Straßen im Kiez: Pohlstraße

(ein Beitrag von Prof. Dr. Paul Enck)

Wenn man wissen möchte, warum eine Berliner Straße eine bestimmten Namen trägt, schaut man am einfachsten erst mal im Kauperts nach: (https://berlin.kauperts.de/Strassenverzeichnis)

Aber manchmal stimmen die Angaben dort eben nicht (so wie in der Lützowstraße, siehe mitteNdran vom 3. Juni 2020) und man muss ein wenig graben, in Adressbüchern oder Archiven. Und manchmal ist Graben nicht nötig, weil der Bezirk freundlicherweise am Straßenschild eine Erklärung hinterlassen hat – so wie bei der Körnerstraße mit dem Verweis auf den Dichter Karl-Theodor Körner (1791-1813).

Pohlstraße Richtung Gleidreieckspark (Foto: bse)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für die Pohlstraße stimmt der Kauperts: Sie hieß zunächst Steglitzer Straße und das seit 1862. Sie wurde 1936 von den Nationalsozialisten umbenannt in Ludendorffstraße, nach dem General Erich Ludendorff (1865-1937), der im ersten Weltkrieg eine steile militärische Karriere machte, sich in der Weimarer Zeit der nationalsozialistisch-völkischen Bewegung anschloss und im antidemokratischen Kapp-Putsch (1920) und Hitler-Ludendorff-Putsch (1923) eine führende Rolle spielte, sich aber später mit Hitler überwarf. Er starb 1937 in München an Leberkrebs. Da es auch 1936 immer noch keine Ludendorffstraße gab in Berlin, wundert es kaum, dass sie Nazis ihre (vermeintlichen) Helden unterbringen wollten – gab es doch in Berlin seit 1862 (fertiggestellt etwa 1880) den „Generalszug“, die Straßenbenennung nach Generälen und Gefechten der Befreiungskriege, später nach weiteren preußischen Generälen sowie mit militärischen Bezügen. Und das war in Berlin schon immer so, auch vor der Planung des „Generalszuges“, wie ein Stadtkenner, Julius Löwenberg, schon 1850 in seinem Reiseführer für Berlin feststellte: „Eine besondere Eigenthümlichkeit der Straßen Berlins sind  die vielen militairischen Namen, wie sie fast keine andere Stadt in solcher Menge aufzuweisen hat … In anderen grossen Städten sind dergleichen Namen volksthümlicher“ (1, Seite 47). Im Zweifel steckt in Berlin hinter einem Namen immer eine Militärperson, auch heute noch. Nach dem 2. Weltkrieg, 1947, wurde diese Umbenennung zum Teil revidiert; den vielen Straßen in Deutschland, die 1933 nach Adolf Hitler benannt worden waren, passierte dies viel schneller, anderen Straßen, denen die Nazis „militärische Namen“ gegeben hatten, wie z.B. die Kluckstraße und die Bissingzeile in unserem Kiez, allerdings gar nicht.

Und statt des ursprünglichen Namens erhielt die Straße nun den Namen Pohlstraße, nach einer Widerstandskämpferin im Dritten Reich, Ottilie Pohl geb. Levit  (1867-1943) – nur sucht man in der Straße vergeblich nach einem entsprechenden Hinweis. Eine Gedenktafel hängt in der Beusselstraße 43 in Moabit, dort hatte sie zuletzt gewohnt und gearbeitet, aber vermutlich weiß in der Beusselstraße niemand, dass es die Pohlstraße gibt, trotz des dankenswerter Weise vom Bezirk Tiergarten herausgegebenen Buches über Frauengeschichte im Tiergarten (2). Und wenn man erfahren will, wer denn diese Ottilie Pohl war, sind die Angaben äußerst dürftig: in besagten Buch, in einer Enzyklopädie deutscher Widerstandskämpfer (3) oder bei Wikipedia reicht es kaum für eine Buchseite. Am auffälligsten: das fast völlige Fehlen einer Herkunftsfamilie, einer eigenen Familie, möglicher Nachkommen – das reizte den Forscher.

