Jüdische Geschichte im Lützow-Viertel (18): Dr. Bernhard Pollack, Blumeshof (Teil 3)

Das älteste der Pollack-Kinder war Joseph Pollack, sein genaues Geburtsdatum (um 1856) und der Geburtsort (vermutlich Breslau) sind bislang nicht belegt. Joseph muss schon früh sein musikalische Genie gezeigt haben: „Es kam vor, daß der alte Franz Liszt bei Aufenthalten in Berlin den jungen Joseph Pollack kommen ließ, um sich auf dem Flügel vorspielen zu lassen„, so Richard Lichtheim in seinen Lebenserinnerungen (1). Während seiner ersten Konzertsaison in Berlin im Winter 1840/41 – zwischen dem 27. Dezember 1841 und dem 2. März 1842 – gab Franz Liszt (1811-1886) mehr als 20 Konzerte: Berlin verrückt nach Liszt. Privatgesellschaften hatten nur Wert, wenn Liszt anwesend war, man konnte Konzertanzeigen lesen mit der Bemerkung: Liszt wird anwesend sein. Familien, die er besuchte, bewahrten Tassen und Gläser, aus denen er getrunken, als Reliquien. Man sprach, auch mehr als vierzig Jahre später, noch von Lisztomania (2) – es gab sogar eine Komödie mit dem Titel „Franz Liszt in Berlin (3) (Bild 1), und die Legende, dass er sich einen Hund angeschafft habe, um die vielen Wünsche von Damen nach einer Locke von ihm befriedigen zu können. Aber das war vor der Zeit von Joseph Pollack.

Bild 1: Karikatur zur „Lisztomanie“ anlässlich eines Konzertes von Franz Liszt in Berlin (aus: (3)).

Wo und wann das musikalische Talent von Joseph Pollack entdeckt wurde, ist ebenfalls  unbekannt, und wir wissen auch nicht, ob er eine formale Musikausbildung bekommen hat. Unter den Schüler:innen des Sternschen Konservatoriums (4), das seit 1850 berühmteste Konservatorium in Berlin, fand er sich nicht. Er war etwa 9 Jahre alt, als die Familie 1865 nach Berlin kam, wenn er also ein Wunderkind war, kann dies durchaus in seinem vermutlichen Geburtsort Breslau gewesen sein – dann werden wir es kaum erfahren, viele Unterlagen und Dokumente aus Breslau sind im Zweiten Weltkrieg für immer verloren gegangen.

Wir fanden Joseph Pollack zuerst unter den Abiturienten des Friedrichswerderschen Gymnasiums (Bild 2) im Herbst (Michaelis) des Jahres 1875, wo er einer von 10 jüdischen und 18 evangelischen Absolventen der Schule war, 11 Jahre nach der Einschulung dort, und mit der Absicht, Medizin zu studieren (5). Dort war als Heimatort (Geburtsort) Breslau angegeben, er war 19,5 Jahre alt und somit vermutlich Anfang 1856 geboren worden.

Bild 2: Friederichswerdersches Gymnasium in der Dorotheenstraße (Fotografie von F. Albert Schwartz 1881; Landesarchiv 290-01-01 Nr. 671).

Im anschließenden Wintersemester 1875/76 war er an der Friedrich-Wilhelms-Universität (FWU) in Berlin im Fach Medizin eingeschrieben; er wohnte zuhause in der Linkstraße 7. Aber schon im folgenden Wintersemester war er nicht mehr Student in Berlin, sondern in Heidelberg; wo er zwischenzeitlich das Sommersemester 1876 verbrachte, ist bislang unbekannt. Leider hat die Universität Heidelberg keine Studentenakten vor 1880 archiviert, so dass wir nur seinen Immatrikulationseintrag nachweisen können. Aber im Universitätsarchiv der Humbold-Universität Berlin fand sich eine Studentenakte von Joseph Pollack, aus der hervorgeht, dass er, von Heidelberg kommend, vom Wintersemester 1878/79 bis zum Sommersemester 1880 wieder an der FWU Medizin studierte. Wahrscheinlich hat er am Ende dieser Zeit das Examen gemacht, da die Akte auch die absolvierten Seminare und Kurse auflistet (Bild 3). Warum er sich dann erneut, nach einer Unterbrechung von einem Semester (WS 1880/81), für das Sommersemester 1881 in Berlin immatrikulierte, erschließt sich aus den vorhandenen Akten nicht. Es ist denkbar, dass er während dieser Unterbrechungen des Studiums seinen Musikinteressen nachging.

Bild 3: Die belegten Vorlesungen in den letzten vier Semestern an der FWU (Quelle: Archiv der Humboldt-Universität Berlin, Abgangszeugnisse, Vol 632 (1880)).

