Jüdische Geschichte im Lützow-Viertel (17): Die Familie Popper, Lützowplatz 2 (Teil 8)

Nach dem Tod von Julius Popper 1884 und einer Würdigung seines Lebenswerkes, bei der uns eine KI geholfen hatte (mittendran vom 10. Dezember 2025), wollten wir eigentlich mit der Lebensgeschichte seiner beiden Söhne Martin und Georg weitermachen, die das Haus der Familie Popper in der Krausnickstraße geerbt und verkauft hatten, nachdem auch ihre Mutter 1886 verstorben war. Aber ein Besuch im Grundbucharchiv Berlins (mittendran vom 31. Januar 2026) hatte noch ein paar wichtige Details erbracht, um die Geschichte bis hierhin ergänzten.

Das Testament des Julius Popper

Neben Informationen zur Immobilienfinanzierung des Hauses Krausnickstraße 16 beim Kauf und Verkauf, die wir hier nicht weiter ausführen wollen, enthielt die Grundbuchakte zu unserer größten Überraschung eine Kopie des Testaments von Julius Popper, aufgesetzt 1877, neun Jahre vor seinem Tod. Das Testament war insgesamt eher „konventionell“: Julius Popper vermachte all sein Habe seiner Frau, im Falle er stürbe vor ihr, als Vorerbin, d.h. mit dem Recht darüber frei zu verfügen. Bemerkenswert in dem Testament ist allerdings die folgende Formulierung: „Wer von meinen Kindern, sei es selbst oder durch seinen Vormund, dieses Testament anzufechten versuchen sollte, den setzte ich zur Strafe für seinen Ungehorsam auf den gesetzlichen Pflichttheil“ (1). Das klingt fast so, als spräche er im patriarchalischen Ton mit seinen beiden jugendlichen Söhnen zum Zeitpunkt der Testamentsverfassung, und möglicherweise war dem auch so, dass er die Testamentsformulierungen der Familie mitteilte, als er das Testament abfasste. Er war zu diesem Zeitpunkt 55 Jahre, seine Frau war 46 Jahre und seine beide Söhne waren 14 bzw. 15 Jahre alt.

Martin und Georg Poppers Schulzeit

Die beiden Söhne von Martin und Laura Popper waren in Stolp zur Welt gekommen, als Julius noch in einer finanziell eher prekären Situation war. Sie waren ein und zwei Jahre alt, als die Eltern 1863 nach Berlin umzogen (Bild 1), und sind vermutlich dort ab 1868 zunächst in eine der Gemeindeschulen in der Nähe gegangen, wahrscheinlich in die 1. Gemeindeschule in der Gartenstraße 169. Da Schülerlisten der 49 Berliner Gemeindeschulen dieser Jahre nicht archiviert wurden, bleibt dies allerdings eine Vermutung. Aber es war natürlich zu erwarten gewesen, dass die Söhne eines promovierten Akademikers anschließend ein Gymnasium besuchen würden. Wir haben daher die möglichen höheren Schulen in der Umgebung der Wohnung gesucht und deren Jahresberichte durchgesucht, um Spuren von Martin und Georg zu finden.

Bild 1: Die Brüder Martin (rechts) und Georg Popper im Alter von drei und vier Jahren, gemalt vom Bruder des Vaters, Isidor Popper (1816-1884) um das Jahr 1865 (aus dem Familienarchiv der Nachkommen mit freundlicher Genehmigung).

Die der Wohnung am nächsten gelegene höhere Schule war das erst 1875 eröffnete Humboldt-Gymnasium in der Gartenstraße 25, nicht weit entfernt von der ersten Gemeindeschule. Die Stadtverwaltung hatte 1874 beschlossen „zugleich zwei neue Gymnasien, eins im Südwesten, das spätere Askanische, und eins in dem sonst so arg vernachlässigten Norden, eben unser Humboldt-Gymnasium, zu gründen. Hier hatte die Stadt in dem Gebiete, das als das `Vogtland` nicht gerade in glänzendem Rufe stand, schon im Jahre 1872 einen großen Grundstückkomplex angekauft, der von vornherein für Schulbauten bestimmt worden war.“ (2) (Bild 2).

