Der Autor, Ralf Hausding, ist in Tiergarten nah am Potsdamer Platz aufgewachsen und erinnert sich gern an seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Nach dem Abriss seines Wohnhauses hat es ihn nach Spandau verschlagen. Heute bietet er Stadtrundgänge in Tiergarten und weiteren Berliner Bezirken an.
Wie oft hört und liest man heute, dass wieder Bäume gefällt werden müssen. Wieder soll, entgegen jeder Vernunft, eine Straße verbreitert oder umgebaut werden. Wieder soll irgendein schöner Innenhof „verdichtet“ werden. Was ist unsere Umwelt, was ist unser Stadtgrün noch wert? Vieles ging schon verloren, durch Krieg und Mutwillen. Aber ich möchte hier von einer Ausnahme berichten, die allen Zeiten, und mögen sie noch so schrecklich gewesen sein, getrotzt hat.
Wer einmal die (neue) Potsdamer Straße, zwischen Potsdamer Brücke und Potsdamer Platz entlang flaniert ist, dem ist vielleicht ein besonders schöner und besonders großer Baum aufgefallen. Eine Platane.

Die Kaiserplatane im Juni 2025 an der Potsdamer Straße. ©️Hausding
Genau gegenüber des Scharounplatzes (früher Margaretenstraße) steht sie, die Kaiserplatane. Besonders an heißen Sommertagen bietet sie dem Wanderer durch Berlin, in der ansonsten in diesem Bereich schattenlosen Potsdamer Straße, etwas Abkühlung. Wenn man sich die Zeit nimmt und schaut sich unter der Platane um, entdeckt man eine kleine Erinnerungstafel. Denn dieser Baum hat Geschichte.
Begonnen hat die Geschichte im Jahre 1858. Der Grund war, damals durchaus ein großes gesellschaftliches Ereignis, die Hochzeit des Kronprinzen und späteren Kaisers Friedrich III. mit Prinzessin Viktoria. Friedrich III., hieß mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl von Preußen (18. Oktober 1831 – 15. Juni 1888). Seine Ehefrau, eine englische Prinzessin hieß Victoria, Prinzessin von Großbritannien und Irland (21. November 1840 – 05. August 1901).
Kennengelernt hatten sich die beiden anlässlich der Weltausstellung 1851 in London.
Bei diesem Besuch begegnete Friedrich Wilhelm ihr zum ersten Mal. Sie war die älteste Tochter der englischen Königin Victoria. Trotz des Altersunterschiedes von 9 Jahren verstanden sich die beiden gut. Die junge Prinzessin hatte die Aufgabe, den Prinzen durch die Weltausstellung zu führen und das konnte sie in fließendem Deutsch. Ihr Vater war der deutsche Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha.
Wie schon erwähnt wurde der Baum zur Hochzeit der beiden gepflanzt (Trauung am 25. Januar 1858 in London). Die Gegend um den Baum hat sich im Laufe der Jahrzehnte mehrmals grundlegend verändert. Es ist buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. 1858 war das Viertel zwischen Potsdamer Tor und dem gerade ausgebauten Landwehrkanal die Friedrichs-Vorstadt. Viele Grundstücke waren noch nicht bebaut, aber die Matthäikirche, die ja nur einen Steinwurf weit entfernt steht, war seit 1846 fertig.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Friedrichsvorstadt zu einer Villengegend hochherrschaftlicher Berliner. Hier wohnte alles was Rang und Namen hatte, vom Bankdirektor über den Warenhausbesitzer, diverse Kunsthändler bis zum Politiker.

Die Kaiserplatane um 1900. In Blickrichtung die Margaretenstraße, heute Scharounplatz. Links an der Litfaßsäule geht die Viktoriastraße in Richtung Potsdamer Brücke ab. Foto Titzenthaler (Landesarchiv)
Zurück zu unserem Baum. Er stand damals nicht am Rande einer stark befahrenen Straße, sondern mitten auf der Kreuzung zweier Straßen. Die eine war die Viktoriastraße. Ihren Namen erhielt sie am 5. Dezember 1858 und wie Sie sich bestimmt denken können, war die Namenspatronin unsere oben erwähnte Victoria. Ihr vollständiger Name lautete nun: Victoria Adelheid Marie Luise, deutsche Kaiserin, Königin von Preußen, geb. Königliche Prinzessin von Großbritannien und Irland. Die Straße begann am Kemperplatz, am Rande des Tiergartens. An der Kreuzung, an der die Platane stand, knickte sie etwas ab und verlief nun direkt auf den Landwehrkanal und die Potsdamer Brücke zu. Der Verlauf dieses Teils der Viktoriastraße entspricht heute in etwa der östlichen Fahrbahn der (neuen) Potsdamer Straße.

