Eigentümer*innen von Wohnungen und Häusern kennen ihn, den Grundbuch-Auszug ihrer Immobilie, nicht zuletzt deswegen, weil sie neuerdings dafür eine neu berechnete Grundsteuer bezahlen. Wenn sie hingegen Grundbuch-Auszüge einer anderen Immobilie wollen, die der Nachbarn oder eine, die sie erwerben möchten, müssen sie die Nachbarn oder den potentiellen Verkäufer fragen und deren Einverständnis einholen, bevor das Grundbuch- oder Katasteramt die Einsicht erlaubt: Immerhin enthält ein Grundbuch-Auszug unter anderem Informationen über die Hypothekenbelastung der Immobilie, und wer lässt sich schon gern in die finanziellen Karten schauen, wenn es nicht nötig ist. Davor schützt der Datenschutz.
Was ist aber mit historischen Grundbüchern, sagen wir mal um 1900? Die früheren Besitzer der Immobilie sind längst tot, das Haus gibt es möglicherweise auch schon nicht mehr, die Schulden sind abbezahlt und selbst die Geldgeber mögen schon nicht mehr existieren. Wie kommt man an einen Grundbuch-Auszug, wenn der Grund für die Einsicht ausschließlich wissenschaftliche – oder persönliche – Neugierde ist?
Einen solchen Fall hatten wir jetzt und wollten ihn lösen. Es ging um das Grundstück und Haus Krausnickstraße 16, das zwischen 1873 und 1899 der Familie von Julius Popper gehörte (mittendran vom 9. November 2025). Wir wollten wissen, wie teuer die Immobilie war, als die Familie sie vom Erstbesitzer, dem Architekten Carl Ferdinand Böhm, erworben hatte, wie sie den Kauf finanziert hatte und wie die Belastung war, als sie das Haus 1899 verkaufte – schiere Neugierde, getrieben von dem Eindruck, dass das Einkommen des Predigers für einen solchen Kauf eigentlich zu gering war.
Einen Hinweis gab es jedoch: Seit mehr als 300 Jahren sind alle Häuser in Berlin zwangsversichert bei der Feuersozietät, seinerzeit eine staatliche Versicherung. Diese hatte jedes Gebäude, jeden Eigentümer und Eigentümer-Wechsel und den jeweiligen Wert der Immobilie (das Wohnhaus und seine Ausstattung, minus des Grundwerts, der ja bei einem Brand des Hauses erhalten bleibt) in Registern notiert. Für das Haus Krausnickstraße gab es solche Eintragungen (Bild 1) für das Jahr, in dem die Familie Popper das Haus erwarb, für das Jahr, in dem die Währung von Taler auf Mark umgestellt wurde (1873) und für den Zeitpunkt des Verkaufs 1899. Und hier war vermerkt: Hypothekenbuch Vol. 58 Blatt 3223. Aber eben keinen Hinweis auf die Finanzierung, die ja auch für die Versicherung uninteressant ist.