westliche Pohlstraße (Foto:bse)

Die erste Quelle für Ahnenforschung ist sicherlich Ancestry (www.ancestry.de), aber Ancestry kannte keine Ottilie Pohl – bis ein Freund, den ich in solchen Fällen um Rat frage, auf die Idee kam, unter ihrem zweiten, jüdischen Vornamen zu suchen: Ottilie Taube Pohl geb. Levit. Taube steht für Jonah (wenn´s ein Junge ist) und für Jona (oder Yona) für Mädchen, ins Deutsche übersetzt aus dem Hebräischen, der/die Friedfertige, Taube. Und in der Tat fanden sich jetzt nicht nur die Familienangehörigen, Ottilie unterschrieb auch Urkunden, z.B. ihre eigene Heiratsurkunde mit Taube Pohl, geborene Levit (s. Bild).

Für eine Genealogie ist hier kein Platz, die soll an anderer Stelle erscheinen, z.B. in Wikipedia, hier aber in aller Kürze: Sie war das zweitälteste von insgesamt 7 Kindern (drei Mädchen) der Eheleute Moritz (Meier) Levit (1843-1892), ein jüdischer Handelsmann, und Friederike (Riekel) geb. Zirker (1839-1885) aus Schönwalde bei Luckau, Niederlausitz. Die Mutter starb 1885, und der Vater zog mit den Kindern nach Berlin – die Familie wohnte ausschließlich im Nordosten der Stadt (Moabit, Scheunenviertel) mit seinen vielen Mietskasernen, ab 1915 in der Beusselstrasse 43. Als der Vater 1892 starb, heiratete Ottilie (1893) den Kutscher und späteren Fabrikarbeiter Wilhelm Hermann Pohl (1867-1915) – sie hatten drei Kinder  (Gertrud: 1895-1946; Hans: *1897, verstarb mit 8 Monaten; Fritz: 1900-1978). Gertrud heiratete 1915, wurde aber 1931 wieder geschieden und zog nach Varel, Kreis Oldenburg – sie hatte keine Kinder. Fritz heiratete 1930 und blieb mit seiner Frau in Berlin – aus dieser Ehe gibt es ein Kind. Von Ottilies sechs Geschwistern ist das Schicksal der meisten unklar: Cäcilie (*1866) heiratete 1897 und starb 1906 in Berlin; Hajom (genannt Hugo) (*1872) heiratete 1905, sein weiteres Leben ist (noch) unbekannt; Max (Menachim) (*1873) wurde wie seine Schwester Ottilie in Theresienstadt (oder Treblika) ermordet; Hedwig (*1875) starb 1939 in Lauben (?); und Georg (*1876) heiratete 1903 in Berlin, wo er 1943 verstarb.

Ottilie Pohls Engagement in der Mädchen- und Frauenbildung, ihr Beitritt zur SPD und später zur USPD, ihre Mitarbeit in der Roten Hilfe, als die Nazis Kommunisten und Gewerkschaftler verfolgten, die Anklage wegen Hochverrats 1942, infolge dessen sie 8 Monate im Frauengefängnis war, und die kurz nach der Entlassung erneute Verhaftung und Deportation nach Theresienstadt, wo sie ermordet wurde, sind bekannt und Grund genug, ihr eine Straße zu widmen – wir sind froh, dass wir sie wieder mit ihrer Familie zusammenbringen konnten.

Quellen:

  1. Julius Löwenberg. Der Fremde in Berlin und Potsdam. 7.Auflage. K.H.Schroeder Verlag 1850.
  2. Kulturamt Tiergarten, Hg. Frauengeschichte(n) aus Tiergarten 1850-1950. Weidler Verlag 1999
  3. Luise Kraushaar. Deutsche Widerstandskämpfer 1933-1945. Diet

Schreibe einen Kommentar