Die Straßen im Kiez: Lützowufer (Teil 2)

(ein Beitrag von Prof. Dr. Paul Enck)

Heute beenden wir die Geschichte des falschen Barons (mittendran vom 27.4.2021) und stellen die beiden anderen adligen Damen vor, Elisabeth von Ardenne und Marion Yorck von Wartenburg.

Caroline Kill-Mar, geborene von Hertell, geschiedene von Blücher

Bild 1: Kurliste Nr. 90 aus Kissingen vom 15. Juli 1857 (Quelle: Bayerische Staatsbibliothek, https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-MDZ-00000BSB10333861?lang=en)

Carolines vier älteste Kinder aus der ersten Ehe waren Anton (Felix) (1819-1879), der 1849 nach Texas ging und dort die „Texan Blucher Family“ begründete (1), Oelgardis (1821-1882), die 1847 in Schwerin den Schullehrer Franz Wenzlaff heiratete, der am Ende Professor an der Bauakademie in Berlin wurde, und Ida (1822-1900), die als Konventualin von Dobbertin zurück nach Berlin ging und ihre Mutter versorgte, als diese krank wurde. Schließlich: Hermann (1824-1881) wurde Zoll-Oberinspektor und heiratete 1851 die Sophie Kaufmann (1828-1855). Das Ehepaar hatte ein Kind (*1852), als die Mutter 1855 verstarb; daraufhin heiratete er deren ältere Schwester Gertrud und zeugte 5 weitere Kinder. Die letzten drei Kinder aus Carolines erster Ehe, Kurd Friedrich Theodor (1825-1839), Lebrecht (1832-1840) und Anna (1834-1854) wurden nicht alt; die ersten beiden, so sagt die texanische Familienlegende, starben früh, weil „mistreated to death by the stepfather Kill-Mar“ (2) unter Verweis auf die von Blücher-Familiengeschichte (3), aber das zu schließen lässt diese einfach nicht zu und grenzt an übler Nachrede. Und wie schon erzählt, hatte Caroline noch zwei weitere Geburten in ihrer zweiten Ehe, doch starben beide Kinder innerhalb der ersten Lebensjahre.

Caroline Kill-Mar selbst starb am 30.10.1859 an „Lungenlähmung“ (vermutlich Tuberkulose, sie war deswegen 1857 zur Kur in Bad Kissingen, Bild 1) und hinterließ „den Witwer und 4 majore Kinder“. Der vermeintliche Baron realisierte ab 1870 seine Investition in das Birkenwäldchen und verkaufte es als Bauland an Investoren – so kam er in Kontakt zu Kilian/Kielgan (s. mitteNdran vom 6.4.2021) und Carl Bolle („Bimmel-Bolle“), den er übers Ohr haute (dazu ein andermal mal mehr).

Bild 2: Lage und Grundriss des Hauses Keithstraße 14-15; auf diesem Grundstück stand vorher das Cottage Caroline. (Quellen: Die Karte ist von 1874 und ein Ausschnitt aus den Online-Beständen der Landeszentralbibliothek Berlin, der Grundriss des Hauses aus dem Buch „Berlin und seine Bauten“ von 1896, Seite 486)

Er blieb aber Zeit seines Lebens am gleichen Ort wohnen, jetzt Keithstraße 14-15, und lebte dort sehr komfortabel, nicht in einem Landhaus, sondern auf der Beletage einer Doppelvilla (Bild 2), gebaut 1874/5 vom Berliner Baumeister Schwatlo; dessen eigene Villa stand ein paar Straßen weiter an der Kurfürstenstraße (s. mittendran vom 16.4.2021). Bei seinem Tod am 1.8.1887 hinterließ er ein sehr großes Vermögen (3,5 Mio. Mark, heute mindestens das 50-fache an Kaufkraft), ein ansehnliches Mausoleum auf dem Luisenfriedhof in Charlottenburg für seine Familie, ein imposantes Grabmal für sich (Bild 3), und Legate von jeweils 100.000 Mark für die Stadt Berlin, die Stadt Charlottenburg, die „British and Foreign Bible Society“ in London und das Joachimsthalsche Gymnasium in Berlin. Die gleichlautenden Bestimmungen für Berlin und Charlottenburg waren zur „Unterstützung von ganz mittellosen alten Frauen, ausnahmsweise auch Männern, die nicht bereits dauernd der öffentlichen Armenpflege anheim gefallen sind, durch Beträge von 50 bis 150 M jährlich“. Die Vermächtnisse sollten erst nach dem Tod der Konventualin Ida wirksam werden, die Alleinerbin wurde und die ihr „eigenes“ Mausoleum auf dem gleichen Friedhof mit einem Legat von 600.000 Mark absicherte (4) (Bild 3).

