Der Maler Edwin Dickman ist tot

Der Künstler, Autor und Nachbar Edwin Dickman ist gestorben. Ed, wie er im Kiez genannt wurde, wurde 94 Jahre alt. Er lebte in seiner Atelierwohnung in der Kluckstraße und ging gern in Cafés, um Leute zu beobachten und zu zeichnen. Er grüßte freundlich und war immer für eine kleine Unterhaltung, vorzugsweise auf Englisch, zu haben.
Wir haben ihn vor drei Jahren in mittendran vorgestellt:

Edwin Dickman

Wie ein Ritual …

… wirkte es, wenn Edwin Dickman sein Atelier auspackte: Zeichenstifte, ein kleiner Skizzenblock, Bleistiftspitzer – mehr nicht. Alles passte auf ein Kaffeehaus-Tischchen in seinem Stammlokal „Mischkonzern 103“ in der Potsdamer Straße. Von dort, gefühlt schon immer, habe ich dieses Bild vor Augen und im Gedächtnis behalten. Ein Mensch, wie entrückt, versunken in sich, zeichnet. Dann und wann blickt er prüfend auf seine Umgebung, zeichnet wieder. In manchen Momenten nahm ich innerlich Anlauf, wollte aufstehen und ihn ansprechen. Ich traute mich nicht. Jetzt treffe ich ihn endlich. In neuer Umgebung am alten Ort, der inzwischen „Zimt und Zucker“ heißt. Edwin Dickman ist 92 Jahre alt, blickt mich mit strahlenden hellen Augen aus einem fröhlich lachenden Gesicht an. Vorgenommen habe ich mir ein Interview über seine Zeichenkunst. Geworden ist daraus die Geschichte eines langen Lebens mit einem der spannendsten Menschen meines Lebens.

Edwin Dickman     Foto K. Aldorf

Geboren ist er 1929 in Chicago, USA. Die Mutter Schottin, der Vater Ire. Edwin verbringt seine Kindheit und Jugend in New York, geht nach einem kurzen Philosophiestudium in Harvard – wie er sagt: „hate at both sides“ – dorthin zurück und beschäftigt sich mit Kunst und Theater. Er beginnt abstrakt zu malen, aber mehr interessiert ihn die Tradition der alten europäischen Malerei. Aus seinem Erzählen scheint es fast, das Leben hätte oft zur rechten Zeit eingegriffen, um Veränderung zu schaffen. Das trifft wohl sicher auf seine Wehrdienstzeit als Kurier bei der US-Navy zu, von der er sagt: „Die Navy ruinierte mein Leben, ich war im Begriff, ein Playboy zu werden und niemals mehr zu arbeiten.“ Was immer er damit sagen will, es beschreibt seinen Humor. Geglaubt habe ich ihm aufs Wort, dass er in dieser Zeit sehr oft verlobt war. Geheiratet hat er einmal und hat zwei Töchter und einen Sohn. Im Dienst der Navy bereist er die Welt, ist oft in Europa und besucht die großen Museen. Sicher beginnt hier schon zu wirken, was sein weiteres Leben formen wird. Gleich nach der Wehrdienstzeit folgen Studienzeiten an der Edinburgh Art Academy (1957) und der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) Berlin (1958–1964). Und er wird Meisterschüler von Prof. Ernst Fritsch. Ich frage ihn, wie er zum Zeichnen kam.

Hand und Zeichenutensilien von Edwin Dickman Foto K. Aldorf

Es war eine Madonna aus Holz in einem katholischen Kloster. „Ich nahm ein Stück Papier und zeichnete. Kein Talent, es war Liebe.“

Zeichnung von Edwin Dickman Foto: Katja Aldorf

Am Ende unseres Gespräches darf ich in seinen Zeichenblock sehen, eine Zeichnung darf ich fotografieren. Sie zeigt eine wunderschöne junge Frau, ein Gesicht beugt sich über ihre Schulter. Es wirkt ein wenig unheimlich. Aber: „Meistens habe ich schöne Frauen gezeichnet.“

Katja Aldorf 

 

Sein Freund Peter Fabian hat Edwin Dickman auf diesem Blog zum 93. Geburtstag gratuliert: https://www.mittendran.de/edwin-dickman-amerikaner-berlin-93/

2 Kommentare

  1. Das letzte mal habe ich ihn mitten in der Pandemie getroffen – vor der er keine Angst zu haben schien, auch nicht brauchte – wer hat schon Angst vor einer tödlichen Krankheit, wenn man so alt geworden ist – und war berührt, dass er immer noch malte, und gerade erst ein Gedichtbändchen mit eigenen Gedichten und Zeichnungen veröffentlicht hatte – Edwin forever!!! – Paul Enck

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