Medizingeschichte im Lützow-Viertel (7.2)
Prof. Bremer am Elisabeth-Krankenhaus

(ein Beitrag von Prof. Dr. Paul Enck, www.paul-enck.com)

Mit diesem zweiten Teil der Geschichte der Nationalsozialisten am Elisabeth-Krankenhaus erreichen wir das Ende unserer Zeitreise durch die Medizingeschichte im Lützow-Viertel, die um 1800 begann.

Der Chefarzt der Inneren Medizin, Friedrich Wilhelm Bremer (1894-1944)

Bild 1: Foto von Friedrich-Wilhelm Bremer aus der Personalakte im Archiv der Humboldt-Universität (Fotograf unbekannt, um 1935).

Auch über den Internisten Friedrich Wilhelm Bremer (Bild 1) wissen wir nicht viel, und das Wenige zeigt die gleiche Zerrissenheit wie die Geschichte des Pastors Werner von Rotenhan zur gleichen Zeit (mittendran vom 4. Mai 2023): Geboren am 17. April 1894 und aufgewachsen als mittleres von fünf Kindern (drei Mädchen) des Sanitätsrates Carl August Bremer (1863-1932), eines praktischen Arztes in Wuppertal, und dessen Ehefrau Friederike Theodore Bertha Helene, geborene Borberg (1862-1926), ging er in Wuppertal zum Gymnasium und machte das Abitur im Jahr 1912. Er begann in Heidelberg ein Medizinstudium, das nach 2 Jahren unterbrochen werden musste wegen des Ausbruchs des 1. Weltkriegs (1914-1918) – zur Fortsetzung des Studiums ging er 1918 nach Göttingen. Die Approbation als Arzt erfolgte am 11. April 1921, wenige Tage später (20. April 1921) fand die Promotion zum Dr. med. statt mit einer Arbeit über „Eunuchoidismus und Epilepsie. Ein Beitrag zur Frage der endokrinen Störungen bei Epilepsie„. Seit dem 1. August 1920 war er Assistenzarzt an der Neurologischen Klinik in Göttingen. Seine Heirat mit Gertrud Mohnike fand am 23. Februar 1923 in Neusternberg (Ostpreußen) statt, und in der Nachfolge wurden vier Kinder geboren: 1923, 1925, 1929 und 1934. Im Jahr 1924 wechselte er nach München an die Klinik für Innere Medizin (unter Leitung des Prof. Ernst von Romberg), wo er seine kombinierte Ausbildung zum Neurologen und Internisten fortsetzte und bis 1933 blieb. Er habilitierte sich (Ernennung zum Privatdozenten) in München am 20. Dezember 1926, und wurde zum Außerplanmäßigen Professor am 22. Oktober 1930 ernannt. Im Jahr 1932 wurde er auf die internistische Chefarztstelle am Elisabeth-Krankenhaus in Berlin berufen, die er im März 1933 antrat. Nachdem er in der ersten Zeit in der Nähe des Krankenhauses wohnte (Blumeshof 11, das Haus hatte die Diakonie 1931 erworben), zog er bereits 1934 nach Dahlem in eine „bessere Gegend“ (Adresse: Kronprinzenallee 84), zunächst (1935) als Mieter, dann als Eigentümer. Hier blieb seine Familie bis kurz vor Kriegsende, er behielt aber die Wohnung im Blumeshof 11 (Bild 2).

Bild 2: Die Wohnadressen des Chefarztes Prof. Bremer in Berlin 1935 bis 1943 aus den Adressbüchern von Berlin.