 

 

Bild 3: Die drei Gräber der Familie Killmar auf dem Charlottenburger Luisenfriedhof: Links das Mausoleum der Stieftochter Ida von Blücher, rechts das Mausoleum der Familie Killmar, in der Caroline Killmar, geb. von Hertell sowie ihre 3 Kinder aus der ersten Ehe und 2 Kinder aus der Ehe mit George Killmar beerdigt sind; davor das Grab des „Barons“ George Killmar.  In der Mitte oben das Innere des von-Blücher Mausoleums, unten die Grabsteininschrift des „Barons“. (Quellen: Eigene Aufnahmen mit Ausnahme der Innenansicht des von Blücher-Mausoleums, dieses Foto ist von Axel Mauruszat vom 24.4.2009 für Wikimedia Commons, https://de.wikipedia.org/wiki/Luisenfriedhof_I)

Elisabeth von Ardenne, geborene von Plotho: Fontanes Effie Briest

Dass das Schicksal der Elisabeth von Plotho (1853-1952) die Vorlage für Fontanes Roman „Effi Briest“ war, ist lange bekannt, auch wenn sich Theodor Fontane (1819-1898), der ja bekanntlich in der Nachbarschaft wohnte (ab 1872: Potsdamer Straße 134c), alle Mühe gegeben hatte, die Romangeschichte von der wahren Geschichte zu entfernen: Effi Briest war jünger als Elisabeth von Plotho, als sie heiratete; Innstetten, ihr Mann, war 21 Jahre älter als Effi, Baron von Ardenne (1848-1919) dagegen nur 5 Jahre älter als seine Frau; die Affäre begann nicht an der Ostsee (da kannte Fontane sich aus), sondern in Düsseldorf; Elisabeth von Plotho zog sich nach der Scheidung 1887 zwar von Berlin zurück, aber sie starb keineswegs jung, sondern überlebte ihren Ex um viele Jahre (er starb 1919 im Alter von 71, sie 1952 im Alter von 98!); und sie lebte nicht, wie Effi, ein kurzes, abgeschiedenes Leben auf dem elterlichen Gut, sondern wurde berufstätig und lebte in trauter Zweisamkeit mit einer Lebensgefährtin am Bodensee. Ihr Grab ist in Berlin auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf vor den Toren Berlins.

Der Roman erschien in 6 Folgen in der Deutschen Rundschau von Oktober 1894 bis März 1895, und wurde als Buch 1896 veröffentlicht (5). Mit einer Stelle im Roman hat Fontane aber den Schlüssel zur Vorlage so ausdrücklich festgelegt, dass alle Zweifel ausgeschlossen sind: Das Roman-Paar zog (in Kapitel 23) in die Keithstraße 1c (also Keithstraße Ecke Lützowufer, heute Katharina-Heinroth-Ufer), und diese Adresse taucht in den nachfolgenden Kapiteln bis zum Romanende noch mehrfach auf. Wer immer also von der Affäre gehört hatte, die sich ja nur 10 Jahre zuvor abgespielt hatte, wusste mit dieser Adresse im Roman sicher etwas anzufangen.

