Heinrich Linde-Walther (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)
Aber man mag es kaum glauben, dass in den vierzig Jahren zwischen 1897 und 1936 insgesamt 65 Künstlerinnen und Künstler dort wohnten, und in den Jahren zwischen 1900 bis 1915 meist zehn zeitgleich dort lebten und arbeiteten. Von den 18 Künstlerinnen waren sechs im Verein der Berliner Künstlerinnen (VdBK), von den 47 männlichen Kollegen waren acht im Verein Berliner Künstler (VBK) – die beiden großen Vereinigungen der Kunstschaffenden vertraten also offenbar nur eine kleine Gruppe der Berliner Kunstschaffenden.
Unter den vielen Künstler:innen waren einige auch heute noch bekannte Namen, so z. B. Martha Dehrmann (1863-1945), Clara Elisabeth Fischer (1850-nach 1916), Constantin Hölscher (1861-1921), Henriette Mendelsohn (1851-1921), Georg Müller-Breslau (1856-1911) und Fritz Stuckenberg (1888-1944), die alle einer der beiden Künstlervereinigungen angehörten (Bild 3).

Bild 3: Selbstbildnis Fritz Stuckenberg (1915) (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei).
Die Bissingzeile war also offenbar in dieser Zeit zu einer Art Künstlerkolonie geworden im Lützowviertel, das an Atelierhäusern auch sonst nicht gerade arm war: In der Lützowstraße 82, der Lützowstraße 60a und der Dörnbergstraße 6 (mittendran vom 27. Januar 2024, 27. Februar 2024 bzw. 10. Juli 2026) arbeiteten im gleichen Zeitraum weitere 100 Kunstschaffende. Und auch an diesen drei Adressen traf die Vertretung der Künstler:innen durch den VBK und den VdBK nur teilweise zu, geschätzt in weniger als der Hälfte der Fälle.
Dies trifft vermutlich auch auf die vielen übrigen Künstler:innen zu, die sich im Viertel eingemietet hatten: Das Berliner Adressbuch nennt für das Jahr 1890 etwa 600 Malerinnen und Maler in Berlin, vom denen 80 im Lützow-Viertel gemeldet waren. Im Jahr 1930 waren es in ganz Berlin bereits 1700 Kunstschaffende, und im Lützowviertel, trotz fast halbierter Einwohnerzahl, immer noch etwa 80.
Im Augenblick arbeiten wir an einer Datenbank dieser Maler:innen im Lützow-Viertel, die diese verschiedenen Arbeitsadressen zusammenführt, aber das mag noch einige Zeit dauern. Bleibt die Frage, wieso die spätere Bissingzeile Malerinnen und Maler anzog, so dass hier eine Art Künstlerkolonie entstehen konnte. Ein Grund mag die Tatsache gewesen sein, dass diese Privatstraße für den allgemeinen Verkehr gesperrt war und daher vermutlich nur wenig Lärm von der Potsdamer Straße und der Lützowstraße hier eindrang. Insofern ähnelt sich die Situation hier mit der in den Hinterhöfen gelegenen Atelierhäuser. Es werden wohl auch die großen Fenster sein (Bild 4), die an Atelierfenster erinnern, die in den 8 bis 10-Zimmer-großen Wohnungen in den oberen Stockwerken das Licht hereinliessen, das gute Malkunst braucht.

Bild 4: Die Privatstraße (heute: Bissingzeile) mit den großbürgrlichen Stadtvillen um 1900 (Quelle: Gartenkunst 10. Jahrgang 1908, Nr. 5, Seite 95)
Literatur
- Hans H. Lembke: Die Schwarzen Schafe bei den Gradenwitz und Kuczynski. Zwei Berliner Familien im 19. und 20. Jahrhundert. Trafo Wissenschaftsverlag Berlin 2008.
- https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Hagemeister
- Verein der Berliner Künstlerinnen e.V., Hrsg.: Käthe, Paula und der ganze Rest. Ein Nachschlagewerk. Kupfergraben Verlagsgesellschaft Berlin 1992.
- Verein Berliner Künstler e.V., Hrsg.: Versuch einer Bestandsaufnahme von 1841 bis zur Gegenwart. Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin 1881.