Bild 1: Kopfzeile des Eintrags im Register der Feuersozietät für die Krausnickstraße 16; rot markiert der Hinweis auf das Hypothekenbuch (Akte im Landesarchiv Berlin: A Rep. 180 Nr. 47, Microfilm).
Die Lösung des Rätsels ist ein Beispiel für Fallstricke der Bürokratie einerseits, für Beständigkeit solcher alten Aufzeichnungen und ihre – wissenschaftliche oder bürokratische – Zugänglichkeit andererseits. Und am Ende war der Prozess nicht mal besonders lang.
Wir hatten in der Vergangenheit einmal ein Grundbuch – eigentlich ein Namensregister zu einem Grundbuch – eingesehen auf der Suche nach dem Besitzer eines Grundstücks in der Mittelstraße, die heute Dorotheenstraße heißt. Das war im Geheimen Staatsarchiv in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (GStA – SPK) in Berlin-Dahlem gewesen, also haben wir uns im Sommer 2025 nochmals an das GStA gewandt mit der Frage, ob sich in ihrem Bestand das Hypothekenbuch (so hießen die Grundbücher früher) für die Krausnickstraße 16 befinde. In den digitalen „Findbüchern“ hatten wir nichts finden können. Nach zwei Monaten und einem Rückruf aus dem Archiv – solche Wartezeiten sind nicht ungewöhnlich, Archive haben viele solche Anfragen, telefonische Rückfragen sind dagegen mehr als ungewöhnlich und Beispiel für guten Service – kam der Bescheid, dass sich das Grundbuch nicht im Archivbestand befände, überhaupt Grundbücher nicht zu den Archivalien des GStA gehörten und man möge sich bitte an das Landesarchiv Berlin (LAB) in Reinickendorf wenden.
In den digital zugänglichen LAB-Datenbanken (Findbüchern: https://www.landesarchiv-berlin.findbuch.net/php/main.php) des alten Berlins waren einige Grundbücher verzeichnet, aber nicht die für die Krausnickstraße. Daher haben wir uns mit einer Mail an die Auskunft gewandt und gewartet – zwei Monate (siehe oben). Eine Erinnerungsmail im Dezember brachte dann innerhalb kürzester Zeit die Information, dass die historischen Grundbücher sich nicht im LAB befänden, sondern im Grundbuch-Archiv im Westhafen, das zum Amtsgericht Lichtenberg (AGL) gehörten – mit Link auf die AGL-Seite.
Dieser Link erlaubte zwar die Hinterlassung einer Nachricht, aber die blieb ohne Eingangsbestätigung und folglich ohne Antwort. Ein Anruf beim AGL ergab die Information, dass das Grundbuch-Archiv nur unter einer speziellen Telefonnummer erreichbar sei (die hier nicht verraten werden soll), nicht über die Zentrale. Unter dieser Nummer konnten wir am zweiten Tag eine Archivarin erreicht, die erklärte, dass sie mit den Angaben (Vol. 58 Blatt 3223 für Krausnickstraße 16) wenig anzufangen wüsste, man möge bitte beim Vermessungs- und Katasteramt Berlin-Mitte (Mathilde-Jacob-Platz 1, 10551 Berlin), wozu die Krausnickstraße gehört, nachfragen, welcher Grundbuchbezirk richtig sei und welche Blattnummer für Krausnickstraße 16 gelte.
Also: Erst telefonisch und dann per E-Mail Bitte um entsprechende Auskunft beim Katasteramt Berlin-Mitte, und nach zwei weiteren Tagen die Auskunft: Die Krausnickstraße 16 gehöre zum Grundbuchbezirk Königsstadt, Band 58, Blatt 3223 (!).
Das erstaunt aus drei Gründen: Erstens umfasste die frühere Königsstadt den Bereich vor dem Georgentor, (seit 1701 Königstor genannt) bis zum Park Friedrichshain; als Bezeichnung des Stadtteils wurde sie 1873 offiziell. Bei der Einteilung in Stadtbezirke von Groß-Berlin 1920 hieß der Bezirk XIV immer noch Königsstadt (Bild 2), und der Name ist offenbar 100 Jahre später noch immer im Gebrauch, auch wenn wir damals und seit mehr als 100 Jahren keinen König mehr haben – und die Krausnickstraße lag im Bezirk XV, der westlich davon gelegenen Spandauer Vorstadt. Und drittens hatten wir immerhin Band- und Blattnummer bereits identifiziert, aber das scheint für das Auffinden des Hypothekenbuches nicht ausreichend zu sein, es fehlt der Bezirk.

