Die Straßen im Kiez: Kielganstraße

(ein Beitrag von Prof. Dr. Paul Enck)

Bild 1: Der originale Situations- und Bebauungsplan des Gutsbesitzers Kielgan entworfen von Otto Wuttke, Baumeister von 1867 (Quelle: https://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/politik-und-verwaltung/aemter/stadtentwicklungsamt/vermessung/historische-karten-328357.php)

Nicht gerade vom Tellerwäscher zum Millionär, aber vom Gärtner zum Rittergutbesitzer – Karriere anno 1860. Am südlichen Ende der Derfflingerstraße, wenn man die Kurfürstenstraße überquert, schließt sich die Kielganstraße an, eine Sackgasse, die gar nicht so wirkt, als sei sie gewollt gewesen, eher wie das Ergebnis schlechter Planung. Jetzt, wo auch noch das Birkenwäldchen am Eingang abgeholzt wurde, vermutlich, um einem weiteren Appartementhaus Platz zu machen, verstärkt sich dieser Eindruck des Provisorischen. Dabei war dies einmal das Herzstück eines sehr exklusiv gedachten und geplanten Villenviertels: dem sogenannten Kielgan-Wuttke-Plan von 1867 des Gärtners Kilian und des Architekten und Baumeisters Otto Wuttke (Bild 1, Bild 2 links).

Bis 1837 findet sich im Adressbuch von Berlin, oder im Adresskalender von Berlin und Potsdam, kein Gärtner namens Kilian oder Kielgan, allerdings gab’s 1825 und 1826 einen Schneider mit diesem Namen. Und 1830 und 1831 gab es einen Viehhalter namens Kilian, 1832 eine Viehhalter-Witwe Kilian am gleichen Ort – das war’s.

Im Jahr 1837 sind es dann plötzlich zwei Kilians, die in diesem Jahr, aber auch nur in diesem, als Gebrüder bezeichnet wurden: die Gärtner G.F. Kilian und J.F. Kilian, beide wohnten in der Potsdamer Str. 21. Zwei Jahre später wohnte der eine (J.F.) in der Nr. 22, nebenan in Nr. 21 wohnte G.F. und ein Rentier Kilian; beide Häuser gehörten (noch) dem Gärtner Gerecke. Da beide zeitgleich auftauchten und nebeneinander wohnten, ist man geneigt, sie immer noch für Brüder zu halten. Ab 1845 waren sie die Eigentümer des jeweiligen Hauses, und für die nächsten 15 Jahre wohnten sie Seite an Seite – aber sie waren keine Brüder!

Der Vater des einen, Georg Friedrich Kilian, war, wie seine Taufurkunde (*13.4.1807, Dreifaltigkeitskirche) bezeugt, Johann Christoph Kilian, „Gärtner, Bürger und Eigentümer“, hatte also Grundbesitz in der Stadt und hatte den vermutlich seinem Sohn vererbt; Vater Johann heiratete 1800 in der Jerusalem-Kirche in der Friedrichstadt die Wilhelmine Albertine, geborene Wegener, war zu diesem Zeitpunkt also 24 Jahre alt, Volljährigkeit vorausgesetzt. 1837 war er mithin mindestens 62 Jahre alt, reif für die Rente; sein Sohn heiratete vor 1843 in der Auenkirche in Wilmersdorf die Charlotte Friederike Sinnig (1822 -vor 1876), Tochter von Michael Sinnig und seiner Frau Friederike, geb. Tapfer. Georg und Charlotte hatten drei Töchter – dazu ein andermal mehr.

