Das Lascaux der Graffiti-Szene

Der Tunnel zum Postbahnhof im Gleisdreieck

(ein Beitrag von Matthias Bauer, Fotos: Mark Rautenberg)

Wer vom Parkplatz des Baumarktes an der Yorckstraße in den Westpark läuft, muss erst mal bergauf gehen. In der Steigung auf das höher gelegene Bahngelände macht der Weg eine S-Kurve. In der zweiten Kurve des S erreichen wir dem höchsten Punkt des gesamten Bahngeländes. Nicht wahrnehmbar für den Spaziergänger ist, dass sich hier gleichzeitig auch der tiefste Punkt des Bahngeländes befindet. Direkt hier einige Meter tiefer unterquert der Tunnel zum ehemaligen Postbahnhof, erst die Gleise der S-Bahnline der S1 und dann den Zugang zum Westpark. Vom Weg aus, der nun aus Betonplatten gebildet und zu beiden Seiten gesäumt wird von Betonfertigteilen und Zäunen, kann man östlich in eine tiefe Schlucht schauen, die sich an den Tunnel anschließt. Die Aufmerksamkeit der Besucher jedoch wird mehr angezogen von der S-Bahn, die westlich des Weges in ihren Tunnel taucht.

Hier in der östlich des Weges liegenden Schlucht verliefen früher die Gleise für den Postbahnhof, die aus Richtung der Wannseebahn kamen und und in die Tiefe abtauchen mussten, um von der westlichen auf die östliche Seite der S-Bahngleise zu gelangen. Früher führten die Gleise bis zum Poststellwerk – heute Kiosk und Grün-Berlin-Büro – wo sie sich mit aus dem Flaschenhals kommenden Gleisen der Anhalter Bahn vereinigten und zusammen zum Postbahnhof führten.

Heute endete die Schlucht an der in den 1990er Jahren gebauten Fernbahn, die hier auf einem großen Betonträger verläuft. Der Betonträger ist eine Brücke, mit der das unterirdische Hindernis eines weiteren Tunnel überwunden wird, nämlich des Tunnels der S2. Wahrgenommen werden kann jedoch nur die östliche Seite der Fernbahn. Dort dient der große Betonträger auch als öffentliche Graffiti-Fläche.

Beim landschaftsplanerischen Wettbewerb für die Gestaltung des Parks im Jahr 2006 gab es einen von knapp 90 Beiträgen, der vorschlug, diesen Tunnel zum Postbahnhof in das Wegenetz des zukünftigen Parks zu integrieren. Dazu kam es jedoch nicht. Denn die Wettbewerbs-Vorprüfer und Wettbewerbs-Jury hatten zu wenig Ortskenntnis, um den Vorschlag würdigen zu können.

 

 

So blieb der Tunnel und die Schlucht das, was zuvor für das gesamte Gleisdreieck galt. Betreten verboten. Jeder der dort spazieren ging, wusste dies, so verstand man sich augenzwinkernd. Das Gebiet um den Tunnel wurde bei Eröffnung des Parks mit hohen Zäunen umgeben – zu spät für einen 14jährigen Jungen, der von hier aus bis in den Tunnel der S2 kletterte und dort von einer fahrenden S-Bahn erfasst wurde. Zur Erinnerung und zur Warnung hängt die Tafel für Nico Bohmbach am nördlichen Ende des Betonplattenwegs.

Der Posttunnel selbst ist jedoch völlig ungefährlich. Unbekannt ist, wann der letzte Zug den Tunnel durchfahren hat. Die Gleise waren schon in den 1980er Jahren verschwunden. Seit dieser Zeit ist der Tunnel zu einem Übungsplatz für Sprayer geworden, die hier in aller Ruhe arbeiten können – geschützt vor fremden Blicken und abgeschottet durch hohe Zäune.

Am südlichen Eingang zeugen Berge von Spraydosen von ihrer Arbeit. Die Wände im Tunnel sind mit mehren Farbschichten bedeckt. Unzählige Male wurden sie übersprayt. Schicht auf Schicht, die an manchen Stelle so dick wurde, das sie durch ihr eigenes Gewicht zu Boden fiel.

