Alles fing mit einem Foto an, das uns Alexander Darda, der zum und im Tiergartenviertel recherchiert (1), zuschickte (danke, Alexander!) und das Haus Dörnbergstraße 7 zeigt (Bild 1), das es nicht mehr gibt. Das Haus kam uns bekannt vor; mit der Zeit lernt man, Hausfassaden nach Baumeistern und Architekten zu unterscheiden, und dieses Haus erinnerte mich an eines in der Lützowstraße 60/60a, das auch nicht mehr existiert (mittendran vom 27. Februar 2024).

Bild 1: Hausfassade des Wohnhauses Dörnbergstraße 7 (Foto um 1895, aus (2), Fotograf unbekannt, gemeinfrei).
Zuerst habe ich mir die Quelle des Fotos besorgt, was einfach war, weil es digital zugänglich ist. In einer Zeitschrift von 1895 mit dem Titel „Neubauten“ (2) mit Abbildungen von seinerzeit neuen Häusern und Gebäuden war es das einzige Haus im Lützow-Viertel, und eines von nur vier aus Berlin. Neben dem Foto der Fassade enthielt es auch einen Grundriss des Wohnhauses (Bild 2) und einen kurzen erläuternden Text.

Bild 2: Grundriss des Hauses Dörnbergstraße 7; oben rechts im Garten die drei Atelierhäuser (siehe Bild 3), aus (2), gemeinfrei).
Das Atelierhaus Dörnbergstraße
Der Text brachte eine Bestätigung einerseits, eine Überraschung andererseits: Der Architekt des Hauses war, wie vermutet, Max Ravoth (1850-1923), ein jüdischer Architekt, der auch das Haus Lützowstraße 60/60a gebaut hatte. Die Überraschung: Wie dort hatte er auch in der Dörnbergstraße 7 in den Garten ein Atelierhaus gesetzt, eigentlich sogar drei (siehe Bild 2). Diese gleichen dem Atelierhaus, das er zwei Jahre zuvor in der Lützowstraße realisiert hatte und das in einer Architekturzeitung (3) überaus positiv besprochen worden war, nur waren es diesmal drei Ateliers auf drei Etagen (Bild 3). Folgt man dem Grundriss, sind zwei der drei Ateliers im Erdgeschoss speziell ausgestattet mit einem gläsernen Vorbau: „Der Maler selbst steht bei seiner Arbeit im Atelier oder im Glaskasten. Wünscht er jedoch, Gegenstände, Figuren usw. zu malen, die ganz im Freien, im Regen oder Schnee stehen sollen, so stellt er sie außerhalb des Glaskastens ins Freie und malt sie vom Glaskasten aus“ (3). Das dritte Atelierhaus hatte diesen Vorbau im Erdgeschoss nicht, sollte daher vermutlich für Bildhauerei genutzt werden, bei der das aktuelle Licht nicht eine so entscheidende Rolle spielt wie bei der Malerei.

Bild 3: Fassade und Grundrisse der drei Atelierhäuser mit jeweils drei Etagen (aus: Bauakten im Landesarchiv Berlin, B Rep.202 Nr. 4865).
Die Künstler und Künstlerinnen
Wir haben uns dann gefragt, welche Künstler:innen wohl unter dieser Adresse gewohnt und gearbeitet hatten. Wie in der Lützowstraße 60/60a war auch hier die Liste der Künstler:innen recht lang für den Zeitraum 1890, Fertigstellung des Hauses, bis 1936. Insgesamt waren es 42 Maler:innen und Bildhauer:innen, die zwischen einem und 40 Jahre in der Dörnbergstraße 7 wohnten; nur ein Maler, Ernst Albert Fischer-Cörlin (1852-1932), hatte an beiden Orten gearbeitet, 1893 in der Lützowstraße und ab 1894 bis zu seinem Tod 1932 in der Dörnbergstraße (Bild 4). Er war ein Meisterschüler bei Anton von Werner (1843-1915), wie dieser Historien-, Genre- und Landschaftsmaler, und er nahm von 1877 bis 1892 an der Ausstellung der Preußischen Akademie der Künste teil. Von ihm sind viele Bilder im Netz zu finden.

Bild 4: Gemälde „Pusztamädchen“ von Ernst Albert Fischer-Cörlin (1852-1932), gemalt um 1900 (aus Wikipedia, gemeinfrei).
Wir können davon ausgehen, dass die langjährigen Mieter diejenigen waren, die die Atelierhäuser nutzten, also in der Dörnbergstraße 7 neben Fischer-Cörlin vermutlich Selma Friedländer. Selma Friedländer war am 24. April 1860 in Ratibor (Oberschlesien) als (einzige?) Tochter des jüdischen Kaufmanns Moritz Friedländer und dessen Frau Balbina, geborene Alexander, auf die Welt gekommen. Wo sie Malerei studiert bzw. gelernt hat ist unbekannt, sie war aber seit etwa 1902 in Berlin und beteiligte sich an auswärtigen Ausstellungen in Breslau, Dresden, Mannheim und Stuttgart. Für die Zeitschrift „Berliner Leben“ (4) erlaubte sie 1905 fotografische Aufnahmen aktueller Arbeiten (Porträts) in ihrem Atelier, darunter ein Selbstporträt (Bild 5), ohne die wir keinen Schimmer ihres Aussehens und ihrer Kunstfertigkeit hätten. Selma Friedländer wohnte in der Dörnbergstraße 7 von 1904 – mit Unterbrechungen – bis 1933. 1925 erhielt sie vom Präsidenten der Akademie der Künste ein Unterstützungsschreiben für eine Studienreise nach Italien (5). 1934 wohnte sie in der Hohenzollernstraße 11; ein Gestapo-Ausbürgerungsbescheid von 1942 belegt ihre letzte Adresse in der Graf-Spee-Straße 11 für 1935 (6). Ausweislich einer genealogischen Datenbank floh sie 1935 vor den Nazis nach England, wo sie 1939 im Rahmen einer Volkszählung in London-Kensington (74 Cromwell Road) registriert war; sie starb vermutlich am 8. Oktober 1945 und ist auf dem East Ham Cemetery beerdigt.

