Straßenbahn am Potsdamer Platz

Der Autor, Ralf Hausding, ist in Tiergarten nah am Potsdamer Platz aufgewachsen und erinnert sich gern an seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Nach dem Abriss seines Wohnhauses hat es ihn nach Spandau verschlagen. Heute bietet er Stadtrundgänge in Tiergarten und weiteren Berliner Bezirken an. 

Meine erste Begegnung mit der Berliner Straßenbahn muss etwa 1956/57 gewesen sein. Wir lebten in der Potsdamer Straße 29 an der Ecke Eichhornstraße, etwa in der Mitte zwischen Potsdamer Platz und Potsdamer Brücke. Leider hatten wir vor unserem Haus keine Straßenbahnhaltestelle, sodass wir die Elektrische, wie sie liebevoll von den Berlinern genannt wurde, nur selten nutzten. Nach der Teilung des Netzes 1949 in BVG-West und BVG-Ost fuhren die Züge bis zum Januar 1953 noch über die Sektorengrenze.

Nachdem die BVG-Ost auch auf den die Sektorengrenzen kreuzenden Linien Frauen als Fahrerinnen einsetzte, was in West-Berlin nicht erlaubt war, wurden die Linien geteilt. Unsere 73 und 74 endeten nun von Lichterfelde kommend am Potsdamer Platz. Von der Ostseite fuhren die Züge vom Leipziger Platz nach Weißensee.
Für mich war es interessant, die Rangiermanöver zu beobachten, denn eine Kehrschleife gab es hier nicht. Die Züge kamen aus Richtung Schöneberg und hatten ihre Endhaltestelle unmittelbar vor dem Haus Huth (Potsdamer Straße 5). Hier mussten alle Fahrgäste an einer schmalen Schutzinsel aussteigen. Wer weiterfahren wollte, ging zu Fuß über die Sektorengrenze, wurde mitunter von der Ost-Berliner Volkspolizei kontrolliert, und stieg drüben in die Ost-74 wieder ein. Die Fahrscheine wurden gegenseitig anerkannt.
War der Zug nun leer, wurde er ein Stück vorgezogen und die Schaffner machten sich daran, die Beiwagen abzukuppeln. Der Triebwagen zog noch weiter vor und umfuhr dann die Beiwagen auf dem anderen Gleis, setzte sich auf der anderen Seite davor, wurde wieder angekuppelt und zog dann zur Abfahrthaltestelle vor. Meist war dann schon der nächste Zug angekommen. Wie beschrieben,  endeten hier zwei Linien, die gemeinsam, sozusagen als Schwesterlinien, bis nach Steglitz fuhren. Am Hindenburgdamm (Wiesenbaude) trennten sie sich. Die 73 fuhr nach Lichterfelde-Ost, Jungfernstieg und die 74 zur Finckensteinallee in Lichterfelde-West.

Straßenbahn der Linie 73 am Potsdamer Platz (1962)

Ich kann mich an eine kleine Geschichte erinnern, die nach dem Mauerbau 1961 passierte. Damals standen immer West-Berliner Polizisten an der Grenze. Zu dieser Zeit noch mit ihren grau-blauen Uniformen, einem Tschako auf dem Kopf und einem Karabiner über der Schulter. An diesem Tag stand nun ein Beamter genau vor der Mauer und auf dem Gleis, auf dem sich der Triebwagen nach dem Abkuppeln näherte. Der Straßenbahn-Fahrer machte sich einen Spaß, grinste über beide Backen und fuhr auf den Polizisten zu. Natürlich hatte er nicht die Absicht ihn zu überfahren, aber er tat so. Was er dabei aber nicht bedachte, war, dass er über seinen normalen Wendepunkt hinausfuhr. Es machte schwupps und der Stromabnehmer rutschte über das Ende der Fahrleitung hinaus. Nun lachte der Polizist. Aber offensichtlich verstand er Spaß und half, den Triebwagen wieder unter die Fahrleitung zurück zu schieben.
Neben den beiden beschriebenen Linien durchfuhren noch andere unser Tiergarten-Süd. Bis 1954 kam vom Roseneck die Kurfürstendammlinie 76 über den Lützowplatz, die Lützowstraße und die Flottwellstraße zum Askanischen Platz am Anhalter Bahnhof.
Vom Stadtpark Steglitz fuhr die Linie 88 durch die Potsdamer Straße und die Lützowstraße, weiter über die Kochstraße zur Wiener Brücke in Kreuzberg.
Im Berufsverkehr wurde die 74 verstärkt. Eine Linie 74E endete dann in der Kurfürstenstraße, zwischen Potsdamer Straße und Steinmetzstraße.
Bis 1964 war das alles vorbei. Man hatte die leistungsfähige und umweltfreundliche Elektrische nach und nach eingestellt und ließ den ach so modernen Autobus fahren. Es hat viele Jahre gedauert, bis man den Irrtum einsah. Aber auch heute gibt es viele Politiker, vor allem aus dem konservativen Lager, die immer noch autogläubig sind.
Wenn man in die Hochzeit der Elektrischen 1929 zurückblickt, zu einer Zeit, als die Potsdamer eine wichtige Verbindung in das alte Zentrum war, fuhren in Berlin 89 Straßenbahnlinien, von denen eine größere Anzahl auch durch die Potsdamer Straße fuhren. Im Berufsverkehr bildete sich eine Zugfolge von 1-2 Minuten.
Manchmal höre ich im Geiste noch das Klingeln, wenn die Schaffner das Kommando zur Abfahrt gaben.

Redaktion

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