Die Straßen im Kiez: Lützowplatz

(ein Beitrag von Prof. Dr. Paul Enck)

Wenn je ein Ort die Brutstätte für `Projektemacher` war, so ist es der Lützowplatz gewesen. Zu welch wunderbaren Zwecken wurde er nicht schon in Aussicht genommen: Man wollte dort zunächst die Kunstakademie errichten, ferner das `Westend-Theater`, sodann eine Kirche für den äußersten Westen oder eine großartige Badeanstalt, schließlich einen Konzert- und Kaffeegarten. Man hätte vielleicht das Land des Lützowplatzes noch in Wasser verwandelt … wenn nicht der Magistrat das Lützowplatz-Hafenprojekt ein für alle Mal abgelehnt und den Bau einer Brücke über den Landwehrkanal beschlossen hätte“ (1), sagte ein Journalist 1889, und genau so empfindet man heute, mehr als 130 Jahre später, trotz der vielen Verbesserungs- und Verschönerungspläne, die es auch in den nachfolgenden 100 Jahren gegeben hatte, zuletzt 1987 anlässlich der Internationalen Bauausstellung (IBA, s. unten).

Der Lützowplatz als Holzplatz (Foto, unbekannter Fotograf, aus: Der Bär 15. Jg., Nr. 17 vom 28. Januar 1889, S. 213, gemeinfrei)

Der Platz Nr. 28 aus dem Hobrechtschen Bebauungsplan für Berlin von 1862 hatte als Holzplatz begonnen und sah 25 Jahre später immer noch so aus (Bild 1). Der Situationsplan von 1871 aus der Straßenakte (Bild 2) zeigt erst zwei gebaute Häuser: das Mietshaus des Gärtners J.F.Kilian (Kielgan) (Lützowplatz 3, 9 Mietparteien), der 1871 hierher gezogen war und dem der Streifen Land hinter seinem Haus gehörte, das er gegen sein Land nördlich des Landwehrkanals eingetauscht hatte (mitteNdran vom 6.4.2021); und das kleinere Wohnhaus des Geheimen Kriegsrats Mand (Nr. 4); auf Nr. 1 stand noch ein Rohbau (1872), der übrige Rand des Platzes war noch unbebaut. Vom Konzept her waren diese Häuser bereits als Bebauung mit geschlossenen Häuserfronten geplant.  Die Verzögerung des Bauens verwundert um so mehr, als ringsherum längst rege Bautätigkeit eingesetzt hatte, westlich in der Landgrafen- und Keithstraße ebenso wie auf der östlichen Seite in der Derfflinger-, Genthiner- und Magdeburger Straße.

Situationsplan des Lützowplatzes vom 1. Mai 1871 (Straßenakte Lützowplatz des Berliner Landesarchivs, Akten-Nr. A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 18035)

Der Grund für diese Bauverzögerung am Lützowplatz erschließt sich aus dem Plan selbst (Bild 2): Das Land gehörte einem Eigentümer „Lau & Collin“ – dahinter steckte der „Rittergutsbesitzer“ Collin und ein Rechtsanwalt namens Lau. Diese hatten dieses Areal erworben in Kenntnis des Hobrechtplans, hatten einen Bauantrag gestellt, der demzufolge abgelehnt worden war, und dann auf Entschädigung für die Abgabe (Enteignung) als öffentlicher Platz spekuliert. Ein entsprechender Antrag an den Magistrat der Stadt wurde von diesem abgelehnt, da gemäß einer Bestimmung des Handelsministeriums von 1862 Eigentümer von zu öffentlichem Straßenterrain festgelegten Landes keinen Anspruch auf Entschädigung haben, wenn dieses nach 1862 erworben worden war. Verhandlungen mit der Stadtgemeinde verliefen ebenfalls ergebnislos, eine Klage von Lau & Collin wurde abgewiesen, das Ganze zog sich mehr als 10 Jahre bis Ende der 70-er Jahre hin. Inzwischen wurde (1872-1875) südlich des Platzes (auf dem Areal vor dem heutigen Steigenberger Hotel, „Berlin, Berlin“) ein imposantes Gebäude gebaut, das „Ingenieursdienst-Gebäude“ (Kurfürstenstraße 63-69), auf dessen Rückseite, zum Platz hin (mit den Hausnummern 9 bis 14), 1874 bereits die ersten Wohnhäuser standen. Und in all der Zeit vermieteten Collins & Lau den Platz als Holzlagerplatz (s. Bild 1).

