Spaziergang in die Vergangenheit (37): Die Cholera-Pandemie von 1831/1832

Die erste Cholera-Pandemie (1817-1824) verbreitete sich vor allem in Asien und Ostafrika und erreichte Europa nur am Rande, während die zweite Pandemie (1826-1841) Europa weitaus mehr traf (1). Sie erreichte Preußen im Frühjahr 1831 und dauerte in Berlin bis zum Februar 1832. Zu diesem Zeitpunkt (1831) gab es das Lützow-Viertel (oder, wie es damals hieß, die Schöneberger Vorstadt) noch nicht. Die ersten Häuser südlich des Landwehrkanals entlang der Potsdamer Chaussee gehörten sogenannten Büdnern, d.h. es waren „Buden“, in denen Landarbeiter wohnten, die keinen eigenen Grund und Boden hatten, oder es waren eher bescheidene Sommerhäuser für Großstadt-Flüchtige. Die ersten dauerhaft bewohnten Häuser lagen an der Straße „Auf dem Carlsbade“ (siehe mittendran vom 30. Dezember 2023) (Bild 1) und waren in den Jahren 1832 bis 1839 entstanden. Aber vielleicht war es ja gerade die „asiatische Hydra“ (2) von 1831/1832, die Pate stand bei der Gründung des heutigen Lützow-Viertels, war der Anlass für die Siedlung außerhalb der Stadtmauern. Schauen wir uns also den Einfall der Cholera nach Berlin im Jahr 1831 etwas genauer an.

Bild 1: Die Kolonie „Auf dem Carlsbade“ 1839 mit nur wenigen Häusern entlang der Potsdamer Chaussee und der Straße „Auf dem Carlsbade“ (Karte „Der königliche Tiergarten in Berlin mit den nächsten Umgebungen“ (Auszug), Brandenburgisches Landeshauptarchiv, AKS 331 A, gemeinfrei).

Der Weg der Cholera nach Berlin 

Die asiatische Cholera erreichte, aus Asien über Moskau, St. Petersburg und Riga kommend, in Danzig am 27. Mai 1831 erstmals preußischen Boden. Sie reiste weiter über die Weichsel nach Bromberg (1. August) und von dort über den Warthe-Netze-Bromberg Kanal nach Cüstrin, wo sie zunächst erfolgreich verhindert wurde. Sie zog aber an der Stadt vorbei über die Oder abwärts in den Finow-Kanal und kam am 28. August 1831 in Berlin an (Bild 2). Ebenso folgte sie der Oder weiter abwärts nach Stettin (25. August), und sie nahm natürlich den Weg Oder-aufwärts über Frankfurt/Oder (8. September) bis nach Schlesien (Breslau: 23. September) (3).

Bild 2: Der Weg der Cholera ging von Danzig (1) über Bromberg (2) und Cüstrin (3) bei Hohensaaten (4) in den Finow-Kanal weiter nach Berlin (markiert auf der Karte der Wasserstraßen in Preußen (Auszug) um 1905 von Bogdan Gisevius, Kartograph. Sammlung Stiftung Stadtmuseum, Inv.-Nr. SM 2018-00339, Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita, Berlin, mit freundlicher Genehmigung ).

Dass die Cholera den Wasserweg bevorzugte, hatte etwas mit der Reisegeschwindigkeit zu tun. Personen- und Warentransporte über lange Strecken erfolgten nicht nur in Preußen zumeist mit dem Schiff. Bei einer Inkubationszeit – der Zeit, in der ein Mensch den Erreger bereits in sich trägt, aber noch keine Symptome hat – von zwei bis drei Tagen waren Landwege zu Fuß oder mit dem Pferdewagen oder der Kutsche zwischen zwei Städten meist zu lang, und die Betroffenen starben unterwegs oder sie wurden, wenn sie krank waren, gar nicht in die Stadt hineingelassen. Und betroffene, befallene Dörfer und Städte konnten und wurden militärisch isoliert. Man wusste um die Ankunft der Cholera und versuchte, deren Ausbreitung zu verhindern, auch wenn man die Ursache – eine bakterielle Infektion – noch nicht kannte und sich heftig darüber stritt, ob sie durch Ansteckung von Mensch zu Mensch oder durch die schlechte Luft (Miasma) übertragen würde; es sollte noch 50 Jahre dauern bis zur wissenschaftlichen Klärung der Ursache, aber die Ansteckung von Mensch zu Mensch wurde am Ende der Pandemie wohl von den meisten eingesehen.

