Spaziergang in die Vergangenheit (38): Die Malschule von Dora Hitz am Lützowplatz

Dora Hitz (1853-1924) (Bild 1) hätte es verdient, dass eine Gedenktafel an sie erinnert oder eine Straße oder ein Platz nach ihr benannt wäre. Es muss ja nicht gleich der Lützowplatz sein, aber passen würde es schon. Alle ihre berühmten Zeitgenossen hätten dem zugestimmt: Max Liebermann (1847-1935), Walter Leistikow (1865-1908), Franz Skarbina (1849-1910) und andere, denn sie war eine von ihnen, die einzige Frau unter den Gründungsmitgliedern der Vereinigung der XI im Jahr 1897 und deren Nachfolgeorganisationen, die Berliner Sezession und die Freie Secession. Anders als Liebermann, Leistikow und Skarbina ist sie heute weitgehend vergessen, schon 1924, als sie verstarb, war sie vereinsamt. Käthe Kollwitz (1867-1945), mit der sie befreundet war, notierte anlässlich ihres Todes in ihrem Tagebuch: „Die Dora Hitz ist gestorben. Ganz einsam, 71jährig. Als ich das letzte mal bei ihr war, bat sie mich, wenn sie stürbe an ihrem Sarg zu sprechen. Ich sagte ja … Aber jetzt hätte ich es doch gern zurückgezogen. Ich schrieb dann nur etwas auf und Wolfthorn hat es am Sarg verlesen“ (1).

Bild 1: Foto der Dora Hitz um 1912 (aus: Kunst und Künstler, 1916, Band XIV, Heft 8, Seite 383, Fotograf unbekannt)

Malerin und Avantgardistin

Dabei hatte sie eine eindrucksvolle Karriere hinter sich: Geboren am 30. März 1853 in Altdorf bei Nürnberg als Tochter eines Zeichenlehrers, ging sie mit 16 Jahren nach München, studierte Malerei in einer privaten Malschule und lernte 1876 Elisabeth zu Wied (1843-1916) kennen, die durch Heirat mit einem Hohenzollernprinzen 1881 Königin Elisabeth von Rumänien wurde; unter ihrem Künstlernamen Carmen Sylva war diese eine bekannte Schriftstellerin. Sie berief Dora Hitz als Hofmalerin an den rumänischen Königshof, wo letztere neben einer Malschule für Waisenkinder und einem Konzept für einen „Musenhof“ Ausmalungen des Neorenaissance-Schlosses Peles in den Karpaten, Porträts lokaler Prominenz, Illustrationen zu den Gedichten Carmen Sylvas und eigene Gemälde schuf.

Bild 2: Das Gemälde „Die Weinernte“ von Dora Hitz (1909).

Ab 1880 lebte Dora Hitz in Paris und malte in diversen Ateliers französischer und deutscher Maler, auch in der Normandie und der Bretagne, wurde Mitglied dortiger Kunstvereinigungen (Societé des Artistes Francais; Associé du Champs de Mars; Societé National des Beaux Arts; Societé Royal Belge des Aquarellistes) und stellte regelmäßig ihre Bilder aus, die den Übergang vom Impressionismus zum Expressionismus markierten (Bild 2). Paris blieb ihr Traumziel, auch später reiste sie oft für Tage oder Wochen dorthin.

Nach kurzem Aufenthalt in Dresden (1891) kam sie im Jahr 1892 nach Berlin und wurde Mitglied im Verein der Berliner Künstlerinnen (VdBK) an der Potsdamer Straße 39 (heute 98A), dem sie bis 1921 treu blieb (2). Ab 1895 war sie am Lützowplatz 12 gemeldet – heute ist dies die Seite, an der das Hotel Berlin, Berlin liegt (Bild 3); dort eröffnete sie ihre Malschule (Bild 4).

Bild 3: Wohnhaus Lützowplatz 12 um 1890 (Fotograf F. Albert Schwartz)

Bild 4: Anzeige von zwei Malschulen im Lützow-Viertel (Quelle: Katalog der Berliner Secession 1809).

Schülerinnen

Dora Hitz war Mitglied der ersten Stunde des Lyceum Club Berlin (gegründet 1905) und Gründungsmitglied der Künstlerinnen-Vereinigung innerhalb des Clubs, der ebenfalls im Lützow-Viertel residierte (siehe mittendran vom 10. Januar 2026), und zu dem wir demnächst noch einmal in der Serie „Starke Frauen und Frauenvereine“ kommen werden. Zu ihren Schülerinnen gibt es nur eine unvollständige Namensliste, acht haben wir aus verschiedenen Quellen zusammengetragen: Vally Wygodzinsky geborene Cohn (1873-1905), Eleonoire Feldberg, die sich später Lore Feldberg-Eber (1895-1966) nannte, Helene Gries-Danicas (1874-1935), Irene von Richthofen-Winkel (1891-1941), Wilma Malgonia Stern geborene Karpeles (1868-1914) und L. E. Margarethe Gerhardt (1873-1955) (3-5). Eine in Zeitungsmeldungen genannte S. Goldschmidt (6) blieb bislang ohne Vornamen und Lebensdaten.

