Solidarisches Wohnen hat Zukunft!

Das Berliner Hausprojekt „Kumi*13“ und das Brandenburger Neubauprojekt „Wohnkunst in Biesenthal eG“ schließen eine Kooperation mit XENION e.V.

Der Hausverein „Kumi*13“ hat das imposante Gebäude in der Kurmärkischen Straße 13 in Berlin-Schöneberg gemeinsam mit dem Mietshäuser Syndikat erworben. Die bislang 17 Erwachsenen und 10 Kinder im Projekt wünschen sich eine diverse Hausgemeinschaft und möchten mit geflüchteten Menschen zusammenleben. Das Haus soll ein für den Kiez zugänglicher Ort werden, an dem auch mit den Mitteln der Kunst soziale Praxis neu gelebt wird. Der Bezug von mindestens einer 100m² Wohnung ist für Sommer 2023 geplant. Spätestens im Sommer 2022 sollen die zukünftigen Bewohner*innen von XENION vermittelt und in den Umgestaltungsprozess mit einbezogen werden.

XENION e. V. besteht seit 1986 als psychosoziales Behandlungszentrum für traumatisierte Geflüchtete und Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Im Projekt ANKOMMEN UND BLEIBEN setzt sich XENION dafür ein, den jahrelangen Unterbringungen in Sammelunterkünften und der starken Benachteiligung von Geflüchteten auf dem Wohnungsmarkt etwas entgegenzusetzen und eine solidarische Stadtgemeinschaft zu fördern. Projekte wie die „WoKuBi“ und „Kumi*13“ wenden sich vermehrt an XENION, um Geflüchtete bereits in den Planungsprozess einzubeziehen und gemeinsam die strukturellen und finanziellen Möglichkeiten auszuloten. Zur Finanzierung der benötigten 70.000 Euro für jedes der beiden Wohnprojekte werden kleinere und größere Spenden über das Sondervermögen ANKOMMEN UND BLEIBEN innerhalb der Stiftung trias gesammelt oder solidarische Geldeinlagen als Direktkredite eingeworben.

Vanessa Höse (Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation XENION e.V.) im Interview mit: Bea Fünfrocken (XENION –Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte e.V.), Holger Lauinger („Kumi*13“ e.V.)

„Ihr möchtet geflüchtete Familien in eure Hausprojekte aufnehmen. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?“

Kumi*13: „Wir wollen Raum vergeben an Menschen, die insbesondere in der Wohnraumvergabe benachteiligt, nahezu ausgeschlossen und chancenlos sind. Es ist eine politische Entscheidung, die wir als ein Hausprojekt in Selbstverwaltung der Mieter:innen treffen und die wir auch umsetzen können.

Die geplante Vergabe einer 100m2-Wohnung ist nur ein erster Schritt. Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt über weitere Möglichkeiten der Raumvergabe beraten. Die selbstorganisierten Mieter:innen der „Kumi*13 „wollen, dass in dieser stattlichen Immobilie mit großbürgerlicher Fassade eine lebendige Gemeinschaft entsteht, die einen „Milieuschutz von unten“ praktiziert.“

„Warum habt ihr das Wohnraumprojekt bei XENION ins Leben gerufen?“

XENION: „Nach langen Jahren der der Unsicherheit durch Flucht, Krieg und Vertreibung bedeutet eine eigene Wohnung für Geflüchtete den Ausgangspunkt, um wieder zur Ruhe zu kommen und mit dem Aufbau eines neuen Lebens zu beginnen. Die Tatsache, dass viele unserer Klient:innen und ihre Kinder über lange Jahre in Sammelunterkünften festhängen und auch mit Hilfe von Mentor:innen aus unserem Ehrenamtsprogramm keine Wohnung finden, hat uns 2016 dazu veranlasst, unsere therapeutischen und sozialarbeiterischen Angebote um den Bereich Wohnen zu erweitern. Wir wollen gutes Wohnen für ALLE in dieser Stadt. Das lässt sich nur umsetzen, wenn wir uns mit vielen Akteur:innen der Stadtgesellschaft vernetzen und gemeinsam Ideen und Lösungsansätze erarbeiten.“

„Warum macht eure Idee des gemeinschaftlichen Wohnens zusammen mit Geflüchteten auch gesellschaftlich einen Unterschied?“