„Am andern Tage war das schönste Wetter, und Mutter und Tochter brachen früh auf, zunächst nach der Augenklinik, wo Effi im Vorzimmer verblieb und sich mit dem Durchblättern eines Albums beschäftigte. Dann ging es nach dem Tiergarten und bis in die Nähe des »Zoologischen«, um dort herum nach einer Wohnung zu suchen. Es traf sich auch wirklich so, daß man in der Keithstraße, worauf sich ihre Wünsche von Anfang an gerichtet hatten, etwas durchaus Passendes ausfindig machte, nur daß es ein Neubau war, feucht und noch unfertig. »Es wird nicht gehen, liebe Effi«, sagte Frau von Briest, »schon einfach Gesundheitsrücksichten werden es verbieten. Und dann, ein Geheimrat ist kein Trockenwohner. «“. Diese Bedenken wurden vom Arzt der Familie (Geheimrat Rummelsschüttel) zerstreut: „… »Die neue Wohnung«, fuhr sie fort, »ein Neubau, macht mir freilich Sorge. Glauben Sie, Herr Geheimrat, daß die feuchten Wände …« »Nicht im geringsten, meine gnädigste Frau. Lassen Sie drei, vier Tage lang tüchtig heizen und immer Türen und Fenster auf, da können Sie’s wagen, auf meine Verantwortung … Effi brachte selber den Brief zur Post, als ob sie dadurch die Antwort beschleunigen könne, und am nächsten Vormittag traf denn auch das erbetene Telegramm von Innstetten ein: »Einverstanden mit allem.« Ihr Herz jubelte, sie eilte hinunter und auf den nächsten Droschkenstand zu: »Keithstraße Ic.« Und erst die Linden und dann die Tiergartenstraße hinunter flog die Droschke, und nun hielt sie vor der neuen Wohnung“.

Vermieter wären vermutlich entweder Bolle oder Kill-Mar gewesen (mittendran vom 27.4.2021), aber so weit ist Fontane dann doch nicht gegangen. In der Wirklichkeit: die Familie Ardenne wohnte laut Berliner Adressbuch von 1873 bis 1875 am Lützowufer 32 und damit zwischen Bolle (Nr. 31) und Kill-Mar (Nr. 33-34), und dann noch für kurze Zeit (1876) im Blumeshof 8 (eine Straße, die es nicht mehr gibt, zwischen Schöneberger Ufer und Lützowstraße, da, wo heute die Jugendherberge ist, Kluckstraße 3) – das war vor der Affäre –  und nach Rückkehr aus Düsseldorf in der Kurfürstenstraße 103, zwischen Landsberger Straße und Nürnberger Straße – auch da wieder in der Nachbarschaft von Kill-Mar, der jetzt die Adresse Keithstraße 14-16 hatte (s. oben).

Und in der Wirklichkeit fand das Duell am 27.11.1886 in der Hasenheide statt und nicht in Kessin, einer Stadt an der Ostsee; von Ardenne, der mit dem Liebhaber seiner Frau befreundet (gewesen) war, verwundete diesen so stark, dass er vier Tage später verstarb; von Ardenne, 1887 noch im Adressbuch als Adjutant des Ministers im Kriegsministerium notiert (a la suite, „zur Verfügung“) (Adressbücher hinken der Wirklichkeit immer um mindestens ein Jahr hinterher) wurde aus dem Dienst entlassen („zu streichen“) und musste – für kurze Zeit – ins Gefängnis (Duelle waren seit 1871 verboten), und die Ehe wurde geschieden – der Rest ist Geschichte.

Marion Yorck von Wartenburg

Text aus Wikipedia, leicht gekürzt (6): Marion Gräfin Yorck von Wartenburg, geb. Ellen-Marion Winter (1904-2007) war eine deutsche Juristin und Richterin. Sie war Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus und Mitglied des Kreisauer Kreises.

Marion Winter war die Tochter des Königlichen Geheimen Hofrats und Verwaltungsdirektors Franz Winter und dessen Ehefrau Else Bertha Rosalie. Nach Schulzeit und Abitur am Grunewald-Gymnasium (heute Walther-Rathenau-Gymnasium) und Studium der Rechtswissenschaft, das sie 1927 mit dem 1. Staatsexamen abschloss, promovierte sie 1929 zum Dr. jur. Kurz davor lernte sie Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904-1944) kennen, sie heirateten 1930.

