Jüdische Apotheker und Ärzte (2): Moritz Borchardt, Dörnbergstraße 6 (Teil 2)

Auch wenn bezüglich der genealogischen Herkunft vom Moritz Borchardt, über die wir berichten haben (mittendran vom 17. Januar 2026), in der Vergangenheit einiges falsch und/oder ungenau geschildet wurde, seine schulische und berufliche Ausbildung sind weitgehend korrekt, vollständig und einheitlich erfasst und berichtet (1,2).

Schule, Studium, Medizinische Ausbildung

Moritz Borchardt ging zum Königlichen-Wilhelms-Gymnasium und machte dort, nach zehn Jahren an der Schule und zwei Jahren in der Prima, zu Ostern 1886 das Abitur mit dem Ziel, Medizin zu studieren (Bild 1). Er immatrikulierte sich zum WS 1886/87 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin im Fach Medizin, aber in den folgenden Semestern studierte er nach eigenen Angaben in Zürich, Heidelberg und Leipzig. In Leipzig legte er im Februar 1892 das medizinische Examen ab, erhielt am 6. März die Zulassung (Approbation) und absolvierte nach eigenen Angaben am 19. Juli die Promotionsprüfung. Seine Doktorarbeit „Über die sogenannte Pseudoleukämie“ ist heute nicht mehr auffindbar. Angeblich wurde sie 1940 unter der Herrschaft der Nationalsozialisten von der Universitätsleitung aus der Bibliothek der Universität entfernt (1) und seine Promotion 1940 in Berlin für ungültig erklärt – diese Entscheidung wurde erst 1998 rückgängig gemacht. Aber es ist komplizierter, denn die Arbeit ist gegenwärtig in keiner deutschen Universitätsbibliothek vorhanden und auch das seinerzeit aktuelle „Jahresverzeichnis der an den deutschen Universitäten erschienenen Schriften„, in der alle Dissertationen aller Universitäten laufend gelistet wurden, kennt Moritz Borchardts Dissertation nicht für die Jahre 1890 bis 1900. Offenbar stimmen allerdings die Meldungen aus Leipzig nicht, denn im Band 7 (15. August 1891 bis 14. August 1892), in der sie hätte genannt werden müssen, wurde nur eine und im Band 8 (15. August 1892 bis 14. August 1893) wurden nur sieben medizinische Dissertationen aus Leipzig gemeldet, im Band 9 hingegen (15. August 1893 bis 14. August 1894) aber fast 100 Arbeiten. Wir haben in Leipzig nachgefragt.

Bild 1: Abiturientenliste des Königlichen Wilhelms-Gymnasiums von Ostern 1886 (aus: Jahresberichte des Königl. Wilhelms-Gymnasiums 1886-87).

Wenn er in Berlin studierte, wohnte er im Elternhaus in der Potsdamer Str. 53. Erstmals im Adressbuch Berlins verzeichnet ist er im Jahr 1893 als Assistenzarzt am gerade erbauten Krankenhaus St. Urban in Kreuzberg, und er wohnt offenbar auf dem Krankenhausgelände (Bild 2). Ausweislich seiner Personalakte (3), die später angelegt wurde, war er dort in den Jahren 1892 bis 1894 als Assistenzarzt in der Inneren Abteilung unter Leitung von Geheimrat Prof. Dr. med. Albert Fränkel (1848-1916) und weitere zwei  Jahre (1894-1896) in der Chirurgischen Abteilung bei Geheimrat Prof. Dr. Werner Körte (1853-1937). Aus dieser Zeit stammen seine ersten beiden wissenschaftlichen Publikationen, über die Wirksamkeit von Diäten bei Zuckerkrankheit einerseits und über klinische Verläufe nach Blinddarm-Operationen andererseits. Bis zu seinem Ausscheiden aus der Universität 1935 sollten es mehr als 100 Veröffentlichungen werden (1).

