Die Familie von Franz Ledermann
(Teil 1)

aus der Serie „Jüdische Geschichte im Lützow-Viertel“ (4), von Prof. Dr. Paul Enck, www.paul-enck.com

Anlässlich der Gedenkfeier und der Verlegung von Stolpersteinen in der Genthinerstraße am 8. September 2022 für Angehörige der Familie Ledermann-Citroen-Philippi, die Opfer des Nationalsozialismus geworden waren (s. mittendran vom 9. September 2022), ergab sich sowohl die Möglichkeit wie die Notwendigkeit, das wenige, was bislang zur Familiengeschichte bekannt ist, durch ein paar Recherchen zu ergänzen. Die einzige Überlebende, die heute 97-jährige Barbara Ledermann Rodbell, verließ als 8-jähriges Mädchen ihre Berliner Heimat und nahm nur wenige Erinnerungen mit. Wie Sarah Richardson, ihre Enkelin, es in ihrer Ansprache in der Gedenkfeier (s. mittendran vom 9. November 2022) ausdrückte: „Eine der Tragödien des Verlustes dieser Personen und ihrer Besitztümer ist, dass die Informationen, die wir über die Familien Ledermann, Citroen und Philippi in Berlin haben, minimal und unvollständig sind.“ Am Ende sind jedoch die gesammelten Informationen, die wir hier in insgesamt fünf Teilen präsentieren wollen, nur ein schaler Ersatz für die vielen verlorenen Leben.

Die Genealogie der Familie Franz Anton Ledermann

Es gibt im Internet in einschlägigen Genealogie-Foren (Ancestry, Geni, FamilySearch) einige Stammbäume von Familien mit dem Nachnamen Ledermann, aber die sind sich nicht immer einig darüber, aus welcher Linie Franz Ledermann stammt, der am 16. Oktober 1889 in Hirschberg geboren wurde und 1943 in Auschwitz starb. Und dann findet sich die Personalakte des Dr. Franz Ledermann im Reichsjustizministerium (archiviert im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfeld (1)) mit seinen eigenen Angaben zur Herkunft, und macht klar, dass alle falsch lagen und liegen. Die folgenden Angaben basieren daher auf den Angaben dieser Akte. Sie dokumentiert auch seine gesamte juristische Ausbildung und Berufstätigkeit zwischen 1912 und 1933 und ist die Grundlage vieler weiterer Informationen.

Der Vater von Franz, soviel ist sicher, war Benjamin Benno Ledermann, geboren am 4. März 1847 in Ostrow (heute: Ostrowo-Wielkopolski, Polen), ca. 100 km nordöstlich von Breslau (heute: Wroclaw) und 180 km westlich von Lodz, und verstorben am 18. Juni 1911 in Breslau, ein hochgeachteter Rechtsanwalt und Justizrat in Hirschberg im Riesengebirge, der vielfältig in jüdischen Gemeindegremien und  Wohltätigkeitsorganisationen engagiert war und dessen Tod von der dortigen jüdischen Gemeinde tief betrauert wurde (s. unten). Die weitere Herkunft väterlicherseits war weniger klar: Franz Ledermann gab in einem Fragebogen von 1933 an, dass sein Großvater ein Gerson Ledermann war, Kultusbeamter aus Ostrowo, der in Wroclaw verstarb. Über dessen Frau gab es in der Akte keine Angaben. Franz notierte weiterhin, dass sein Urgroßvater 1828 eingebürgert worden sei, ohne jedoch Namen und Details zu nennen. Also auf nach Ostrowo, digital!

Ostrowo in der preußischen Provinz Posen

Gemäß den auf dem Zensus von 1833 basierenden Listen jüdischer Bürger der preußischen Provinz Posen, die zu diesem Zeitpunkt Naturalisierungspatente erhalten hatten, gab es in Ostrowo drei naturalisierte Familien mit den Namen Ledermann: Ledermann Hieronimus, Fischhändler (naturalisiert am 9. Juli 1834); Ledermann Meyer, Hutmacher (am 28. April 1834); Ledermann Wolff, Kleinkrämer (am 9. Juli 1834). Es gab in anderen Bezirken in Posen weitere naturalisierte Familien dieses Namens, so in Graetz (Ledermann Hirsch, Handelsmann, am 11. September 1834; Ledermann Moses, Handelsmann, am 11. September 1834) und Kempen (Ledermann Isaac, Handelsmann, am 21. August 1834). Die nicht-naturalisierten, sondern geduldeten Familien sind in diesen Listen nicht namentlich erfasst. Diese Listen sind bereits 1836 veröffentlicht worden (2); die erneute Publikation der Listen im Jahr 1987 (3) enthält keine Zusatzinformationen.