Von dem anderen, Johann Friedrich Kilian, haben wir zwar keine Geburtsurkunde, aber seine Heiratsurkunde: Er heiratete am 25.11.1827 in Dorna, Kreis Wittenberg die Johanna Elisabeth Noack, älteste Tochter des Tagelöhners Johann Christian Noack aus Globig (vermutlich: Globig-Bleddin in Sachsen-Anhalt). Ausweislich dieser Urkunde war sein eigener Vater ein Johann Christian Kilian, „Hausgarten und Tagelöhner aus Trebitz“ (südöstlich von Berlin in der Nähe von Beelitz, 5 km von Globig entfernt), und Johann Friedrich war „daselbst“ geboren worden, und zwar 1803 oder früher, wenn er bei der Heirat volljährig war. Es ist natürlich dennoch möglich, dass die beiden Kilians miteinander verwandt waren, z.B. könnten sie Cousins gewesen ein, deren Väter Geschwister waren; das wird sich nicht so leicht klären lassen, ist aber auch für diese Geschichte nicht so wichtig. Warum das Viertel und die Straße Kielgan- und nicht Kilianstraße heißen, wird ein Rätsel bleiben: Im Adreßbuch von Berlin wird mal der eine, mal der andere Kilian so genannt, in manchen Jahren beide, manchmal keiner. Spätestens mit dem Kielgan-Wuttke-Plan von 1862 hat sich aber Kielgan eingebürgert, auch wenn in manchen Quellen immer noch von (G.F.) Kilian die Rede ist: Es ist immer der gleiche.

Während Johann Friedrich Kilian in der Potsdamer Straße 23 bis 1871 wohnen blieb, erwarb G.F. Kilian 1860 im äußersten Westen der Stadt, an der Grenze zu Charlottenburg und Schöneberg, Land, etliche Morgen davon vom Rittergutsbesitzer Eberhard von Braunschweig. Diese sogenannten „Markau-Enden“, die das Terrain von Charlottenburg am Schafgraben abschlossen, waren benannt nach dem Torschreiber Markau an der Brücke über den Graben, in der Gegend des heutigen Cornelius-Ufers. Dies brachte dem Herrn von Braunschweig 80.000 Taler (1), mit denen er sich nach Hinterpommern absetzte, wo er im gleichen Jahr 1860 das Gut Lübzow (heute Lubuczewo, Polen, 100 km westlich von Danzig) für 107.000 Taler erwarb (2). Georg Friedrich Kilian zog stattdessen über den Landwehrkanal und baute das „Kielgansche Haus“ im „Lützower Feld Nr. 14“. Das war der Streifen Land zwischen dem Landwehrkanal im Norden und der (späteren) Kurfürstenstraße im Süden: der östliche Teil bis zur heutigen Genthiner Straße gehörte zu Schöneberg und wurde 1861 nach Berlin eingemeindet, der westliche Teil gehörte zu Charlottenburg. Die Straße, die später entlang des Kanals angelegt wurde, hieß Lützower Ufer und endete am Kurfürstendamm, der noch ein mit Holz befestigter sogenannter „Knüppeldamm“ war; das Kielgansche Haus war die Nummer 33 und hatte acht Mieter. Seine direkten Nachbarn wurden dort unter anderem „Bimmel Bolle“ (Carl Bolle, 1832-1910) (Lützower Ufer 32), ein Berliner Original, bekannt für sein System des ambulanten Milchvertriebs, und der oftmals als (schottischer) Baron titulierte George Kill-Mar (1801 -1887), dem der „Park Birkenwäldchen“ (Lützower Ufer 34) gehörte, direkt am Zoologischen Garten gelegen – mit beiden werden wir uns noch eingehender befassen müssen.

Die drei, Kielgan, Kill-Mar und Bolle, sind Immobilien-/Landspekulanten, und ihre Nachbarschaft ist sicherlich kein Zufall, ebenso wenig wie das, was sie dann daraus gemacht haben. Georg F. Kielgan hatte Haus und Grund an der Potsdamer Straße 22 dem Baumeister Otto Wuttke (1832-1901) verkauft, der das alte Haus abriss und ein neues, größeres Mietshaus errichtete, offensichtlich (vom Bautyp her) ein Spekulationsobjekt (4). Auch Wuttke beteiligte sich also an diesem Spekulationsspiel, aber es hat ihm kein Glück gebracht, wie wir noch sehen werden. Und auch der andere Kilian, J.F. machte mit: er hatte zusammen mit einem Bankier die Parzellierung seiner Gärtnerei nördlich des Landwehrkanals (südliche Victoriastraße) betrieben (1) und zog stattdessen 1871 an den Lützowplatz. Er verstarb vermutlich 1884, seine Witwe wohnte dort noch zwei Jahre länger, danach wechselt auch das Haus seine Besitzer.

