Spaziergang in die Vergangenheit (44): Walter Benjamins Mummerehlen

Hier und heute wieder ein Beitrag für die Walter Benjamin-Interessierten und -Enthusiasten unter den Lesern, ein Rätsel aus Benjamins Sprachwelt in der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ (1), die er ja zu einem großen Teil im Lützow-Viertel verbracht hat. Es geht um die Mummerehlen. Bereits 1932 erschien ein Aufsatz von Walter Benjamin (WB) mit diesem Titel unter seinem Pseudonym „Detlev Holz“ in der Vossischen Zeitung (2). In der ursprünglichen – Gießener – Fassung der Berliner Kindheit von 1932 machen die Mummerehlen den Auftakt der 30 Geschichten, in der finalen Fassung von 1938 stehen sie an 21. Stelle (3).

Mummerehlen war für WB ein sprachlicher Ausdruck für etwas, was er als Kleinkind nicht verstand, weil ihm der Begriff der Muhme (= Tante) unbekannt war – WB nannte es einen Geist. Die Mummerehlen war also die Muhme Rehlen (manchmal auch Rählen geschrieben), und die war ihm und anderen Kindern seiner Zeit als fiktive Person in einem Kettenreim bekannt, der so begann: Ich will dir was erzählen/von der Muhme Rählen/Diese Muhme hatte einen Garten/und das war ein Wundergarten/In dem Garten stand ein Baum/und das war ein Wunderbaum …“. Die Verse gehen weiter und weiter und enden ist dieser Fassung mit „…auf dem Tischchen lag ein Buch/und das war ein Wunderbuch/In dem Buche stand geschrieben/Du sollst deine Eltern lieben!“.

Sie sind beliebig ausbaubar und austauschbar und wurden und werden als passend für Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren beschrieben. Sie sind heute im Volksliederarchiv im Internet auffindbar (4) (Bild 1) und sind offenbar, wenn WB sie aus seiner Kindheit kannte, mindestens 130 Jahre alt.

Bild 1: Die bekannteste Fassung des Reims von der Muhme Rehlen (4).

Cheryce von Xylander, die ich neulich traf (mittendran vom 5. September 2026) machte mich darauf aufmerksam, dass 1921, also vor mehr als 100 Jahre, eine seinerzeit bekannte Berliner Schriftstellerin, Alice Berend (1875-1938), ein Buch mit dem Titel Muhme Rehlen (5) veröffentlicht hatte (Bild 2), das jedoch keine Kettenreime, sondern Märchen mit der Muhme Rehlen enthielt. Cheryces naheliegende Frage war daher, ob WB dieses Buch von Alice Berend (AB) gekannt haben mag und er sich daran erinnerte, als er die Geschichten der Berliner Kindheit schrieb.

Bild 2: Inhaltsverzeichnis des Märchenbuches von Alice Berend (5).

Immerhin hatte WB 1917 geheiratet und hatte seinem Sohn Stefan, geboren 1918, sicherlich Kinderreime vorgelesen, so wie seine Eltern ihm. Die junge Familie Benjamin war 1920 aus der Schweiz nach Berlin zurückgekehrt, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Auch die Möglichkeit, dass sich WB und AB persönlich gekannt haben könnten, wollten wir nicht ausschließen, obwohl in beider Biografien dafür bislang kein Anhalt vorliegt. Wobei ich die Vermutung hatte, dass sowohl WB als auch AB die gleiche Quelle als Inspiration für die Muhme Rehlen gefunden hatten, und die müsste dann natürlich früher entstanden sein als 1921. Also: Auf zur Internet-Recherche!

Im Kinderbucharchiv (4) wurde als älteste Quelle des Kettenreims die Kinderreim-Anthologie „Macht auf das Tor“ (Bild 3) von 1905 (6) angegeben; das war zwar zeitlich hinreichend für AB, aber zu spät für WB, der zu diesem Zeitpunkt längst den Kinderschuhen entwachsen war. In dieser Anthologie fand sich eine weitere Quelle, eine Kinderreim-Sammlung von Böhme von 1896 (7), und dort gab es einen Verweis auf eine Sammlung Hartmann von 1885 (8). Der wiederum gab an, keine weitere Quelle für den Muhme-Rehlen-Vers zu kennen und vermutete, es müsse sich um einen Volksreim aus deutschen Landen handeln – jetzt lag der Ursprung des Kettenreims immerhin vor WBs Geburt 1893.

Bild 3: Titelblatt der Kinderbuchsammlung von 1905 (6), die auch 1950 noch in der gleichen Aufmachung beim gleichen Verlag erschien, allerdings in Königstein i.Ts.

