Der Autor, Ralf Hausding, ist in Tiergarten nah am Potsdamer Platz aufgewachsen und erinnert sich gern an seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Nach dem Abriss seines Wohnhauses hat es ihn nach Spandau verschlagen. Heute bietet er Stadtrundgänge in Tiergarten und weiteren Berliner Bezirken an.
Das Verhältnis zur Polizei war in der damaligen Zeit ein anderes als heute. Die wilde Zeit der Studentenbewegung in den Jahren ab 1968 stand uns noch bevor. Wir, besonders wir Kinder, sahen im Polizisten wirklich noch unseren Freund und Helfer. Wir begegneten den Schupos, wie wir sie noch nannten, fast täglich. Es wurde Streife gefahren, der Verkehr geregelt, die Grenze nach Ost-Berlin bewacht und es wurde auch Streife gelaufen und mit den Anwohnern gesprochen. Wir hatten auch noch unser Polizeirevier in der Nähe, in der Lützowstraße 93. Das war das Revier 29/30. Hier konnte man auch alle Meldeangelegenheiten, wie das Beantragen des Personalausweises oder Ummeldungen erledigen.
Jeden Morgen, zumindest an Werktagen, wurde der Verkehr an den wichtigen Kreuzungen, solange noch keine Verkehrsampel oder amtliche Lichtzeichenanlage vorhanden war, von der Verkehrspolizei geregelt. An der Potsdamer Brücke standen immer zwei Beamte, einer am Reichpietschufer und der andere am Schöneberger Ufer. Es wurde natürlich synchron geregelt, so dass immer beide den Verkehr auf der Potsdamer Straße gleichzeitig freigaben. Es waren häufig die gleichen weiß gekleideten Polizisten, die hier ihren Dienst verrichteten. Man kannte sich und man grüßte sich. In der dunklen Jahreszeit trugen sie einen Gürtel mit blinkenden Lämpchen, damit sie
nicht übersehen wurden.
Der Schupo auf unserer Seite, am Reichpietschufer, hieß Rolf. Er war bei allen, sogar bei vielen Autofahrern beliebt. Das merkte man an den Tagen vor Weihnachten. Viele hielten an oder gingen zu ihm auf die Kreuzung und drückten ihm etwas in die Hand. Das ist heute kaum noch vorstellbar. Am Geländer des Landwehrkanals sammelte er seine Weihnachtsgaben und da häuften sich Päckchen, Tüten, Flaschen und Zigarettenstangen. Es waren manchmal so viele, dass ein Funkwagen ihn bei Dienstschluss abholen musste.
So ein Funkwagen war damals ein VW-Käfer in dunkelblau. Ich kann mich daran erinnern, dass so ein Wagen gegen Abend auch durch den Tiergarten fuhr. Wenn mein Vater mit mir vom Spielplatz nahe der heutigen Philharmonie nach Hause ging, fuhr die Streife auch über den Spielplatz.
Am Potsdamer Platz war die Polizei wegen der Sektorengrenze natürlich immer anwesend. Nach dem Bau der Mauer 1961 standen einige der Geschäfte vor der Grenze leer, andere verkauften nur noch Souvenirs an die zahlreichen Touristen.
In eines dieser leeren Geschäfte zog die Polizei ein. Davor wurde eine große dunkelblaue Metallwand errichtet, aber zu irgendwelchen Eskalationen ist es hier wohl nicht gekommen. Mindestens ein Beamter stand immer draußen und der war, wie damals üblich, recht martialisch anzusehen. Zu seiner blaugrauen Uniform trug er den Tschako, diese Kopfbedeckung war bereits in der Vorkriegszeit üblich. Dazu hatte er einen Karabiner umgehängt.

Polizist mit Tschako an der Mauer am Potsdamer Platz um 1962. Postkarte.
Neben der Polizei waren die Alliierten mit ihren Patrouillen unterwegs. Hier am Potsdamer Platz waren wir im Britischen Sektor und Jeeps und kleine gepanzerte Fahrzeuge waren täglich zu sehen.
Es gab für die Polizei auch ungewöhnliche Einsätze in dieser Gegend. Ich kann mich noch an einen Vorfall in der Linkstraße erinnern. Der Bereich des ehemaligen Potsdamer Bahnhofs mit den angrenzenden Häuserreihen zwischen Linkstraße und Köthener Straße lag zwar vor der eigentlichen Sperrmauer, war aber trotzdem Teil des Bezirks Mitte, also von Ost-Berlin. Auf weiter Strecke umschloss eine Backsteinmauer das Gebiet, die oben mit Scherben garniert war.
An jenem Tag saß nun ein Mann, ich glaube er war Amerikaner, rittlings auf dieser Mauer und schlug Stein für Stein heraus. Bald stand die West-Berliner Polizei neben ihm und forderte ihn auf, sein Vorhaben, die Berliner Mauer abreißen zu wollen, zu beenden und herunter zu kommen. Sie mussten eine ganze Weile auf ihn einreden, bis er endlich aufgab. Erstaunlicherweise hatten die Ost-Berliner Grenzer bis dahin noch nichts davon mitbekommen. Es galt in dieser Zeit Zwischenfälle zu vermeiden, auch wenn man selbst ebenfalls gern die Mauer abgerissen hätte. Ein paar Tage später waren die fehlenden Steine wieder ersetzt.
Zur Polizei gehörte auch der Kampfmittelräumdienst. Damals weit mehr gefragt als heute. Es wurden in den 1950er und 1960er Jahren immer noch Ruinen abgerissen und Grundstücke durchgearbeitet. Dabei wurden Kellergewölbe beseitigt und nach Blindgängern gesucht.
Die Gegend um die Potsdamer Straße war besonders im Jahr 1943 durch die alliierten Bombenangriffe stark zerstört worden. Ich kann mich noch an mehrere Bombenfunde erinnern. Ein Blindgänger lag auf einem Gelände hinter dem ehemaligen Bayernhof, Potsdamer Straße 24. Die Gegend wurde von der Polizei abgesperrt und die Bevölkerung mit einem Lautsprecherwagen informiert. Unser Wohnhaus, das nur etwa 200m entfernt lag, mussten wir verlassen. Dann kam der große Auftritt von Polizeifeuerwerker Gerhard Räbiger. Unzählige Blindgänger hat er entschärft und war oft mit den Fotos seiner Einsätze in der Tagespresse zu finden. Ich glaube für die Berliner war er damals ein Held.
Soviel Bürgernähe wie ich sie damals in Tiergarten-Süd erlebt habe, würde ich mir auch heute von der Polizei wünschen.
