Dass es zwischen 1910 und 1942 zwei Personen mit dem Namen „Theodor Liedtke“ in Berlin gab, haben wir durch Simon Mays Buch erfahren (1); er glaubte nicht, dass „der andere Theo“ zur gleichen Familie gehörte, aber das konnten wir lückenlos beweisen (mittendran vom 21. April 2025): Theo 2 war der Sohn eines Bruder seines Urgroßvaters Meyer Liedtke, mithin ein Großonkel 2. Grades, während der Theo 1, den wir neulich besprochen hatten (mittendran vom 23. November 2025) sein Großonkel 1. Grades war, Bruder von Ernst Liedtke, seinem Großvater. Aber zu wissen, dass beide zur Familie gehörten, macht die Einträge zum Beispiel im Adressbuch noch nicht eindeutig und unterscheidbar, insbesondere wenn sie auch noch den gleichen Beruf (Kaufmann) hatten und beide 1942 wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nazis nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Der „andere Theo“ hatte eine eigene Lebensgeschichte, die hier gewürdigt werden soll; sie ist im übrigen ungleich besser dokumentiert als die von Theo 1, aus speziellen Gründen, wie wir gleich sehen werden.
Herkunft und Berufstätigkeit des „anderen Theo“
In der Entschädigungsakte im Landesamt für Besoldung (2), die seine Tochter Ellen 1956 veranlasst hatte (s. unten), fand sich ein Lebenslauf von Theo 2 aus der Sicht seiner einzigen Tochter Ellen, die bis zu seiner Verhaftung 1941 mit ihm zusammen wohnte. Dieser Lebenslauf ist die bislang ausführlichste Dokumentation seines beruflichen und privaten Lebens (Bild 1). Er bestätigt Abwesenheit von Berlin aus beruflichen Gründen ebenso wie eine Zeit im Militärdienst.

Bild 1: Lebenslauf (Auszug) des Theodor Liedtke, erstellt von seiner Tochter Ellen 1956 (aus: 2).
Außerdem gibt es eine Handelsregister-Akte im Landesarchiv (3), die zeigt, dass er 1921 in Berlin eine Handelsfirma für Schürzen, Jüpons und Kleidchen eröffnete, um diese Vertretungen von Fremdfirmen in Berlin zu übernehmen; die Firma wurde mit der Nr. 97938 am 1. Februar 1921 im Handelsregister A eingetragen. Im ersten Jahr wurde sein Jahreseinkommen auf 8.000 Mark (auf Provisionsbasis) geschätzt, so dass seine Steuer auf 80 Mark festgesetzt wurde. Die tatsächliche Geschäftsentwicklung lässt sich aus den Unterlagen nicht ersehen, aber auf Nachfrage des Amtsgerichts vom Mai 1938 bestätigte die Industrie- und Handelskammer Berlin, dass das Unternehmen von vollkaufmännisch tätig sei bei unveränderten Rechtsverhältnissen. Zwei Jahre später, am 1. Dezember 1941, berichtete die IHK, dass der Betrieb eingestellt wurde.
Mit Datum vom 31. Dezember 1941 erklärte der Untersuchungsgefangene Theodor Liedtke, in Haft wegen „Betr u.a.“ in einem Formblatt gegenüber dem Amtsgericht, dass das unter seinem Namen betriebene Geschäft nicht mehr existiere, die Eintragung in das Handelsregister erloschen sei und dass die letzte Zahlung der Gewerbesteuer im Frühjahr 1941 an das Bezirksamt Schöneberg erfolgt sei (Bild 2). Das Amtsgericht veranlasste daraufhin die Löschung der Firma. Die Geschichte der Firma Liedtke ist in der Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe bei Kreutzmüller (4) dokumentiert.

