Grundschule in Tiergarten-Süd 1960

Der Autor, Ralf Hausding, ist in Tiergarten nah am Potsdamer Platz aufgewachsen und erinnert sich gern an seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Nach dem Abriss seines Wohnhauses hat es ihn nach Spandau verschlagen. Heute bietet er Stadtrundgänge in Tiergarten und weiteren Berliner Bezirken an. 

Auch mir schlug eines Tages die Stunde des Schicksals. Ich sollte zur Schule! Die übliche Schulreifeuntersuchung musste absolviert werden. Wenn ich mich richtig erinnere, war das in der städtischen Kinder- und Säuglingsambulanz in der Kurfürstenstraße. Wenige Häuser hinter Woolworth war im ersten Stock diese Praxis. Meine Mutter hatte mich schon als Baby einige Male hinaufgetragen. Einen Fahrstuhl gab es nicht und der Kinder- oder Sportwagen musste unten im Hausflur stehen bleiben. Den brauchten wir diesmal nicht, die Treppe konnte ich auch gut alleine bewältigen. Natürlich war ich schultauglich. Ich verstand es nicht! Wann sollte ich denn jetzt spielen. Aber es half nichts.

Eines schönen Tages um Ostern 1960 wurde ich zu meiner Schule, der 13. Grundschule Tiergarten in die Genthiner Straße, geführt. Natürlich mit der obligatorischen Schultüte. Die war grün, das weiß ich noch. Das Vorderhaus der Schule, in der Genthiner Straße 10, steht noch, das Hinterhaus, in dem fast alle Klassen und die Aula waren, ist leider abgerissen worden. Ich kam in die Klasse 1b. Zur Feier des Tages gab es eine Veranstaltung in der Aula, auf der mein ein Jahr älterer Freund Eberhard auf dem Akkordeon aufspielte. Ich glaube, dass war recht schräg. Aber egal, wir blieben viele Jahre befreundet. Unser Klassenraum war der einzige, der sich im Vorderhaus befand, im ersten Stock. Er hatte allerdings zwei Mängel. Erstens war nebenan das Rektorzimmer und bei dem nicht ausbleibendem Lärm, kam der Herr Rektor persönlich zu uns! Zweitens: das Klo war auf dem Hof.

Ralf Hausding mit seiner Schultüte im Jahr 1960 ©️R.H.

Da der Schulhof sehr klein war, ist man auf altdeutsche Gepflogenheiten zurückgefallen und hat Weiblein und Männlein getrennt. Die Mädchen mussten auf den vorderen Hof und die Knaben auf den hinteren, an den sich das Pumpwerk der Wasserwerke anschloss. Das blieb aber nur ein Jahr so, dann wurde auf dem Nachbargrundstück zur Lützowstraße hin ein neuer großer Schulhof eröffnet. Aber auch das hatte keinen langen Bestand, denn bald zog die Schule um in die Lützowstraße 85, gegenüber dem Elisabeth-Krankenhaus. Heute ist das die Allegro-Grundschule.
In den ersten drei Jahren war Herr Große unser Klassenlehrer und er unterrichtete auch fast alle Fächer. Groß war er nicht, aber sehr nett. Er erteilte auch den Sportunterricht, aber da diese kleine Schule keine eigene Sporthalle besaß, mussten wir durch die Genthiner Straße bis zu einer Schule in der Kurfürstenstraße 52-53 laufen.
Ja, laufen durften wir alleine und ohne Begleitung. Der Begriff Helikoptereltern war noch nicht erfunden. Das hätten wir auch gar nicht gewollt. Auf dem Schulweg mussten mehrere, auch damals schon stärker befahrene, Straßen überquert werden. Wir passten auf und an großen Kreuzungen stand im Berufsverkehr auch ein Verkehrsschutzmann, der den Verkehr regelte. Wir waren selbständig.
Das vierte Schuljahr begann nun in einer neuen Schule und mit einem neuen Lehrer. Es folgten Herr Fleischer und neue Fächer. So u.a. die Heimatkunde. Vielleicht rührt daher meine Liebe zur Berliner Geschichte, denn der Unterricht bei ihm machte mir Spaß. Leider verließ Herr Fleischer schon nach einem Jahr die Schule, so dass wir zur 5. Klasse einen Herrn Koblitz bekamen. Er war unser Klassenlehrer und unterrichtete Deutsch, Englisch, Mathematik und Sport. Aus der Erinnerung möchte ich ihn heute als Sadisten bezeichnen. Er schlug mit dem Zeigestock auf die Finger und zog auch gerne an den Haaren. Strafarbeiten waren an der Tagesordnung. Auch an Backpfeifen kann ich mich gut erinnern. Jeden Morgen, zur ersten Stunde, standen viele Schüler, manchmal mehr als die Hälfte der Klasse, an seinem Schreibtisch an. Strafarbeiten, Entschuldigungsbriefe und manchmal auch ein gewaschener Hals mussten vorgezeigt werden. In der 5. oder 6. Klasse bekamen wir dann auch Schwimmunterricht. Dazu fuhren wir gemeinsam mit dem Autobus 24 zur Turmstraße und liefen zum Schwimmbad im Poststadion. Schwimmen gelernt habe ich zwar, aber für den Freischwimmer hat es nicht gereicht, zumindest nach der Ansicht von Herrn Koblitz.

1966 war dann für mich das Jahr der großen Veränderungen. Zu Ostern kam ich in die 7. Klasse und musste jetzt nach Moabit in die Turmstraße fahren. Kurz hinter dem großen Gerichtsgebäude war nun meine Schule. Nur noch kurze Zeit fuhr ich jeden Tag mit dem 24er Bus dorthin. Das waren damals oft noch Busse mit einer offenen Plattform, aber das war zu der Zeit normal und wenn man die Treppe vom Oberdeck hinunter ging, war man vorsichtig. Anfang Mai kam dann unser Umzug. Unser Haus in der Potsdamer Straße sollte abgerissen werden und wir bekamen vom Bezirksamt eine Neubauwohnung in Spandau zugewiesen. Das war eine riesige Veränderung und brachte mir für den nun sehr langen Schulweg viele neue Probleme. Aber das ist eine andere Geschichte.

Redaktion

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