Fotos von Nachkriegszeit und Wiederaufbau in Berlin Ost und West

So kahl und grau präsentierte sich der Lützowplatz im Jahr 1960 auf diesem Farbfoto, 15 Jahre nach Kriegsende. Quelle: Jürgen Grothe, BERLIN Fotografien aus Ost und West 1956-1978, Elsengold Verlag, Berlin 2019

Druckfrisch ist im Elsengold Verlag ein Blick zurück auf unsere Stadt in den Fünfziger bis Siebziger Jahren erschienen, der im Vergleich zu heute eine faszinierende Entwicklung dokumentiert: BERLIN Fotografien aus Ost und West 1956-1978. In Farbe und Schwarzweiß abgelichtet, fällt der Unterschied bei Szenen aus der grauen Nachkriegszeit manchmal kaum ins Auge. Das Buch hilft, die Stadt besser zu verstehen und verschwundene Gebäude, wie etwa den Sportpalast oder das „Haus Vaterland“, zu verorten.

Das großformatige Buch mit 232 Seiten stammt vom Berliner Fotografen Jürgen Grothe (geboren 1936), der 1980 die Leitung des Fotoarchivs des Landes Berlin übernahm. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten in Vorträgen, Führungen und Büchern mit seinem sich ständig wandelnden Berlin.

Die Fülle der historischen Aufnahmen aus dem öffentlichen Raum ist nach Bezirken geordnet. Dem Herausgeber war wichtig, dass möglichst oft Personen mit abgebildet sind, das transportiert zusätzliche Informationen. Erstaunlich sind die zum Stadtbild bis Ende der Sechziger Jahre gehörenden Pferdefuhrwerke und Handwerker, die weite Strecken mit dem Leiterwagen unterwegs sind. Auch an ein Berliner Original wird erinnert: den „Strohut-Emil“ (Emil Riemer, 1875-1965) der als Artist, Clown und Jongleur unterwegs war.

Unser Kiez und seine nahe Umgebung ist beispielsweise durch folgende Impressionen vertreten: dem nach dem Mauerbau geschlossenen U-Bahnhof in der Bülowstraße oder den leeren Ausblick vom Reichpietschufer  nach Osten zum Potsdamer Platz, wo sich heute architektonisch der Gipfel des Fuji über dem Sony-Center erhebt.

Der Lützowplatz war noch in den Sechziger Jahren schwer vom Kriegsbombardement gezeichnet. Auf dem Foto erkennt man aber schon das „Haus am Lützowplatz“, das bereits Ende der Vierziger Jahre wiederaufgebaut wurde, in den Fünfziger Jahren als Ausstellungsraum diente und bis 1963 Sitz des Vereins Berliner Künstler war. Seit dem Jahr 1955 trägt das Gebäude seinen Namen und steht nach wie vor für die Präsentation erstklassiger zeitgenössischer Kunst.

Wer weiß noch vom Sportpalast an der Ecke Potsdamer Straße/Pallasstraße? Er wurde 1910 als größter Eispalast der Welt eröffnet. Später fand hier das Sechstagerennen statt, und im Februar 1959 gab Louis Armstrong ein viel beachtetes Konzert. 1973 wurde die Halle abgerissen. Heute sind dort gigantische seelenlose und an Satellitenschüsseln reiche Wohnblocks zu finden.

Die Bilderreise von Jürgen Grothe hilft, das verschwundene Gesicht unserer Stadt zu erahnen.

Jürgen Grothe, BERLIN Fotografien aus Ost und West 1956-1978, 232 Seiten, ISBN 978-3-96201-028-7, Preis: 36 Euro

 

 

Anastasia Poscharsky-Ziegler

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