Bild 2: Erklärung zur Löschung des Handelsgeschäftes von 1941 (au: 3).
Theodor Liedtke, 1887 in Berlin als einziger Sohn jüdischer Eltern, Schier (Simon) Liedtke und dessen Ehefrau Lydia Freudenberg, geboren, hatte am 14. August 1915 die Emma Martha Oppenheim geheiratet, die 1892 in Berlin zur Welt kam – Emma war ohne Beruf und uneheliches Kind der Näherin Anna Oppenheim (1892-1949). Wir können davon ausgehen, dass diese im Krieg geschlossene Ehe in einem Heimaturlaub des Soldaten Theodor Liedtke stattfand. Ihr einziges Kind, ihre Tochter Ellen, kam erst nach dem Krieg zur Welt, am 8. August 1919. Als Ellen 25 Jahre alt war, starb ihre Mutter Emma am 21. Dezember 1934 im St. Norbert-Krankenhaus in Schöneberg im Alter von nur 42 Jahren. Ob sie angesichts und in Folge der zunehmenden Verfolgung jüdischer Familien starb oder an einer tödlichen Erkrankung ergibt sich aus den Unterlagen nicht. Sie selbst hatte als Halbjüdin einen arischen Vater, wie eine Abstammungsurkunde für ihre Tochter Ellen aus dem Jahr 1943 belegt (Bild 3).

Bild 3: Abstammungsurkunde des Reichssippenamtes Berlin für Ellen Liedtke von 1943 (aus: 2).
Der Prozess wegen Urkundenfälschung und Betrug
Nach Aussage seiner Tochter Ellen wurde er am 24. Mai 1941, wie viele Juden, „in das jüdische Lager Berlin befohlen“ – es ist unklar, ob es sich dabei um das Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen bei Oranienburg handelte oder um dessen Außenlager Neuengamme; in Sachsenhausen gibt es keine Unterlagen über ihn, wie die Leiterin Dr. Astrid Ley auf Anfrage mitteilte. Sie vermutet, dass Theodor Liedtke nach der Verhaftung „über das KZ Neuengamme nach Dachau verschleppt wurde, wo damals die meisten jüdischen KZ-Häftlinge konzentriert wurden. Wahrscheinlich stand die Inhaftierung im Zusammenhang mit einem damals bereits gegen ihn anhängigen Betrugsverfahren („Falschbeurkundung“) beim Landgericht Berlin“ (Mail vom 26. September 2025). In den Unterlagen des KZ Dachau im Arolsen-Archiv (5) ist sein Zugang mit der Häftlingsnummer 27383 am 27. September 1941 vermerkt, seine Entlassung (Verlegung) am 18. Dezember 1941.
Bei diesem Gerichtsverfahren ging es um zwei Tatbestände: Theodor Liedtke hatte sich gegenüber einem Notar im Mai 1940 als Halbjude ausgegeben, eine Kennkarte als Jude nicht beantragt, mithin auch nicht vorgelegt, und hatte sich bislang geweigert, den Zwangsvornamen „Israel“ zu führen und den Judenstern zu tragen. Stattdessen hatte er in mehreren Eingaben seit 1938 versucht, eine Bestätigung als Halbjude zu bekommen, was polizeilich abgelehnt worden war. Und zum anderen hatte er bei eben diesem Notar die Umschreibung (Schenkung) seines Viertel-Anteils an einem Grundstück in Schöneberg (Büsingstrasse 14/Odenwaldstr. 26), das er und seine Tochter Ellen von seiner Frau geerbt hatte, auf seine Tochter zwecks Vermögenssicherung veranlasst. Nachdem dies bereits erfolgt war, hatte der Bezirksbürgermeister gegen diese Umschreibung Widerspruch eingelegt und so den Zugriff des nationalsozialistischen Staates auf das Vermögen der Juden sichergestellt. Theodor Liedtke kam im Dezember 1941 in Untersuchungshaft in das Gefängnis Plötzensee in Berlin-Tegel.
Im Strafprozess (6) gegen ihn wurde er am 16. September 1942 (Bild 4) zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt „wegen schwerer mittelbarer Falschbeurteilung in Tateinheit mit Betrug … Da der Angeklagte geständig war, wurde ihm die erlittene Untersuchungshaft angerechnet“ – mittlerweile acht Monate, von Januar bis September 1942. Er hätte also damit rechnen können, im Mai 1943 aus dem Gefängnis entlassen zu werden.

