Straßen im Kiez: Kluckstraße

(ein Beitrag von Prof. Dr. Paul Enck)

Vorab zwei Anmerkungen zu meiner Serie von Artikeln über „Die Straßen im Kiez“, die eigentlich „Die Straßen und ihre Bewohner“ heißen müsste:

Natürlich hat in allen Straßen mehr als nur eine Familie gewohnt, und sicherlich auch mehr als nur eine, deren Geschichte zu rekonstruieren möglich ist und sich lohnt. Und natürlich gab es mehr als ein spannendes Haus oder Gebäude, auch wenn nicht von allen Fotos überliefert sind. Wenn ich am Ende meiner Serie angekommen bin, wird es daher von allen 20 Straßen des Lützow-Viertels mehr als nur eine Geschichte geben, im Augenblick sind es insgesamt 50, und mit jeder abgeschlossenen Geschichte kommen neue hinzu.

Zum anderen: Ich benutze in den Überschriften die jetzigen Namen der Straßen, weise aber oft darauf hin, dass die Namen gelegentlich verändert wurden (wie unten für die Kluckstraße), und für manche Straßen auch mehr als einmal. Diese „Wiedertäuferei“, die es auch in anderen Städten gegeben hat, hat allerdings in Berlin eine besondere Note, die erst dann sichtbar wird, wenn man sich die Namensgeber und ihre Geschichte näher anschaut. Das soll in einer eigenen Geschichte geschehen, die die Serie abschließen wird, vermutlich gegen Jahresende.

Doch nun zur Kluckstraße und ihren Bewohner*innen:

Bild 1: Ausschnitt aus dem Straßenplan der Polizeidirektion Berlin vom 5.Februar 1867 (Entwurf: A Baumann) (Akte AP B Rep. 303 Nr. 17988 im Landesarchiv Berlin).

Vor ihrer Umbenennung in Kluckstraße 1935 hieß sie Magdeburger Straße (seit 1872), und davor für kurze Zeit auch „verlängerte Bendlerstraße“ (Bild 1) und ging vom Bezirk Tiergarten über die Bendlerbrücke bis zur Lützower Weg Straße (später Lützowstraße); allerdings war der weitere Ausbau dieses 1862 von Schöneberg nach Berlin eingemeindeten Stadtteils noch nicht sehr weit fortgeschritten. Der Platz, der ein paar Jahre später Magdeburger Platz heißen sollte, war noch nicht fertig (hieß: Platz Nr. 35), und wie man sieht, war auch das Problem der Nummerierung der Häuser noch nicht abschließend gelöst: Schwarze Zahlen = alte Hausnummern, rote Zahlen = neue Nummern, die dreistelligen Zahlen verweisen auf die Grundstücksnummern in den Kataster-Büchern von Schöneberg bzw. Charlottenburg – dazu ein andermal mehr. Erst 1874 finden wir die Magdeburger Straße im Adressbuch (Warum die Kluckstraße nicht wieder zur Magdeburger Straße wurde, während andere von den Nazis benannte Straßen ihren alten Namen nach 1945 wieder bekamen, wollen wir ebenfalls an anderer Stelle diskutieren).

Wir machen einen kleinen Zeitsprung von etwa 20 Jahren ins Jahr 1895. Inzwischen ist die Gegend weitgehend zugebaut, die Magdeburger Straße geht bis zur Steglitzer Straße, aber nicht weiter, da wo heute auch die Kluckstraße endet; die Steglitzer Straße (heute: Pohlstraße) ging allerdings bis zu Genthinerstraße, über das Areal, das heute zu Möbel Hübner gehört – die gab´s auch schon seit 1908, aber das soll uns hier nicht interessieren. In dem Eckhaus Nr. 16 (Bild 2) wird in den folgenden Jahren Wissenschaftsgeschichte geschrieben: Hier wohnten und arbeiteten der Arzt Oskar Vogt (1870-1959) und seine Frau und Kollegin Cecile, geb. Mugnier (1875-1962).

Bild 2: Das Eckhaus Magdeburger Straße 16 – Steglitzer Straße 37, Wohnhaus und Labor von Cecile und Oskar Vogt (aus: Walter Kirsche. Oskar Vogt 1870-1959. Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1983, Nr. 13/N).

