Jonah Goldberg aus Cambridge, Massachusetts, USA schrieb mir wegen Moritz Borchardt, dem Medizin-Professor aus der Dörnbergstraße 5, über den er in mittendran gelesen hatte (mittendran vom 17. Januar 2026). Genau genommen ging es um den Ur-Urgroßvater von Jonah, der vor mehr als hundert Jahren bei Borchardt im Krankenhaus Moabit gearbeitet habe, in der Zeit, in der dieser Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) behandelt habe; Borchardt hatte ihm eine Attentats-Kugel aus der Achsel operiert, die Geschichte ist verbürgt. Jonahs Ur-Urgroßvater, ein Arzt namens Dr. Israel Levine (oder Le Vine), verbrachte einige Zeit in Berlin, und sein Ur-Urenkel wollte diese Geschichte, die in der Familie kursierte, nicht glaubhafter machen, sondern sie anreichern, illustrieren; es gab ausser einem Foto (Bild 1), das die Familie vor dem königlichen Schloss in Berlin zeigt, wenig Belege, was die Familie zwischen Januar und August 1922 in Berlin gemacht hatte.

Bild 1: Dr.Israel Levine (Le Vine) mit Frau und Kinderm vor dem Eingang zum Stadtschloss, vor einem der Löwen des Kaiser-Wilhelm-Denkmals (Aufnahme von 1922, Fotograf unbekannt, mit freundlicher Genehmigung von Jonah Goldberg).
Ein schneller Check der einschlägigen Bücher über Moritz Borchardt (1,2) ergab keinen Hinweis auf einen Dr. Israel Levine, im Adressbuch Berlins 1921 bis 1923 war er ebenfalls nicht verzeichnet und im Archiv der Humboldt-Universität fand sich kein Beleg für seine Registrierung an der Universität. Eine Rückfrage bei Jonah ergab dann weitere Details zu seinem Vorfahren:
Geboren am 23. Juli 1878 (vermutlich nach Julianischem Kalender, nach Gregorianischem Kalender also der 10. Juli 1878) als Kasriel Kravitz in Mosėdis, Regierungsbezirk Kovno/Kaunas, damals Teil des Russischen Reiches, seit 1918 unabhängige Republik mit Kaunas als (zeitweiliger) Hauptstadt. Mosėdis war eine kleine Gemeinde etwa 250 km nord-westlich von Kaunas und 200 km nördlich von Königsberg/Kaliningrad.
1883 emigrierte die Familie in die Vereinigten Staaten, ließ sich in Paterson, New Jersey nieder und änderte den Familiennamen zu Levine; im Oktober 1892 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ab 1900 studierte Kasriel, der sich jetzt Israel Levine nannte, Medizin am Long Island College Hospital in Brooklyn, New York, 1902 setzte er es am Baylor College of Medicine in Dallas, Texas fort, wo er 1904 das Examen machte. Damit kehrte er 1905 nach Paterson, NJ zurück und eröffnete eine internistische Praxis. Zwischen 1911 und 1914 begründeten er und andere das Barnert Hospital (Bild 2).

Bild 2: Das Barnert-Hospital in Paterson, New Jersey, USA (Quelle: Wikipedia, um 1910, gemeinfrei).
Die Zeit vom 17. Januar bis zum 3. August 1922 verbrachte die Familie in Berlin, wo Dr. Levine am Krankenhaus Moabit unter Borchardt hospitierte, dann kehrten sie nach Paterson zurück und er wurde Chefchirurg am Barnert Hospital. Er starb am 27. März 1949 an den Folgen eines Schlaganfalls.
Diese Details änderten meine Einschätzung: Da die Levines nur für acht Monate in der Stadt waren, konnten sie nicht im Adressbuch verzeichnet sein, und eine Registrierung an der Universität war ebenfalls ausgeschlossen. Vermutlich hatte die Familie in einem Hotel gewohnt, auch wenn das auf den ersten Blick eine teure Alternative zur Anmietung einer Wohnung zu sein schien, dazu gleich mehr. Aber sie in Gästebüchern von Hotels zu finden ist nicht mehr möglich. In den acht Monaten hate Dr. Levine auch keine Spuren hinterlassen in der Presse, wie ein Blick in das digitalisierte Zeitschriftenportal (3) belegt.

Bild 3: Die Gründer der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 1872 in Berlin (Gemälde von Ismael Gentz, Wikipedia, gemeinfrei)
Die Zeitschriften-Recherche ergab jedoch einen anderen, überraschenden Befund: Vom 19. bis 22. April 1922 fand in Berlin die 46. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie statt, die hier 50 Jahre zuvor (1872) gegründet worden war (Bild 3), es war mithin ein Jubiläums-Kongress, der Dr. Levine die Chance bot, die nationalen und internationalen Experten der chirurgischen Forschung und Klinik in Berlin zu hören und zu sprechen, und der möglicherweise der Anlass war, diese Reise überhaupt zu planen in dieser Zeit. Und unter den Teilnehmern des Kongresses fand er sich dann auch, und er trat gleichzeitig der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie als Mitglied bei (Bild 4) (4).

