Spaziergang in die Vergangenheit (9). Auf der Suche nach Edvard Munch

Noch mal zurück ins Atelierhaus Lützowstraße 82, das wir neulich besucht haben. Uns war etwas aufgefallen, und bei dessen Überprüfung sind Ungereimtheiten in der Geschichte des Atelierhauses aufgetaucht: Der Wikipedia-Artikel listet etwa 60 Künstler (Maler, Bildhauer, Fotografen), die zwischen 1890 und 1910 dort wohnten, und darunter waren Hans Baluschek (1870 – 1935) und Edvard Munch (1863-1944).

Also haben wir das Berliner Adressbuch dieser Jahre systematisch ausgewertet und fanden Hans Baluschek zu keinem Zeitpunkt unter dieser Adresse gelistet, stattdessen in Schöneberg (Vorbergstr. 16) und im Hansaviertel (Klopstockstraße 24). Und zu unserer Überraschung war auch Edvard Munch kein Mieter im Atelierhaus, jedenfalls keiner, der einen Mietvertrag mit dem Eigentümer (die Firma Schleicher bzw. deren Nachfolger) hatte, sonst wäre er – über das Einwohnermeldeamt – zwangsläufig im Adressbuch gelandet. Alle anderen Künstler konnten wir dem Atelierhaus zuordnen, aber Munch steht nicht einmal im Adressbuch. Wenn aber das Adressbuch nicht zeigt, dass Munch in der Lützowstraße gewohnt hat, muss es zumindest eine Quelle geben, die dies behauptet (und belegt), und von der alle anderen Quellen (auch der Wiki-Artikel, auch die Berliner Ausstellungsmacher im vergangenen Herbst) wiederum abgeschrieben haben.

Auf der Suche nach dieser Quelle haben wir uns an das Munch-Museum in Oslo gewandt und bekamen von dort einen Hinweis auf die vielen Briefe, die Munch selbst geschrieben hat mit den verschiedenen Adressenangaben, und die privaten und „dienstlichen“ Briefe und Postkarten, die er an seine diversen Berliner und sonstigen Adressen bekommen hat. Im Munch-Museum sind alle diese Dokumente vollständig digitalisiert, so dass man nach der Adresse suchen kann.

Im gesamten Munch´schen Nachlass fanden sich 48 Dokumente, meist Briefe oder Postkarten von ihm oder an ihn, in denen diese Adresse vermerkt ist, in einigen Fällen mit dem Hinweis, dass er verzogen sei. Wenn man diese 48 Dokumente auswertet in Bezug auf die Zeiten, in denen er unter dieser Adresse erreichbar war, beschränken sich diese auf drei Monate (Januar bis März) im Jahr 1902 und neun Monate, von Oktober 1903 bis Juni 1904, fast zwei Jahre später.

Und da er, wie wir nun zu wissen glauben, keinen Mietvertrag hatte, ist es auch möglich, dass er im Atelier eines – befreundeten oder bekannten – Malers oder Bildhauers zeitweilig „überwintert“ hat, während der in wärmere, südlichere Gefilde geflohen ist. Welcher der anderen Künstler dies war, lässt sich natürlich kaum ermitteln; einer, der in Frage käme, wäre Walter Leistikow (1865-1908), der von 1891 bis 1897 eines der Ateliers gemietet hatte und mit dem er seit 1895 Kontakte pflegte (Bild 1). Allerdings malte Leistikow schon lange nicht mehr im Atelierhaus als Munch dort wohnte (1902/1903).

Bild 1: Eínladung von Walter Leistikow, der in der Lützowstraße 82 sein Atelier hatte, an Edward Munch vom 28. Mai 1895. Archivalie mit der ID MM K 2745 im Munch-Museum Oslo.

Dann kann natürlich das im letzten Beitrag gezeigte Foto von ihm, das nach Angaben des Munch-Museums 1902 in dessen Atelier in der Lützowstraße 82 aufgenommen wurde, sehr wohl woanders als in der Lützowstraße entstanden sein, ebenso wie das Foto, dass ihn auf seinem Koffer sitzend zeigt (Bild 2), auch wenn dies in der Munch-Monografie so behauptet wird (1). Sechs Monate im Leben eines Künstlers mögen reichen für ein paar großartige Werke – in einem der Briefe schätzte er den Wert des Gemälde von 1903, das später „Der Schrei“ hieß, auf 600 Mark – aber sicherlich kann man diese sechs Monate nicht als Durchbruch seines Schaffens bezeichnen, wie es gelegentlich passiert, lag doch seine erste Ausstellung 1892, die einen Skandal auslöste, bereits zehn Jahre zurück und er war inzwischen ein angesehener, wenngleich offenbar kein reicher Maler, da er oft umzog. Und überhaupt: Folgt man seinem Biografen (1), mietete er im Winter 1902 „ein paar Zimmer in Berlin, um tatsächlich mit der Arbeit zu beginnen“ (S. 272), nachdem ein Förderer (Sponsor würde man heute sagen), Albert Kollmann (1837-1915), „für ihn eine Ausstellung bei dem renommierten Kunsthändler Paul Cassirer organisiert [hatte]„.