Bild 5: Sechs Porträt-Gemälde von Selma Friedländer (1860-1945); rechts oben ein Selbstproträt der Malerin (aus (4), gemeinfrei).
Über den aus Westfalen stammenden Bildhauer Heinrich Wefing (Bild 6), der 21 Jahre lang, von 1896 bis 1917, in der Dörnbergstraße 7 wohnte und arbeitete, gibt es ebenfalls einige Informationen (7): Geboren am 12. September 1854 in Eickum (Herford), studierte er Bildhauerei in Berlin, u.a. bei Friedrich Drake (1805-1882). Er ist bekannt als Schöpfer zahlreicher Denkmäler preußischer Herrscher und Berühmtheiten, z.B. das sogenannte Zwei-Kaiser-Denkmal in Sorau in der Niederlausitz 1901 und das Denkmal für den Großen Kurfürsten in Herford (Westfalen), wofür er 1902 mit dem Kronenorden 4. Klasse und 1905 mit dem Roten Adlerorden 4. Klasse belohnt wurde. Er war Gründungsmitglied und Vorstand der Vereinigung Westfälischer Künstler 1897 und seit 1887 Fachlehrer für Modellieren an der 9. Städtischen Fortbildungsschule in der Fruchtstraße 38; 1907 wurde er zum Professor ernannt. Er verstarb am 6. Juni 1920 in Berlin im Alter von 65 Jahren an den Folgen der „spanischen Grippe“ und wurde auf dem Alten Zwölf-Apostel-Friedhof in Schöneberg begraben.

Bild 6: Foto von Heinrich Wefing (1854-1920) um 1904 (Quelle: Wikipedia, Louis Fricke, Herford, gemeinfrei).
Was wurde aus dem Atelierhäusern?
Es ist sicher kein Zufall, dass nach der Machtergreifung der Nazis 1933 die Präsenz der Künstler drastisch sank, in der Dörnbergstraße nachhaltiger als in der Lützowstraße. Dies hatte allerdings möglicherweise seinen Grund auch darin, dass das Haus nach Max Ravoths Tod 1923 von seinen Erben verwaltet wurde; möglicherweise war deren Interesse an der Bereitstellung von Arbeitsraum für Künstler:innen geringer als bei dem Architekten. Es ist auffällig, dass Max Ravoth hier nicht nur während der Errichtung des Gebäudes wohnte, sondern nach Fertigstellung wohnen blieb bis zu seinem Tod (Bild 7). Im Jahr 1937 wurde das Haus vom Reichsfiskus übernommen, Verwalter war ein Militär (Stabszahlmeister Voigt); in den nachfolgenden Jahren wurde das Haus vom Oberkommando des Heeres genutzt, ebenso wie Dörnbergstraße 6. In der Lützowstraße 60/60a und 59 nistete sich 1938 die Heeresplankammer ein – für Kunst war in Kriegszeiten kein Platz mehr im Lützow-Viertel.

Bild 7: Adressbuch-Einträge der Dörnbergstraße 7 mit den Eigentümern (E) des Hauses 1913, 1925, 1936, 1937 und 1938.
Mit diesem Bilderfund erhöht sich die Zahl der Adressen im Lützow-Viertel auf drei, an denen zwischen 1890 und 1933 insgesamt mehr als 100 Künstler:innen (darunter 14 Frauen) lebten und arbeiteten: Lützowstraße 60/60a, Lützowstraße 82 und Dörnbergstraße 7. Rechnet man die Künstler:innen in den zwölf Häusern in der heutigen Bissingzeile hinzu, die in dieser Zeit eine Privatstraße ohne Namen war, und all die Künstler und Künstlerinnen, die als „Einzelgänger:innen“ irgendwo im Kiez arbeiteten, kommt man auf fast 200 Kunstschaffende, die das Lützow-Viertel zu einem der prominentesten Wohnbezirke für die künstlerische Bewohnerschaft Berlins machte und erklärt, warum es hier auch die größte Dichte an Kunstgalerien gab (mittendran vom 28. Februar 2025). Zur Künstlerkolonie in der Privatstraße demnächst ein weiterer Spaziergang.
Literatur
- Die Webseite von Alexander Darda ist für Tiergarten-Forscher ein Muss und eine Fundgrube: www.tiergartenviertel.de.
- Neubauten. Eine Sammlung ausgeführter Baupläne zu Wohn- und Geschäftshäusern sowie öffentlichen Gebäuden aus den Mappen hervorragender Architekten, herausgegeben von A. Neumeister und E. Häberle. 1. Jahrgang (1895), Heft 3, Seiten 85,108-110
- Berlin und seine Bauten, Band III/IV, Seite
- Berliner Leben, Jahrgang 8, Heft 11, Seite 13,
- Archiv der Akademie der Künste, Archiv-Nr. PrAdK 0849, Blatt 113.
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Archiv-Nr. Rep. 36A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (II) Nr. 10409
- Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Wefing_(Künstler)