Bild 2: Das Humboldt-Gymnasium in der Gartenstraße 25 im Jahr 1925 (aus: (2), Fotograf unbekannt, gemeinfrei)

Wie alle höheren Schulen musste auch das Humboldt-Gymnasium einen jährlichen Schulbericht an die Verwaltung abliefern. Die sind heute in Archiven – zumeist digital – zugänglich. Für manche Berliner Gymnasien gibt es darüber hinaus auch die Verwaltungsakten der Schule selbst, z.B. Protokolle der Zeugnis- und Versetzungskonferenz, Abiturarbeiten, Zeugnisabschriften, Namenslisten aller Schüler aller Jahrgänge u.a.m. In den gedruckten Jahresberichten dagegen wurden nur die Abiturienten gelistet und die Schüler, die mit der „mittleren Reife“ abgingen, die sogenannten „Einjährigen“, weil sie mit diesem Abschluss nur eine einjährige militärische Grundausbildung machen mussten statt der üblichen drei oder mehr Jahre für Absolventen der Gemeindeschulen.

Leider gehört das Humboldt-Gymnasium nicht zu den Schulen, bei denen die gesamten Verwaltungsakten erhalten sind, und einige wenige Akten befinden sich zurzeit in der Digitalisierung, aber die Schuljahresberichte weisen die Schüler Martin und Georg Popper in den Jahren aus, in denen sie die Schule vor Erreichen des Abiturs verlassen haben: Martin mit der „mittleren Reife“ in der Obersekunda (1878), Georg bereits ein Jahr früher, in der Untersekunda (1879) (Bild 3). Beide gaben als weiteren Berufswunsch Kaufmann an.

Bild 3: Schuljahresberichte (Ausschnitt) des Humboldt-Gymnasiums für die Jahre 1878 und 1879 mit den Schulabgängern vor erreichen des Abiturs.

Da die Schule erst 1875 eröffnet wurde, ist unklar, ob und welches Gymnasium sie die ersten Jahren besucht haben. Es mag daher sein, dass dieser Wechsel und die höheren Anforderungen, denen sich das Humboldt-Gymnasium in den ersten Jahren rühmte, dafür verantwortlich sein könnten, dass sie den Anforderungen nicht gerecht wurden. Es fällt auch auf, dass die Zahl der „Pensa“ (vorzeitige Abbrüche der Schullaufbahn) beim Humboldt-Gymnasium außerordentlich hoch war. Dies kann auch dem Umstand geschuldet sein, dass in diesem Teil der Stadt die Schüler vermehrt aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen (Handwerker, Kaufleute) kamen und der traditionelle Mittelstand, der in anderen Stadtbezirken die Mehrzahl der Schüler einer höheren Schule bildete (Beamte, Ärzte, Rechtsanwälte), hier gering war. Wir hatten schon früher angemerkt, dass Julius Popper einer der wenigen akademisch qualifizierten Bewohner der Krausnickstraße war. Der Berufswunsch „Kaufmann“ der beiden Söhne klingt auf den ersten Blick vernünftig, aber für den Vater war dies vermutlich eine herbe Enttäuschung, Ende des sozialen Aufstiegs, den sich alle Eltern für ihre Kinder wünschen und der im Falle einer jüdischen Herkunft sicherlich noch weitaus schwerwiegender war.

Der Kaufmann Georg Popper (1862- 1925)

Lore Armaleos Lebenserinnerungen (3) verdanken wir Informationen über die Berufstätigkeit ihres Vaters, während sie den Beruf seines Bruders Georg offenbar nicht kannte: er starb 1920 an einem Schlaganfall, als sie gerade einmal sieben Jahre alt war. Kenntnis über seinen Beruf erhielten wir stattdessen durch eine Zeitungsanzeige anlässlich seines frühen Todes 1920, in der die Tuchfabrik Wilhelm Sauer aus Forst in der Lausitz an seine zwanzigjährige Tätigkeit als ihr Verkäufer erinnert (Bild 4). Lausitz war ein Zentrum der brandenburgischen Textilindustrie, die Firma war dort 1889 gegründet worden und bestand bis 1936 (4). Georg hatte also um 1900 deren Vertretung in Berlin übernommen, da er zu allen Zeiten seinen Wohnsitz in Berlin hatte. Wo er seine Ausbildung gemacht und die ersten Berufserfahrungen gesammelt hat, lässt sich heute nicht mehr ermitteln.