Wie so oft gibt es verschiedene Informationsquellen, die hier unterschiedlicher nicht sein könnten: zum einen seine wissenschaftlichen Biographen, z.B. Walter Kirsche, Anatom und Naturwissenschaftler in der DDR, der zum 25. Jahrestages des Todes von Oskar Vogt eine nach wie vor beachtete und viel zitierte Würdigung schrieb (1). Zum anderen gibt es einen Roman über Oskar Vogt mit dem rätselhaften Titel „Lenins Gehirn“ von Tilman Spengler (2); da Spengler nicht nur Romancier ist, sondern auch Historiker, bietet sein Roman in der Tat beide Aspekte, biographische „Wahrheiten“ wie auch ein paar wilde Spekulationen, und die sind manchmal nicht sehr gut auseinander zu halten für den unbedarften Leser, wie wir schon bei Fontane gesehen haben (siehe mitteNdran vom 19.1.2021). Versuchen wir, uns an die Fakten zu halten, aber da dies keine Biographie werden soll, in der nötigen Kürze.

Oskar Vogt, in Husum 1875 geboren, studierte Medizin in Kiel und zuletzt Jena, wo er 1894 promovierte. Bereits 1895 finden wir ihn im Adressbuch von Berlin, in der Magdeburger Straße 16 (Ecke Steglitzer Straße 36), in einem Wohnhaus, in dem er als „Spezial-Arzt“ angezeigt ist, hier eröffnete er seine neurologische Praxis; er beschäftigte sich vor allem mit der relativ neuen Technik der Hypnose zur Behandlung psychischer Krankheiten. Zu Forschungszwecken ging er 1897 nach Paris (in dem Jahr ist er nicht im Adressbuch gelistet), wo er Cecile Muglier kennenlernte (sie heiraten 1899), die dort ebenfalls Medizin studiert hatte und mit ihm das Interesse an Aufbau und Funktionsweise des Gehirns teilte – sie werden ein ganzes langes Leben zusammen forschen.

Im Jahr 1898 ist Oskar Vogts wieder in der Magdeburger Straße gemeldet (und 1899 wieder im Adressbuch) ; üblicherweise wird nur der Haushaltsvorstand in den Adressbüchern gelistet, und das war zu dieser Zeit immer der Mann – Cecile Vogt taucht 1922 erstmals im Adressbuch als Abteilungsleiterin auf. Die Eheleute bewohnten jetzt eine größere Fläche in dem Haus: statt der ehemals 4 bis 5 Mietparteien sind es jetzt nur 3, und das wird so bleiben in den kommenden Jahren. Zum einen hatte Oskar Vogt dort seine Privatpraxis und sah Patienten – zu seinen berühmtesten gehörte die Familie Friedrich Alfred Krupp, die Stahlmagnaten aus dem Ruhrgebiet. Aber die kamen vermutlich nicht in die Magdeburger Straße, sondern ließen den Doktor zu sich kommen (wenn man Tilman Spengler glauben mag), vor allem Frau Krupp, während sich ihr Mann zunehmend auf Capri mit homo-erotischen Spielen vergnügte – als die öffentlich im sozialdemokratischen „Vorwärts“ (vom 15. November 1902) diskutiert wurden, starb er wenige Tage später (22. November 1902) – an einem Schlaganfall, sagen die einen, durch Suizid die anderen. Die Familie Krupp blieb den Vogts bis zu deren Tod gewogen: Als Oskar Vogt 1935 von den Nazis zwangspensioniert wurde, richteten die Krupps ihnen in Neustadt im Schwarzwald ein Forschungsinstitut ein, in dem sie bis zu ihrem Lebensende weiterforschen konnten.

Bild 3: Die Kartierung des menschlichen Gehirns nach Brodmann – nicht allen 52 Arealen kann eine eindeutige Funktion zugewiesen werden (aus: K.Brodmann. Vergleichende Lokalisationslehre der Grosshirnrinde in ihren Prinzipien dargestellt auf Grund des Zellenbaues. Johann Ambrosius Barth Verlag, Leipzig, 1909).

Außerdem eröffneten die Vogts im Mai 1898 in der Magdeburger Straße 16 eine „Neurobiologische Versuchsstation“, ein privates Forschungsinstitut, das 1902 zum „Neurobiologischen Laboratorium der Universität“ wurde – im gleichen Jahr zog auch der Arzt Dr. Korbinian Brodmann (1868-1918) dort ein, der in den folgenden Jahren die Hauptstütze der Vogts werden sollte, wenn es um die Kartierung des Gehirns ging: Sein Name ist bis heute mit der Vermessung des menschlichen (und tierischen) Gehirns verbunden, die 52 Brodmann-Areale im Gehirn (Bild 3) werden auch heute, in Zeiten der modernen Bildgebung des Gehirns, noch so bezeichnet und genutzt, z.B. Areale 41 und 42, die sogenannte Hör-Rinde, oder Areal 17, der visuelle Kortex. 1909 schrieb er an diesem Institut seine Habilitationsschrift „Die cytoarchitektonische Kortexgliederung der Halbaffen“, die Grundlage für die später nach ihm benannte Einteilung der Großhirnrinde in Felder; die wurde von der Berliner Fakultät abgelehnt (mit fadenscheinigen Gründen), Brodmann überwarf sich mit Vogt, der zwei Jahre jünger war als er, ging nach Tübingen, habilitierte dort, wurde Professor (1913), wechselte 1916 nach Halle und wurde 1918 nach München berufen – starb aber im gleichen Jahr an einer Blutvergiftung (3).

