Spaziergang in die Vergangenheit (45): ENIGMA in der Steglitzer Straße

(Die erste Fassung dieses Beitrags erhielt eine Woche nach der Veröffentlichung einige kritisch-konstruktive Anmerkungen, die mich veranlasst haben, den Beitrag zurückzuziehen und zu überarbeiten. Die nachstehende Fassung ist daher revidiert. Dennoch belasse ich den ursprünglichen Kommentar unter dem Beitrag, um auf diese Weise dem Schreiber meinen Dank auszudrücken; er hat leider seinen Namen nicht hinterlassen. Ich vermute, es handelt sich um Claus Taaks, einen Nachkommen aus der Familie von Liselotte Taaks, Scherbius Ehefrau – er beschäftigt sich mit der Geschichte der ENIGMA).

Wer hätte das gedacht: ENIGMA, die Codiermaschine der deutschen Wehrmacht, deren Verschlüsselung die Engländer im Verlauf des 2. Weltkriegs geknackt haben und so den Kriegsverlauf entscheidend beeinflussen und verkürzen konnten (1), kam aus dem Lützow-Viertel. Ein tschechischer Forscher, Přemysl Černý, machte mich darauf aufmerksam, dass die Chiffriermaschinen Aktiengesellschaft (ChiMaAG), die die Codiermaschine vermarktete, in der Steglitzer Straße 2 (heute: Pohlstraße 4) ansässig war, und dass der Erfinder der Maschine, Dipl.-Ingenieur Arthur Scherbius (1878-1929) (Bild 1) in der Unger-Klinik in der Derfflingerstraße 19 verstarb. Aber der Reihe nach …

Bild 1: Arthur Scherbius um 1913 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Herkunft und Ausbildung

Arthur Scherbius wurde am 30. Oktober 1878 in Frankfurt/Main als Sohn des Kaufmanns Gustav Scherbius (1836-1907) und dessen Ehefrau Hedwig, geborene Nacken (1854-1954) geboren. Er  absolvierte dort Grundschule und Klinger-Oberrealschule (Abitur Ostern 1898) und studierte Maschinenbau und Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Hannover – sowie zwei Semester in München – bis 1903. Dort erhielt er 1903 das Diplom als Ingenieur (Bild 2) und promovierte 1904 zum Dr. -Ing. (2).

Bild 2: Anzeige der Promotion von Arthur Scherbius an der Technischen Hochschule Hannover 1903

Er arbeitete übergangsweise bei den Firmen Felten & Guilleaume-Lahmeyer sowie bei der Siemens Schuckert GmbH in Erlangen, machte sich aber dann selbständig mit einer Firma, die Schaltungen erfand, patentierte und international verkaufte. Das brachte ihm nach dem Krieg ein Vermögen ein. Im Ersten Weltkrieg arbeitete er unter anderem im Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt. In diesem Zeitraum war er erstmals mit der Chiffrierung von Nachrichten für militärische Zwecke beschäftigt, wenngleich dies noch keine technische Konsequenzen hatte.

Firmengründung in Berlin

Am 1. April 1920 gründete er zusammen mit dem Ingenieur Ernst Richard Ritter (1882-1936) in Berlin die Handelsgesellschaft Scherbius & Ritter (Bild 3), die sich für die Entwicklung preiswerter Thermostate für Haushaltsgeräte (z.B. Heizkissen) entschied und eine Reihe anderer Hersteller von Haushaltsgeräten vertrat. Die Firma gab an, kein Vermögen zu haben, habe daher auch keinen Gesellschaftervertrag und die Geschäftsräume seien am Schiffbauerdamm 36. Dr. Ing. Scherbius wohnte zu diesem Zeitpunkt und bis 1923 in Wilmersdorf in der Hildegardstr. 27, Dipl.-Ing. Ritter in Wannsee, Kleine Seestraße 25 (3).

Bild 3: Auszug aus der Handelsregister-Akte mit der Anmeldung der Firma Scherbius & Ritter 1920 (aus: (3)).