Was zunächst wie eine Bilderbuch-Karriere aussieht, erweist sich erst auf den zweiten Blick als brüchig: Aus dem Ersten Weltkrieg kehrte er dekoriert mit dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse zurück, mit zusätzlich verliehener Ehrenspange, und dem Verdienstkreuz 1. Klasse. Das deutet auf militärische Stärke – er wurde entlassen als Leutnant der Reserve, war dann bis 1920 Mitglied der Freikorps im Kampf gegen den Waffenstillstand 1918 und die Novemberrevolution 1919. Er schloss sich 1929 – spät – dem „Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten“  an, der paramilitärischen Organisation ehemaliger Weltkriegssoldaten, die der demokratischen Entwicklung der Weimarer Republik ablehnend gegenüberstanden, zu diesem Zeitpunkt noch in Konkurrenz zur Schutzabteilung (SA) der NSDAP, aber gerichtet gegen und gefürchtet von Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Kommunisten. Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde der Stahlhelm 1934 in die SA integriert und fungierte neben der Schutzstaffel (SS) als „Ordnungsmacht“ der Partei, als Terrortruppe gegen alle den Nazis missliebigen Organisationen und Personen. Bremer trat am 1. August 1935 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer: 3.681.655) (Bild 3) und war in der Folge Sprecher/Schriftführer im NS-Ärztebund und im NS-Dozentenbund. Seiner Umhabilitation von München nach Berlin hatte die Berliner Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität noch zugestimmt (30. Dezember 1935), aber der Antrag auf eine außerplanmäßige (Apl.) Professur wurde 1939 abgelehnt mit der Begründung, daß „seine Vorlesungen … in den letzten Semestern nicht zustande gekommen (sind). Nach der Zahl der Dozenten für Innere Medizin kann die Bedürfnisfrage nicht bejaht werden“; stattdessen wurde vorgeschlagen, den Titel „Professor außer Dienst“ (a.D.) zu nutzen (1).

Bild 3: Erklärung zur NSDAP-Mitgliedschaft von 1937 (Quelle: Personalakte im Archiv der Humboldt-Universität).

Bremer wurde am 1. September 1939 zur Wehrmacht eingezogen und starb am 19. Dezember 1944 im Hindenburg-Lazarett in Zehlendorf – allerdings nicht an Kriegsverletzungen, sondern an einem Darmverschluss, möglicherweise infolge einer entzündlichen Darmerkrankung. Seine Witwe lebte zu diesem Zeitpunkt mit den vier noch nicht volljährigen Kindern in der Komturei Lietzen im Kreis Lebus (2).

Die offensichtlichen zwei Seelen in Professor Bremers Brust werden durch die folgenden Fakten deutlich: Einerseits kooperierte Bremer eng mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik des Professor Eugen Fischer (1874-1967), das maßgeblich die wissenschaftliche Legitimation der Rassenpolitik der Nationalsozialisten lieferte und damit die Grundlagen für die (spätere) Vernichtung des sogenannten „lebensunwerten Lebens“. Das Elisabeth-Krankenhaus hatte eine etablierte wissenschaftliche Kooperation mit dem KWI, zu der es Akten im Archiv des Max-Planck-Instituts in Berlin-Dahlem und im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde gibt (3), wonach ein Assistent von Eugen Fischer, Dr. Martin Werner, im Jahr 1934 am Elisabeth-Krankenhaus – zugegebenermaßen eher harmlose – klinisch-experimentelle Untersuchungen an 30 Zwillingspaaren durchführte, die auf dem Deutschen Internisten-Kongress in Wiesbaden 1935 präsentiert wurden (4) (Bild 4).

Bild 4: Publikation (Vortrag) von Martin Werner, einem Assistenten von Eugen Fischer am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem, der hier über eine Zwillingsstudie berichtet, die er am Elisabeth-Krankenhaus durchgeführt hatte (Quelle: (4)).

Andererseits war Bremer über seine Schwester Else (1890-1961) der Schwager von Martin Niemöller (1892-1984), eine der Leitfiguren der „Bekennenden Kirche“ (gegründet 1934), eine Oppositionsbewegung evangelischer Christen – etwa 500 an der Zahl – gegenüber den Nationalsozialisten; die Auseinandersetzung dieser Gruppe mit den „Deutschen Christen“ (gegründet 1932), die die Nationalsozialisten unterstützten, nennt man Kirchenkampf: 44% der protestantischen Pastoren in Berlin können den Deutschen Christen zugerechnet werden, 32% der Bekennenden Kirche (6). Niemöller war anfänglich ein Sympathisant der Nazis gewesen. Er war im ersten Weltkrieg als U-Boot-Kommandant mit dem Eisernen Kreuz dekoriert worden (Bild 5), war Freikorps-Mitglied wie Bremer nach dem Krieg, und erst nach Theologiestudium (Ordination 1924) als Pastor vom Saulus zum Paulus geworden; das brachte ihn auch in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Er erwähnt in seinem Buch „Vom U-Boot zur Kanzel“ (7) seinen (späteren) Schwager. Befreundet war Niemöller mit dem Bruder von Friedrich-Wilhelm Bremer, Hermann Bremer, der ebenfalls U-Boot-Kommandant war.