Die Vogts belegten drei Etagen in dem Eckhaus Magdeburger Straße 16/ Steglitzer Straße 37: „Im Parterre wohnte der Hausmeister und im 1. Stock befanden sich die Räume für die ärztliche Tätigkeit Vogts, Mikroskopie-Räume für Mitarbeiter sowie ein Raum, der als  Sekretariat und Bibliothek genutzt wurde. In der 2. Etage befanden sich die Laboratorien für die mikroskopische Arbeit, ausgerüstet mit speziellen großen Hirnschnittmikrotomen. In der 3. Etage war die Fotoabteilung untergebracht, in der für die damalige Zeit ungewöhnlich große Fotografien von Hirnschnitten angefertigt wurden. Dazu existierte in dieser Etage ein Raum für Versuchstiere“ – so Walter Kirsche (1), aber der kritische Leser fragt sich schon, wo dies alles gewesen sein soll, weil die Wohnräume der Familie Vogt – 1903 wurde Marthe, die älteste Tochter, geboren, 1913 Marguerite – in dieser Auflistung noch fehlen, außerdem von 1903 bis 1910 die Wohnung von Dr. Brodmann. Laut Adressbuch war dort zudem von 1908 bis 1927 ein Laborgehilfe gemeldet (der bei Spengler Weppermann heißt), außerdem war im Haus von 1901 bis 1930 eine Plättnerei (mit wechselnden Eigentümern, später heißt so etwas Heißmangel – vermutlich wohnten die Betreiber aber nicht im Haus). Ab 1921 ist in der Magdeburger Straße 16 zusätzlich das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung gemeldet (nur ein zusätzliches Schild an der Tür, aber für C. & O. Vogt der Beginn ihrer Weltkariere), von 1922 bis 1927 ein weiterer Arzt, Dr. F. Beck, außerdem die Zweigstelle des sozialdemokratischen Vorwärts (1923 bis 1930). Und laut Spengler wurden die Tiere (Katzen, Hunde und Halbaffen) im Keller gehalten, was auch vernünftiger scheint als in einem Zimmer im dritten Stock, aber allein die Tatsache, dass es überhaupt Tierversuche in einem Wohnhaus mitten in der Stadt gab, scheint heute schwer nachvollziehbar, mal abgesehen von den Geruchsbelästigungen, die solche Einrichtungen immer mit sich bringen. Und das alles auf den drei Etagen eines Eckhauses? Da wird man wohl mal einen Blick in die Bauakte werfen müssen.

Oskar Vogt selbst beschreibt 1910 (4) einen sehr viel bescheideneren Anfang: Als die Vogts um 1900 mangels Finanzierung überlegten, ihr 1898 gegründetes „neurobiologisches Labor“, das zu diesem Zeitpunkt nur aus Oskar und Cecile bestand, ins Ausland zu verlegen, sprang Friedrich Alfred Krupp ein, übernahm den Etat für das Jahr 1901 und veranlasste die Universität, das Institut in die Universität zu integrieren (1902), ausgestattet mit einem Jahresetat von 22.600 RM, der 1909 um 2000 RM erhöht wurde, für Miete, Personal und Sachmittel – auch wenn die Mieten keineswegs vergleichbar war mit heutigen Mietpreisen, und ein Assistent ein Monatsgehalt von nur 400 RM bekam: das war ein sehr bescheidener Anfang, das Geld dürfte nur für die Vogts und einen Assistenten gereicht haben, und der war Brodmann, auch wenn bis zu 10 Wissenschaftler dort zeitweilig geforscht, und nicht etwa gewohnt haben (5) – es war durchaus üblich ohne ein Gehalt an der Universität zu forschen, mit einem Stipendium oder mit Eigenmitteln. Die Auflistung der Räumlichkeiten bei Kirsche stammt vermutlich aus der Erinnerung von Martha Vogt, aber die dürfte sich kaum an die Anfänge in der Magdeburger Straße erinnern.