Bild 4: Auszug aus dem Urteil des Landgerichts Berlin gegen Theodor Liedtke von 1943 (aus: 6).
Sicherungsverwahrung und Deportation nach Auschwitz
Bereits im Oktober 1942 teilte die Kriminalpolizei der Strafanstalt in Plötzensee mit, dass beabsichtigt sei, gegen Theodor Liedtke „im Anschluß an die Strafverbüßung polizeiliche Vorbeugungsmaßnahmen zu ergreifen. Ich bitte daher ihn nicht zu entlassen, sondern in in jedem Falle, auch bei vorzeitige Entlassung oder bei Bewilligung einer Bewährungsfrist, mittels Sammeltransportes in das Polizeigefängnis Berlin für die Kriminalinspektion Vorbeugung einzuliefern“ (6). Am 23. März 1943 vermerkt die Dienststelle der Kriminalpolizei in einer internen Notiz „Es ist zu prüfen, ob und welche vorbeugenden Maßnahmen …zu ergreifen sind„, und notiert drei Tage später, am 26. März 1943 „nach fernm. Auskunft des Strafgefängnisses Berlin-Tegel sitzt der Jude Theodor Israel Liedtke dort nicht mehr ein. Er ist am 17. 3 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz überführt worden„, wo sich seine Spur verliert. Im Herbst des Vorjahres hatten Justizminister Thierack und Himmler die Überstellung der sicherungsverwahrten Häftlinge zur „Vernichtung durch Arbeit“ in KZs vereinbart.
Der Wiedergutmachungsprozess
Ellen Lydia Liedtke, geboren 1919, hatte sicherlich das, was man eine schwierige Kindheit nennen würde: Ihre Mutter starb 1934, als sie 15 Jahre alt war, und ihr Vater wurde ihr 1941 genommen, als sie 22 Jahre alt war. In der Zeit zwischen diesen beiden Todesfällen lebte sie bei ihrem Vater – ausweislich einiger Zeugenaussagen in den Prozessen in durchaus geordneten und wohlhabenden Verhältnissen. Aber sie suchte – und fand – offenbar enge Bindungen mit schwierigen Zeitgenossen in ungünstigen Zeiten (1). Zunächst verliebte sie sich in einen strammen Nationalsozialisten, Walter Meltzer, geboren am 15. Oktober 1915 in Dresden. Er war ein hoch-dekorierter Luftwaffenpilot mit NSDAP-Mitgliedschaft, der gern SS-Mitglied geworden wäre (Bild 5). Als er nach einer Belobigung um die Erlaubnis fragen wollte, seine jüdische Freundin zu heiraten, wurde er degradiert und verlor als Testpilot am 15. August 1943 sein Leben. Nach seiner Beerdigung versteckte sich Ellen in Schlesien und brachte vier Monate später ihren gemeinsamen Sohn Klaus zur Welt. Es bleibt aus den vorliegenden Unterlagen unklar, ob sie und Walter Meltzer wirklich verheiratet waren, wenngleich sie in allen amtlichen Unterlagen betonte, sie sei eine Witwe. In ihrer Heiratsurkunde von 1952 (s. Bild 6) ist sie als Ellen Meltzer mit evangelischer Religion eingetragen.

Bild 5: Ellen Liedtke um 1942 und Walter Meltzer als Offizier der Luftwaffe (Fotos aus dem Familienarchiv Liedtke mit freundlicher Genehmigung).
Nach dem Krieg stürzte sie mental ab, versank in Alkohol und in eine tiefe Depression. Sie lernte einen amerikanischen Zionisten kennen, Friedrich Edelmann, mit dem sie nach Palästina zog, aber als er zurück nach Amerika wollte, kehrte sie 1952 mit ihrem Jungen zurück nach München. Sie heiratete am 3. September 1952 den ehemaligen katholischen Mönch und kaufmännischen Angestellten Heinrich Maier, geboren am 7. September 1914 (Bild 6).

