Jüdische Apotheker und Ärzte (2): Moritz Borchardt, Dörnbergstraße (Teil 1)

Über den Berliner Arzt Moritz Borchardt (1868-1948) (Bild 1) und seine Vorfahren ist schon einiges geschrieben worden (1-3), aber nicht alles stimmt, und nicht alles ist leicht überprüfbar. Das fängt schon mit dem Satz an, auf den sich alle berufen, nämlich dass er „aus einer seit Jahrhunderte in Berlin ansässigen jüdischen Kaufmannsfamilie“ stamme. Oder noch präziser: „Vorfahren gehören zu den 50 jüdischen Familien aus Wien, denen der Große Kurfürst 1673 die Ansiedlung in Berlin gestattet hatte“ (1).

Die Vorfahren

Bereits eine einfache genealogische Recherche bei Ancestry zeigt uns heute, dass sein Großvater Moses Moritz Borchardt (1802-1864) noch in Schwerin an der Warthe (Provinz Posen) geboren wurde und ausweislich der Judenbürgerbücher von Berlin (4) etwa im Jahr 1806 nach Berlin kam, wo dessen Vater, Israel Moses Borchardt (1763-1832) am 1. April 1829 das Bürgerrecht erhielt und ein Tuchgeschäft eröffnete. Dieser Israel Moses Borchardt wurde auch auf der Liste der Berliner Juden (5) geführt, die 1812 aufgrund eines Ediktes Friedrich Wilhelm III.  Familiennamen annehmen mussten (Nr. 213), zusammen mit weiteren Personen dieses Namens: Die Handlungsdiener Theodor Borchardt (200) und Leopold Borchardt (201), die unverheiratete Henriette Borchardt (202) und die Witwe Hanne Borchardt geborene Stern (273). Dabei handele es sich um Verwandte des Israel Moses Borchardt, und die Borchardts führten diesen Familiennamen schon mehr als 100 Jahren.

Bild 1: Moritz Borchardt zwischen vor 1910 (aus: Carl Pinn, Jüdische Dozenten  an der Berliner Universitaet; Ost und West, Illustrierte Monatsschrift für das Moderne Judentum 1910, Seite 742; Fotograf unbekannt, gemeinfrei)

Zu diesem Zeitpunkt gab es in Berlin eine weitere Familie mit dem Namen Borchardt, deren Vorfahre, Moritz Jacob Salomon Borchardt (1785-1860) im Jahr 1821 nach Berlin kam, aber 1814 in Stettin das Bürgerrecht erworben hatte (6). Und natürlich hatten beide Familien gemeinsame Vorfahren: Dazu muss man allerdings noch ein paar Generationen weiter zurückgehen. Über diesen Zeitraum waren alle Angehörigen dieser verzweigten Familie in unterschiedlichen Städten ansässig, nicht jedoch in Berlin, und zwar in den hinter-pommerschen Gemeinden Köslin, Körlin, Schlawe, Schwerin und Stolp. Ihren Ursprung hatten die Borchardts dagegen in Halberstadt im Harz, das 1648 nach dem 30-jährigen Krieg zu Brandenburg kam und das eine große jüdische Gemeinde hatte.

Seit 1573 gab es in Brandenburg keine Juden mehr; sie waren nach der Hinrichtung des jüdischen Münzmeisters Lippold (1530-1573) wegen eines angeblichen Verbrechens, dass er nur unter Folter eingestanden hatte, des Landes vertrieben worden. Im Jahr 1671 erlaubte Friedrich Wilhelm (1620-1688), der Große Kurfürst, 50 jüdischen Familien, die in den Jahren zuvor aus dem katholischen Wien unter anderem nach Halberstadt eingewandert waren, sich in Brandenburg für 20 Jahre niederzulassen; dies hatte vor allem ökonomische Gründe – „zur Beforderung des Handels und Wandels – da das Land nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) entvölkert und verarmt war. Die meisten von ihnen zogen nach Berlin, aber auch in andere brandenburgische Städte und Gemeinden (7); die Borchardts gehörten nicht dazu.