Im Jahr 1931 sind dann weder die Vogts noch das Institut in der Magdeburger Straße, sondern alle machen einen Riesenschritt vorwärts: Die 1911 gegründete Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Berlin (Nachfolger ist die heutige Max-Planck-Gesellschaft) gründete in rascher Folge verschiedene Institute, darunter 1914 das Institut für Hirnforschung (KWI-HF); dieses Institut erhielt in Berlin-Buch großzügig ausgestattete Laborräume (Bild 4), in die die Vogts mitsamt Personal einzogen. Es hatte 10 Abteilungen, beschäftigte (Anfang 1936) 57 Wissenschaftler, Techniker und Verwaltungsangestellte, und war das größte Institut seiner Art weltweit bis nach dem Krieg. Die Gesamtleitung hatte Oskar Vogt, seine Frau leitete eine eigene Abteilung (5).

Bild 4: Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch. In der Mitte das Laborgebäude, die weiteren Gebäude gehörten ebenfalls zum Institut (Klinik, Personalhaus, Wohnhaus der Vogts) (aus: Heinz Bielka. Geschichte der medizinisch-biologischen Institute Berlin-Buch. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg, 2. Auflage, 2002)

Der Baubeginn war 1928, die Einweihung war am 2. Juni 1931, zu der auch Ivan Pavlov (1849 – 1936), der 1904 den Nobelpreis für Physiologie/Medizin für seine Untersuchungen der höheren Nerventätigkeit bekommen hatte, gratulierte – und damit die Wertschätzung der russischen Akademie der Wissenschaften ausdrückte: Oskar Vogt hatte im Dezember 1924 auf Einladung einer Ärztekommission der sowjetischen Regierung die Leitung eines Moskauer Forschungsinstitutes übernommen mit der Aufgabe, das Gehirn Lenins, der im Januar 1924 verstorben war, wissenschaftlich mit seinem neuesten Methoden zu untersuchen – auf der Suche nach dem Zusammenhang zwischen Gehirnanatomie und Gehirnfunktion – einer Frage, die die Neurowissenschaften bis heute umtreibt („the brain is governed by rules it cannot understand“ hab ich mal gelernt vor langer Zeit).

Oskar Vogt hat diese Frage nicht beantworten können (u.a. darum dreht sich das Buch von Spengler), aber es hat seinen internationalen Ruf gefestigt (daher die Berufung an das KWI-HF), und gleichzeitig seine frühzeitige Pensionierung beschleunigt: So viel Nähe zu den Sowjets einerseits, und seine liberale, tendenziell unpolitische Haltung gegenüber den neuen Machthabern in Berlin nach der Machtergreifung der Nazis 1933 andererseits, gepaart mit einer politischen Neuausrichtung des Institutes an den Prinzipien der Rassenlehre und Eugenik (6), die er nicht mitgetragen hat, führten 1935 zur Frühpensionierung (er war erst 60 Jahre alt), aber zu 20 weiteren Forschungsjahren in Neustadt im Schwarzwald, abgeschirmt durch die Protektion und finanzielle Unterstützung der Krupp-Familie.

Sollte also für die Kluckstraße die Diskussion um eine Umbenennung erneut aufbrechen, Cecile & Oskar Vogt wären es würdig, dass eine Straße nach ihnen benannt würde, auch wenn das Institut in Berlin-Buch längst ihre Namen trägt.

Literatur

  1. Walter Kirsche. Oskar Vogt 1870-1959. Leben und Werk und dessen Beziehung zur Hirnforschung der Gegenwart. Ein Beitrag zur 25. Wiederkehr seines Todestages. Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Jahrgang 1983, Nr. 13/N, Akademie Verlag, Berlin 1986.
  2. Tilman Spengler. Lenins Gehirn. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991.
  3. Markus Fix. Leben und Werk des Gehirnanatomen Korbinian Brodmann (1868–1918). Unveröffentlichte Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, 1994.
  4. Oskar Vogt. Das neurobiologische Laboratorium. In: Max Lenz. Geschichte der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Band 3. Verlag der Buchhandlung des Warenhauses, Halle a.d.S. 1910, S. 161-2
  5. Heinz Bielka. Geschichte der medizinisch-biologischen Institute Berlin-Buch. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg, 2. Auflage, 2002
  6. Carola Sachse, Hrg. Die Verbindung nach Auschwitz. Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Dokumentation eines Symposiums. Wallstein Verlag, Göttingen 2003.

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