Bild 2: Foto von Edvard Munch in seinem Atelier. Nach Angaben des Munch-Museums wurde das Bild mit Selbstauslöser 1902 im Atelier in der Lützowstraße 82 gemacht.

Unter den 48 Dokumenten im Munch-Archiv fand sich schließlich auch eines, das doch einen Mietvertrag nahegelegt: Am 18.7.1904 schrieb Albert Kollmann einen Brief an ihn nach Norwegen: „Lieber Herr Munch, Ich bin jetzt Warnemünde Hotel am Meer. In Berlin war ich jetzt 2 Tage … In Ihrem Atelier Lützow Str war ich auch. Portier bittet, dass Sie Miete p. 1 Juli an Hauswirt M[ark]. 203. senden. Er fragt danach jeden Tag. … Es ist einiger Besuch in Ihrem Atelier gewesen: Kessler mit einem anderen Herrn. Dann auch Schittgen mit Damen und mehreren Anderen, Portier hat die Führung gemacht … Schreiben Sie mir nach Warnemünde Hôtel am Meer.“ (2)

Also zumindest für 1904 muss Munch einen Mietvertrag gehabt haben und nicht (nur) eine Untermiete; die Miete: 203 Mark, vermutlich für sechs Monate. Warum dann der Mieter nicht im Adressbuch gelistet ist, hat vermutlich damit zu tun, dass Munch sehr viel unterwegs war, selbst wenn er in Berlin war. Nehmen wir wohlwollend und zu seinen Gunsten an, dass ihm die Meldepflicht bei den Behörden nicht bekannt war und er ihr deswegen nie nachgekommen ist.

Die wenigen Monate im Atelierhaus in der Lützowstraße 82 sind jedenfalls dem Autor der großen (600 Seiten) Munch-Biografie (1) nur wenige Seiten wert: Edvard Muchs Kunst und Leben – und seine Zeit in Berlin – sind weit mehr durch Ereignisse außerhalb Berlins und Deutschlands geprägt worden, Paris unter anderem und natürlich Norwegen. Selbst der „Skandal“ seiner nach wenigen Tagen geschlossenen Ausstellung 1892 sagt mehr über die – Berliner – Kunstszene dieser Zeit als über Munch´s Kunst und Leben.

Ganz zum Schluss fanden wir auch noch Hans Baluschek im Atelierhaus Lützowstraße 82: Im Katalog der 15. Ausstellung 1908 der 1898 gegründeten Berliner Sezession, in der auch Bilder von Munch zu sehen waren, fand sich eine Anzeige von „Hans Baluschek. Schulatelier für Damen … Unterricht im Zeichnen und Malen“ (Bild 3, rechts), das in der gleichen Form auch 1909 und noch 1910/11 erschien (3). Aber wie Munch war auch Baluschek unter dieser Adresse nicht im Adressbuch gelistet. Ein anderer Künstler, nicht Mitglied der Sezession, Wilhelm Müller-Schoenefeld (1867-1944), annoncierte 1908 eine Malschule in seinem Atelier Dörnbergstr. 7, die in Anzeigen von 1909 und 1910 in das Atelierhaus Lützowstr. 82 verlegt worden war (Bild 3, links) – möglicherweise nutzte Baluschek mit seiner Malschule das gleiche Atelier zu anderen Zeiten. Aber wie auch immer: auf die Angaben des Adressbuches kann man sich offenbar nicht immer verlassen, und Künstler waren der Intention des Adressbuches (Übersicht und Kontrolle) gegenüber möglicherweise auch nicht aufgeschlossen genug oder fanden dies lästig.

Bild 3: Anzeigen von Malschulen in der Katalogen der 15. (1908) und 18. (1909) Ausstellung der Berliner Sezession.

Auf dieser Suche nach Munch und Baluschek im Atelierhaus sind uns weitere Künstler und Ateliers im Lützow-Viertel begegnet, die wir im nächsten Spaziergang besuchen wollen.

Literatur:

  1. Atle Naess: Edvard Munch. Eine Biografie. Berlin University Press im Römerweg-Verlagshaus, Wiesbaden 2015.
  2. Dokument im Munch-Museum Oslo, ID MM K 2650 vom 18.7.1904.
  3. Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und Künste, 1. Jahrgang 1910/11 (S.62).

Paul Enck

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