Das Zugunglück in Wannsee

Über den frühen Tod Joseph Pollacks gibt es in der publizierten Literatur nur den pauschalen Satz „Er starb in jungen Jahren bei einem Eisenbahnunglück“ (1, 6), das wie, wann und wo bleibt dabei völlig offen. Um diese Lücke zu klären haben wir uns auf die Suche gemacht. Da zu diesem Zeitpunkt seine Studiendaten noch nicht bekannt waren, sondern nur sein Abitur 1875, haben wir im Deutschen Zeitungsportal (7) die lokale und überregionale Presse Jahr für Jahr nach Meldungen über Zugunglücke abgesucht und wurden schließlich im Jahr 1887 fündig: Am Sonntag, den 19. Juni 1887 um 21.22 Uhr fand in Berlin-Wannsee ein Eisenbahnunglück statt, bei dem drei Menschen ums Leben kamen und sieben verletzt wurden, von denen zwei später an ihren Verletzungen starben (9); einer der Toten war Joseph Pollack. Erst jetzt konnten wir mit den üblichen Suchstrategien (Matrikelbücher der FWU und anderer Universitäten, Anfrage bei den Universitätsarchiven) sein Studium rekonstruieren.

Vor allem aber gab es in der lokalen Presse der Tage nach dem Unglück eine detaillierte Beschreibung des Hergangs dieses Unglücks aus der Frühzeit der Eisenbahn, das in dieser Form heute kaum mehr vorstellbar ist. Dies war der Ablauf der Ereignisse:

Ein vollbesetzter Sonderzug aus Berlin stand am Sonntagabend im Bahnhof Wannsee zur Rückfahrt nach Berlin bereit, wobei der erste und zweite Waggon – ein Abteil der vierten bzw. ersten und zweiten Klasse – wegen der Zuglänge über das Abstellgleis hinausragte (Bild 4). Da der zweite Waggon besonders breit war, ragte er in das Gleis eines durchfahrenden Güterzuges hinein. Der Stationsvorsteher bemerkte den Umstand und lief dem einfahrenden Zug entgegen, aber die Warnung kam zu spät: Der durchfahrende Zug erfasste den zweiten Waggon des bereitstehenden Zuges.

Bild 4: Schema von Unglückssituation und -ablaufs im Bahnhof Wannsee am 19. Juni 1887 (aus (8)).

„Bei dem Zusammenprall wurden die seitlich unter der Locomotive wie unter jedem Wagen befindliche Fettgastrommel, von denen aus die Speisung der Gasflammen erfolgt, zertrümmert, das Gas explodirte und übergoss den Wagen zweiter Klasse mit einer furchtbaren feurigen Lohe, die im Nu den ganzen Wagen in Brand gesetzt.  Hierbei sind 3 Insassen dieses Wagens verbrannt und 5 (nach anderen Berichten 7) schwer beschädigt worden“ (8).

Einige Passagiere konnten sich durch die Fenster retten, zufällig anwesende Ärzte leisteten erste Hilfe, aber für drei Passagiere im Waggon war keine Hilfe möglich, sie verbrannten bis zur Unkenntlichkeit; einer von ihnen war Joseph Pollack.

In der Spätausgabe am gleichen Tag meldete das Berliner Tageblatt (8) die Namen der anderen Verstorbenen und Verwundeten und schilderten z.T. dramatische Szenen auf dem Bahnhof nach dem Unglück, an deren Authentizität jedoch Zweifel aufkommen: Danach wäre Joseph Pollack von einem Bruder identifiziert worden, der als „älterer Mann“ beschrieben wurde – vermutlich handelte es sich um seinen zu diesem Zeitpunkt 68-jährigen Vater, der seinen Sohn anhand eines eingestickten Monogramms in der Unterwäsche identifizierte; seine beiden Brüder Paul und Bernhard waren 29 bzw. 21 Jahre alt. Joseph Pollack wurde am 23. Juni 1887 auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weissensee (Bestattungsnummer 5992 im Erbbegräbnis 182, Gräberfeld P 1) beigesetzt (Bild 5); er wurde nur 31 Jahre alt.

Bild 5: Beerdigungsanzeige für Joseph Pollack im Berliner Börsen Courier, Beilage Nr. 309 vom 22. Juni 1887, Seite 4.

Literatur

  1. Richard Lichtheim: Rückkehr. Lebenserinnerungen aus der Frühzeit des deutschen Zionismus. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1970.
  2. Liszt in Berlin. Die Gartenlaube, Heft 13, 1888: Seite 218-219.
  3. Adolf Brennglas: Franz Liszt in Berlin. eine Komödie in drei Akten. Heft 14 der Reihe: Berlin wie es isst – und trinkt. Verlag von Ignaz Jackowith, Berlin 1842.
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Stern’sches_Konservatorium
  5. Jahresbericht, durch welchen zu der am 5. April 1876 stattfindenden öffentlichen Prüfung der Schüler ehrerbietigst einladet der Director Prof. Dr. Büchsenschütz. Berlin, 1876, Druck von W. Büxenstein.
  6. Lazaros C. Triarhou: The Berlin Ophthalmologist Bernhard Pollack. Neurohistology Scholar and Devout Musician. Thessalonica, Greece (Eigendruck) 2001.
  7. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/select/title
  8. Berliner Börsen-Zeitung vom 20. Juni 1887, Seite 1f; Berliner Tageblatt und Handelszeitung vom 20. Juni 1887, S. 3.

Paul Enck

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