Bild 2: Der sogenannte Kielgan-Wuttke-Plan (Ausschnitt, rotiert zwecks Anpassung an die übrigen Pläne (oben = Norden) (links), Stadtplan-Ausschnitte aus den Jahren 1882 (Mitte) und im Jahr 1910 (rechts) (Quelle: http://histomapberlin.de/histomap/de/index.html)

 

 

Und warum diese ganzen Rochaden: Im Jahr 1862 hatte Stadtbaurat James Hobrecht den sogenannten Hobrechtplan vorgelegt, der anzeigte, welche Gebiete zukünftig als Erweiterung der Stadt vorgesehen waren, welche Straßen wo gebaut werden sollten, wo Siedlungsgebiete ausgewiesen waren – wer also rechtzeitig Bescheid wusste, konnte günstig Land kaufen. Und Kill-Mar (besonders der: er war Bauinspektor im städtischen und königlichen Bauamt gewesen), Bolle, die Kilians und Wuttke (und sehr viele und sehr viele Reichere ebenfalls) waren offenbar Leute, die Bescheid wussten und handelten. Zur Einschätzung: Vor Festlegung als Bauland durch den Hobrechtplan (1862) betrug der Preis für Land hier 1,5 Taler/Quadrat-Rute (QR, 1 QR = 14 qm), 10 Jahre später hatte sich der Preis auf 150 Taler/QR verhundertfacht (4).

G.F. Kilian/Kielgan erwarb also entlang der Kurfürstenstraße auf der nördlichen wie südlichen Seite Bauland und nannte sich fortan Rittergutsbesitzer. Er baute seine eigene Villa an der Kurfürstenstraße 136-137 – dort werden wir ihn noch einmal treffen. Am Lützower Ufer wurde unterdessen ebenfalls fleißig gebaut – auch der Verkauf des Hauses dort dürfte sich für Georg Friedrich Kilian gelohnt haben.

Bild 3: Villen des Kielgan-Wuttke-Villengeländes. Die Fotos sind aus dem Nachlass von M. Panckow aus den Jahren um 1870 bis 1875, die Reproduktionen der auf Albuminpapier gedruckten Fotos sind von Markus Hawlik für die Berlinische Galerie erstellt worden (Quelle: https://sammlung-online.berlinischegalerie.de/)

Der Villen-Plan erhielt erhöhte Publizität dadurch, dass Kilian zwar für die Straßenplanung verantwortlich zeichnete (die Straßennamen gehen auf seine Planung der Bepflanzung zurück), für die architektonische Umsetzung aber mit dem Berliner Baumeister Otto Wuttke (1832-1901) zusammenarbeitete, den er aus einem anderen Geschäft (s. oben) kannte. Der Plan sah neben der Parzellierung auch verschiedene Typen von Villen vor, die entweder Einzelvillen oder Doppelhäuser sein sollten – Bild 3 zeigt fünf Villen verschiedenen Typus, deren Eigentümer heute nicht mehr bekannt sind, weil die Adressenangaben auf diesen alten Fotos aus der Berlinischen Galerie fehlen.

Im Juli 1870 besuchte eine Gruppe Berliner Architekten das Villenareal – im Rahmen einer Exkursion des Berliner Architektenvereins – und zeigt sich wenig beeindruckt: Von den Parzellen seien erst 14 bebaut oder in Bebauung begriffen, die meisten seien von Wuttke geplant, zwei gehörten dem Berliner städtischen Baumeister Carl Schwatlo (1831-1884). Das Urteil der Architekten fällt (vorläufig) zurückhaltend aus: „Wollten wir unser Urtheil auf den Kielgan’schen Häuserkomplex beschränken und namentlich den künstlerischen Werth des hier Geleisteten allein in’s Auge fassen, so fürchten wir, daß dasselbe doch etwas zu unbillig und hart ausfallen möchte“ (3).

Bild 4: Villa des Bürgermeisters Duncker am Nollendorfplatz 2 (Fotograph unbekannt, aufgenommen zwischen 1907 und 1914; Quelle: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, https://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/index.php?p=79&POS=17)

Nochmal 4 Jahre später, Ende 1874, fand eine weitere Besichtigung durch Berliner Architekten statt, diesmal wurden drei fertiggestellte Villen besucht: die Villa Maltzahn (Derfflingerstraße 8, entworfen von Wuttke; die gibt es noch heute); die Villa von Bunsen (Maienstraße 1, gebaut von Maurermeister Bolle, entworfen von den Architekten Ebe & Benda; dieses Haus gibt es nicht mehr, aber wir sehen es ein andermal); und die Villa Wuttke (Nollendorfplatz 3), entworfen und gebaut von Wuttke selbst, die es schon wenige Jahre später nicht mehr gab – hier entstand ein Mietshaus, nebenan 1905 die Amerikanische Kirche.

