An der Potsdamer Brücke

Gastbeitrag von Ralf Hausding

Der Autor, Ralf Hausding, ist in Tiergarten nah am Potsdamer Platz aufgewachsen und erinnert sich gern an seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Nach dem Abriss seines Wohnhauses hat es ihn nach Spandau verschlagen. Heute bietet er Stadtrundgänge in Tiergarten und weiteren Berliner Bezirken an. 

Auf dem Grundstück Potsdamer Straße 39 (früher 123b), stand bis in die letzten Kriegsjahre ein großes Wohn- und Geschäftshaus. Es grenzte auf der einen Seite an das Schöneberger Ufer und auf der anderen Seite an die Straße Am Karlsbad. Verschiedene Geschäfte waren in diesem Haus zu finden, so das Weinrestaurant Lanzsch und Co., ein Zigarettengeschäft, eine Kneipe „Zur Potsdamer Brücke“ und die Schreibwarenhandlung Vincenz Sala. Manch einem mag der Name Sala noch ein Begriff sein. Er hatte seinen Schreibwarenladen, mit dem charakteristischen Schriftzug, nach dem Krieg in der Potsdamer Straße 97. Auf dem Dach wurde weithin sichtbar für Suchard Schokoladen und Kakao geworben. Wie in vielen anderen Fällen ging auch hier der Hausbesitzer mit der Zeit und ließ in den Zwanziger Jahren die schöne Gründerzeitfassade abschlagen. Das Haus wurde im Stil der Neuen Sachlichkeit glatt verputzt.

Das Geschäftshaus Potsdamer Straße 123b etwa im Jahre 1912. Blick auf das Schöneberger Ufer und den Landwehrkanal Richtung Kreuzberg. Im Vordergrund die Doppelbrücke Potsdamer Brücke – Viktoriabrücke.
Das kleine Dreieck zwischen den beiden Brückenhälften nannte der Berliner Volksmund „Der Spucknapf“. Postkarte.

 

Postkarte des Restaurants Lanzsch und Co. Mit einem schönen Vorgarten direkt an der Straße Am Karlsbad.

Das große Geschäftshaus Potsdamer Straße Nr. 39 wurde, wie viele Nachbarhäuser, im Krieg zerstört, das Grundstück vor 1950 abgeräumt. Nun zog die Firma G. & R. Weise auf dieses Gelände und ließ sich einen schmucklosen Flachbau errichten. Die Firma handelte mit Autobedarf, vor allem mit Reifen.

Ich hatte ab etwa 1961 die Gelegenheit, das Geschäft ausgiebig kennen zu lernen. Meine Mutter hat hier einige Jahre gearbeitet. An der Ecke zur Straße Am Karlsbad war der Laden für die Kundschaft. Dahinter erstreckte sich der Lagerbereich mit hohen Regalen. Nach links beschrieb das Gebäude einen Bogen in das Schöneberger Ufer. Hier waren die Kasse, die Buchhaltung und andere Büros untergebracht. Auf dem Hof lagen die Werkstätten für die Montage von PKW- und LKW-Reifen.
So eine Werkstatt ist für einen kleinen Jungen – ich war damals etwa 9 Jahre alt – natürlich hoch interessant. Hier konnte ich beim Räderwechsel zuschauen, aber auch bei der Reparatur von Reifen. Selbst LKW-Reifen, die nicht viel kleiner waren als ich, wurden hier repariert. In einem kleinen Ofen wurde Gummimasse erhitzt und damit richtige Löcher auf den Laufflächen der Reifen geschlossen. Anschließend wurde das Profil millimetergenau nachgeschnitten. Das Auswuchten der PKW-Räder mit kleinen Gewichten, die in die Felge geschlagen wurden, konnte ich genauso beobachten.