Im Jahr 1691, bei Erneuerung und Erweiterung des Schutzbriefes durch Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (1657-1713), zogen die Borchardts von Halberstadt nach Köslin (heute: Koszalin, Polen) in Pommern. Also nicht „seit Jahrhunderten“, sondern seit 1806, gerade einmal 60 Jahre war die Familie in der Stadt, als Moritz Borchardt am 6. Januar 1868 das Licht der Welt erblickte.

Die übersichtlichste Generationenfolge des uns interessierenden Zweigs der Familie findet sich bei Selva Borchardt, einer Urenkelin Moritz Borchardts, die ihre Familiengeschichte 2021 veröffentlichte (8); danach lässt sich der Stammbaum dieser Borchardt-Linie bis etwa 1700 zurückverfolgen (Bild 2). Nimmt man die Recherchen zu der anderen „Berliner Familie“ (6) hinzu, reicht die Stammfolge bis kurz nach dem 30-jährigen Krieg. Kinderreich war die Familie in den meisten Generationen: Die in beiden Genealogien ältesten, gut dokumentierten Vorfahren, Philipp (Baruch) Borchardt (1676-1753) und seine Frau Edel (Eitel) (um 1679-1753) hatten zehn Kinder, alles Söhne, die das Erwachsenenalter erreichten, und auch spätere Generationen waren mit vielen Kindern gesegnet: Moritz Borchardts Urgroßvater Israel Moses Borchardt (1763-1832) und seine Frau Maike geborene Michel hatten noch sieben Kinder, während der Großvater Moses Borchardt (1835-1897) und seine Frau Rosalie geborene Magnus nur noch drei Kinder hatten.

Bild 2: Genealogische Abstammungslinie von Gustav Borchardt, dem Vater von Moritz Borchardt (erstellt nach Angaben in (6) und (8)).

Normalerweise reichen Vorname und Name zusammen mit dem Beruf und dem Geburtsjahr aus, eine Person in Archivalien und Dokumenten eindeutig zu identifizieren. Das war in diesem Fall anders: Es gab in Berlin zwischen 1886 und 1938 einen weiteren Arzt mit dem Namen Moriz Borchardt (manchmal falsch Moritz Borchardt geschrieben), der ebenfalls 1868 geboren wurde (allerdings in Posen), und beide hatten zumindest einige Semester gleichzeitig in Berlin Medizin studiert. Das hat es anfänglich schwierig gemacht, ihre nachfolgenden beruflichen Karrieren auseinander zu halten. Erst durch Zugang und Einsicht in die später angelegte Personalakte „unseres“ Moritz Borchardt im Archiv der Humboldt-Universität (9) hat sich die Situation geklärt, da sich darin ein wissenschaftlicher Lebenslauf befand mit Angaben über die medizinischen Ausbildungsstationen – wobei wir keineswegs die ersten waren, die diese Akten eingesehen haben (1-3). Diese beiden Ärzte gleichen Namens waren zudem verwandt, wie eine Übersicht über Ärzte in der Borchardt-Genealogie zeigt (10).

Die Herkunftsfamilie

Moritz Borchardts Großvater Moses (Moritz) Borchardt (1802-1848) war Kaufmann für Schnittwaren (= Stoffe), wie viele Juden dieser Zeit; der Zugang zu anderen Berufen war durch Zunft-Regeln und andere Vorschriften noch für viele Jahre beschränkt. Er diente zwölf Jahre im Geschäft des ebenfalls aus Schwerin a.W. stammenden und 1818 in Berlin naturalisierten Seidenwaren-Fabrikanten Jean Benda (1791-1870) in der Probstgasse 6.  Am 6. Mai 1834 heiratete er Rosalie (Röschen) Magnus, Tochter des Kaufmanns Joseph Israel Magnus (1768-1819) aus der Klosterstraße 42 (4). Aus dieser Ehe entstammten drei Kinder, zwei Mädchen (Rosalie und Fanny) und Gustav Borchardt (1835-1897). Der heiratete am 20. März 1864 Emma Wolffenstein (1845-1918), die einer anderen Linie der Borchardt-Familie aus Halberstadt entstammte (8). Sie hatten drei Kinder, zwei Mädchen (Henriette und Malwine) und Moritz Borchardt, unser Protagonist.