Bild 4: Auszug aus der Liste der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie anlässlich der 46. Tagung 1922 in Berlin.
Gastwissenschaftler und Gastärzte (visiting scientists und visiting physicians) gab es und gibt es zu allen Zeiten in Forschungseinrichtungen aller Welt – wer wäre nicht stolz darauf, wenn Besucher aus fernen Landen sehen wollen, was man wie beruflich tut und erreicht. Dennoch: Besucher unterbrechen die Routine und halten das Alltagsgeschäft auf, insbesondere im klinischen Betrieb eines Krankenhauses. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass meist ein Mitarbeiter abgestellt wird, den Besucher zu betreuen, und der muss dies mit seinen anderen beruflichen Pflichten unter einen Hut bringen, weil er nicht dafür freigestellt wird. Professor Moritz Borchardt galt als sehr strenger Klinikchef und hatte sicherlich für den Besucher am wenigsten Zeit.
Wenn also an der Borchardt´schen Klinik ein Besuchsprogramm für Dr. Levine organisiert wurde, bestand das aus der Teilnahme an klinischen Visiten, dem Hospitieren bei der einen oder anderen Operation und vor allem dem Arrangieren von Besuchen in anderen Abteilungen und Kliniken, so dass die Last auf mehrere Schultern verteilt wurde. Hinzu kamen mit Sicherheit Teilnahme an Lehrveranstaltungen, Seminaren und Vorlesungen, und davon gab es in Berlin genug zu dieser Zeit: vier chirurgische und gleichviele internistische Universitätskliniken und viele spezialisierte vorklinische und klinische Forschungsinstitute, von den vielen Privatkliniken und Ambulanzen ganz zu schweigen, in denen die Größen der Berliner Medizin ihre Privatpatienten behandelten.
Eine meiner Vermutungen, dass nämlich die Familie den Berlinaufenthalt genutzt haben könnte, nach Litauen an ihren Herkunftsort zu reisen, um dort Erinnerungen aufzufrischen oder Verwandte zu treffen, erwies sich als richtig. Sie waren nach den überlieferten Notizen der Großmutter mit dem Schiff, vermutlich von Stettin aus, nach Litauen, vermutlich nach Klaipeda gereist – über das wann und wie lange fehlen mir die Informationen.
Letzter Punkt, der mir bei der Recherche ins Auge fiel: Mit dem Ersten Weltkrieg hatte eine Inflation der Währung eingesetzt, vor allem durch die Zeichnung unzähliger Kriegsanleihen, die nicht durch die Goldmark gedeckt waren. Diese Schulden sollten nach einem Sieg im Krieg über Reparationszahlungen der Kriegsgegner beglichen werden. Es kam jedoch anders: Die jetzt fälligen Reparationszahlungen insbesondere an Frankreich heizten die Inflation weiter an, und der Wert des Dollars (und anderer Währungen) gegenüber der Mark stieg kontinuierlich. Lag im Januar 1920 das Dollar-zu-Mark Verhältnis noch bei etwa 1 : 10, so war es zwei Jahre später (Januar 1922) auf 1 : 191 gestiegen. Es stieg im Verlauf der nächsten Monate dramatisch und lag im Juni bei 1 : 316 und im August bei 1 : 1.100 (5). Mit anderen Worten: Ein Pfund Rindfleisch kostete im Juni 1922 32 Mark (Bild 5), aber nur wenige Cent in amerikanischer Währung, und eine Übernachtung in einem Luxushotel wie dem Adlon, die im Januar vielleicht 1000 Mark/Nacht gekostet haben mag, war für Amerikaner, die in US-Dollar zahlten, im Januar für 5 Dollar zu haben und im August für nur noch einen Dollar. Die Reisekosten der Familie Levine waren auf diese Weise nicht nur sehr günstig, sie wurden auch von Monat zu Monat günstiger. Aber es waren keine „goldenen Zwanzigerjahre“ für die Berliner, die keine Dollars zur Verfügung hatten.

Bild 5: Anzeige aus dem Berliner Tageblatt vom 7. April 2022 (Seite 8) mit den aktuellen Lebensmittelpreises im Kaufhaus Wertheim, Preise in Mark.
Literatur
- Ulrike Eisenberg, Hartmut Collmann, Daniel Dubinski: Verraten – Vertrieben – Vergessen. Werk und Schicksal nach 1933 verfolgter deutscher Hirnchirurgen. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017, Seite 33-64.
- Christian Pross, Rolf Winau: nicht mißhandeln. Das Krankenhaus Moabit. Edition Hentrich im Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin 1984, Seite 152-158.
- https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/select/title
- Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für klinische Chirurgie: Sechsundvierzigste Tagung 19. bis 22. April 1922. In: Archiv für klinische Chirurgie, Band 121 (1922) Seite XCVII.
- https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923
