Spaziergang in die Vergangenheit (45): ENIGMA in der Steglitzer Straße (Teil 2)

Im ersten Teil der Geschichte der ENIGMA (mittendran vom 3. Oktober 2026), der Chiffriermaschine der deutschen Wehrmacht, deren Entschlüsselung durch den englischen Geheimdienst den Verlauf des Zweiten Weltkriegs beeinflusst hat, hatten wir Arthur Scherbius (1878-1929), seine Herkunft und seine Firma Scherbius & Ritter vorgestellt, die 1920 gegründet wurde. In einer ersten Beschreibung der Funktionsweise seiner Maschine 1923 (1) (Bild 1) hatte Scherbius erstmals den Namen ENIGMA verwendet.

Bild 1: Die Schreibmaschinen-ähnliche Chiffriermaschine ENIGMA

Anzeige wegen Landesverrates

Die geplante Kommerzialisierung der ENIGMA rief Neider auf den Plan, auch wenn sie letztlich scheiterte in und an der politischen und wirtschaftlichen Situation in den Jahren 1923 und 1924 (2): Superinflation und Einführung der Goldmark, politische Bindung an die liberale Partei, fehlende Weitsicht der staatlichen Stellen und unterschiedliche Interessen von Investoren einerseits, Erfindern andererseits.

Im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde fand sich eine Akte (3) mit einer Anzeige wegen Landesverrats gegen Arthur Scherbius vom Januar 1924, erstattet von dem Oberingenieur Karl Hoecken (1874-1962) (Bild 2) (4). Er wollte die Reichssanwaltschaft darauf aufmerksam machen, dass Arthur Scherbius auf der Basis von im Ersten Weltkrieg beim Munitionsbeschaffungsamt erworbenen Wissens dieses jetzt an Zivilpersonen im In- und Ausland verkaufe und damit nicht nur indirekt deutschen Interessen schade, sondern auch direkt ausländischen Geheimdiensten, Botschaften und dem Militär erlaube, geheime Informationen aus Deutschland zu entschlüsseln.

Bild 2: Strafanzeige wegen Landesverrats gegen Arthur Scherbius (aus: (3)).

Karl Hoecken bezichtigte nicht nur Scherbius des Landesverrats, sondern auch den Vorstand der ChiMaAG. Er nannte in diesem Zusammenhang einige Kunden der Firma, die sich für die Chiffriermaschine interessiert hätten, darunter auch eine niederländische Firma. Daher forderte Hoecken die Staatsanwaltschaft auf, „die sofortige Unterbindung der Fortsetzung der Fabrikation sowie der Ausführung der bereits erteilten Aufträge zu welchem Zwecke zur eine sofortige Beschlagnahme sämtlicher zur Fabrikation dienenden Unterlagen wie Zeichnungen, Stücklisten, halbfertige Teile und Maschinen notwendig ist, zumal einige bestellte, bereits lieferungsfertige Maschinen auch für das Ausland bereit stehen.“

Erst am Ende des 5-seitigen Schreibens macht der Ankläger die Staatsanwaltschaft darauf aufmerksam, dass er ein früherer Mitarbeiter der Firma Scherbius & Ritter sei, der Arthur Scherbius aus seiner Zeit beim Militär kannte, in der beide beim gleichen Dienst besoldet waren. Der zentrale Punkt kommt dabei mehr oder weniger beiläufig zur Sprache: Er sei im „August vergangenen Jahres von dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates als wissenschaftlicher Beirat der Gesellschaft engagiert worden war, um in der Hauptsache neue Versuche auf dem Gebiete der Rechenmaschinen vorzunehmen. Entgegen dieser Vereinbarung wurde ich aber genötigt, meine Tätigkeit ausschließlich auf die Förderung der Chiffriermaschinen einzustellen. Als ich dies auch noch ablehnte, wurde mir vertragswidrig und fristlos gekündigt“.

Vermutlich nicht zuletzt deswegen ist aus der Anzeige kein Strafverfahren resultiert: Der Anzeigende war offenkundig über seine Kündigung und Nicht-Beteiligung an der Kommerzialisierung derartig erbost, dass er vor falscher Anschuldigung nicht zurückschreckte. Der Umstand, dass die dem Militär verkauften Maschinen sich gegenüber der kommerziellen Version durch technische Einzelheiten unterschied, die einen solchen Missbrauch verhinderten, war dem Anzeigenden offenbar nicht bekannt. Die Reichsanwaltschaft in Leipzig verfügte daher am 27. Februar 1924 die Einstellung des Verfahrens, da die Geheimhaltung der Chiffriermaschine „Enigma“ und ihre Konstruktion im Sinne des Gesetzes gegen den Verrat militärischer Geheimnisse vom 3. Juni 1914 nicht erforderlich sei.

Unfall und Tod

Der tragisch-frühe Tod von Arthur Scherbius ist in der Literatur nur ungenau beschrieben: Dort heißt es nur „Im Jahr 1929 verlor er bei einem Ausritt die Kontrolle über seine Pferdekutsche und krachte gegen eine Mauer. Er starb am 13. Mai an seinen inneren Verletzungen“ (5). Also haben wir uns auf die Suche nach einem detaillierteren Unfallbericht gemacht. Eine erst vor wenigen Jahren veröffentlichte Familiengenealogie (6) erbrachte einige spezielle Informationen, die ein paar Spekulationen erlauben.

Bild 3: Sterbeanzeige vom 15. Mai 1929 in der Deutschen Allgemeinen Zeitung (7).

