Vom erfolgreichen Verwischen von Spuren…

Mit 25 Teilnehmern fand am 21. Januar per Videokonferenz der Vortragsabend zum Thema „Nazi-Herrschaft und Widerstand in Tiergarten“ mit dem Historiker und Autor Dr. Heinrich Wilhelm Wörmann statt. Eingeladen hatte die Initiative Jüdisches Leben und Widerstand in Tiergarten Süd“. Als Host leitete Gabriele Hulitschke die Veranstaltung und assistierte dem Redner technisch beim virtuellen Darstellen von Plänen und Fotografien.

Unterteilt in 5 Kapitel mit kurzen Diskussionspausen dazwischen, schilderte Dr. Wörmann das zerstörerische Werk der Nationalsozialisten, die zunächst die reiche Bebauung (um die heute vereinsamt dastehende St. Mathäuskirche) und die lebendige (auch jüdische) kulturelle Schatztruhe unseres Kiezes Tiergarten-Süd für die gigantischen Pläne eines Albrecht Speer für die Reichshauptstadt „Germania“ niederrissen. Aber schlimmer noch: in der Villa in der Tiergartenstrasse 4 wurde das Projekt T4 angegangen, die Euthanasie, die massenhafte und grausame Tötung behinderter Menschen in großem Stil durchzuführen. Zeitgleich organisierte Adolf Eichmann in der Kurfürstenstraße 115/116 die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ mit dem Holocaust und über 6 Millionen Opfern…

Dr. Heinrich-Wilhelm Wörmann bei seinem Vortrag „Nazi-Herrschaft und Widerstand in Tiergarten“ (Screenshot APZ)

Dr. Wörmann verstand es anschaulich, die kulturelle Hochblüte in unserem Kiez bis zum Jahr 1933 (Hitlers Machtergreifung) zu schildern: hier wohnten und wirkten Grössen wie Max Liebermann, Georg Kolbe, James Simon, Tilla Durieux und Hedwig Dohm. Hier boten Galerien wie etwa die von Paul Cassirer Gemälde der Moderne an. Sie brachten den französischen Impressionismus in die Stadt, mit Werken, die heute in den staatlichen Sammlungen hängen.

Zu den landesweiten gewalttätigen Verwüstungen in der Pogromnacht 1938 zählt auch die Zerstörung der großen Synagoge mit fast 2000 Sitzplätzen in unserer Lützowstrasse. Dass hier – wie etwa auch bei der Synagoge in der Fasanenstraße – kein Wiederaufbau in Betracht gezogen wurde, sondern die Ruinen plattgemacht wurden im Rahmen der Verwischung der Spuren für ein „Neues Berlin“, schockiert Wörmann noch heute. „Wir hätten uns das Holocaustdenkmal sparen können, wenn wir diese monumentalen Synagoge  wieder aufgebaut  hätten,“ ist er überzeugt.

Doch nicht nur der Nationalsozialismus war in unserem Viertel stark vertreten, auch der ehrenhafte aber vergebliche Widerstand durch mutige und starke Menschen ist hier verortet: Mildred und Arvid Harnack  (Rote Kapelle) lebten in der Genthiner Straße, Helmuth James Graf von Moltke (Kreisauer Kreis) in der Derfflinger Straße, zudem gab es das „Tiergartener Reichsbanner“ um den Journalisten Oswald Zienau. (Dazu lesen Sie von Dr. Bergis Schmidt-Ehry auf diesem Blog „Widerstand – Das Tiergartener Reichsbanner“,  https://www.mittendran.de/?p=13102)

Die Entwicklung der Erinnerungskultur an das Unrecht der Nazizeit brauchte Jahrzehnte um sich zu entwickeln, machte Doktor Wörmann deutlich. In der Nachkriegs Zeit hieß es zunächst nur: verdrängen!

Zum Schluss gab der Redner den Teilnehmern noch eine Buchempfehlung: „Wolfszeit- Deutschland und die Deutschen 1945-55“.

Die Initiative „Jüdisches Leben und Widerstand in Tiergarten Süd“* bietet jeden dritten Donnerstag im Monat einen Themenabend an.

Der nächste online Vortragsabend ist für den 18. Februar 2021 mit Rabbi Dr. Walter von Rothschild als Referent geplant.

* Eine Kooperation des Projektes Quartiersentwicklung Tiergarten Süd – seniorenfreundlicher Stadtteil (Stadtteilverein Tiergarten e.V.), mitteNdran e.V., „Stolpersteine Berlin-Alte Mitte und Wedding“

Anastasia Poscharsky-Ziegler

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