Foto Klinke und das Rolandhaus

Der Autor, Ralf Hausding, ist in Tiergarten nah am Potsdamer Platz aufgewachsen und erinnert sich gern an seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Nach dem Abriss seines Wohnhauses hat es ihn nach Spandau verschlagen. Heute bietet er Stadtrundgänge in Tiergarten an. 

Foto Klinke und das Rolandhaus

Foto Klinke war bis in die Zeit nach der Wende 1989 ein führendes Berliner Fotofachgeschäft. Begonnen hatte alles im Jahre 1928. Aus dem Jahr 1930 ist eine Preisliste bekannt, auf der die Firmenadresse Berlin O17, Große Frankfurter Straße 100 zu lesen ist. Der Betrieb hat die Nazi-Zeit und den Krieg überstanden.

Als kleines Kind hatte ich selbst die erste Begegnung mit Max Klinke. Er hatte sein Geschäft in der Teilruine Potsdamer Straße 31 (bis 1938 127-128). Das war der Rest des einstmals bekannten Rolandhauses.

Rolandhaus um 1905, Potsdamer Str. 127-128 aus: Blätter für Architektur und Kunsthandwerk

Das Rolandhaus war eines der ersten reinen Geschäftshäuser in der Potsdamer Straße. Erbaut wurde es in den Jahren 1901/02 von dem Architekten Wilhelm Walther. Das fünfgeschossige Bürohaus mit einer Fassade aus rotem Mainsandstein und Schriftfeldern in Glasmosaik wurde in Formen der deutschen Renaissance für eine Grundstücksgesellschaft errichtet, an der offenbar auch Wilhelm Walther beteiligt war. Im Erd- und ersten Obergeschoss war links ein Café und rechts das Weinrestaurant „Zum Roland von Berlin“, nach dem das Haus seinen Namen erhielt.

Café zum Roland. Postkarte

Im Café und dem Restaurant gastierten früher bekannte Künstler. Ende der 1930er Jahre sollte das Haus, wie auch die Nachbarhäuser links und rechts, für Hitlers Pläne einer Neugestaltung Berlins abgerissen werden. Der Kriegsverlauf verhinderte das ab 1941, aber die alliierten Bomber fügten dem Rolandhaus großen Schaden zu. Das Erdgeschoss war aber bald wieder nutzbar und Foto Klinke zog Anfang der 1950er Jahre ein.

Meine Mutter war auf der Suche nach einem Zuverdienst, ohne weit von der Wohnung weg zu müssen. Ich brauchte wohl noch etwas Aufsicht. Es klappte und meine Mutter konnte als Raumpflegerin bei Foto Klinke anfangen. Ein paar Stunden am Vormittag, in denen die Büros und Labore gereinigt wurden, ein paar Stunden am Abend für die Verkaufsräume. Das war kein Problem, denn wir wohnten im Nebenhaus. Weil ich mich immer in der Nähe herumtrieb, schaute ich ab und zu vorbei und war bald bei den Verkäufern bekannt. Ich durfte auch hinter die Kulissen sehen und kam so auch auf den Hof. Rings herum ragten leere Fensterhöhlen in die Höhe. Ich kannte viele Ruinen, die in dieser Zeit noch standen, aber trotzdem war es schaurig. Es war erstaunlich, dass trotz der vielen Bombenangriffe noch so viel stehen geblieben war. In der Durchfahrt zur Straße stand der Firmenwagen, ein grauer Opel Olympia Kombi von 1950.

Hier auf dem Hof traf man auch auf die Hunde von Max Klinke, die in der Nacht den Laden bewachten. Es waren, für mein Gefühl, sehr große Tiere. Vermutlich waren es Dobermänner. Meine Mutter hat sich eines Tages beklagt, dass der Tierarzt am Vormittag im Betrieb war und den Hunden die Ohren und Schwänze kupiert hatte. Die blutige Sauerei blieb dann für die Reinigungsfrau liegen.

Der alte Herr Max, ein gut genährter Herr um die 60, war auch ein wenig sadistisch veranlagt. Die auf dem Hof in Fallen geratenen Ratten nagelte er dekorativ an einen Balken. Offensichtlich lief der Laden gut, denn er konnte sich einen Borgward Isabella leisten, damals ein schicker und teurer Wagen.

Borgward Isabella TS, by Lothar Spurzem – Own work, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38952368

Der Senat plante, das ehemalige Rolandhaus 1959 abzureißen. Klinke begann auf der Rückseite des Blocks, in der Schellingstraße, sich ein neues Geschäft zu bauen. Großzügig, mit Verkaufsraum, Lager und Labor um einen Innenhof gruppiert. Auch hier konnte ich nach dem Umzug kleine Besuche absolvieren. Das Geschäft hatte eine Nebentür auf das unbebaute Nachbargrundstück. Vor der Tür tummelten sich oft seine Hunde. Eines Tages fragte ich meine Mutter, ob die Hunde draußen sind. „Bestimmt nicht“ entgegnete sie und ich ging durch diese Tür hinaus. Als ich mich umdrehte, standen die Viecher vor mir. Die Tür war zu und ich bekam Panik. Also machte ich alles falsch und rannte los, die Hunde natürlich hinter mir her. Ich fiel auf die Nase und nun trampelten sie auf mir herum. Zum Glück passierte, außer einem Kratzer, nichts weiter. Einige Zeit später war vor besagter Tür ein Teil des Grundstücks eingezäunt und weitere Begegnungen ausgeschlossen.

Im Betrieb gab es außer Ratten und Hunden auch noch Katzen. Eine Mieze hatte wohl ein Junges und dieser kleine Kater war recht unerschrocken. Er stromerte noch durch den alten Laden in der Potsdamer Straße und wurde beobachtet, wie er auf einem Tisch sitzend den um ihn herum stehenden Hunden Backpfeifen verpasste. Wie haben den Kleinen dann zunächst am Wochenende, später ständig bei uns aufgenommen. Er hat es uns lange Jahre gedankt.

Das alte Rolandhaus wurde nun abgerissen, aber die vier an der Straßenfassade in Höhe des zweiten Stocks befindlichen großen Figuren, wurden geborgen. Sie sind in Kupfer getrieben und haben eine Höhe von 2,5 Meter. Sie stellen die Industrie, den Handel, die Kunst und die Wissenschaft dar. Geschaffen wurden sie von dem Künstler Richard Bieber im Jahre 1903. 1981 wurden sie während der Preußenausstellung im Martin-Gropius-Bau gezeigt. Danach tauchten sie im Hof des Hotels Excelsior in der Hardenbergstraße wieder auf. Das Hotel ist seit mehreren Jahren geschlossen und ich kann nur vermuten, dass sie immer noch dort stehen.

Figur des Rolandhauses im Hof des Hotels Excelsior. © R. Hausding 2012

Klinke hat nach der Wende versucht zu expandieren. Es waren zum Schluss 12 Filialen, aber die Zeit der analogen Fotografie ging zu Ende und bald schrieb das Geschäft rote Zahlen. 2002 fiel dann der Vorhang.

Redaktion

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