Bild 2: Personal des klinischen Instituts für Chirurgie der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin im Jahr 1905 (aus: Amtliches Verzeichnis des Personals und der Studirenden der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Auf das Sommerhalbjahr vom 18. April bis 15. August 1905. Berlin,  Gustav Schade Druckerei, 1905)

Im Jahr 1896 wechselte er an die 1. Chirurgische Klinik der Universität unter Leitung von Professor Ernst von Bergmann (1836-1907), die in der Ziegelstraße in Berlin-Mitte lag. Zunächst arbeitete er als unbezahlter „Volontär“, dann als regulärer Assistenzarzt und Privatassistent von Bergmanns; wieder wohnte er auf dem Klinikgelände. Sein Arbeitsschwerpunkt wurde zunehmend die Chirurgie mit Spezialisierung im Bereich der Chirurgie des Nervensystems (Gehirn, Rückenmark). Nach fünfjähriger Assistenzzeit beantragte er 1901 die Ernennung zum Privatdozenten (genannt Habilitation) mit einer Arbeit über die „Behandlung der Pankreasblutung“ – inzwischen war er 2. Assistent der Klinik. Im Jahr 1904 wurde er zum 1. Assistenten (Oberarzt) ernannt und wurde gleichzeitig stellvertretender Leiter der Poliklinik. Aus dieser Zeit stammt ein Foto, das ihn zusammen mit seinem Chef, Professor von Bergmann und dem gesamten Team der chirurgischen Klinik zeigt sowie mit einer Patientin, die operiert werden sollte (Bild 3). Ein Jahr später, am 6. Juni 1905, wurde er zum beamteten, aber unbesoldeten, sogenannten „außerordentlichen“ Professor ernannt, d.h. er bekam kein Professorengehalt, sondern weiterhin das Gehalt eines Assistenten – etwas, was die akademische Tradition auch heute noch kennt: Professur dem Titel nach, sogenannte außerordentliche Professuren, und Professur nach der Position, ordentlich genannt. Und ein weiteres Jahr (1906) später wurde er zum Leitenden Direktor der Chirurgischen Klinik des neuerbauten Städtischen Krankenhauses „Rudolf Virchow“ im Wedding ernannt. Aus dieser Zeit stammt vermutlich auch das älteste Foto, das wir von ihm haben (Bild 4). Es fand sich in einer Publikation über „Jüdische Gelehrte an der Berliner Universität“ aus dem Jahr 1910 (4), die zeigt, dass Moritz Borchardt bereits zu diesem Zeitpunkt ein klinisch und akademisch anerkannter Mediziner war – dazu weiter unten mehr.

Boild 3: Professor Ernst von Bergmann und seine Mitarbeiter. Auf der anderen Seite der Patientin steht sein 1. Assistenz, Moritz Borchart (Quelle: Berliner Leben. Jahrgang 1906, Jahrgang IX, Heft  7, Seite 6; Fotograf: R.Siegert, Charlottenburg, gemeinfrei)

Familiengründung, Umzug in die Kurfürsten- und dann in die Dörnbergstraße

Immerhin konnte er es sich jetzt leisten, eine Familie zu gründen: Er verlobte sich am 8. Februar und heiratete am 7. April 1906 Edith Meyer, geboren am 21. November 1883. Sie war die Tochter eines Arztes aus Charlottenburg, Dr. Max Philipp Meyer (1845-1924) und dessen Ehefrau Agnes, geborene Oppenheimer (1854-1925). In den Jahren zwischen 1907 und 1919 kamen fünf Kinder zur Welt: Dietrich am 24. Februar 1907, Eva am 20. Juni 1908, Gustav am 27. November 1910, Luise am 20. März 1915 und Albrecht am 22. August 1919. Ihr Lebensweg ist in der Familiengeschichte der Borchardts durch Selva Borchardt (5) und bei Eisenberg (1) dokumentiert und soll daher hier ausgespart werden.

Bild 4: Moritz Borchardt als habilitierter Privatdozent, um 1905 (aus (4), gemeinfrei).

Bis 1905 (laut Adressbuch) wohnte Moritz Borchardt beim Arbeitgeber, dem jeweiligen Krankenhaus. Nach seiner Heirat zog die Familie in die Kurfürstenstraße 55 (heute die gleiche Hausnummer, das Haus links neben der École Voltaire, ein Neubau), wo sie die nächsten Jahre verbrachte und wo die ersten beiden Kinder zur Welt kamen. Im Jahr 1910 erfolgte dann der Umzug in die Dörnbergstraße, eine kleine und ruhige Nebenstraße zwischen Lützowstraße und Lützowufer, die heute nicht mehr existiert, aber etwa dort war, wo heute die Tiefgaragen-Einfahrt zum Hotel Sheraton ist (Bild 5). Es war eine Straße mit repräsentativen großen Wohnungen auf der Straßenseite, aber vielen Wohnungen in zwei Seitenflügeln und im sogenannten „Gartenhaus“, einem Querflügel im Hinterhaus mit vielen Kleinwohnungen (Bild 6).

