Der Autor, Ralf Hausding, ist in Tiergarten nah am Potsdamer Platz aufgewachsen und erinnert sich gern an seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Nach dem Abriss seines Wohnhauses hat es ihn nach Spandau verschlagen. Heute bietet er Stadtrundgänge in Tiergarten und weiteren Berliner Bezirken an.
Spielen am Potsdamer Platz
Ich war ein Schlüsselkind, so nannte man damals die Kinder, die schon frühzeitig einen Wohnungsschlüssel an einer Strippe um den Hals bekamen. Meine Eltern waren tagsüber arbeiten. Und das schon bevor ich in die Schule kam. Wir wohnten in der Potsdamer Straße 29 an der Ecke Eichhornstraße. Viel Geld hatten meine Eltern nicht. Mein Vater arbeitete bei der Post im Hauptpaketpostamt 77 am Gleisdreieck und um das Wirtschaftsgeld etwas aufzubessern arbeitete meine Mutter halbtags als Putzfrau. Also bekam ich einen Wohnungsschlüssel und durfte aus dem Haus. Mein Vater hatte damals eine Woche Frühschicht und eine Woche Spätschicht. Bei der Frühschicht bekam ich ab und zu ein paar Groschen und konnte mir so am Potsdamer Platz ein paar Bonbons, Schokolade oder Brausepulver kaufen. Ansonsten stand zuhause auch immer ein Teller mit Stullen und etwas zu trinken.
Mir machte das nichts aus, ich war gerne alleine unterwegs. Platz zum Spielen gab es hier zur Genüge. Zum einen waren um 1939 – 41 sehr viele Häuser abgerissen worden, um Hitlers Traum von der Welthauptstadt zu verwirklichen. Auch unser Wohnhaus sollte abgerissen werden, aber aufgrund der Kriegsereignisse wurden die Arbeiten gestoppt. Sehr viele andere Gebäude wurden durch die Bombenangriffe, besonders 1943 zerstört.

Potsdamer Platz 1954. Foto: Wschmock, Public domain, via Wikimedia Commons. Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.
Die Ruinen wurden meist bis 1950 beseitigt, so dass große leere Flächen zurückblieben, die oft hüfthoch mit (Un-)kräutern bewachsen waren. Wen es interessiert, hier wuchsen u.a. Löselrauke, Nachtkerze, Goldrute und vor allem Beifuß. Das waren jene Flächen, die heute mit der Staatsbibliothek, dem Sony- und Daimler-Center bebaut sind.
Bis zum Mauerbau 1961 gab es noch Leben am Potsdamer Platz. Die Geschäfte hatten noch offen und ich konnte schauen und mir auch hin und wieder am Wurststand ein Brötchen kaufen. Für fünf Pfennig drückte der Wurstmaxe mit dem Daumen ein Loch hinein und füllte es mit Ketchup. Aber mehr als zwei Stück gab es nicht, er brauchte die Brötchen für andere Kunden.
Andere Kinder waren in dieser Ecke von Tiergarten-Süd eher selten. Ende der 1950er Jahre waren noch zwei oder drei Häuser in der Linkstraße bewohnt und hier wohnten einige Gören. Es war aus meiner Sicht damals eine richtige Bande. Ich musste zusehen, dass ich nicht mit ihnen zusammentraf. Wenn doch, endete es für mich oft mit Tränen. Ich wurde umringt, geschubst und geknufft. Aber einige Jahre später wurden die Häuser geräumt und abgerissen.
Aber ich lernte einen netten Spielkameraden kennen, Eberhard. Er war gut ein Jahr älter, ging schon zur Schule und wohnte mit seinen Eltern im Haus Huth am Potsdamer Platz.

Ralfs Freund Eberhard rennt die Potsdamer Straße entlang. Hinten rechts Haus Huth Foto: privat
Seine Wohnung lag im fünften Stock und das Wohnzimmer hatte seine Fenster schon im Dachbereich. Wenn ich ihn zuhause besuchen wollte, musste ich die fünf Etagen zu Fuß hochsteigen. Es gab zwar einen Fahrstuhl, aber der war nur für die Bewohner mit einem Schlüssel zugänglich. Natürlich war man als Steppke schon „motorisiert“. Meinen Roller wollte ich natürlich nicht vor der Tür stehen lassen, also parkte ich ihn im Hausflur. Wenn jedoch der Hausbesitzer, der alte Herr Willy Huth, hinunterkam, expedierte er mein Gefährt im hohen Bogen auf den Bürgersteig.
Viele Jahre spielten wir bei jedem Wetter auf den großen freien Flächen. Auch später, nach unserem Umzug nach Spandau im Jahre 1967, hielt die Freundschaft mit Eberhard. Gegenüber meinem Wohnhause wurde 1963 die große Ruine des Hauses des Fremdenverkehrs abgerissen. Jener Bau, der ab 1939 den Anfang des von Hitler geplanten Stadtumbaus bildete. Nach dem Abriss blieb eine große Baugrube übrig, die direkt an die neu gebaute heutige Potsdamer Straße grenzte. Daneben hatte man viele LKW-Ladungen feinsten Sandes abgekippt. Dazu gab es einen Baum zum Klettern und einige überflüssige große Abflussrohre aus Beton, die uns als Pferde dienten, oder in denen wir uns verstecken konnten. Also ein schöner Abenteuerspielplatz.