Vielleicht die bedeutendste ihrer Schülerinnen war Maria Henriette Josephine von Brocken (1868-1947), älteste Tochter des Lübecker Kaufmanns Heinrich von Brocken (1835-1901) und seiner Schweizer Ehefrau Pauline, geborene Rüttimann (1841-1923), einer Sängerin und Pianistin, Schülerin von Hans von Bülow (1830-1894). Dora Hitz und Maria von Brocken kannten sich aus Paris. Maria kam 1900 nach Berlin und wohnte bis 1910 ebenfalls am Lützowplatz 12, und da die beiden sich eine Telefonnummer teilten, wohnten sie offensichtlich zusammen. Dora Hitz hatte Maria gleich mehrfach gemalt (Bild 5).

Bild 5: Zwei mal Maria von Brocken, gemalt von Dora Hitz; links: um 1891, heute: Museum Behnhaus Drägerhaus Lübeck; rechts: um 1891, heute Museum der Stadt Nürnberg).

1911 verschwand Maria von Brocken aus dem Berliner Adressbuch: Sie zog nach Badenweiler im Markgräflerland, wo sie die Kriegszeit überstand, 1918 die badische Staatsangehörigkeit erhielt (Bild 6) und bis 1923 blieb – dann zog wie, vermutlich wegen des Todes ihrer Mutter einerseits und der hohen Inflationskosten andererseits, die in diesem Jahr ihr Maximum erreichten, zurück nach Lübeck in ihr Elternhaus. Hier lebte sie noch weitere 20 Jahre und starb im Februar 1947. In einem Testamentsentwurf von 1913, das sie in Badenweiler verfasste, setzte sie ihre Mutter als Alleinerbin ein, hilfsweise, falls diese verstorben, ihren Bruder. Auch ihr späteres, endgültiges Testament enthielt keinen Hinweis auf ihre Freundschaft mit Dora Hitz. Die Einwohnermeldekarte von Lübeck, in der An- und Abmeldungen aus Lübeck notiert wurden, weist aus, dass Maria von Brocken zumindest im Mai 1918 noch einmal kurzfristig in Berlin weilte, wo sie allerdings am Mariannenplatz 2 gewohnt haben muss.

Bild 6: Antrag der Maria von Brocken aus Badenweiler 1918 auf Aufnahme in den Badischen Staatsverband (Staatsarchiv Freiburg i. Br., Inventar Nr. B 725/1 Nr.11847).

Es gibt jedoch widersprüchliche Informationen zum Verhältnis der beiden Malerinnen nach 1910: Gutsell (3) berichtet, dass die beiden Frauen auch noch 1913 und 1917 enge Verbindung hatten und gemeinsam Zukunftspläne schmiedeten. Maria von Brocken war zudem Testamentsvollstreckerin des Nachlasses von Dora Hitz 1924, wovon ein Brief Maria von Brockens an Jonas Cohn (1869-1947) berichtet, Philosoph, Pädagoge und enger Freund der Dora Hitz. 85 Briefe von Dora Hitz befinden sich in seinem Nachlass, deren Auswertung noch aussteht (7).

Dora Hitz war auch mit Max Beckmann (1884-1950) befreundet und mit Gerhard Hauptmann (1862-1946) und dessen Ehefrau Margarethe; ein“ Portrait der Frau M.H.“ brachte ihr 1906 einen Preis und ein Stipendium für Italien ein. Im Ersten Weltkrieg bekam sie finanzielle Probleme, geriet immer mehr in Isolation, erkrankte und musste ihre Malschule schließen, konnte sie aber 1916 wieder eröffnen. Eine Sammlung unter ihren Freund:innen erbrachte zu ihrem 60. Geburtstag eine Summe von 5.500 Reichsmark (entspricht einer Kaufkraft von etwa 35.000€ heute) für den Ankauf eines Bildes, dass einem Berliner Museum gespendet werden sollte, und für einen weiteren Malauftrag.

Bild 7: Sterbeurkunde der Dora Hitz von 1924

Sie starb einsam in ihrer Wohnung am Lützowplatz am 20. November 1924. Im Mai 1925 veranstaltete die Galerie Fritz Gurlitt in der Potsdamer Straße 113 (heute: 81, Mercator-Höfe) eine Retrospektive ihrer Arbeiten – dann wurde sie vergessen und erst vor wenigen Jahren „wiederentdeckt“ (3).

Literatur

  1. Zitiert nach: Ulrike Wolff-Thomsen, Jörg Paczkowski (Hrsg.) Käthe Kollwitz und ihre Kolleginnen in der Berliner Secession (1898-1913). Boyens Buchverlag Wertheim 2012, Seite 48.
  2. Verein Berliner Künstlerinnen (Hrsg.) Käthe, Paula und der ganze Rest. Ein Nachschlagewerk. Kupfergraben Verlagsgesellschaft Berlin 1992.
  3. Natalie Gutgesell. Dora Hitz. Fränkische Künstlerin, rumänische Hofmalerin, europäische Avantgardistin. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 2019.
  4. Rahel Schrohe. Dora Hitz. Wechselspiele von Weiblichkeit und Raum. Verlag Reimer Berlin 2024.
  5. Internationaler Lyceum-Club Berlin (Hrsg.) QUA VADIS, MATER? Künstlerinnen des Berliner Lyceum-Clubs 1905-1933. Berlin 2015.
  6. Die Frau. Monatsschrift für das Gesamte Frauenleben unserer Zeit. Vierter Jahrgang 1897, Seite 250; auch: Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 9. März 1898, Seite 11.
  7. https://steinheim-institut.de/jonas-cohn-archiv/index2580.html?id=43

Paul Enck

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