Naturalisierung meint dabei die rechtliche Gleichstellung der Juden gegenüber der nicht-jüdischen, deutschen oder polnischen Bevölkerung, allerdings immer noch mit erheblichen Einschränkungen (keine Gewerbefreiheit, kein Militärdienst), während Duldung keinerlei Bürgerrechte beinhaltet und jederzeit zur Ausweisung führen konnte.

Bild 1: Ausschnitt aus dem Adressbuch von Berlin für das Jahr 1909. Markiert sind in der Lützowstrasse 15 das Gesamtarchiv der deutschen Juden neben der Synagoge Lützowstraße 16.

Glücklicherweise haben Originalunterlagen aus Ostrowo die Zeiten deswegen überlebt, weil die Gemeinde ihre Unterlagen bereits im Jahr 1906 an das Gesamtarchiv der Deutschen Juden abgegeben hatte, das zu diesem Zeitpunkt in Berlin in der Lützowstr. 15 (!) untergebracht war (Bild 1); es blieb dort bis 1910, danach zog das Archiv in die Oranienburger Str. 26. Die Unterlagen gelangten rechtzeitig in das Center for Jewish History (CJH), New York, um der Zerstörung im zweiten Weltkrieg zu entgehen. Das CJH New York hat die Unterlagen digitalisiert und online gestellt (4) – diese Dokumente sind für die folgende Darstellung herangezogen worden und werden hier als „Ostrowo Files“ bezeichnet.

Die jüdische Einwohnerschaft von Ostrowo stieg zwischen 1776 (156 Personen) und 1861 (1900 Personen) zunächst stetig an, um in den folgenden Jahren stetig wieder abzufallen auf zuletzt (1931) 49 Personen (5). Laut Freimann, der 1896 die Gemeindeunterlagen von 1848 (?) ausgewertet hat, gab es nur eine von insgesamt 157 Familien, deren Haushaltvorstand ein Marcus Ledermann war (5) – möglicherweise ist hier der Meyer Ledermann (s. oben) gemeint. Aber das bezieht sich offensichtlich auf unvollständige Unterlagen, z.B. der Naturalisierungsliste dieses Jahres. In den „Ostrowo-Files“ genannten Ortsdokumenten, die an das Archiv für Jüdische Geschichte in Berlin abgegeben wurden, gab es in den Jahren um 1845 in Ostrowo drei Familien mit dem Namen Ledermann, die als Herkunftsfamilie des Vaters von Franz Ledermann, Benjamin Benno Ledermann (geboren am 4. März 1847), in Frage kommen. Alle drei Familienvorstände haben ein Schreiben vom 30. März 1841 bezüglich „der unterzeichnenden Familienväter wegen Aufhebung des Verbots des Privat-Unterrichts von israelischen Religionslehre nach Gebetsformular“ (4) unterzeichnet, nämlich der Hutmacher M(eyer) Ledermann, der Kaufmann J(oseph) Gerson Ledermann und der Kürschner G(erson) Selig Ledermann. Es hat einige Zeit und Mühe gedauert, bis wir am Ende (Oktober 2022) sicher waren, dass der gesuchte Großvater von Franz Ledermann der Joseph Gerson Ledermann war.

Der Großvater: Joseph Gerson Ledermann

Joseph Gerson Ledermann wurde vermutlich 1802 in Ostrowo geboren, aber über seine Eltern gibt es nur ungenaue Angaben: es könnten Heymann Heimann Ledermann und seine Frau Feigele (oder Vögele oder Vogel) aus Ostrowo sein, aber dies ist bislang nicht gesichert.

Bild 2: Scan des Naturalisierungspatents für Joseph Gerson Ledermann (Naturalisierungsliste für 1845) aus den Ostrowo-Files (4).

Joseph Gerson Ledermann erhielt am 13. November 1834 das Duldungszertifikat (Nr. 24), das 1835, 1837, 1838, 1839, 1842, und 1845 erneuert wurde. Im Jahr 1838 beantragte er die Ausstellung eines Naturalisierungspatentes, das er aber erst 7 Jahre später mit Datum vom 18. Februar 1845 erhielt. Sein Beruf war zu diesem Zeitpunkt „Handelsmann“ (Kaufmann). Bei seiner Naturalisierung 1845 wurde notiert, dass er einen Seidenband- und Tüllhandel in einem offenen Laden habe, er auch benachbarte Märkte besuche und jährlich 4 Taler Gewerbesteuer zahle (Bild 2). Sein Vermögen wurde auf mehr als 1000 Taler berechnet, er konnte dies auch in einer anberaumten Verhandlung belegen (Bild 3).