Bild 5: Blick in die Dörnbergstraßé von der Lützowstraße. Das dritte Haus auf der rechten Seite ist die Nr. 6, in der Moritz Borchardt wohnte (Quelle: Fotografische Sammlung des Jüdischen Museums Berlin, Sammlung Ruth Westmejer, Fotografie 1933 – 1939, Fotograf unbekannt, Inventar-Nr. 2005/36/58 mit freundlicher Genehmigung).

Moritz Borchardt war kein strenggläubiger Jude, sondern zumindest in den Jahren bis 1933 ein liberaler, an Assimilation interessierter jüdischer Mitbürger, die in Berlin sicherlich zahlreicher waren als an anderen Orten. Zwei ihrer Kinder, Eva und Albert, ließen die Eltern protestantisch taufen. Dies könnte sich mit der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten nach 1933 geändert haben. In einem „Gutachten“ aus dem Jahr 1935 attestierte ihm der damalige Sprecher der Dozentenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, Professor Dr. Otto Stahl, Direktor der Chirurgischen Abteilung des Auguste-Viktoria-Krankenhauses Schöneberg und strammer Nationalsozialist: Borchardt sei „ein rassebewusster Jude, der hier in Berlin gegen die arische Bewegung im deutsch-österreichischen Alpenverein aufgetreten ist … Wenn er selbstverständlich auch niemals Nationalsozialist sein kann, so bin ich doch der Anschauung, nach sehr genauer Kenntnis seiner Persönlichkeit, dass er niemals gegen den Staat in Wort und Schrift oder Tat auch nur andeutungsweise angehen wird“ (3). Aber da war die Ausreise der Borchardts längst beschlossene Sache.

Bild 6: Stadtplan von 1928 mit dem blau markierten Haus Dönrbergstraße 6 und der Liste der Bewohner im Jahr 1925.

Eine außergewöhnliche medizinische Karriere

In den mehr als zwanzig Jahren zwischen seiner Ernennung als Direktor der Chirurgischen Klinik des Klinikums „Rudolf Virchow“ im Jahr 1906 und seiner erzwungenen Auswanderung nach Südamerika 1939 legte Moritz Borchardt eine wohl einzigartige medizinische Karriere hin, die nicht nur national, sondern international ihresgleichen sucht. Dazu gehörten weltweit zur Kenntnis genommene Operationen politischer Persönlichkeiten wie die operative Entfernung einer Kugel aus der Halsmuskulatur bei Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) im Jahr 1922 und die Operation eines durchgebrochenen Blinddarms beim ehemaligen Reichstagspräsident Paul Löbe (1875-1957) im Jahr 1927 (Bild 7) ebenso wie Operationen am menschlichen Hirnstamm, die Chirurgen bis dahin für nicht-operierbar hielten; und er erfand neue technische Hilfsmittel für solche Hirnoperationen, z.B. die sogenannte Borchardt´sche Pflug-Fräse (1). Dazu im nächsten Teil mehr.

Bild 7: Moritz Borchardt mit seinem Patienten Paul Löbe im Jahr 1927 nach der Operation (Quelle: Schwerter Zeitung vom 17.3.1927, Seite 5, gemeinfrei)

Literatur

  1. Ulrike Eisenberg, Hartmut Collmann, Daniel Dubinski: Verraten – Vertrieben – Vergessen. Werk und Schicksal nach 1933 verfolgter deutscher Hirnchirurgen. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017, Seite 33-64.
  2. Christian Pross, Rolf Winau: nicht mißhandeln. Das Krankenhaus Moabit. Edition Hentrich im Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin 1984, Seite 152-158.
  3. Personalakte Moritz Borchardt im Archiv der Humboldt-Universität, Signatur B 331.
  4. Carl Pinn: Jüdische Dozenten an der Berliner Universität. Ost und West, Illustrierte Monatsschrift für das Moderne Judentum 1910, Seite 639-654 (Teil 1) und 740-752 (Teil 2).
  5. Selva Borchardt: Woher komme ich, Mae? Unveröffentlichtes Manuskript, o.O. (Köln), o.J. (2021)

Paul Enck

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