Nach der Hochzeit „wollten wir, eigenwillig wie wir waren, unsere Wohnung am Lützowufer selbst einrichten und folglich sah es dort erstmal aus wie in einem unordentlichen Kramladen … Eine finanzielle Rückendeckung hatte wir damals nicht … und wir bewohnten noch diese wunderschöne Wohnung am Lützowufer, in die wir nach der Hochzeit eingezogen waren. Aber bald, und zwar Ende 1931, war die Miete zu teuer und wir zogen in eine düstere Hinterhauswohnung am Wittenbergplatz, Ansbacher Straße. Diese Wohnung gehörte unserem Malerfreund Luckner … Unsere eigene Wohnung vermieteten wir an einen norwegischen Freund“. (7)

Gemeinsam mit ihrem Mann trat sie nach 1933 in Opposition zum NS-Regime und wurde im Kreisauer Kreis im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime aktiv. Nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurde ihr Mann hingerichtet, sie selbst kam für drei Monate in Sippenhaft.

Das Gedenken an den Widerstand machte sie sich auch nach dem Krieg zur Pflicht. Sie setzte sich im Gesamtberliner Magistrat im Hauptamt für die Opfer des Faschismus (OdF) für NS-Verfolgte und deren Hinterbliebene ein, ging an die Öffentlichkeit und hielt Reden zu deren Gedenken. Sie hielt ihr Leben lang Kontakt zu Überlebenden des Widerstandes und betrachtete die Beibehaltung ihres Ehenamens, trotz neuer Lebenspartnerschaft, als Verpflichtung auch im Namen ihres Mannes zu handeln.

Nach Kriegsende arbeitete sie als Referendarin im Berliner Magistrat in Ost-Berlin. 1946 wurde sie von den Alliierten zur Richterin am Amtsgericht Lichterfelde in West-Berlin berufen. 1952 übernahm sie als erste Frau in Deutschland den Vorsitz eines Schwurgerichts. Sie leitete bis 1969 als Landgerichtsdirektorin die 9. Große Jugendstrafkammer des Landgerichts Berlin. Hierbei erwarb sie sich einen Ruf als „äußerst strenge“ Richterin, wobei sie dies mit „untadeligen Manieren und ohne Überheblichkeit“ gewesen sein soll, indem sie z. B. Angeklagte, damals unüblich, namentlich ansprach.

Öffentlich gemacht wurde später, dass sie in ihrer Zeit als Richterin auch den § 175 StGB, der damals Homosexualität unter Strafe stellte, mit „exemplarisch abschreckenden“ Urteilen anwendete und während ihrer Tätigkeit beim Berliner Magistrat an internen Überprüfungen beteiligt war, die dazu führten, dass homosexuellen NS-Verfolgten die Anerkennung als NS-Opfer verweigert wurde. Diese Auffassung wurde allerdings seinerzeit im Hinblick auf Sexualnormen von großen Teilen der Bevölkerung und vom Bundesverfassungsgericht geteilt. Nach 1952 lebte sie (unverheiratet) mit dem Berliner CDU-Politiker Ulrich Biel zusammen. Das Paar hat eine gemeinsame Grabstätte auf dem St.-Annen-Kirchhof in Berlin-Dahlem (6).

Literatur

  1. Lebrecht von Blücher. The Texan Bluchers. Anton Felix von Blücher (1819-1879), a Texan Pioneer of Corpus Christi, and his Descendents. Blücher Verlag, Merzhausen 2005
  2. Bruce S. Cheeseman, Ed. Maria von Blücher´s Corpus Christi. Letters from the South Texas Frontier, 1849-1879. Texas A&M University Press, Corpus Christ 2002 (Anm. 38, Seite 261)
  3. Friedrich Wigger. Geschichte der Familie Blücher. 2 Bände. Stillersche Hofbuchandlung, Schwerin 1878
  4. Lebrecht von Blücher, Ulrich von Blücher. Geschichte der Familie von Blücher 1870 – 1914. Blücher Verlag, Merzhausen 2005
  5. Theodor Fontane. Effi Briest. F.Fontane & Co., Berlin 1896
  6. https://de.wikipedia.org/wiki/Marion_Gräfin_Yorck_von_Wartenburg
  7. Marion Yorck von Wartenburg. Die Stärke der Stille. Erzählung eines Lebens aus dem deutschen Widerstand. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1984

 

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