Post aus Tokio: Walter Benjamin (1892-1942) im Blumeshof

Die Mail kam wirklich überraschend: Aus Tokio schrieb – in allerbestem Deutsch – ein emeritierter japanischer Professor, Jun Tanaka, und kommentierte eine soeben veröffentlichte Geschichte, die von den Bewohnern des Blumeshof 12 handelte (mittendran vom 25. Januar 2026). Eigentlich ging es ihm nur um eine Bewohnerin, Hedwig Schoenflies, Walter Benjamins Großmutter mütterlicherseits, die hier von 1896 bis 1907 wohnte (mittendran vom 7. Dezember 2024). Und um die Frage, ob Hedwig Schoenflies im Blumeshof 12 die Beletage bewohnt hatte oder, wie wir in unserem Artikel behauptet hatten, das oberste Stockwerk.

Der erster Gedanke war, dass die Sprach-Übersetzungsprogramme auch immer besser werden; ein so astreines Deutsch würde man von einem Japaner, für den die deutsche Sprache Zweitsprache ist, erst mal nicht erwarten – aber wir sollten uns irren. Wir haben den Kollegen gegoogelt (1) und ihn als Kunsthistoriker und Experte für interdisziplinäre Kulturgeschichte identifiziert, der einige Zeit in Berlin an der Humboldt-Universität am Institut für Kulturwissenschaften zugebracht hatte (Bild 1). Und der sich als Experte für Walter Benjamin erwies, als er im Verlauf der nächsten Tage eröffnete, dass er Walter Benjamins „Kindheit in Berlin um Neunzehnhundert“ (2) demnächst in japanischer Sprache veröffentlichen wird. Wer Walter Benjamin ins Japanische übersetzt, muss der deutschen Sprache mehr als mächtig sein, wie würde man sonst Benjaminsche Sprachschöpfungen wie „Mark-thalle“ (statt Markthalle) und Blume-Zoff (statt Blumeshof) aus den Kindheitserinnerungen in irgendeine andere Sprache übersetzen.

Bild 1:Foto von Professor Jun Tanaka  (aus (1)).

Innerhalb der nächsten Woche haben wir täglich Emails ausgetauscht, was sich, wegen der neun Stunden Zeitverschiebung zwischen Japan und Deutschland, als außerordentlich effektiv erwies. Und wir haben eine Reihe von Hypothesen geprüft, wer zwischen 1895 und 1907 wann in den Blumeshof eingezogen und welche der vier Etagen bzw. fünf, wenn man das Souterrain mitzählt, bezogen haben könnte; und welche Etage im Haus die sogenannte Beletage war, das Hochparterre, wie sonst üblich, oder die zweite Etage, die die höchste Raumhöhe (4,07 m) und die größte Wohnfläche hatte. Wir sind zu folgendem Ergebnis gekommen: Der Bankier Julius Landau (1852-1928), ein Berliner Millionär, zog zeitgleich mit Hedwig Schoenflies 1895 in den Blumeshof 12, und für den Bankier wissen wir, dass er im (Hoch-)Parterre wohnte, Hedwig Schonflies daher in der darüber liegenden Beletage, die hier im 2. Stock war (Bild 2). Für die Geschichte der Familie Liedtke hat diese Recherche wenig Bewandtnis, außer vielleicht, dass sie, vier Jahre nachdem der Bankier Landau ausgezogen war, vermutlich in dessen Wohnung gezogen sind – der Text ist inzwischen korrigiert.

Bild 2: Treppenhaus Blumeshof 12. Die dritte Etage (1. Obergeschoss) war mit einer Raumhöhe von 4,07 m vermutlich die Beletage, in der Walter Benjamins Großmutter Hedwig Schoenflies wohnte (Zeichnung aus der Bauakte im Landesarchiv, B Rep. 202 Nr. 2955).

Interessanter ist dagegen die Recherche und ihr Ergebnis um die Großtante von Walter Benjamin, die Schwester der Großmutter Hedwig Schoenflies: Minna Lehmann geborene Stargardt (1822-1912) wohnte in der Steglitzer Straße 47 (heute: Pohlstraße) gegen Ende, wo diese in die Genthinerstraße mündete. Sie spielt in Walter Benjamins Kindheitserinnerungen ebenfalls eine Rolle, sie soll daher demnächst hier eine eigene Geschichte bekommt.

  1. https://u-tokyo.academia.edu/JunTanaka, https://de.wikipedia.org/wiki/Jun_Tanaka_(Kunsthistoriker).
  2. Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert: Fassung letzter Hand. Frankfurt, Suhrkamp Verlag 2010.

Paul Enck

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