Da die Vorfahren bislang weitgehend Kaufleute geworden waren, so wurde Gustav Borchardt dies ebenfalls, brachte es aber bis zum Stadtrat von Berlin. Er war nicht, wie in vielen genealogischen Foren wie MyHeritage vermerkt, Arzt, das war erst seinem Sohn vorbehalten: um 1850 war den Juden in Preußen zwar ein Studium erlaubt, aber eine Promotion war nur in Ausnahmefällen möglich. Die förmliche Gleichstellung erreichten sie erst mit der Reichsgründung 1871, und auch dann gab es immer noch viele Einschränkungen.

Großvater Moses hatte sein Geschäft 1829 in der Heiliggeiststraße 26-28 eingerichtet, und dort wohnte er auch in den nächsten 15 Jahren. 1843 hatte er das Nachbarhaus (Nr. 29) in dieser nach heutigen Maßstäben idyllischen Straße im Heiliggeistviertel gekauft (Bild 3) und zog dort ein, das Geschäft blieb bis 1845 im Nachbarhaus, das dem Tabakfabrikanten Prätorius gehörte, dann wurde auch das Geschäft in die Nr. 29 verlegt. Ob die wenige Häuser weiter (Nr. 24) bestehende Bierschänke einem Verwandten mit gleichen Namen gehörte, lässt sich nicht mehr feststellen.

Bild 3: Blick in die Heiliggeiststraße auf das Eckhaus mit der Nr. 23, rechts davon die kleineren Häuser mit den Nr. 22 bis 16. Das Borchardt´sche Haus Nr. 26 bzw. 29 lag dieser Reihe gegenüber und dürfte ähnlich ausgesehen haben (Aufnahme von 1896, Fotograf Georg Bartels. Stiftung Stadtmuseum VI 65-793 V, mit freundlicher Genehmigung).

Nach dem Tod des Moses Borchardt am 10. März 1864 hatte sein Sohn Gustav Borchardt das 1829 gegründete „Borchardt´sche Weißwaaren und Seidenband-Geschäft“ übernommen und es nach weiteren 15 Jahren zum 50-jährigen Jubiläum am 1. Januar 1879 seinem Vetter und langjährigen Mitarbeiter Isidor Mannheim übergeben (Bild 4) – Gustav war jetzt 44 Jahre alt. Er wohnte seit 1868 als „Rentier“ (von seinen Einnahmen lebend) in der Potsdamer Straße 52 – zwischen der Kurfürstenstraße und der Bülowstraße stadtauswärts rechts, heute die Nr. 130.

Bild 4: Zeitungsmeldung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 4. Januar 1879 zum 50-jährigen Jubiläum der Firma Borchardt.