Ich habe mir zu den Fragen auch Rat bei einem WB-Experten geholt, Jun Tanaka, und habe dabei gelernt, dass die Frage bereits mehrere Antworten gefunden hatte. Eine davon: WB hatte von seiner Mutter eine Kinderbuch-Sammlung geerbt. Diese Sammlung hatte WB um weitere Kinderbücher aus dem 19. Jahrhundert erweitert, teilweise auch um französische und niederländische Exemplare. Die Sammlung ging nach Trennung und Scheidung von WB und seiner Frau Dora 1930 in das Eigentum der Frau über, die mit dem Sohn – und der Kinderbuchsammlung – über Paris nach England emigrierte. Sie wurde 1984 von Stefan Benjamins Witwe der Frankfurter Kinderbuchsammlung geschenkt, wo sie heute einsehbar ist: Die insgesamt 216 Titel sind im Netz abrufbar (9), aber keine der oben aufgeführten Kinderbuchsammlungen gehörten dazu. Und ob eines dieser 216 Bücher tatsächlich den Muhme-Rehlen-Vers enthält, kann man nur feststellen, wenn man nach Frankfurt fährt und sie Stück für Stück durchsieht – ein sicherlich reizvolles, aber eher mühsames Unternehmen. Und was wäre, wenn sich der Reim nicht in den Büchern findet? Ich habe die Sammlung der Bücher stattdessen nach Jahrgängen der Herausgabe bzw. des Ersterscheinens sortiert und gefunden, dass es sich mehrheitlich (97,7%) um Bücher handelt, die zum Teil weit vor WBs Geburt erschienen sind, das heißt, sie wurden vermutlich alle antiquarisch erstanden, selbst wenn WB der Sammlung weitere Bücher hinzugefügt hatte; nur drei Bücher stammten aus dem 20. Jahrhundert, ABs Buch Muhme Rehlen war nicht darunter.

Auch andere WB-Experten haben sich mit der Muhme Rehlen befasst. So schrieb Peng Yin (10): Nicht nur die Erinnerung an die eigene Kindheit, sondern wohl auch das Beispiel des eigenen Kindes standen Benjamin vor Augen, als er in »Die Mummerehlen« von den Missverständnissen und Entstellungen der kindlichen Sprachwelt schrieb“  und „1932 hat Benjamin »Die Mummerehlen« geschrieben – in jenem Jahr, aus dem eine der letzten Eintragungen über seinen Sohn Stefan (1918–1972) stammt …Seit dessen Geburt hatte Benjamin ein Büchlein geführt, in dem er »einige Dutzende seltsamer Wörter und Redensarten« seines Sohnes notierte. Beispiele sind etwa: »schringen (springen)«; »Pamsrete (Trompete)«; »Koklade (Schokolade)« oder »Tante Licht (selbständig)«.“

Aber das bringt uns nicht wirklich weiter in der Frage, woher die Muhme Rehlen kam. In ABs Märchenbuch (5) wird die Muhme Rehlen nach Oberstdorf im Allgäu lokalisiert, es gibt sogar ein Märchen „Wo kam die Muhme Rehlen her und wo ging sie hin“, aber da es sich um ein Märchen handelt, ist der historische Gehalt eher fragwürdig; Quellen für ihre Märchen(-Inspiration) nennt AB leider nicht.

Mehr durch Zufall stieß ich nun auf eine weit größere Sammlung von Kinderbüchern: Die Staatsbibliothek Berlin in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) beschloss bereits 1951, Kinder- und Jugendbücher zu sammeln; beim Zusammenschluss der Staatsbibliotheken Ost und West nach der Wiedervereinigung 1989 blieb diese Sammlung erhalten. Im Projekt „Colibri“ (Bild 4) wurden zwischen 2021 und 2025 mehr als 15.000 Kinder- und Jugendbücher aus dem 19. Jahrhundert der Staatsbibliothek der SPK sowie der Universitätsbibliotheken von Braunschweig und Bielefeld und der Stiftung Internationale Jugendbibliothek digitalisiert – allein in Berlin über 4.000 Bücher. Diese Bücher sind heute im Internet zugänglich (11) und vollständig durchsuchbar.

Bild 4. Titelbild des Kinderbuches von 1839 (12).