Familiengründung und Umzug nach Wannsee

Im Sommer 1917 verlobte sich Arthur Scherbius mit Elisabeth, geborene Taaks (1896-1945) aus Bremen, sie heirateten im gleichen Jahr. Elisabeth Scherbius konnte wegen einer im Krieg erlittenen Tuberkulose-Erkrankung keine Kinder bekommen; das Ehepaar adoptierte daher im Jahr 1928/9 den soeben geborenen unehelichen Sohn einer Abiturientin, aber während der noch nicht abgeschlossenen Adoptionsformalitäten starb Arthur Scherbius infolge eines tragischen Unfalls (s. unten). Der als Rainer Salzmann geborene Junge erhielt dadurch zunächst den Familiennamen Taaks, dann Scherbius, und schließlich, mit der zweiten Heirat von Elisabeth Scherbius 1931, den Namen Pungs (4).

Arthur Scherbius und Ernst Richard Ritter kauften 1924 in Wannsee zwei Baugrundstücke in der Lindenstraße (Bild 4) in der Nähe des neuen Friedhofs Wannsee. Während des Hausbaus wohnte die Familie Scherbius in der Moltkestraße 17 (heute: Hugo-Vogel-Straße) und zog im Folgejahr (1925) in die Lindenstraße 5. Ernst Ritter blieb bis 1925 in der Seestraße wohnen und zog dann in die Lindenstraße 6. Über sein „vollelektrisches Haus“ hat er ein Buch geschrieben (5).

Bild 4: Situationsplan von Wannsee mit dem Firmensitz (unten links) in der Königstraße 40 auf einer Karte von etwa 1930 im noch weitgehend unbebauten Wannsee, und dem Wohnhäusern von Arthur Scherbius und Ernst Richard Ritter (oben rechts) in der Lindenstraße 5 und 6 auf einer Karte von heute (rechts). Oben links das Wohnhaus von Ernst Richard Ritter. (Quellen: Histomap Berlin und (5). Das Wohnhaus Ritter existiert heute nicht mehr, das Wohnhaus Scherbius hat den Krieg überstanden.

ENIGMA, die Chiffriermaschine

Es dürfte unmöglich sein, die Funktionsweise der Chiffriermaschine, die ENIGMA genannt wurde, in wenigen Worten zu erklären. Wer nach einer leicht verständlichen Erklärung sucht, dem sei das Buch von Simon Singh (6) empfohlen, das sich mit den verschiedenen Techniken der Verschlüsselung und Entschlüsselung in der Menschheitsgeschichte befasst. Hier nur so viel: ENIGMA verschlüsselte Botschaften mithilfe einer wie eine Schreibmaschine aussehenden Apparatur (Bild 5), die jeden Tag neu mittels einer Reihe von Walzen und Schaltungen eine von über 10 Billiarden (eine 1 mit 16 Nullen) Möglichkeiten der Chiffrierung festlegte. Da diese Festlegung mittels eines Codebuches für jeden Tag neu erfolgte, waren 24 Stunden nicht ausreichend, alle Optionen der Kombination auszuprobieren. Selbst als den Gegnern im Zweiten Weltkrieg, zunächst den Polen, dann den Franzosen und schließlich den Engländern, die Gebrauchsanweisung der ENIGMA in die Hände fiel, hat es einige Zeit gedauert, bis dem britischen Geheimdienst 1940 die Entschlüsselung gelang – aber das ist eine eigene Geschichte (7).

Bild 5: Die erste kommerzielle ENIGMA-Chiffriermaschine (Quelle: Prospekt der ChiMaAG von 1923 in einer Akte im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, R 3003 Nr. 13879).

Arthur Scherbius hatte bereits im Ersten Weltkrieg an Verschlüsselungstechniken gearbeitet. Er erwarb 1918 ein erstes Patent für eine Chiffriermaschine, die noch nicht den Namen ENIGMA trug; der Name tauchte erstmals in einem Artikel eines Journalisten 1923 auf. Die produzierte Maschine wog 12 kg und sollte den Gegenwert von heute 25.000 € kosten und wurde deshalb zunächst weder von wirtschaftlichen Unternehmungen noch vom Militär oder von diplomatischen Vertretungen nachgefragt. Erst als dem deutschen Militär durch britische Veröffentlichungen im Jahr 1923 die Bedeutung der Verschlüsselung und Entschlüsselung für den Kriegsverlauf im Ersten Weltkrieg klar wurde, orderte und nutze die Reichsmarine einige Maschinen. Später bestellte die Wehrmacht mehrere Tausend der Maschinen, die sich von den für den kommerziellen Handel vorgesehenen Exemplaren durch einige weitere technische Finessen unterschied.