Bild 3: Scan der Abschrift der Verhandlung mit Joseph Gerson Ledermann am 18. Februar 1845 aus den Ostrowo-Files (4) sowie Transkription des Textes.

Er war im Duldungszertifikat von 1837 noch ledig, hatte aber 1838 Bertha Lissner geheiratet, Tochter des Kaufmanns Hirsch Lissner aus Ostrowo (dort naturalisiert am 28. Juni 1834) und dessen Ehefrau Brafin, deren Mädchenname unbekannt ist. Die Familie hatte laut den Duldungszertifikaten von 1839 bis 1842 ein Kind; für das Jahr 1842 war vermerkt, dass ein Kind (Dorchen) am 11. Mai 1841 verstorben war, und dass am 29. November 1844 eine Tochter (Bane) geboren wurde. Und auch bei der Naturalisierung 1845 bestand die Familie aus ihm, seiner Frau und einer Tochter. In den nachfolgenden Jahren findet er sich nicht mehr in den Dokumenten von Ostrowo, weder ist die Geburt von Benno dort registriert noch finden sich die Ledermanns an anderer Stelle in der Gemeindegeschichte, auch nicht bei den Verträgen, mit denen die Sitzplätze in der 1860 gebauten Synagoge (Bild 4) verteilt wurden. Dort fand sich sehr wohl der Vertrag mit dem Kaufmann Lissner, seinem Schwiegervater. Vermutlich hatte die Familie also Ostrowo bereits verlassen. Am 4. März 1847 wurde Benjamin Benno geboren, auch wenn wir dies nicht aus den Ostrowo Files wissen, sondern von seinem Sohn Franz; weitere Kinder sind bislang nicht bekannt.

Wann genau die Familie Ostrowo verließ, ist unbekannt, aber sie folgte damit vielen Familien, die nach der Naturalisierung (oder weil diese verweigert worden war) aus Posen auswanderte. Darum ging es schließlich bei der Naturalisierung unter anderem: der relativen Freizügigkeit der Wahl des Wohnsitzes. Sie zogen nach Berlin, nach Schlesien, insbesondere nach Breslau, ins preußische Kernland oder gleich ins Ausland. Im Adressbuch von Breslau des Jahres 1853 gibt es noch keine Familie Ledermann in der Stadt, aber Jahre (1862, 1864) später wohnt Joseph Gerson Ledermann, jetzt von Beruf Schächter, in Breslau am Carlsplatz 4. Inzwischen (ab 1860) geht sein Sohn Benjamin zum Breslauer Gymnasium, wo er 1868 das Abitur machte. Wo die Familie in der Zeit von etwa 1846 bis 1860 wohnte, ist bislang nicht bekannt.

Bild 4: Koloriertes Foto der Synagoge von Ostrowo (gebaut 1861) um 1910 (Postkarte, gemeinfrei).

Joseph Gerson Ledermann starb in Breslau am 4. Februar 1867 im Alter von 65 Jahren. Seine Frau Bertha starb viele Jahre später, am 3. Juni 1890, ebenfalls in Breslau im Alter von 81 Jahren und 5 Monaten, war somit vermutlich im Januar 1809 geboren worden. Philipp Mahn aus Breslau zeigte 1890 den Tod seiner Schwiegermutter an, seine Ehefrau müsste daher jene Tochter Bane sein (Bild 5).

Bild 5: Auszug aus dem Adressbuch von Breslau des Jahres 1862, der Liste der Toten der jüdischen Gemeinde Breslau von 1867, und die Sterbeurkunde des Standesamts Breslau von 1890.

Während Joseph Gerson Ledermann den sozialen Aufstieg seiner Familie nicht mehr erlebt hat, hat seine Frau Bertha den erfolgreichen beruflichen Weg ihres Sohnes Benno Benjamin, dessen Heirat und die Geburt von drei Enkelkindern in der neuen Heimat Schlesien erleben können – davon im nächsten Teil mehr.

Literatur

  1. Personalakte des Justiz-Ministeriums betreffend Dr. Franz Ledermann. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, AZ R 3001 / 66008.
  2. Verzeichnis sämmtlicher naturalisirten Israeliten im Großherzogthum Posen. Bromberg 1836 bei Isider Hirschberg.
  3. The Naturalized Jews of the Grand Duchy of Posen in 1834 and 1835. Compiled by Edward David Luft. Brown Studies of Jews and Their Societies IV. Scholar Press, Atlanta Georgia 1987.
  4. https://archives.cjh.org/repositories/7/resources/537
  5. A. Freimann: Geschichte der israelitischen Gemeinde Ostrowo. Verlag J. Haym, Ostrowo 1896.

Redaktion

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