Badende Kinder am Haus des Fremdenverkehrs 1949. Fotograf: Wilhelm Rißleben/ Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (05) Nr. 0001915.
Es gab noch einen anderen Freund mit einem sehr seltsamen „Spielplatz“. Günter wohnte in der Matthäikirchstraße (heute Herbert von Karajan-Straße) mit seinen Eltern in einer alten Villa. Das Haus stand ansonsten leer und wurde nur von dieser einen Familie bewohnt. Sie waren so etwas wie Hausmeister und bewohnten eine kleine Wohnung im Erdgeschoß. Im Durchgang zum zweiten Hof befand sich eine Wohnküche und die Toilette. Neben dem Haupteingang der Villa befand sich das separate Schlafzimmer. Tagsüber arbeiteten einige Handwerker im Haus und verputzten und strichen die Wände. Das Besondere für mich war, dass wir die Räume der leeren Villa erkunden konnten. Manchmal fuhren wir mit unseren Rollern durch die langen Flure und großzügigen Säle. Wir durften uns nur nicht von seinem Vater erwischen lassen, aber der kam erst gegen Abend von der Arbeit. Wir stiegen die große geschwungene Haupttreppe hinauf und liefen durch die Räume, die wohl einst die Wohnung eines Bankiers waren. Hier gab es sogar Scheinkamine in den ehemaligen Wohnräumen. Ursprünglich gab es in diesem Haus auch einen Aufzug, der zu dieser Zeit erneuert werden sollte. Ich kann mich noch an neue Stahlkonstruktionen erinnern. Oft spielten wir auf dem vorderen Hof, der neben der Villa lag. Hier gab es Sandhaufen und Bretterstapel, auf denen wir prima spielen konnten. Seine Mutter versorgte uns mit Stullen und Brause.
Das schöne Gebäude lag genau gegenüber dem Haupteingang der Philharmonie, die auch zu dieser Zeit im Bau war. Die Villa hätte mit ihren großen Räumen wunderbar in die entstehende Museumslandschaft gepasst, so wie es auch mit der nahegelegenen Villa Parey in der Sigismundstraße geschah. Aber der Senat hatte andere Pläne, die Instandsetzung wurde eingestellt und das Haus um 1968 abgerissen.

Villa Parey, Sigismundstraße 4a, © G. Russbült
Eine andere Geschichte. Ich war in der ersten Klasse und streunte an diesem Tag durch meine Gegend. Ich kam am Bayernhof, Potsdamer Straße 24, vorbei. Zur Erinnerung: Der Bayernhof war jene ehemalige Großgaststätte, die nun als Teilruine noch von Möbel Gruner und einer Töpferei genutzt wurde. Auf dem Hof der große, etwas kriegsbeschädigte St. Georgs-Brunnen. An diesem Tag spazierten zwei Mädels aus dem Haus. Erstaunt blieb ich stehen und erkannte zwei Klassenkameradinnen. Marina und Monika, das war eine Überraschung. In diesem großen Haus gab es also eine Wohnung. Viele Male haben wir von da an miteinander gespielt, ganz klassisch: Hopse, Gummitwist usw. Eines Tages hatte der Vater der beiden Mädchen auf einem weitläufigen Treppenpodest eine Tischtennisplatte aufgebaut und die beiden luden meinen Freund Eberhard und mich zum gemeinsamen Spiel ein. Es war schön und spannend und bald vergaßen wir die Zeit. Irgendwann verabschiedete ich mich und ging die Treppe zur Durchfahrt hinunter. Als ich die Tür öffnete, stand ich plötzlich dem Vater meines Freundes gegenüber. Der war sichtlich sehr wütend und sah nur einen Jungen. Dass ich der falsche Sohn war, erkannte er zu spät, da hatte ich schon eine saftige Backpfeife weg. Das konnte aber anschließend in einem Gespräch unserer Eltern geklärt werden.
Es war im Rückblick eine schöne Zeit, die wir zum größten Teil, an der frischen Luft verbracht haben und in die ich gerne zurückblicke. Natürlich ist dieser Bericht nur ein kleiner Ausschnitt und zu erzählen gibt es noch viel mehr.