Bild 2: Die Stadtbezirke von Berlin-Mitte im Jahr 1920 (Groß-Berlin), XIV ist die Königsstadt, XV die Spandauer Vorstadt (Karte: Zentral- und LAndesbibliothek Berlin, ZLB, gemeinfrei).
Die Archivarin im Grundbucharchiv war sich sicher, mit diesen Angaben die entsprechenden Informationen zu finden – und so war es auch: Am nächsten Tag bestätigte sie, die Akte gefunden zu haben, geführt seit 1762 (?) und bis in die dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Bei der Gelegenheit erfuhren wir, dass die historischen Grundbuchakten aller Grundstücke im ehemaligen Osten der Stadt heute im Westhafen lagern, die Akten der westliche Stadtbezirke vor 1945 hingegen in den jeweiligen heutigen Stadtbezirken: in Schöneberg im Rathaus, in Kreuzberg an der Yorckstraße etc.
Termin im Grundbucharchiv: kommende Woche. Dann hoffentlich auch die Erklärung, warum die Krausnickstraße der Königsstadt zugeschlagen wurde, neben der eigentlichen Frage nach dem Grundstückserwerb und -verkauf durch die Familie Popper.
Der Besuch im Westhafen ist ein Besuch in einer anderen Welt: Zwischen turmhoch gestapelten Containern an deren Verladestelle und zwischen den beiden Hafenbecken liegt am äußersten Ende der Alte Zollspeicher (Bild 3), in dem im dritten Stock zehntausende von Grundbüchern und Grundbuchakten trocken und sicher lagern (Bild 4), wenngleich man vielen der Akten ansieht, dass sie es vor langer Zeit nicht so gut hatten.

Bild 3: Der alte Zoll-Speicher im Westhafen (© PE).
Es gab viel zu lernen an diesem Vormittag: Zum einen muss man unterscheiden zwischen Grundbüchern und Grundbuchakten: Die einen sind diese aufgeklappt 60 x 80cm großen Bücher, in denen in vier Abteilungen das Grundstück und die Besitzer, die Lasten und Beschränkungen, die Hypotheken und Grundschulden und schließlich Veränderungen z.B. des Zinssatzes u.a.m. verzeichnet sind, in chronologischer Ordnung und säuberlich aufgeschrieben. Das machte für das Grundstück Krausnickstraße 16 nur wenige Seiten aus; es hatte offensichtlich nicht häufig Änderungen gegeben.

Bild 4: Dicht an dicht gepackt, Zehntausende von Grundbuchakten und Grundbüchern (© PE).
Die Grundbuchakten dagegen sind umfänglicher (3 Bände in diesem Fall) (Bild 5) und enthalten die Dokumente, die die Eintragungen im Grundbuch belegen: Kaufverträge, Hypotheken-Vereinbarungen, Bauauflagen und Bauänderungen, Erbfolgen und Erbscheine u.a.m. Im Falle der Krausnickstraße 16 fand sich dort das z.B. eine Abschrift des bislang unbekannten Testaments von Julius Popper, seine Geldgeber und die Art und Weise, wie vor 150 Jahren privater Immobilienkauf und -verkauf organisiert war; dazu ein andermal mehr.

Bild 5: Drei Grundbuchakte für die Krausnickstraße 16 (© PE).
Und in der Frage nach der Königsstadt ist es eher umgekehrt als zunächst gedacht: Die ältere Stadtgliederung sah einen großen Bezirk Königsviertel oder Königsstadt vor, der vor dem Königstor lag. Von dem wurde das Spandauer Viertel (Bild 6) später abgetrennt, als die Einwohner- und Gebäudezahl gewachsen waren und eine eigene Verwaltungseinheit sinnvoll schien, während für die Grundbücher das Spandauer Viertel nach wie vor zu Königstadt gehörte. Im Archiv macht es wohl den größten Anteil aller ehemaligen Stadtbezirke aus.

Bild 6: Die Spandauer Vorstadt (Spandauer Revier 1872). Blau markiert die Lage des Hauses Krausnickstraße 16 (KArte: Zentral und Landesbibliothek Berlin, ZLB, gemeinfrei).