Wuttkes eigene Villa könnte aber der vom Nollendorfplatz 2 ähnlich gewesen sein, die dem Bürgermeister Hermann Carl Duncker (1817-1893) gehörte, Sohn des bekannten Verlegers Duncker (Bild 4). Die Besucher zeigten sich dabei allenfalls vom Äußeren der Villa Maltzahn (die heute oft fälschlich Villa Wuttke genannt wird) beeindruckt, aber da kamen sie auch von einer Besichtigung Palastartiger Villen im weiter nördlichen Tiergartenviertel (4).

 

Schließlich: Ein Stadtplan von 1882 zeigt ein kaum verändertes Bild: Die Buchen-, Ulmen- und Maienstraße scheinen bebaut und bewohnt, die Ahornstraße und das Dreieck jedoch nicht, bis auf einige Gebäude entlang der Kurfürstenstraße (Bild 2, Mitte); Kielgan selbst wohnte ebenfalls an der Kurfürstenstraße, Nr. 136 und 137, wo später (ab 1923 und bis 1945) die polnische Botschaft war, heute steht dort das neue Appartementhaus. Im Jahr 1910 (Bild 2, rechts) sind auch die restlichen Grundstücke bebaut, aber nicht alle Hausgrundrisse haben den ursprüngliche geplanten Villencharakter, manche sind erheblich kleiner, als hätte das Geld nicht für mehr gereicht. Da im 2. Weltkrieg viele der Häuser zerstört wurden, lässt sich dies heute jedoch nur schwer beurteilen.

Kilian und seine Spekulationsgenossen sind in eine fiktive, wenngleich vermutlich realistisch erzählte und lesenswerte Geschichte von Julius Rodenberg geraten, die „Klostermanns Grundstück“ heißt und 1891 veröffentlicht wurde (5). Der K. in dieser Geschichte gleich in vielerlei Beziehung der Beschreibung Kielgans durch Maria von Bunsen, die in der von-Bunsen-Villa aufwuchs und Kielgan in ihren Lebenserinnerungen wie folgt skizziert: „Ich sehe noch den steinreich gewordenen Kielgan, einen dicken, nachlässig gekleideten Bauern mit roter Nase und schlauem Lächeln … an seiner Haustür stehen“ (6) – aber auch das mag ein verzerrtes Bild sein, immerhin kannte Maria von Bunsen nicht nur Kielgan, sondern auch Julius Rodernbergs Geschichte.

Das Kielgansche Haus gibt es heute nicht mehr, wie viele andere nicht. Geblieben sind an der Kurfürstenstraße die Roßmann-Villa (heute das Cafe Einstein), die Schwatlo-Villa nebenan, und das sogenannte Fromberg-Haus, „Café Einstein gegenüber“, wie es in einem Buch genannt wird (7) – dort treffen wir uns beim nächsten Mal.

Literatur

  1. Hartwig Schmidt. Das Tiergartenviertel. Baugeschichte eines Berliner Villenviertels. Teil I: 1790-1870. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1981
  2. http://ueberlauf.com/Ort_Luebzow.html
  3. Deutsche Bauzeitung, Jahrgang IV, 1870, Nr. 29 (Architektenverein zu Berlin, S. 237)
  4. Deutsche Bauzeitung, Jahrgang VIII, 1874, Nr. 67 (Architektenverein zu Berlin, S. 271)
  5. Julius Rodenberg. Klostermanns Grundstück, nebst einigen anderen Gegebenheiten, die sich in dessen Nachbarschaft zugetragen haben. Verlag der Gebr. Pactel, Berlin 1891
  6. Maria von Bunsen. Die Welt, in der ich lebte. Erinnerungen aus glücklichen Jahren 1860–1912. Koehler & Amelang, Biberach 1929.
  7. Helmut Engel, Hrsg. Das Haus Fromberg – Café Einstein gegenüber. Jovis Verlag, Berlin 1996.

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