Ein Stolperstein für eine starke Frau

(ein Beitrag von Mary Bianchi)

Stolperstein zum Gedenken an Ruth Simon (Foto:bse)

Vor 110 Jahren wurde Ruth Simon geboren, im Dezember 2017 wurde ein Stolperstein zu ihrem Gedenken in der Pohlstraße vor dem Hotel Delta verlegt. Ruth Simon war eine starke Frau. Die Nazis brachten ihr den Tod.

Ruth Simon wurde am 1. August 1910 in Charlottenburg geboren. Ihr Vater, Dr. Paul Simon, war Jurist, ihre Mutter, Lizzie Simon geb.

Rosenbacher, umsorgte die Familie. Ruth Simon hatte einen älteren Bruder, Walter, und eine jüngere Schwester, Eva. Trotz des 1. Weltkriegs und dessen Folgen erlebte sie ein behütetes, bürgerliches Leben an der Tannenbergallee 9-12  im Berliner Westend.

Ruth soll  schon in jungen Jahren eine hervorragende Köchin gewesen sein; ein Rezept für Karamellbonbons ist überliefert.

Sie war sozialpolitisch interessiert und begann Ende der 20er Jahre eine Ausbildung als Fürsorgerin, die sie allerdings nach einem Zwischenfall im Jüdischen Krankenhaus aufgeben musste. Ihr Fehler in der Klinik belastete sie sehr. Die Stadt Berlin stellte sie trotz des Zwischenfalls als Fürsorgerin ein. Sie galt als couragierte, konsequente Mitarbeiterin und war offensichtlich politisch bewusst.

Zu ihrem Vater brach der Kontakt vorübergehend ab, als Ruth mit einem Freund im nächtlichen Garten der elterlichen Villa vom Vater entdeckt wurde. Sie zog aus, nahm sich ein Zimmer und setzte ihre berufliche und politische Arbeit fort. Sie wurde finanziell von ihrer jüngeren Schwester, Eva, unterstützt. Eva half ihrer Schwester ferner, den Kontakt zu den Eltern wieder herzustellen.

Ruth Simon strahlte schon als Kind Selbstbewusstsein aus (Foto: Fam.Simon)

Nach der Machtübernahme durch die Nazis emigrierte Ruths Bruder Walter nach Argentinien und versuchte die gesamte Familie nachzuholen. Doch Ruth Simon traf sehr selbstbewusst die Entscheidung, nicht mit den anderen Mitgliedern ihrer Familie auszuwandern. Von Familienmitgliedern nach ihren Beweggründen gefragt,  antwortete sie: „Eher muss Hitler gehen, als ich. Wir haben genug in Deutschland zu tun.“

Sie zog nach Potsdam um, oder vielmehr tauchte dort unter, nannte sich Martha Thiele und arbeitete als Kellnerin. Sie kehrte aber nach einiger Zeit nach Berlin zurück, blieb beruflich engagiert und politisch aktiv. Ihr letzter Aufenthaltsort war in der heutigen Pohlstrasse 58.

Am 28. Juni 1943, im Alter von 32 Jahren, wurde sie nach Auschwitz deportiert.

Ihr Bruder Walter Simon berichtet in der von ihm geschriebenen Lebensgeschichte der Familie, dass ihr Potsdamer Arbeitgeber sie bei der Gestapo denunziert habe.

Mit der bescheidenen Entschädigung, die ihrer Familie nach dem Krieg gewährt wurde, wurde in Argentinien von der jüdischen Deutschen Wohltätigkeitsgesellschaft  eine Kleiderkammer gebaut, die ihren Namen trägt.

Ruth’s Nichte I.Simon, die 1978 aus Argentinien nach Berlin zurückgekehrt ist, kommt immer wieder zum Ort des Gedenkens an ihre Tante in der Pohlstraße zurück. So auch zu ihrem 110. Geburtstag am 1.August.

 

 

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