Der Boden im Tunnel scheint von einem ganzen feinen Sand bedeckt, beim Laufen bilden sich kleine Staubwolken, so leicht ist das Material. Es sind die Farbpartikel, die sich im Lauf der Jahrzehnte hier abgesetzt haben. Ungefähr 80 m lang, am Anfang ca. 10 m, dann sechs Meter breit und ca. 7 bis 8 m hoch ist der Tunnel. Vom südlichen Eingang ist schon das Licht am nördlichen Ende des Tunnels zu sehen. Dort mündet der Tunnel in die Schlucht, in die die Passanten des oberen Betonplattenwegs hinunterschauen können, solange die Bäume keine Blätter tragen. In der Schlucht muss man über umgestürzte Bäume klettern und sich durch Brombeersträucher kämpfen. Hier finden sich noch Überreste der Autoschrauber, die bis der Baumarkt kam, vom östlichen Rand überflüssiges in die Schlucht entsorgt haben: Autoreifen, Kanister, Batterien. Ein Teil der Schlucht wurde dann zugeschüttet mit Bauaushub von der Bautzener Straße, ein riesiger Haufen Sand, oben drauf liegen historische Pflastersteine.

Dank Mark Rautenberg, der sich zum Ziel gesetzt hat, alle Berliner Tunnel zu fotografisch zu dokumentieren, gibt es nun auch Bilder des Posttunnels. Mark Rautenberg macht seine Aufnahmen mit viel Ruhe. Geduldigt sucht er nach geeigneten Standorten. Immer prüft er verschiedene Perspektiven. Die meisten Aufnahmen wurden mit Stativ aufgenommen. Sein Ziel ist es, die bauliche Gestalt der unterirdischen Konstruktionen zeigen. So gibt er uns Einblick in nicht betretbare Räume, historische, aber auch aktuelle Tunnelprojekte. Zuletzt zeigte er Bilder von der S21, die zur Zeit mit einem noch nicht in Betrieb genommen Behelfsbahnsteig nördlich des Hauptbahnhofs endet. Die Weiterfahrt nach Süden wird vorerst von einer massiven Betonwand versperrt, die dann irgendwann durchbrochen werden wird, um weiter nach Süden Richtung Gleisdreieck zu bauen.

Nun hat er also den Posttunnel auf dem Gleisdreieck dokumentiert – rechtzeitig bevor die Vegetation die Blicke auf die Eingänge zum Tunnel verdeckt. Mit den Bildern zeigt Mark Rautenberg einen Gang durch den Tunnel. Er beginnt am südlichen Eingang des Posttunnels, führt die 80 m durch den Tunnel nach Norden, dann in der nördlich angrenzenden Schlucht blickt Mark Rautenberg zurück auf den nördlichen Ausgang des Tunnels. Durch Klicken auf die Abbildungen werden größere Darstellungen geladen.

Durch die Bilder von Mark Rautenberg wird der Tunnel kurzfristig wieder ins Bewusstsein geholt.

Doch was folgt daraus?

Ist der Tunnel als Party-Location geeignet? In Punkto Schallschutz wären Tunnel und Schlucht ideal. Aber ließen sich die Parties auf den Tunnel begrenzen?

Eine Integration in den Park jedoch ist vorstellbar. Es wäre ein Erlebnis, die künstliche Landschaft des Eisenbahngeländes auch mittels eines Weges durch den Tunnel wahrzunehmen. Gleichzeitig würden damit auch Voraussetzungen geschaffen, um nach dem Bau von S21 und Regionalbahn Potsdam, dann entstehende Gleisinseln für den Park nutzbar zu machen.

Dazu wird es wahrscheinlich nicht kommen. Weiterentwicklungen des Parks kommen nur schleppend voran, wie überfällige Neugestaltung des Hundeauslaufs und der verzögerte Ausgleich für die verlorenen Spielflächen auf dem Mitteplatz unter der U1 zeigen. Um den Tunnel begehbar zu machen, bräuchte es Mut, die Probleme der Verkehrssicherheit anzugehen und natürlich ein Budget. Beides ist zur Zeit wohl nicht vorhanden.

So wird der Tunnel erst mal das bleiben, was er ist: eine Höhle, in der Generationen von Graffiti-Künstlern ihr Handwerk erlernt haben und weiter erlernen. Werden Denkmalschützer dieses Monument der Jugendkultur – das Lascaux der Graffiti-Szene – unter Schutz stellen? Schön wärs. Zu befürchten ist jedoch, dass mit dem Bau der S21 eine Epoche beendet wird, indem der Tunnel einfach zugeschüttet wird.

Danke an Mark Rautenberg, dass er den Tunnel rechtzeitig fotgrafiert hat. Der physische Bestand des Tunnels ist damit der Nachwelt überliefert. Eine Dokumentation der Bilder an den Wänden des Tunnels steht noch aus.

Fotograf Mark Rautenberg bei der Arbeit
Fotograf Mark Rautenberg bei der Arbeit

Danke für die Bilder an Mark Rautenberg, https://www.kabgrafie.de/

 

Zuerst veröffentlicht in gleisdreieckblog

 

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