Aber er war offensichtlich zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen und begann eine politische Karriere: er kandidierte 1878 erfolgreich zunächst als Bezirksvorsteher des Bezirks Nr. 51 (Botanischer Garten). Jeder der 326 Berliner Bezirke in den Jahren um 1880 – nicht vergleichbar mit den heutigen Stadtbezirken – hatte einen Stadtverordneten, einen Bezirksvorsteher, einen Schiedsmann, einen Armen-Kommissionsvorsteher, einen Gemeinde-Waisenratsvorsteher und einen Armenarzt. Zwei Jahre später (1880) kandidierte er für den Posten eines Stadtverordneten, der in der Stadtverordneten-Versammlung (SVV, dem Kommunalparlament 1809-1948, heute Abgeordnetenhaus) in der Regel mehrere dieser Bezirke vertrat – Gustav kandidierte erfolgreich für die Bezirke 55 bis 58. Er war einer von etwa 122 Stadtverordneten bis zum Jahr 1885, dann wurde er zum Stadtrat ernannt, einem der etwa 30 Stadträte Berlins, die für einzelne Funktionen im Magistrat zuständig waren, z.B. Bau, Finanzen, Soziales, Schulen etc. Neben den von der Stadt besoldeten Stadträten gab es acht unbesoldete Stadträte, Gustav Borchardt war einer von ihnen. Dies blieb er bis zu seinem Tode am 5. November 1897 im Alter von 62 Jahren, zuletzt mit täglichen Sprechstunden im Rathaus. Auf dem Weg nach „oben“ sammelte Gustav Borchardt Lorbeeren: Vorstandsposten in sozialen Institutionen (Armenhaus-Verwaltung, Waisenkinder-Schutzbund) und den königlichen Kronen-Orden. Zur Trauerfeier erschienen die Honoratioren der Stadt und der Bürger (Bild 5).

Bild 5: Zeitungsmeldung der Berliner Börsen-Zeitung vom 10. November 1897 zum Tode Gustav Borchardts.

Ab 1889 wurde das ehemalige Grundstück des Bankiers Johann Gottfried Siegmund (1792-1865) im heutigen im Hansa-Viertel erschlossen und es entstand die Straße Siegmundshof. Die Nr. 18 (heute Nr.19) war die neue Villa der Borchardts, wo die Familie ab 1892 wohnte (Bild 6). Das kann man eine erfolgreiche Karriere nennen: vom Seidenwarenhändler zum Stadtrat, von der Mietwohnung im Heiliggeist-Viertel zur Stadtvilla im Hansa-Viertel, und der Sohn auf dem besten Wege, einer der besten Chirurgen seiner Zeit zu werden. Dazu mehr im nächsten Teil der Geschichte.

Bild 7: Straube-Plan von Berlin (Ausschnitt) von 1910 mit dem markierten Haus der Familie Gustav Borchardt im Siegmunds Hof Nr. 18.

Literatur

  1. Ulrike Eisenberg, Hartmut Collmann, Daniel Dubinski: Verraten – Vertrieben – Vergessen. Werk und Schicksal nach 1933 verfolgter deutscher Hirnchirurgen. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017, Seite 33-64; siehe auch: Gleis 69, Gelebte Erinnerung in Berlin-Tiergarten.
  2. Christian Pross, Rolf Winau: nicht mißhandeln. Das Krankenhaus Moabit. Edition Hentrich im Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin 1984, Seite 152-158.
  3. Rebecca Schwoch: Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2009, Seite 126 f.
  4. Jacob Jacobson, Hrsg.: Die Judenbürgerbücher der Stadt Berlin 1809 – 1881. Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin 1962.
  5. Amtsblatt der Königlichen Churmärkischen Regierung zu Potsdam 1814 (Beilage zum 40ten Stück des Amtsblatts), Verzeichnis der in den Städten und auf dem platten Land des churmärkischen Land wohnenden Juden …
  6. Dagmar Frings, Jörg Kuhn: Die Borchardts. Auf den Spuren einer Berliner Familie. Verlag Hentrich & Hentrich 2011.
  7. Irene A. Diekmann: Juden in Brandenburg (1671 bis 1871), publiziert am 07.12.2017; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de.
  8. Selva Borchardt: Woher komme ich, Mae? Unveröffentlichtes Manuskript, o.O. (Köln), o.J. (2021)
  9. Personalakte Moritz Borchardt im Archiv der Humboldt-Universität, Signatur B 331.
  10. Uri Rani: Our medical doctors. Manuskript, o.O. (kiryat tiv’on, Israel), o.D. (2018).

Paul Enck

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