Aus Josis Fotoalbum (1): Im Begaswinkel

Wir hatten vor einigen Tagen über das im Müll gefundene Fotoalbum mit Bildern rund um die Genthiner Straße aus den 60er Jahren berichtet (mittendran vom 2. Juli 2026) – heute wollen wir ein paar Fotos aus dem Album vorstellen. Wir beginnen im heute Begas-Winkel genannten Teil der Genthiner Straße 30.

Fototechnisch ist das erste Foto im Album (Bild 1) das eindrucksvollste und professionellste. Es zeigt auf einer Seite betitelt mit „Im Winkel“ eine Aufnahme der „Narziss“ genannten Brunnenfigur auf dem Wendeplatz am Ende der Stichstraße, die den Baum und die Skulptur umrundet. Im Hintergrund das auch heute noch vorhandene Haus des Erich Schmidt Verlages an der südwestlichen Ecke.

Bild 1: Die Brunnenfigur „Narziss“ vor der Restaurierung 1962; im Hintergrund das Verlagshaus Erich Schmidt im Begas-Winkel. Das eingelassene Foto unten links  (Ausschnitt) zeigt die Narziss-Figur mit vollständigem linkem Arm (Quelle: Fotograf „Josi“ um 1962 und eigenes Foto, aufgenommen 2022).

Der Umstand, dass die Figur einen abgebrochenen linken Arm hat, hilft uns, das Foto zu datieren. Spätere und heutige Fotos zeigen Narziss nämlich mit vollständigem linkem Arm (Bild 1, links unten). Zu dieser Figur führt das Denkmalamt Berlin aus: „Das städtische Idyll schmückt ein Brunnen mit einer Narzissfigur von Kube & Starcke. Die Skulptur in der Mitte des Wendeplatzes wurde 1962 rekonstruiert“ (1). Das Foto wäre also um oder vor 1962 aufgenommen worden, als Narziss noch einen abgebrochenen Arm hatte, vermutlich ein Kriegsschaden.

Bei den Restauratoren muss es sich um die Bildhauer Heinrich Kube und Dietrich Starcke (1929-2019) aus Berlin handeln, die in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zahlreiche im Krieg beschädigte oder zerstörte Skulpturen restauriert oder rekonstruiert hatten, u.a. die Minerva im Charlottenburger Park, und die den Original-Münzfries 1976 in Charlottenburg restauriert und an das dortige Altenheim montiert haben (heute eingelagert im Sockel des Denkmals auf dem Kreuzberg). Beide Künstler sind auch in der Datenbank von „Bildhauerei in Berlin“ (BiB) (2) gelistet – allerdings nicht die Narziss-Figur, was daher nicht die Frage beantwortet, wer die Figur um 1880 geschaffen hatte. Beide Bildhauer sind inzwischen verstorben.

An der Rekonstruktion war möglicherweise Dietrich Starckes Sohn Hans (1957-2015) beteiligt, auch er Bildhauer in der Tradition des Vaters, so wie der Vater Dietrich in die Fußstapfen seines Vaters Julius Starcke (1895-1945) getreten war, der die Frosch-Skulpturen an der Autobahnbrücke der A10 (Berliner Ring) in der Nähe der Anschlussstellen Erkner über die Alte Löcknitz geschaffen hat (3).

Die zweite Aufnahme aus dem Begas-Winkel ist ebenfalls aufschlussreich. Es ist tituliert „Der Neue“ (Bild 2) und zeigt den Neubau des Erich Schmidt Verlages. Dazu erläutert die Webseite des Verlages: „Im April 1962 wird ein neues Verlagsgebäude eingeweiht, mit dessen Errichtung noch vor dem Mauerbau begonnen worden war … [eine] Erweiterung an das 1940 erworbene Haus in der Genthiner Str. 30 G“ (4). Sollten also die Fotos zur gleichen Zeit entstanden sein (wofür die gleiche Qualität und Aufnahmetechnik spricht), erlaubt dies eine weitere Datierung: um oder nach April 1962, noch liegt Bauschutt vor dem Haus, die Fassade scheint frisch gestrichen.

Bild 2: Der Neubau des Erich Schmidt Verlages, eröffnet im April 1962. Im Hintergrund die bereits 1940 gekaufte Villa im Begas-Winkel (Quelle: Fotograf „Josi“ um 1962).

Das dritte Foto aus dem Begas-Winkel schließlich gibt einen Hinweis auf den Fotografen selbst (Bild 3). Das Bild steht unter dem Titel „Der Nachbar“ und zeigt im Vordergrund die Fassade des kleinen Hotels (heute: Hotel Residenz Begas-Winkel), das dort noch heute ist, und im Hintergrund ein Neubau an der Genthiner Straße, heute das Pro Seniore Wohnheim (Genthiner Straße 24-28). Das nächste Haus südlich davon, das heute ebenfalls zum Altenheim gehört, ist noch nicht gebaut, wie man an der Baulücke in Bild 3 sieht. Auch dies ließe sich zur Datierung des Fotos benutzen. Interessanter aber als die Frage, wann es gebaut wurde, ist das Rätsel, wer mit Nachbar gemeint ist. Wenn, und dafür spricht einiges, sich dies auf den erhaltenen Altbau bezieht (im Gegensatz zu dem „Neuen“ in Bild 2), könnte der angeschnittene Neubau im Hintergrund die Wohnung von Josi zeigen – dann erst würde die ungewöhnliche Perspektive und die Namensgebung Sinn machen.

Bild 3: Das Hotel Residenz Begaswinkel (links), im Hintergrund ein neu erbautes Haus an der Genthiner Straße, vermutlich Nr. 22 (Quelle: Fotograf „Josi“ um 1962).

Leider gibt es aus diesen Jahren keine Berliner Adressbücher mehr, abgesehen von dem Umstand, dass der Spitzname Josi, der vielleicht Josef bedeutete, eine Suche nach einem Bewohner der Genthiner Straße 24 um 1960 nicht gerade erleichtert. Die damaligen Bewohner des heutigen Hotels sind hingegen bekannt – wir werden sie nach Josi befragen und weiter berichten.

Literatur:

  1. Denkmal Datenbank Berlin: ID: 09050265,T,007.
  2. Bildhauerei in Berlin: https://bildhauerei-in-berlin.de/creator/
  3. Wikipedia über Julius Starcke: https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Starcke
  4. Webseite des Erich Schmidt Verlag: https://www.esv.info/verlagsgeschichte.html

Paul Enck

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