Die Suche nach „Muhme Rehlen“ oder „Muhme Rählen“ ergab sieben Fundstellen, die älteste davon in einem Buch von 1839 (12) (und wurde dort bereits als den meisten Kindern bekannt vorausgesetzt), die weiteren von 1851, 1855, 1859, 1870, 1874 und 1882. Der Vers war mehr als 50 Jahre vor WB bereits in der Welt, auch wenn er sich über die Jahre geändert hatte. So heißt es zum Beispiel im Jahr 1839 am Ende „… auf dem Tische liegt ein Buch/Und das ist ein Wunderbuch/In dem Buche steht geschrieben/Lest, und werdet klug, Ihr Lieben“ (12). Er wurde anscheinend benutzt, um Kindern, die vorgelesen bekommen wollten, „unendliche Geschichten“ zu erzählen – bis zum Einschlafen. Interessant auch, dass die Muhme Rehlen in einem der Bücher (13) unter der Überschrift „eine Wanderung“ in einem Märchen gemeinsam mit Knecht Ruprecht und als eine Art Gegenspielerin zu ihm erscheint, der unartige Kinder bestraft, während die artigen Kinder belohnt werden. Manche der Muhme-Rehlen-Verse waren mit reizenden, kindgerechten Zeichnungen dieser Zeit illustriert (Bild 5) (14).

Bild 5: Kinderbuch mit Versen und Zeichnungen über die Muhme Rehlen von 1874, Blatt 22 (14).

Aber wir sind noch nicht am Ende der Suche: Im Deutschen Volkslied-Archiv (DVA), das seit 1914 Volkslieder sammelt und heute Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) heißt, gibt es nach Aussage von Henriette Herwig (3) zwei Sammelmappen (15), in denen das DVA sprachliche Varianten der „Muhme Rehlen“ zusammengestellt hat, und die ergeben zusammen fast 100 sowohl textliche wie mündliche Überlieferungen: Neben der Muhme Rehlen/Rählen sind dies Tanten mit dem Namen Rähle, Prählen, Röhlen, Hehlen, Röllen, Freelen, Stehlen, Mählen, Beele, Frölen, Grelen, Schmehle Fräle  und einig mehr, die sich auf „erzählen“ reimen, und es gibt sie in Scherzgeschichten, Neckmärchen und Sprachliedern.

Um diese zwei Mappen einzusehen und die Datierung der Varianten zu überprüfen, muss man wiederum nach Freiburg ins Archiv, und kann vielleicht auf dem Weg dahin oder auf dem Rückweg in Frankfurt die Benjaminsche Kinderbuchsammlung ansehen!

Literatur

  1. Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2010.
  2. Detlev Holz: https://de.wikisource.org/wiki/Die_Mummerehlen
  3. Henriette Herwig: Zeitspuren in erinnerter Kindheit: Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert. In Bernd Witte, Hrsg.: Benjamin und das Exil. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, Seite 44-73.
  4. https://www.volksliederarchiv.de/alte-kinderreime/ich-will-dir-was-erzaehlen-von-der-muhme-raehlen/
  5. Muhme Rehlen. Ein Märchenbuch von Alice Berend. Verlegt bei Hermann Schaffstein, Köln 1921.
  6. Maria Kühn, Hrsg.: Macht auf das Tor! Alte Deutsche Kinderlieder. Reime Scherze und Singspiele. Langewiesche Verlag, Düsseldorf 1905, Seite 133.
  7. Franz Magnus Böhme: Deutsches Kinderlied und Kinderspiel. Verlag Breitkopf und Härtel, Leipzig 1897, Seite 325.
  8. Berthold Hartmann: Das volkstümliche deutsche Kinderlied. Volksüberlieferungen aus allen Landen deutscher Zunge. Verlag von Rudolph & Dieterici, Annaberg 1885, Seite 41.
  9. https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/benjamin
  10. Peng Yin: Die Mummerehlen. In: Tobias Robert Klein, Hrsg.: Klang un d Musik bei Walter Benjamin. Wilhelm Fink Verlag, München 2013.
  11. Das Projekt Colibri in der Staatsbibliothek Berlin: https://ds.colibri-portal.eu/index/
  12. Henriette Edeling: Noch ein Buch für Kinder oder Nützliche und unterhaltende Erzählungen für das Alter vom 7ten bis zum 14ten Jahre. Verlag von H.A. Pierer, Altenburg 1939, Seite 163f.
  13. Ferdinand Schmidt. Der Schiffscapitain. Erzählung für Jung und Alt. Verlag Voigt & Günther, Leipzig 1855, Seite 81.
  14. Richard Schmidt-Cabanis: Allerlei nette Pflanzen. Heitere Kinderlieder aus Wald und Feld, von Wiesenflur und Garten. Verlag Braun & Schneider, München 1874, Blatt 22.
  15. Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) an der Universität Freiburg: K XIII59 und K IX 9 (Mappen zu „Muhme Rehlen“).

Paul Enck

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