Die Verbreitung innerhalb der Stadt Berlin

Am 28. August 1831 erkrankte in Charlottenburg, damals noch eine eigenständige Stadt vor den Toren Berlins, der Schiffsführer eines Torf-Kahns; in Spandau, ebenfalls noch eigenständig, starb am 29. August ein Kahn-Schiffer auf seinem Boot. Einen Tag später, am 30. August 1831, starb in Berlin am Schiffbauer Damm auf seinem Kahn „der Schiffer Christian Mater, und zwar nach achtstündiger Krankheit … Der Mater … war seit 8 Tagen in Berlin und hatte am 29sten August in der Gegend der Schleusenbrücke gehalten … diesem, ziemlich mitten in der Stadt belegenen Punkt, wo sich in der Regel eine Menge von Schiffern zusammenzufinden pflegt … von welchem aus eine weitere Verbreitung der Krankheit erfolgt ist. Noch am Nachmittag desselben Tages … starb an der Schleusenbrücke ein Schumacher … in der folgenden Nacht ein obdachloser Arbeitsmann … und in den nächsten Tagen kamen noch in mehreren benachbarten Häusern an der Schleuse zahlreiche Erkrankungen vor“ (3).

Die Tabelle der ersten zwanzig Cholera-Kranken in der Stadt, von denen neunzehn starben, zeigt, dass die Hälfte von ihnen in der Schifffahrt beschäftigt waren (Bild 3) (4).

Bild 3: Die ersten zwanzig an Cholera Erkrankten in Berlin, darunter zehn Personen, die in der Schifffahrt arbeiteten (Quelle: Beilage zur Berliner Cholera-Zeitung Nr. 1 vom 24. September 1831).

Berlin hatte Zeit, sich auf die Pandemie vorzubereiten, es dauerte noch fast vier Monate nach Erstauftreten in Danzig, bis die Cholera die Stadt erreichte, und die in diesem Zeitraum gemachten Erfahrungen mit präventiven und therapeutischen Maßnahmen mögen, wenngleich nicht in allen Fällen wissenschaftlich fundiert, doch hinreichend gewesen sein, das Schlimmste zu verhindern: Im Vergleich zu Königsberg, wo auf 1000 Einwohner 35,06 von der Krankheit befallen wurden, waren es in Berlin  nur 9,58, weniger als in Posen (34,87), Danzig (20,63), Breslau (15,42), Magdeburg (13,74) und Stettin (13,41) (2, Seite 140).

Eine dieser Maßnahmen war eine ab dem 24. September 1831 jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag erscheinende Cholera-Zeitung (Bild 4) (4), in der neben den aktuellen Zahlen der Erkrankten, Verstorbenen und Genesenen, sortiert nach Straßen, präventive Maßnahmen, therapeutische Vorschläge und epidemiologische Überlegungen diskutiert, politische Erlasse verkündet und wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Kontroversen ausgetragen wurden. Sie enthielt aber auch, selbst nach damaligen Vorstellungen, eher merkwürdige, esoterische und fragwürdige Auffassungen von der Krankheit und ihrer Behandlung, auch regelmäßige Wetterdaten, weil man diese für wichtig hielt.

Bild 4: Titelzeile der ersten Ausgabe der Cholera-Zeitung vom 24. September 1831.

Bis zum Dezember 1831, als die Pandemie sich in Berlin dem Ende zuneigte, gab es 36 Ausgaben dieser Zeitung, die nicht nur an Ärzte und Beschäftigte im Gesundheitswesen verteilt wurde, sondern die den Anspruch hatte „das hiesige Publikum über den täglichen Stand und Gang der Cholera in unserer Stadt durch spezielle Nachweisungen der Ergebnisse der Erkrankungen, Genesungen und Sterbefälle, wie die fortwährend zur Hemmung der Seuche ergriffene Maaßregeln in genauester Kenntnis“ zu geben (3). Die Zeitung enthielt die vollen Namen (!), Alter, Beruf und Wohnadressen aller 2.249 Erkrankten (Stand vom 26. Dezember 1831), von denen 1.417 verstorben (63%) und 829 (36,8%) genesen waren; bei 3 Personen (0,2%) war der Verlauf noch nicht entschieden.

Die Stadt richtete fünf öffentliche Heilanstalten unter ärztlicher Leitung ein „zur unentgeldlichen Aufnahme von Cholerakranken, welche wegen Mangels der nöthigen Pflege in ihren Wohnungen nicht bleiben können oder wollen“ (4: Nr. 11 vom 18. Oktober 1831, Seite 92). Diese berichteten nachfolgend regelmäßig über ihre Ergebnisse (Genesungen wie Sterbefälle) (Bild 5). Und es gab siebzehn sogenannte Contumaz-Anstalten (Wohnungen) (von lateinisch contumacia = Ungehorsam), in denen die Angehörigen von Erkrankten unter behördlicher Aufsicht isoliert wurden, wenn sie angeordneten Hygienemaßnahmen nicht folgten. Diese Wohnungen in den Zentren der Epidemie wurden gereinigt und desinfiziert, wenn die Bewohner symptomfrei blieben und auszogen, um neue Familien aufzunehmen.

Bild 5: Statistiken der fünf städtischen Heilanstalten (aus: Berliner Cholera-Zeitung Nr. 26 vom 9. November 1831, Seite 216).