Dann sollte ein Plan für ein öffentliches, „monumentales“ Gebäude die Lösung des Lützowplatz-Problems bringen: im Rahmen des jährlich stattfindenden Schinkel-Wettbewerbs des Architektenvereins wurde 1877 ein Plan für einen Neubau der Akademie der Künste prämiert, der die Zustimmung vieler fand: des Königs, des Direktors der Bauakademie, Baurat Lucae, des Bürgermeisters Hobrecht, Bruder des Planverfassers von 1862; auch Anton von Werner (1843-1915), Maler und inzwischen Direktor der Hochschule der Künste seit 1874, freute sich schon auf sein zukünftiges Büro in der Akademie, wo er Leiter der Abteilung für bildende Künste werden sollte, und Martin Gropius (1824-1880), der bereits ein weltberühmter Architekt war, fand den Plan passend zu seinem am Lützowplatz 11 gelegenen „Alumnat für Kunststudenten“, eine Residenz für Kunststudenten. Nur mit dem amtierenden Präsidenten der Akademie der Künste, dem Baurat Friedrich Hitzig (1811-1881) hatte wohl niemand geredet, oder, wenn doch, hatte dessen Einverständnis einfach vorausgesetzt – aber dazu war der entweder zu eitel, weil der Plan nicht von ihm war, oder er war zu eingeschnappt, um einfach ja zu sagen – also wurde aus diesem Plan nix, und das setzte dann die Kaskade von Plänen und Entwürfen in Gang, die Anfang dieses Artikels beschrieben sind (2).

Entgegen anderslautenden Berichten und Artikeln: Der Platz erhielt seinen Namen nicht in Anerkennung der militärischen Leistungen des Freiherrn Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow (1782-1832) in den napoleonischen Befreiungskriegen, sondern, wie das angrenzende Lützowufer, auf  „Vorschlag des Polizei-Präsidiums wegen des daran liegenden Lützower Ufers und der Lützow-Straße … durch Allerhöchste Kabinett-Ordre vom 6. November 1869“,  wie bereits 1885 vermerkt wurde (3);. Auch dass der Freiherr „in der Nähe“ gewohnt haben soll, gehört in das Reich der Märchen, die einer vom anderen abschreibt: Der Freiherr und Generalmajor war aus dem Mecklenburgischen, einem Ort mit Namen Lützow; seine Wohn- und Dienst-Adressen in Berlin nach den Kriegen gegen die napoleonische Armee und seinem militärischen Aufstieg waren – laut Adresskalender von Berlin und Potsdam – die Leipzigerstraße 102 (1820-1829), die Jägerstraße 15 (1830 und 1831) und die Burgstraße 19 (1832 bis zu seinem Tod 1834), aber nicht hier draußen vor der Stadt. Einer Meldung aus den „Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins“ von 1923 (also 100 Jahre nach dem historischen Sieg über das napoleonische Heer 1813 bei Großbeeren) war das Wohn- und Sterbehaus von Lützows „da, wo die Bendlerstraße in die Tiergartenstraße mündet“; dort wurde 1923 eine Gedenktafel angebracht (wenn man der Meldung glaubt, mit dem falschen Vornamen des Oberst: Friedrich Adolf von Lützow) – heute ist dort auf der einen Seite die italienische, auf der anderen die japanische Botschaft, aber die auch erst seit der „zwangsweisen“ Umsiedlung dieser Botschaften 1937 durch die Nationalsozialisten, die von der neuen Hauptstadt „Germania“ träumten. Aber in Berlin ist ja alles irgendwie „in der Nähe“.

Lützowplatz 1905: Unten die Herkulesbrücke und der Herkulesbrunnen in der Mitte, Blick in die Maaßenstraße (unbekannter Fotograf, Postkarte vor 1905, gemeinfrei)

Was sollte von Lützow auch auf einem Holzplatz? Heute sieht der Platz eher wie eine Wiese aus, auf der – relativ verloren – ein paar Bäume und Kunstwerke rumstehen – jetzt im Frühjahr wird´s ein wenig besser. Nicht dass wir uns missverstehen, ich liebe Parks und Kunst im öffentlichen Raum, aber sie müssen zum Verweilen, Betrachten einladen und davon kann hier kaum Rede sein. Und auch ohne Kunst hat der Platz mal ganz schön ausgesehen um 1900, nachdem die erste Bebauung abgeschlossen war (Bild 3). Das war nach diversen, alle paar Jahre stattfindenden Schinkel-Wettbewerben, bei dem der großartigste, weil der monumentalste Entwurf (s. oben) gottseidank nicht zur Geltung kam.