Interessant wurde es aber am Abend, wenn das Geschäft geschlossen war. Oft stand ich dann hinter der Ladentür und beobachtete den Verkehr auf der Potsdamer Brücke. Der war natürlich noch nicht so stark wie heute und eine Verkehrsampel gab es auch noch nicht. Im Berufsverkehr standen zwei Polizisten auf den Kreuzungen zu beiden Seiten der Brücke, aber gegen Abend galt die Vorfahrtsregel. Trotz des geringen Verkehrs trafen sich hin und wieder zwei Wagen ungewollt in der Mitte. Das war natürlich aufregend für mich, manchmal zu aufregend. An der Scheibe der Eingangstür lief ein silberner Streifen rings herum. Den habe ich wohl vor lauter Aufregung mit meinen Fingern durch gekratzt. Das merkten wir aber erst beim Verlassen des Geschäfts. Meine Mutter, die als letzte Feierabend machte, musste die Alarmanlage einschalten und die gab gleich lautstark Alarm. Der Silberstreifen an der Türscheibe war nämlich ein Teil davon. Das gab erst einmal viel Ärger und der Chef musste wieder ins Geschäft zurückbeordert werden. Jener Chef der Firma G. & R. Weise war Geschäftsführer, aber nicht Eigentümer. Er war immer sehr korrekt gekleidet und etwas hochnäsig dem Personal gegenüber. Aber ab und an spendierte er mir eine Flasche Cola oder einen Werbeelefanten von Metzeler-Reifen.

Wenn auf der Straße ein Unfall geschah, wurde oft die Polizei dazu gerufen. Auf einem kleinen  Dreieck an der Einmündung des Schöneberger Ufers zur Potsdamer Straße und zur Straße Am Karlsbad stand ein Polizeimelder. Damals ein hoher blauer Mast mit einem Kästchen in Brusthöhe. Hier musste im Bedarfsfall eine Scheibe eingeschlagen und ein Knopf betätigt werden, dann ging ein Ruf zur Polizeizentrale heraus. Oben war in einem Dachkranz eine gelbe Leuchte montiert, die im Alarmfall rhythmisch leuchtete, Dazu klang ein: ring, ring, ring, ring.

Beispiel eines Polizeimelders, wie er in den 1950er Jahren üblich war. (Ausschnitt Goetze)

An ein weiteres Ereignis aus dem Februar 1962 kann ich mich noch gut erinnern. Meine Mutter war fertig mit ihrer Arbeit und wir wollten gehen. Wir hatten es nicht weit bis zu unserem Wohnhaus, nur etwa 300 Meter über die Potsdamer Brücke. Draußen tobte ein mächtiger Sturm und wir knöpften unsere Jacken bis oben zu. Nun sollte nur noch die Alarmanlage eingeschaltet werden, aber sie schlug sofort Alarm.  Meine Mutter schaute mich fragend an, aber ich war es diesmal bestimmt nicht. Wir liefen durch die Räume und kontrollierten alles. Manchmal war es nur ein Blumentopf, der im Büro zu nah an der, wie eine Gardine aufgehängten, Alarmsicherung stand. War es diesmal aber nicht. Erst als wir im Lager einen leichten Luftzug verspürten, entdeckten wir den Schaden. Der starke Sturm hatte eine große Fensterscheibe Am Karlsbad eingedrückt. Wieder musste der Chef geholt werden und das dauerte eine ganze Weile, so dass wir noch den halben Abend im Geschäft verbringen mussten. Er, der Chef, blieb dann wohl die ganze Nacht dort.

Heute, gut 60 Jahre später, befindet sich an dieser Stelle der kleine Park zwischen dem Schöneberger Ufer und der Straße Am Karlsbad. Auch die Firma Weise existiert wohl schon lange nicht mehr. Übrigens die Straße Am Karlsbad ist nicht nach dem schönen Kurort in Tschechien benannt, sondern nach einem gewissen Karl, der hier auf diesem Gelände sein Bad hatte.

Redaktion

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