Ein Ausschnitt aus dem Straubeplan von 1910. In der Mitte die Kreuzung Viktoriastraße und Margaretenstraße, auf der die Kaiserplatane stand.
Die zweite Straße, an der die Platane stand, war die Margaretenstraße. Sie erhielt ihren Namen 1874 nach Margaretha Beatrix Feodora, Prinzessin von Preußen (1872 – 1954). Sie war die Tochter von Kaiser Friedrich III., seiner Ehefrau Victoria und Schwester des späteren Kaiser Wilhelm II. Genau wie die Viktoriastraße knickte die Margaretenstraße an der Platane etwas ab, so dass die Kreuzung etwas ungewöhnlich verschoben aussah.
Im Jahre 1923 hat uns die Schriftstellerin Margarete Caemmerer (1973 – 1945) ein paar Gedanken zur Kaiserplatane hinterlassen. Hier ein Auszug, veröffentlicht am 22. Juli 1923 in der Vossischen Zeitung: „… Aber wenn der Weg an der alten Platane vorbeiführt, verlangsamt sich der eilige Schritt. Dann flüstert die Baumnymphe so laut, und auf einmal steht die Welt von vorgestern und gestern wieder da. Als ob sie niemals gestorben wäre. Als ob das ganze grause Heute, nichts weiter sei als ein böser, schwerer Traum.“
Die ersten dunklen Wolken zogen nach der Machtübernahme der Nazis 1933 auf. Bald wurden Pläne entwickelt, wie die deutsche Hauptstadt zur Welthauptstadt umgebaut werden soll. Unter anderem war auch die Friedrichsvorstadt davon betroffen. Ab 1938 wurden in großem Umfang Wohn- und Geschäftshäuser, sowie Villen abgerissen. Zwischen Landwehrkanal und Potsdamer Platz war der „Runde Platz“ geplant, ein riesiger Kreisverkehr von ca. 200 Meter Durchmesser. Als erstes Gebäude wurde als Kreissegment das Haus des Fremdenverkehrs errichtet. Dazu fielen alle Gebäude am Rande des Dreiecks Viktoriastraße, Margaretenstraße und Potsdamer Straße der Spitzhacke zum Opfer. Und dieses Gebiet grenzte an unsere Kaiserplatane. Auch viele andere Häuser, die an diese Baustelle angrenzten, sollten fallen und damit auch der Baum. Das Schicksal wollte es anders. Durch die Kriegsereignisse, die alle Ressourcen erforderten, wurden die Arbeiten eingestellt. Aber lange reichte das Aufatmen nicht. Die Luftangriffe der Alliierten vernichteten vieles, was bis jetzt noch stehengeblieben war. Doch welch Wunder, die Kaiserplatane blieb stehen.
Die Jahre nach Kriegsende waren die Jahre des Wiederaufbaus. Aber hier in der Friedrichsvorstadt gab es kaum etwas aufzubauen. Nun stand die Platane an einer Kreuzung, von der eine Seite fehlte, mit freiem Blick über die Gegend. Ende der 1950er Jahre wurden neue Pläne entwickelt. Ein Kulturviertel sollte hier entstehen und vor allem breite Straßen. Sogar eine Schnellstraße war entlang der Mauer über den Potsdamer Platz angedacht. Wieder war die Kaiserplatane in akuter Gefahr. Aber auch dieses Mal wurde sie gerettet. Sie steht nicht mehr mitten auf der Straße, sondern daneben und ist hoffentlich weiter ein Anziehungspunkt und Erinnerung an vergangene Zeiten.
Eine kleine Geschichte am Rande: Ich habe als Kind hier gelebt, unser Wohnhaus stand nur gut 150 Meter von der Kaiserplatane entfernt. Beim Spielen im Sommer 1961 entdeckte ich Dreharbeiten unter der Platane. Wie ich später erfuhr, wurde eine Szene für den Billy Wilder Film „eins – zwei – drei“ gedreht. Dort standen einige Statisten in der Uniform der DDR-Volkspolizei mit einem „VW-Bus“. Sie kontrollierten einen Motorradfahrer, das war Horst Buchholz, der einen Luftballon an seinem Motorrad hatte, mit der Aufschrift „Russki go home“.