Arthur Scherbius starb am Montag, den 13. Mai 1929, morgens um 12:15 Uhr. Am 15. Mai erschien eine Todesanzeige in der Deutsche Allgemeine Zeitung in der Abendausgabe (Bild 3). Eine Nachricht über den Unfall fanden wir für Dienstag, den 14. Mai, und nur im Berliner Lokalanzeiger (7) (Bild 4); in allen anderen Berliner Blättern fand sich über den Unfall keinerlei Information.

Bild 4: Unfall-Notiz im Berliner L0kalanzeiger vom 14. Mai 1929 (7).

Diese eine Nachricht sagt nicht aus, wann genau der Unfall sich ereignete, aber schon, wo dies war: auf dem Firmengelände in Wannsee (Königstraße 40). Da jedoch der Tod am Montagvormittag in der Unger-Klinik festgestellt worden war, muss sich der Unfall vor Montag ereignet haben, und da er auf dem Firmengelände erfolgte, vermutlich an einem Werktag, also am ehesten am Freitag, den 10. Mai, wenngleich Samstag oder Sonntag nicht völlig ausgeschlossen werden können.

Die fehlende Information in fast allen Tageszeitungen deutet darauf hin, dass der Unfall nicht der Polizei gemeldet worden war – es gab für das Wochenende eine Vielzahl von Meldungen über andere Verkehrsunfälle in allen Zeitungen. Stattdessen fanden sich in der Familiengeschichte (6) zwei weitere Beschreibungen des Unfalls: „Er wurde von einem mit Pferden bespannten Wagen, die scheuten und den Wagen rückwärts schoben, gegen die Mauer gedrückt, wobei er schwere innere Verletzungen erlitt“ und in der Erinnerung von Else Strack geb. Heimsoeth, eine Cousine von Arthur Scherbius: „Mein hochbegabter Vetter Scherbius, ein Erfinderhirn … endete entsetzlich, als seine Pferde, die er beruhigen wollte, ihn in einem Durchgang totquetschten.“

Für unsere These des Unfalls am Wochenende (Freitag, Samstag oder Sonntag) spricht auch, dass der Verletzte offenbar den weiten Weg (20 km) nach Berlin in die Unger-Klinik, Derfflinger Straße 19 transportiert worden war, obwohl es einige Unfallkliniken auf dem Weg zwischen Wannsee und Berlin gab, die für eine Akutbehandlung eher in Frage gekommen wären: in Steglitz, Friedenau oder Schöneberg. Möglicherweise war die Schwere der inneren Verletzungen zunächst nicht erkannt worden und machte erst am Wochenende den Transport in eine Klinik notwendig, wo er verstarb (Bild 5). Dass dabei eine weit entfernte Privatklinik gewählt wurde, mag daran gelegen haben, dass dem Patienten oder seinen Angehörigen einer der dort tätigen chirurgischen Spezialisten bekannt war.

Bild 5: Sterbeurkunde des Arthur Scherbius.

Was aus der ENIGMA und der Scherbius-Familie wurde

Die Chiffriermaschine wurde nach Arthur Scherbius‘ Tod und der Umwandlung der ChiMaAG 1935 von der Firma Heimsoeth & Rinke weitervermarktet, die erst nach dem Krieg ihre Tätigkeit einstellte (8).

Die Geschichte der Entschlüsselung der ENIGMA-Codes durch den britischen Mathematiker und Informatiker Alan Turing (1912-1954) und dessen Team beim Geheimdienst in Bletchley Park im Jahr 1940 ist in vielfältiger Form dokumentiert und präsentiert, im Buch- wie im Filmformat (9); auch das tragische Ende von Alan Turing ist hinreichend bekannt (10).

Die weitere Geschichte der Familie Scherbius ist in einem Artikel in der Zeitschrift Archiv für Familienforschung für die Familie Nacken-Scherbius (6) dokumentiert: Elisabeth Scherbius geborene Taaks hatte nach dem Tod ihres Mannes zunächst erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Sie heiratete 1931 den Ingenieur Friedrich Josef Pungs (1894-1986), der ihren Sohn adoptiert. In der Zeit des Nationalsozialismus schloss sie sich der kommunistischen „Roten Hilfe“ an, engagierte sie sich im Widerstand und wurde inhaftiert, aber aufgrund eines ärztlichen Attestes entlassen und in ein Tuberkulose-Sanatorium eingewiesen (11). Sie starb am 8. August 1945.

Ein Nachruf auf Arthur Scherbius soll diese Geschichte beenden.

Bild 6: Nachruf auf Arthur Scherbius (aus (6)).

Literatur

  1. Arthur Scherbius: „Enigma“ Chiffriermaschine. Elektrotechnische Zeitschrift 1923, Heft 47/48, 29. November 1923, Seite 1035-1036.
  2. Claus Taaks: Scherbius and the Enigma. Political, Economic and Militäry Conditions. From the Order of the Imperial Army 1917 to the Ruin of the Chiffriermaschinen AG 1925. Online: https://pdfs.semanticscholar.org/2595/d5419c2f52fad30560335658b31572b12911.pdf.
  3. Akte im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde: R 3003/13879.
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Hoecken.
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Scherbius.
  6. Kurt Nacken: Anna Hedwig Scherbius geb. Nacken. Archiv für Familiengeschichtsforschung 15 (2011) Heft 2, Seite 49-60.
  7. Deutsche Allgemeine Zeitung vom 15.5.1929, Seite 3; Berliner Lokal-Anzeiger vom 14. Mai 1929, Seite 5.
  8. Akte im Landesarchiv Berlin: Heimsoeth & Rinke, A Rep- 342-02 Nr. 21576 und 21577.
  9. Dermot Turing: XY&Z. The real story of how the Enigma was broken. The History Press, Cheltenham, U.K. 2021.
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Turing
  11. Volker Hoffmann: Hanno Günther, ein Hitlergegner 1921-1942. Hentrich Verlag, Berlin1992.

Paul Enck

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