Nach heutigen Standards war die statistische Aufarbeitung der erhobenen Daten sicherlich unzureichend, aber ein Blick auf die Tabellen in den Beilagen 1 bis 3 der Cholera-Zeitung, in denen die 2.249 Fälle nach Straßen geordnet wurden, zeigt keineswegs eine „sternförmige“ Ausbreitung der Seuche, wie sie von den Befürwortern einer „Miasma-Genese“ unterstellt wurde: Dann hätte sich die Seuche gleichmäßig um die Lokalisation des Patienten Nr. 1 am Schiffbauerdamm ausbreiten müssen. Die Straßen der Stadt, in denen stattdessen die höchste Zahl der Fälle gemeldet wurden, liegen fast ausschließlich in der alten Berliner Mitte (Fischerstraße und -brücke, Jüdenstraße, Klosterstraße, Petristraße) oder im Norden des alten Berlins (Ackerstraße, Bergstraße, Brunnenstraße, Linienstraße, Prenzlauerstraße) (Bild 6). Es sind die traditionellen Arbeiter- und Armenviertel, darunter prominent das sogenannte Neue Voigtland (5). Neben diesen hotspots waren es vor allem die Armenhäuser und Arbeitshäuser, in denen vermehrt Cholerafälle registriert wurden, sowie Kasernen.

Bild 6: Die am meisten betroffenen Straßen der Stadt (mit mehr als 20 Fällen). Nach dem Ausbruch am Schiffbauerdamm (1) ist es vor allem das sogenannte Berliner Voigtland (2) vor dem Rosenthaler Tor, die Königsstadt vor dem Königstor am Alexanderplatz (3), die Fischerinsel und -brücke in Alt-Berlin (4) und die Luisenstadt (5) (markiert auf dem Sineck-Plan von Berlin von 1840).

Nur in je einem Fall wurde eine Cholera-Erkrankung aus dem Tiergarten 11 (der späteren Tiergartenstraße 35, dem Restaurant Hofjäger), eine von der Potsdamer Chaussee 39 (seinerzeit Büdner-Häuser, heute: Potsdamer Straße zwischen Lützowstraße und Pohlstraße), und eine vom Alten Schöneberger Feld, zwischen dem Landwehrkanal und der Kurfürstenstraße östlich der Potsdamer Straße, gemeldet. Weitgehend, wenngleich nicht vollständig seuchenfrei blieb die Dorotheen- und die Friedrichsstadt, die beiden westlichen und südlichen Stadterweiterungen. Das schon früher festgestellte soziale Ungleichgewicht zwischen dem Norden der Stadt einerseits und dem Süd-Westen andrerseits machte sich also schon lange vor der Industrialisierung bemerkbar und beeinflusste auch die Auswirkungen der Cholera-Pandemie (6). Ob die Pandemie aber dazu beigetragen hat, die Stadtausdehnung nach Süden und die Herausbildung der Friedrichsvorstadt und der Schöneberger Vorstadt, dem heutigen Lützow-Viertel, zu beschleunigen, lässt sich aus den Daten nicht schließen.

Von Berlin aus zog die Cholera weiter über Havel und Spree nach Potsdam (22. September) und über den Plauen-Kanal nach Magdeburg (1. Oktober), erreichte die Elbe und verbreitete sich dort noch örtlich, z. B. bis Halle (19. Dezember). Wegen des Fehlens von Schiffkanal-Verbindungen zwischen Elbe und Weser bzw. Weser und Rhein endete die Cholera hier. Um Paris (1832) zu erreichen, musste die Cholera einen Umweg über Stettin und London (1832) machen, von wo sie weiter zog nach Kanada und den USA (1).

Und auf die Frage, warum sich die Cholera 1831 in Berlin nur so kurz aufgehalten habe, antwortete man seinerzeit mit echtem Berliner Sarkasmus „weil sie hier so schlecht behandelt wurde“ (6).

Literatur

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Cholera – Cholera-Pandemien
  2. Barbara Dettke: Die asiatische Hydra: Die Colera von 1830/31 in Berlin und in den preußischen Provinzen Posen, Preußen und Schlesien. Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Band 89, Berlin 1995.
  3. Wilhelm Wagner: Die Verbreitung der Cholera im Preußischen Staate. Berlin 1832.
  4. Johann Ludwig Casper, Hrg: Berliner Cholera-Zeitung. Materialien zur Geschichte und Behandlung der asiatischen Cholera. Berlin, bei Ferdinand Dümmler 1831.
  5. Neues Voigtland wurden die Straßen im Alt-Berliner Norden (Ackerstraße, Brunnenstraße etc.) genannt: https://de.wikisource.org/wiki/Das_berliner_Voigtland
  6. Ekkehard Wiest: Das Berliner Adreßbuch des Jahrs 1812. In: Wolfgang Voigt, Kurt Wernicke, Hrg.: Stadtgeschichte im Fokus von Kultur- und Sozialgeschichte, Stadtgeschichte als Sozialgeschichte. trafo Verlag, Berlin 2006, Seite 119 – 158.
  7. zitiert nach Erna Arnhold: Goethes Berliner Beziehungen. Gotha, Leopold Klotz Verlag 1925, Seite 350.

Paul Enck

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