4. Hafenbecken am Schöneberger Ufer (heute: Mendelsohn-Bartholdy-Park, links die Köthener Brücke 1910), und rechts Situationsplan von 1896 (Quellen: unbekannter Fotograf, Aufnahme nach 1910, Zeitpunkt der Fertigstellung der Brücke, Foto aus Marburger Bildarchiv Nr. fm820463; Plan aus: Berlin und seine Bauten, Bd. 1, 1896, Seite 79, Abb. 65 – gemeinfrei)

Das erwähnte Hafenprojekt sollte das am Landwehrkanal vorhandene Schöneberger Hafenbecken entlasten, das zu klein geworden war: da, wo heute der Mendelsohn-Bartholdy-Park ist, war von 1853 bis 1960 ein Hafenbecken (Bild 4). Und natürlich hat am gegenwärtigen Zustand auf dem Lützowplatz auch die Bombardierung am Ende des 2. Weltkrieges ihren Anteil, aber die Klagen (und die Pläne) fingen schon viel früher an, wie gezeigt.

Über die Kunstszene am Lützowplatz, insbesondere über das „Haus am Lützowplatz“ (HaL) (4) ist viel geschrieben worden, was hier nicht wiederholt werden soll, und auch Fotodokumente gibt es in reichlicher Auswahl in den digitalen Archiven des Berliner Landesarchivs, des Stadtmuseums, des Berlinischen Museums und des Architekturmuseums der Technischen Universität. Der IBA 1987 verdankt das Lützow-Viertel auch die vorbildliche Bebauung mit zeitgemäßen, stadtnahen Wohngebäuden mit Charme am westlichen Ende der Lützowstraße, links hinter dem Sheraton-Hotel. Eine ebenfalls mit einem Preis ausgezeichnete Wohnblock-Bebauung Oswald Mathias Ungers, zwischen Lützowufer und Wichmannstraße auf der westlichen Seite des Platzes, 1979-1983 gebaut für die IBA 1987, ist schon wieder Geschichte, abgerissen 2013, um einem Bürogebäude Platz zu machen (5). Niemand sollte also klagen darüber, das zeitgenössisches schönes Bauen und Wohnen nicht möglich sei.

Vielfach aber bleiben auch heute solche Pläne in der Schublade und werden nicht realisiert.  Einen eher schlichten, aber anmutigen Plan von 1988 zur Neugestaltung des Lützow-Platzes und der angrenzenden früheren Maaßenstraße (heute: Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße) bis zum Nollendorfplatz möchte ich nicht vorenthalten (Bild 5). Warum dieser Plan zur Neugestaltung des arg ramponierten Platzes nicht realisiert wurde, ist vermutlich kein Geheimnis: Unter dem Platz liegt ein 10.000 Kubikmeter fassendes Regenrückhaltebecken der Berliner Stadtwerke, das 2017 saniert werden musste – man kann nur hoffen, dass der Platz sich in den kommenden 50 Jahren von diesen radikalen Eingriffen erholen kann. Und dass dem Platz durch die Anlage von noch mehr Autospuren entlang der Schillstraße nicht noch mehr Raum genommen wird.

Plan zur Neugestaltung des Platzes 1986-1988 im Rahmen der IBA, Entwurf von Magdalena Vesely, Landschaftsarchitektin; Wettbewerb Lützowplatz, 2.Stufe (nicht realisiert) (Quelle: Berlinische Galerie, Foto von Antje-Elisabeth Witte, Inventar Nr. BG AS 1547.1.2 und 1.3 mit Erlaubnis)

Literatur:

  1. H.Brendicke. Die Entwicklung der Westvorstadt Berlins. In: Der Bär 15. Jg., Nr. 17 vom 28. Januar 1889, S. 217.
  2. Constanze Hornauer. Das Tiergartenviertel als Villenvorort bis zum Beginn des 1. Weltkriegs. In: Bauaustellung Berlin GmbH, Hrg. Internationaler Wettbewerb Wohnpark am Lützowplatz Berlin, Südliches Tiergartenviertel. Berlin 1984, S. 67-115
  3. Hermann Vogt. Die Straßen-Namen Berlins. Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins. Berlin, Verlag des Vereins für die Geschichte Berlins 1885, S. 57
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Haus_am_Lützowplatz; https://www.hal-berlin.de
  5. https://urbanophil.net/staedtebau-architektur/ein-letzter-blick-auf-ein-stuck-gebaute-utopie/ 

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