Bild 4: Anzeige der Firma Wilhelm Sauer aus Forst (Lausitz) zum Tode Georg Poppers 1920 (Berliner Tagblatt vom 13. März.20; Seite 8).

Er heiratete im September 1905 in Berlin Elisabeth Jacobius (1868-1919) (Bild 5), das zweite Kind des Berliner Kaufleute-Ehepaars Samuel Jacobius und seiner Frau Cäcile, geborene Jacoby. Ein Jahr später, am 29. Mai 1906, kam ihr einziges Kind Adelheid auf die Welt, deren Vormund Georgs Bruder Martin wurde, da die Mutter bereits im Mai 1919 verstorben war (Bild 6); nur neun Monate später starb Georg an den Folgen eines Schlaganfalls. Das nennt man wohl eine schwere Kindheit und Jugend für Adelheid:  Beide Eltern verloren im Alter von 13 bzw. 14 Jahren, die Mutter „nach langem Leiden“, einer offenbar chronischen Krankheit. Es erklärt vielleicht einige der Eigentümlichkeiten der Persönlichkeit, die in Lores Erinnerungen an Adelheid eine Rolle spielten (3).

Bild 5: Vermählungsanzeige von Georg Popper und Elisabeth Popper geborene Jacobius (Berliner Tageblatt vom 6. September 1905, Seite 11).

Bild 6: Sterbeanzeige von Elisabeth Popper (Berliner Tageblatt vom 16. Mai 1919, Seite 7) und von Georg Popper neun Monate später (Berliner Tageblatt vom 2. März 1920, Seite 8).

Der Banklehrling Martin Popper

Martin Popper, so viel wissen wir aus den Lebenserinnerungen seiner Tochter (3), war musisch hochbegabt und hatte in seiner Schulzeit Klavierunterricht am Stern´schen Konservatorium (5) erhalten, dort allerdings wohl keine Abschlussprüfung abgelegt. Nach seiner Erzählung – in der Erinnerung von Lore – hatte sein Vater Julius, vermutlich um die Zeit seines Abgangs vom Humboldt-Gymnasium, den Leiter des Konservatoriums, Julius Stern (1820-1883), um Rat gebeten, ob für Martin eine Ausbildung als Pianist in Frage käme. Der Rat von Julius Stern war diesbezüglich abschlägig, sodass Martin im Jahr 1878 eine Lehre als Bankkaufmann bei der Warschauer Bank in Berlin begann. Dazu mehr im nächsten Teil der Geschichte, da wir aus dem Nachlass der Bank, der heute im Archiv der Commerzbank in Frankfurt lagert, noch wichtige Informationen erwarten.

Literatur

  1. Grund-Akten betreffend des in der Krausnickstraße 16 in Berlin im Grundbuche von der Königstadt, Band 58 Blatt No. 3223 Artikel verzeichnete Grundstück, Bände 1 bis 3.
  2. Festschrift 50 Jahre Humboldt-Gymnasium Berlin 1875 – 1925. Druck August Scherl, Berlin 1925.
  3. Lore Armaleo: Lebenserinnerungen 1913-1933 (unveröffentlichtes Manuskript, Rom 1990) (im Archiv der Familie Popper-Armaleo).
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Tuchindustrie_in_Forst_(Lausitz)
  5. Cordula Heymann-Wentzel: Das Sternsche Konservatorium der Musik in Berlin. Rekonstruktion einer verdrängten Geschichte. Dissertation, Berlin, Universität der Künste 2010.

Paul Enck

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