Spaziergang in die Vergangenheit (45): ENIGMA in der Steglitzer Straße

Wer hätte das gedacht: ENIGMA, die Codiermaschine der deutschen Wehrmacht, deren Verschlüsselung die Engländer im Verlauf des 2. Weltkriegs geknackt haben und so den Kriegsverlauf entscheidend beeinflussen und verkürzen konnten (1), kam aus dem Lützow-Viertel. Ein tschechischer Forscher, Přemysl Černý, machte mich darauf aufmerksam, dass die Chiffriermaschinen Aktiengesellschaft (ChiMaAG), die die Codiermaschine vermarktete, in der Steglitzer Straße 2 (heute: Pohlstraße 4) ansässig war, und dass der Erfinder der Maschine, Dipl.-Ingenieur Arthur Scherbius (1878-1929) (Bild 1) in der Unger-Klinik in der Derfflingerstraße 19 verstarb. Aber der Reihe nach …

Bild 1: Foto von Arthur Scherbius um 1918 (Fotograf unbekannt, gemeinfrei).

Herkunft und Ausbildung

Arthur Scherbius wurde am 30. Oktober 1878 in Frankfurt/Main als Sohn des Kaufmanns Gustav Scherbius (1836-1907) und dessen Ehefrau Hedwig, geborene Nacken (1854-1954) geboren. Er  absolvierte dort Grundschule und Oberrealschule und studierte Maschinenbau und Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Hannover – sowie zwei Semester in München – bis 1903. Dort erhielt er 1903 das Diplom als Ingenieur (Bild 2) und promovierte 1904 zum Dr. -Ing. (2).

Bild 2: Anzeige der Promotion von Arthur Scherbius an der Technischen Hochschule Hannover 1903

Er arbeitete übergangsweise bei den Firmen Felten & Guilleaume-Lahmeyer sowie bei der Siemens Schuckert GmbH in Erlangen, machte sich aber dann selbständig mit einer Firma, die Schaltungen erfand, patentierte und international verkaufte. Das brachte ihm nach dem Krieg ein Vermögen ein. Im Ersten Weltkrieg arbeitete er unter anderem im Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt. In diesem Zeitraum war er erstmals mit der Chiffrierung von Nachrichten für militärische Zwecke beschäftigt, wenngleich dies noch keine technische Konsequenzen hatte.

Firmengründung in Berlin

Am 1. April 1920 gründete er zusammen mit dem Ingenieur Ernst Richard Ritter (1882-1936) in Berlin die Handelsgesellschaft Scherbius & Ritter (Bild 3), die sich für die Entwicklung preiswerter Thermostate für Haushaltsgeräte (z.B. Heizkissen) entschied und eine Reihe anderer Hersteller von Haushaltsgeräten vertrat. Die Firma gab an, kein Vermögen zu haben, habe daher auch keinen Gesellschaftervertrag und die Geschäftsräume seien am Schiffbauerdamm 36. Dr. Ing. Scherbius wohnte zu diesem Zeitpunkt und bis 1923 in Wilmersdorf in der Hildegardstr. 27, Dipl.-Ing. Ritter in Wannsee, Kleine Seestraße 25 (3).

Bild 3: Auszug aus der Handelsregister-Akte mit der Anmeldung der Firma Scherbius & Ritter 1920 (aus: (3)).

Familiengründung und Umzug nach Wannsee

Im Sommer 1917 verlobte sich Arthur Scherbius mit Elisabeth, geborene Taaks (1896-1945) aus Bremen, sie heirateten im gleichen Jahr. Elisabeth Scherbius konnte wegen einer im Krieg erlittenen Tuberkulose-Erkrankung keine Kinder bekommen; das Ehepaar adoptierte daher im Jahr 1928/9 den soeben geborenen unehelichen Sohn einer Abiturientin, aber während der noch nicht abgeschlossenen Adoptionsformalitäten starb Arthur Scherbius infolge eines tragischen Unfalls (s. unten). Der als Rainer Salzmann geborene Junge erhielt dadurch zunächst den Familiennamen Taaks, dann Scherbius, und schließlich, mit der zweiten Heirat von Elisabeth Scherbius 1931, den Namen Pungs (4).

Arthur Scherbius und Ernst Richard Ritter kauften 1924 in Wannsee zwei Baugrundstücke in der Lindenstraße (Bild 4) in der Nähe des neuen Friedhofs Wannsee. Während des Hausbaus wohnte die Familie Scherbius in der Moltkestraße 17 (heute: Hugo-Vogel-Straße) und zog im Folgejahr (1925) in die Lindenstraße 5. Ernst Ritter blieb bis 1925 in der Seestraße wohnen und zog dann in die Lindenstraße 6. Über sein „vollelektrisches Haus“ hat er ein Buch geschrieben (5).