Bild 6: Heiratsurkunde der Ellen Meltzer geborene Liedtke mit Heinrich Maier 1952 (aus: 2).
Im April 1954 stellte sie einen Wiedergutmachungs- bzw. Entschädigungsantrag, dessen vorherrschendes Merkmal ist, dass er vornehmlich auf persönlichen Briefen basierte – Ellen ließ sich in den mehr als zehn Jahre hinziehenden verschiedenen Verfahren nicht von einem Anwalt vertreten, sondern verfasste unzählige handgeschriebene Briefe, Anträge und Anfragen; sie hatte aber immer auch politische Fürsprecher, die sich ab und zu einschalteten, um den Entscheidungsprozess zu kontrollieren: den Bayerischen Landtagsabgeordneten Erwin Pfeffer (1914-1971), wie Walter Meltzer Luftwaffenpilot im Krieg, den SPD-Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Ernst Schellenberg (1904-1987), und den Berliner Oberbürgermeister Dr. Otto Suhr (1894-1957).
Ihr Gemütszustand und ihre schlechte psychische Verfassung ergeben sich auch aus ihren handschriftlichen Briefen: So schrieb sie am 9. Juli 1963 an das Entschädigungsamt: „Vielen Dank für Ihr freundliches Schreiben, aber mir geht die Geduld aus! Der Krieg ist bereits 18 Jahre her! Mein Vater Theodor Liedtke hat nicht den Krieg verursacht, hat auch keine Rassengesetze gemacht … mein Mann, der Ritterkreuzträger Hauptmann Walter Meltzer ist für das Vaterland abgestürzt. Mir lang es allmählich!“ (2).
Zunächst erreichte sie – als Voraussetzung für die Entschädigungszahlungen – die Aufhebung von zwei Urteilen gegen ihren Vater, zum einen wegen Verstoßes gegen die Zwangsnamen-Verordnung, zum anderen wegen Falschbeurkundung und Betrugs. Beide Urteile wurden durch Gerichtsbeschluss der 13. Strafkammer des Landgerichts Berlin vom 3. Mai 1957 aufgehoben.
Sechs Jahre nach Erstantrag berichtete das Entschädigungsamt dem Senator des Inneren in Berlin, dass von den sechs gestellten Anträgen (Bild 7) der Antrag auf Waisengeld abgelehnt wurde, der Antrag auf Schaden im wirtschaftlichen Vorkommen zurückgezogen wurde, ein Antrag auf Schaden an Körper und Gesundheit mittels Vergleich beendet wurden (Entschädigung: 1200 DM), ein Antrag auf Schaden an Freiheit (ihres Vaters) durch Zahlung von 5250 DM beglichen wurde, und zwei Anträge (Schaden an Vermögen, Schaden an beruflichem Fortkommen) noch in Bearbeitung seien. Der Vermögensschaden wurde 1963 mit 4800 DM entschädigt, der Antrag auf Schaden an beruflichem Fortkommen wurde zunächst ablehnt, 1968 aber in einem weiteren Vergleich mit 8075 DM beziffert und bezahlt.

Bild 7: Stellungnahme des Entschädigungsamtes zum Stand der Anträge der Ellen Maier von 1960 (aus: 2).
Ellen Maier geb. Liedtke, zuletzt wohnhaft in Wiesbaden, starb am 21. September 1971 im Alter von nur 52 Jahren an einer Alkoholvergiftung.
Literatur
- Simon May: How to be a Refugee. Picador Publisher, London 2021.
- Entschädigungsakte im Berliner Landesamt für Besoldung (LABO), AZ
- Handelsregister-Akte im Landesarchiv Berlin (LAB), A Rep. 342-02 Nr. 31663.
- Christoph Kreutzmüller. Ausverkauf. Die Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit in Berlin 1930 bis 1945. Metropol Verlag, Berlin 2012
- Arolsen-Archiv: https://collections.arolsen-archives.org/de/search
- LAB: Prozessakte A Rep. 358-02 Nr. 31474; Kriminalakte Pr. Br. Rep. 030-02-02 Nr. 81.