Einer breiten kommerziellen Verwendung der Chiffriermaschine stand nach dem Ersten Weltkrieg zunächst entgegen, dass nach den Friedensvereinbarungen von 1919 das Chiffrieren von Nachrichten – im Rheinland und im Ruhrgebiet – verboten war. Außerdem geschah zivile Kommunikation nach dem Krieg bereits weitgehend per Fernschreiber. Auf Initiative einiger Investoren wurde eine Firma Gewerkschaft Securitas, Berlin W 35, Steglitzerstraße 2 ins Leben gerufen, die auch die gesamten Patente übernommen hatte. Am 24. August 1923 wurde die Chiffriermaschinen Aktiengesellschaft (ChiMaAG) in Berlin, Steglitzerstraße 2 gegründet (Bild 6). Scherbius war nur kurzzeitig (1927) einer der Aufsichtsräten der Firma. Dort war die Firma bis 1936 angesiedelt, dann verschwand sie aus dem Adressbuch.

Bild 6: Herkunftsbezeichnung auf einer kommerziellen ENIGMA-Chiffriermachine von 1924.

1924 nannte auch Scherbius seine Chiffriermaschine ENIGMA. Dies ergibt sich aus einer Anzeige, die im Januar 1924 gegen Arthur Scherbius erstattet wurde, wegen Landesverrats militärischer Geheimnisse. Dazu mehr im nächsten Teil.

Literatur

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Enigma_(Maschine)
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Scherbius
  3. Handelsregister-Akte im Landesarchiv Berlin: A Rep. 342-02 Nr. 42878.
  4. Kurt Nacken: Anna Hedwig Scherbius geb. Nacken. Archiv für Familiengeschichtsforschung 15 (2011) Heft 2, Seite 49-60.
  5. Ernst Richard Ritter: Das elektrische Haus. Verlag Schubert & Co., Berlin 1928.
  6. Simon Singh: Geheime Botschaften. Die Kunst der Verschlüsselung von der Antike bis in die Zeit des Internets. DTV München 2011.
  7. Dermot Turing: XY&Z. The real story of how the Enigma was broken. The History Press, Cheltenham, U.K. 2021.

Paul Enck

Ein Kommentar

  1. Dass Sie historische Geschichten in „Tiergarten Süd“ präsentieren, finde ich prima – aber Ihre, weitgehend aus Wikipedia stammende und, soweit daher stammend, weitgehend korrekte Darstellung enthält einige Ungenauigkeiten: Das Bild zeigt nicht Arthur Scherbius, sondern Marian Rejewski, dass Scherbius in das WuMBA abkommandiert wurde, hatte erhebliche Konsequenzen, nicht nur sein erstes Rotormaschinen-Patent vom 23.2.1918 mit Zusatzpatent vom 2.6.1918, sondern nach dem Waffenstillstand, Verhandlungen mit der Reichswehr. Die Maschine wurde am 1.9.1923 in einem Artikel des Journalisten Fritz Hansen erstmals „Enigma“ genannt. Ein „Bauplan“ für die Enigma fiel ihnen nicht durch Verrat in die Hand, Es dauerte nicht „Jahre“ bis dem britischen Geheimdienst die Entschlüsselung gelang. (Vgl. Dermot Turing: XY&Z. The real story of how Enigma was broken. The History Press 1918.) Die ersten Glühlampen-Maschinen wurden von der Reichmarine 1925 geordert und ab 1926 eingesetzt. Eine „kommerzielle“ Verwendung gab es nur in ganz wenigen Einzelfällen, eine solche war von Scherbius nie beabsichtigt und außerdem nicht möglich – die zivile Kommunikation geschah schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg per Fernschreiber, ganz abgesehen davon, dass das Chiffrieren von Nachrichten nach dem Krieg weitgehend – im Rheinland und im Ruhrgebiet komplett – verboten war. Dass die Chiffriermaschinen AG „mit Scherbius als einem der sechs Direktoren“ (= nach heutiger Terminologie Aufsichtsräte) gegründet worden sei, stimmt überhaupt nicht bzw. ist irreführend. Er war 1927 für kurze Zeit im Vorstand. Die Chiffriermaschinen AG wurde 1935 – durch Umwandlung der Gesellschaftsform – zur „Heimsoeth & Rinke oHG“, aber das ist eine andere Geschichte.
    Die Archivalie über das – eingestellte – Verfahren des Oberreichsanwalts gegen Arthur Scherbius und dessen Gegner – eher Feind – Adolf Hermkes habe ich inzwischen bekommen. Sehr interessant! Herr Černý weiß, wer ich bin.

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