Bild 4: Siituationsplan von Wannsee mit dem Firmensitz (unten links) in der Königstraße 40 auf einer Karte von etwa 1930 im noch weitgehend unbebauten Wannsee, und dem Wohnhäusern von Arthur Scherbius und Ernst Richard Ritter (oben rechts) in der Lindenstraße 5 und 6 auf einer Karte von heute (rechts). Oben links das Wohnhaus von Ernst Richard Ritter. (Quellen: Histomap Berlin und (5). Das Wohnhaus Ritter existiert heute nicht mehr, das Wohnhaus Scherbius hat den Krieg überstanden.

ENIGMA, die Chiffriermaschine

Es dürfte unmöglich sein, die Funktionsweise der Chiffriermaschine, die ENIGMA genannt wurde, in wenigen Worten zu erklären. Wer nach einer leicht verständlichen Erklärung sucht, dem sei das Buch von Simon Singh (6) empfohlen, das sich mit den verschiedenen Techniken der Verschlüsselung und Entschlüsselung in der Menschheitsgeschichte befasst. Hier nur so viel: ENIGMA verschlüsselte Botschaften mithilfe einer wie eine Schreibmaschine aussehenden Apparatur (Bild 5), die jeden Tag neu mittels einer Reihe von Walzen und Schaltungen eine von über 10 Billiarden (eine 1 mit 16 Nullen) Möglichkeiten der Chiffrierung festlegte. Da diese Festlegung mittels eines Codebuches für jeden Tag neu erfolgte, waren 24 Stunden nicht ausreichend, alle Optionen der Kombination auszuprobieren, selbst als den Gegnern im Zweiten Weltkrieg, zunächst den Polen, dann den Franzosen und schließlich den Engländern, der Bauplan der ENIGMA durch Verrat in die Hände fiel. Es dauerte Jahre, bis dem britischen Geheimdienst die Entschlüsselung gelang – aber das ist eine eigene Geschichte.

Bild 5: Die erste kommerzielle ENIGMA-Chiffriermaschine (Quelle: Prospekt der ChiMaAG von 1923 in einer Akte im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, R 3003 Nr. 13879).

Arthur Scherbius hatte bereits im Ersten Weltkrieg an Verschlüsselungstechniken gearbeitet. Er erwarb 1918 ein erstes Patent für eine Chiffriermaschine, die noch nicht den Namen ENIGMA trug. Die produzierte Maschine wog 12 kg und sollte den Gegenwert von heute 25.000 € kosten und wurde deshalb zunächst weder von wirtschaftlichen Unternehmungen noch vom Militär oder von diplomatischen Vertretungen nachgefragt. Erst als dem deutschen Militär durch britische Veröffentlichungen im Jahr 1923 die Bedeutung der Verschlüsselung und Entschlüsselung für den Kriegsverlauf im Ersten Weltkrieg klar wurde, orderte die Wehrmacht mehrere Tausend der Maschinen, die sich von den für den kommerziellen Handel vorgesehenen Exemplaren durch einige weitere technische Finessen unterschied.

Arthur Scherbius legte 1923 fest, dass die Entwicklung der kommerziellen Maschine durch die Fa. Scherbius & Ritter in Berlin-Wannsee erfolgen sollte, die Fertigung jedoch durch die Firma Gewerkschaft Securitas, Berlin W 35, Steglitzerstraße 2, die auch die gesamten Patente übernommen hatte (Bild 6). Am 24. August 1923 wurde die Chiffriermaschinen Aktiengesellschaft (ChiMaAG) in Berlin, Steglitzerstraße 2 gegründet, mit Scherbius als einem von sechs Direktoren. Dort war die Firma bis 1936 angesiedelt, dann verschwand sie aus dem Adressbuch.

Bild 6: Herkunftsbezeichnung auf einer kommerziellen ENIGMA-Chiffriermachine von 1924.

Unklar ist bis heute, wann und durch wen die Chiffriermaschine den Namen ENIGMA erhielt; klar ist, dass sie spätestens 1924 so genannt wurde. Dies ergibt sich aus einer Anzeige, die im Januar 1924 gegen Arthur Scherbius erstattet wurde, wegen Landesverrats militärischer Geheimnisse. Dazu mehr im nächsten Teil.

Literatur

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Enigma_(Maschine)
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Scherbius
  3. Handelsregister-Akte im Landesarchiv Berlin: A Rep. 342-02 Nr. 42878.
  4. Kurt Nacken: Anna Hedwig Scherbius geb. Nacken. Archiv für Familiengeschichtsforschung 15 (2011) Heft 2, Seite 49-60.
  5. Ernst Richard Ritter: Das elektrische Haus. Verlag Schubert & Co., Berlin 1928.
  6. Simon Singh: Geheime Botschaften. Die Kunst der Verschlüsselung von der Antike bis in die Zeit des Internets. DTV München 2011.

Paul Enck

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