Bild 5: Niemöller als Offizier (1917) und als Pastor (1952): Vom Saulus zum Paulus. Foto 1917 aus (7), Fotograf unbekannt (beide in Wikipedia, gemeinfrei).

Alte Seilschaften: Die Bremer- Niemöller-LöhrHochheimer-Bremer-Connection

Eines der Kinder von Chefarzt Bremer, wie der Vater auf den Namen Friedrich-Wilhelm getauft (geboren am 24. Mai 1929), studierte Medizin in München und wurde 1972 Chefarzt im Sarepta-Diakoniekrankenhaus in Bethel Nachfolger des dort 1972 ausgeschiedenen Chefarztes Prof. Hochheimer; der wiederum war zuvor und bis 1945 der leitende Oberarzt am Elisabeth-Krankenhaus unter der Leitung von Friedrich Wilhelm Bremer. Bei dieser Bewerbung des Dr. Bremer jun. hat die Verwandtschaft mit Martin Niemöller sicher eine förderliche Rolle gespielt (8), wenn auch vielleicht nur indirekt:

Walter Hochheimer war Oberarzt bei Bremer sen. in Berlin am Elisabeth-Krankenhaus und sollte nach dessen Tod 1944 sein Nachfolger werden, hatte sich aber in Bielefeld (Bethel) im Sarepta-Krankenhaus beworben. Diese Stelle bekam er, als sich 1945 Martin Niemöller in Bethel erkundigte nach Hochheimer, mit dem er in Berlin Nachtwachen gemacht hatte. So wurde Hochheimer der internistische Chefarzt im Sarepta. Hans Löhr wiederum war ein Vor-Vorgänger von Prof. Hochheimer im Sarepta, strammer Nazi, der 1934 nach Kiel berufen wurde – und der wiederum war ein Jugendfreund von Martin Niemöller und Friedrich Wilhelm Bremer – womöglich aus Freikorps-Zeiten. Als sich Bremer jun. um die Nachfolge Hochheimers bewarb, war das Feld also gut bestellt – alte Seilschaften nennt man das (8).

Literatur:

1. Im Archiv der Humboldt-Universität Berlin sind als „Personalakten“ vier Akten zusammengefasst: Die der Ludwig-Maximilians-Universität München (bis 1933), und die Akten des Dekanats, der Medizinischen Fakultät und der Verwaltung der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin (1933 bis 1944). Hinzu kommen die aus dem Bundesarchiv der Humboldt-Universität überlassenen Unterlagen (NS-Dozentenschaft etc.). Sie ergeben ein insgesamt sehr vollständiges Bild nicht nur der akademischen Karriere des Dr. Bremer.

2. https://de.wikipedia.org/wiki/Komturei_Lietzen

3. Im Max-Planck-Institut: die Akten I_001A_2399, I_003_010, I_003_0044 und 0045; im Bundesarchiv: Akte R/73/101462. Beide Aktenbestände belegen die Kooperation zwischen dem Kaiser-Wilhelm-Institut (Fischer) und dem Elisabeth-Krankenhaus (Bremer).

4. Martin Werner. Erbuntersuchungen bei einigen Funktionen des vegetativen Systems nach experimentellen Untersuchungen an 30 Zwillingspaaren. Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin 1935 in Wiesbaden. Springer Verlag Berlin/Heidelberg 1935, Seite 444-9.

6. Manfred Gailus. Protestantismus und Nationalsozialismus. Studien zur nationalsozialistischen Durchdringung des protestantischen Sozialmilieus in Berlin. Böhlau Verlag Köln 2001.

7. Martin Niemöller. Vom U-Boot zur Kanzel. Martin Warneck Verlag, Berlin 1934.

8. Hans-Walter Schmuhl. Ärzte in der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta 1890 – 1970. Bethel-Verlag Bielefeld 2001.

 

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