Kumi*13: „2019 war es auch für uns ein „kleines Wunder“, dass wir diese Immobilie mit Unterstützung des solidarischen Verbunds des Mietshäuser Syndikats kaufen konnten. Jetzt gilt es, das Potential des Hauses sinnvoll zu entwickeln. Wir haben mittlerweile über 150 Anfragen von Wohnungssuchenden. Es ist beklemmend wahrzunehmen, welch enormer Druck auf Wohnraumsuchenden in Berlin lastet. Für einen basisdemokratischen Hausverein ist es nicht einfach, angemessen und fair über Wohnraumvergaben zu entscheiden. Unsere aktuelle soziokulturelle Aufstellung im Haus entspricht nicht unseren Vorstellungen einer transkulturellen Gemeinschaft und unseren politischen Haltungen. Die Verelendung durch eine kapitaldominierte Wirtschaftsweise und Politik schreitet global rapide voran. 82 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. In den meisten Fällen ist unsere Wirtschaftsweise mitverantwortlich für die Ursachen der Flucht. Dies wird hier im Globalen Norden schlicht ignoriert, stattdessen zieht die EU sichtbare und unsichtbare Grenzmauern hoch und verhöhnt damit die Schicksale der Menschen, die vor Krieg, Terror, Hunger, Armut und Klimakatastrophen flüchten. Wer glaubt eigentlich noch an ein gutes Ende dieses globalen Dramas? Wir tun es nicht. Aber wir können wenigstens in unserem konkreten Zusammenleben vor und hinter der eigenen Haustür etwas verändern.“

„Warum sind Wohnprojekte wie die „Kumi*13“ oder die „WoKuBi“ Orte die richtige Antwort auf die Wohnraumproblematik für Geflüchtete?“

XENION: „Die Vorstellung, ohne feste soziale Bindungen, Familie und Freunde in einem gänzlich fremden Umfeld sein Leben neu beginnen zu müssen, ist unfassbar schwer. Gemeinschaftliches Wohnen ist die logische Antwort auf die Entwurzelung der Geflüchteten aus allen Teilen der Welt. Außerdem haben wir durch das ehrenamtliche Mentorenprogramm bei XENION die Erfahrung gemacht, dass diese Mentor:innen oft der einzige Kontakt zu Menschen außerhalb der Unterkünfte sind. Viele Geflüchtete sind alleine ohne Familie und Verwandte in der Stadt und haben in solch einem Gemeinschaftswohnprojekt die wunderbare Möglichkeit, neue soziale Netze und Freundschaften aufzubauen. Ganz selbstverständlich können die neuen Nachbar:innen mit in das Leben im Haus und im Quartier mit einbezogen werden.“

„Wie geht es jetzt weiter?“

Kumi*13 :„Wir wissen heute noch nicht wer bei uns einziehen wird, aber wir empfinden die zukünftig Kommenden als eine wichtige Bereicherung für die „Kumi*13“. Die neuen Mitbewohner:innen sind gleichberechtigte und gleichverantwortliche „Kuministas“. Sie können und sollen sich mit ihren Wünschen, Fähigkeiten und Expertisen einbringen. Die „Kumi*13“ soll solidarischer Schutz- und Entwicklungsraum für uns alle sein. Und sollte jemand eines Tages gehen wollen, dann nimmt er so einiges an gelebten Erfahrungen und praktischem Wissen einer gemeinschaftlichen, solidarischen Selbstorganisation mit an einen anderen Ort. Das ist unser Wunsch und unser Angebot. Dass wir diese Vision in Kooperation mit Xenion und der Stiftung trias realisieren können, ist für uns eine super Sache. Wir hatten gute, sehr hilfreiche Gespräche mit Bea Fünfrocken. Dank den offenen und informativen Gesprächen über alle sich auftuenden Fragen und Bedenken, haben wir als Gruppe eine einstimmige Entscheidung mit Vorfreude treffen können.“

XENION: „Wir gehen mit Unterstützung von Dolmetschenden ins Gespräch mit geflüchteten Familien, die dringend Wohnraum suchen und stellen ihnen die Projekte vor. Dabei ist es besonders wichtig, dass die Geflüchteten selbst entscheiden ob sie Teil dieser Wohnprojekte werden wollen. Wenn das Hausprojekt und die Familie sich füreinander entschieden haben, begleiten wir das gegenseitige Kennenlernen, den Partizipationsprozess in der Gestaltung des Wohnraums und der Einfindung in die Selbstverwaltung des Wohnprojekts. Wir beteiligen uns an allen Schritten der Planung, Finanzierung und Entwicklung des Projekts. Wir begleiten den Einzug und bleiben auch nach dem Einzug Ansprechpartnerin für alle Beteiligten.“

Spendenkonto: Stiftung trias Stichwort „ANKOMMEN UND BLEIBEN“

IBAN: DE02 4306 0967 0103 2696 01,  BIC: GENODEM1GLS (GLS Gemeinschaftsbank eG)

Fotos:  Bea Fünfrocken (XENION –Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte e.V.) und Holger Lauinger (Kumi*13  e.V.)

 

Edith Kitzelmann

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