Kunst und Künstliche Intelligenz: Zur Ausstellung „On Landscape“ im HaL

Ich war gebeten worden, auf der Vernissage am 9. September als Mitglied des Vorstandes des „Förderverein Haus am Lützowplatz“ die Begrüßung der Besucher zu übernehmen, daraus ist der folgende Text entstanden.

Was, habe ich mich gefragt, kann ein Psychologe und Stadtforscher beitragen zum Thema Natur und Landschaft (On Landscape – Zwischen Eskapismus und Entzauberung), zur Überlastung globaler Ressourcen, zu Klimawandel, Überbevölkerung, Vermüllung und ungezügelter Wachstumslogik – oder zum Blick der Künstler:innen auf diese Entwicklung, zum „Traum nach Arkadien, das es nie gab. Vom Paradies, das stets schon Gärten meinte, nie Urwälder“ – um den Ausstellungsprospekt zu zitieren.

Wenig, würde und wollte ich meinen – bis mir eine Schnittstelle einfiel, der nachzugehen sich lohnen könnte. Nämlich wenn, auch dies Zitat, die „wachsende Macht des Digitalen, beschleunigt durch Künstliche Intelligenzen, diese den künstlerischen Alltag durchdringen“ – bleiben wir für einen Moment dabei und fragen: Bedroht etwa die KI auch die künstlerische Tätigkeit?

Alkan Avcioglu: Symphony Nt. 13 in B-Dur, Op. 235 (2023), ein mithilfe der KI generiertes Bild einer Flußlanddschaft ausschhließlich aus Menschen.

Die angenommene, erwiesene, befürchtete oder auch nur unterstellte Bedrohung durch die KI ist allgegenwärtig: Die ungeheure Leistungsfähigkeit der Rechner und ihr gesammeltes Wissen sind ohne Zweifel beeindruckend, und weit mehr als was ein einzelner Mensch jemals wissen und verarbeiten kann. Problematisch wurde es, als man der Maschine beibrachte zu sprechen wie ein Mensch, zu kommunizieren wie ein echtes Gegenüber. Journalisten streiten heute über die Rolle der KI beim journalistischen Schreiben, Politiker stolpern über KI-generierte Reden, Studenten lassen sich Hausarbeiten verfassen die sie nicht verstehen müssen, andere nutzen den Rechner wie einen Therapeuten bei seelischen Problemen und geraten in Abhängigkeit.

Meine eigenen Erfahrungen mit ChatGPT und anderen Maschinen sind überwiegend negativ:

Ein Versuch, einen komplexen religionshistorischen Text auf ein allgemeinverständliches Niveau zu komprimieren (mittendran.de vom 19. Dezember 2025), resultierte in eine sprachlich akzeptablen, allerdings mittelmäßige Seminararbeit eines Erstsemesters, bei dem ich nicht mehr das Gefühl hatte, es sei mein Text gewesen – war ich nur neidisch, habe ich mich gefragt?

Ein Einsatz der Algorithmen bei einer anspruchsvolleren historischen Recherche – der Suche nach Spuren eines Wissenschaftlers in England um 1900 – erbrachte innerhalb kurzer Zeit zwei englischen Patentschriften und eine Publikation – mit Koautoren, Quellenangabe und kurzer Inhaltsangabe – die sich aber nach Überprüfung als schiere Erfindung herausstellten.

Simone Haack: La Forêt sécrète (2024),  eine fiktive Waldlandschaft aus Haaren, die nicht KI-generiert ist, auch wenn es so scheint.

Die KI-Bereitsteller warnen genau davor, wie Sie wissen, und sprechen von Halluzinationen, wenn die KI Fakten erfindet und bereitstellt, weil sie, wie ein neunmalkluges Kind, lieber schwindelt als zuzugeben etwas nicht zu wissen; auf solche Fehler angesprochen reagiert die KI allerdings wenig kindgemäß, sondern un-emotional sachlich, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, Lücken mit Lügen zu füllen – die KI hat eben keine Emotionen, es ist ein Sprachmodell, nicht mehr, eines mit einem Riesendatenspeicher, aber ohne die Spur einer Moral.

Jetzt gibt es zwei Professionen, die nachgewiesenermaßen Experten sind für Halluzinationen, zu deren Alltag solch phantasierte Wirklichkeit gehört:

Das eine sind die Psychologen und Psychiater, dann nämlich, wenn die eingebildete Wirklichkeit, die Halluzination, für den Betroffenen und/oder seine Umwelt einen schädigenden Einfluss nehmen kann, wenn der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr wahrgenommen werden kann, unter Drogen beispielsweise, oder in Folge einer hirnorganischen oder psychischen Erkrankung, und das Leben und die Gesundheit bedrohen.

Hiroyuki Masuyama: After C.D.Friedrich, Hochgebirge, 1824, Nr. 2 (2024), eine komponierte Gebirgslandschaft, deren Vorbild, C.D.F. Gemälde „Hochgebirge“ bereits eine fiktive Landschaft war, die der Maler nicht gesehen, sondern komponiert hatte.

Und das andere sind die Künstlerinnen und Künstler, die Halluzinationen (sprich Inspirationen, Träume, Fantasien) nutzen, alternative Entwürfe der Gegenwart zu versuchen. Sie bannen sie auf Leinwand, hauen sie in Holz und Stein, schreiben sie auf Papier, packen sie in Noten, tanzen, spielen oder singen sie. Anders als bei einer psychopathologische Halluzination, steht die künstlerische Halluzination selten in der Gefahr, mit der Wirklichkeit verwechselt zu werden.

Wenn daher Künstler:innen Experten sind für Halluzinationen, eröffnet uns dies zwei Perspektiven:

Zum einen können Künstler:innnen die KI weit unvoreingenommener – und auch unvorsichtiger – nutzen als alle anderen Sterblichen, weil Ihnen eine KI-generierte Halluzination Anregungen geben kann, diese weiterzuspinnen, weil Kunst auch – aber nicht nur – von Halluzination lebt.

Zum anderen braucht die Kunst keine Angst zu haben, dass die KI sie eines Tages ersetzt, dass KI-generierte Halluzination – ohne menschliches Zutun – jemals den Status erreicht, den Kunst hat und immer hatte: Ausdruck menschlicher Emotionen zu sein. KI kann Kunst kopieren, aber nicht generieren. Und diese Ausstellung zeigt überzeugend, dass sie dies besser können als Maschinen, die ausschließlich auf der Basis von Bisherigem ableiten oder darstellen können.

Bei der Vernissage anwesende Künstler:innen, gemeinsam mit den Kurator:innen Anja Wolff (im weißen Kleid) und Marc Wellmann (hinter ihr) sowie dem Autor dieser Zeilen (im grünen Jacket) (Foto: ©by bendebiel).

Zurück zu Ausstellung On Landscape und zum Ausstellungsprospekt, der fragt „was geschieht, wenn Landschaft selbst künstlich wird? Wenn sie aus Algorithmen, Daten und KI-generierten Simulationen besteht? Die Ausstellung fragt, ob solche Kunstlandschaften nur Spiegel unserer Entfremdung sind – oder ob sie ein utopisches Potenzial bergen“ – Die Antwort: möglicherweise beides – aber sehen sie selbst! Die Ausstellung geht noch bis 3. Januar 2027 und wird von April bis Anfang November 2027 im Schloss Tirol –  Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte – Südtirol gezeigt werden.

Paul Enck

Schreibe einen Kommentar