Starke Frauen im Lützow-Viertel: Frauenvereine (Teil 1)

Dass vor allem im Lützow-Viertel die ersten Schulen für die sogenannte „höhere Bildung“ der Mädchen entstanden, verdankt sich dem Umstand, dass hier ein neues Wohnviertel des Bürgertums zur Zeit der Reichsgründung 1871 entstanden war. Wir haben an dieser Stelle über das Victoria-Lyceum in der Potsdamer Straße, das Crain- und Kollmorgensche Lyceum in der Landgrafenstraße und die Charlottenschule in der Steglitzer Straße (der heutigen Pohlstraße) berichtet, an deren Zustandekommen engagierte Frauenrechtlerinnen beteiligt waren, die sich um die Bildungschancen von Mädchen und jungen Frauen theoretisch und praktisch verdient gemacht haben: Giorgina Archer (1829 – 1881), Lucie Crain (1833 – 1902), Alix von Cotta (1842 – 1931), Helene Lange (1848 – 1930), Julie Kollmorgen (1862 – nach 1930), sie alle arbeiteten und wohnten – zumindest teilweise – im Lützow-Viertel. Es wundert daher nicht, dass auch der „politische Arm“ der Berliner Frauenbewegung hier einen Kristallisationspunkt hatte.

Die ersten deutschen Frauenvereine, der erste Internationale Frauenkongress

Vom 16. bis 18. Oktober 1865 war in Leipzig von etwa 300 zumeist sächsischen Delegierten die erste deutsche Frauenvereinigung gegründet worden, der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF), dessen zentrale Forderungen gleiche Bildung und Chancengleichheit am Arbeitsmarkt für Frauen waren. Erst 1890 setzte ein größerer Mitgliederzuwachs ein, nachdem sich in anderen Landesteilen des Reiches lokale und regionale Verbände konstituiert hatten. Danach bildeten sich in allen Regionen und Städten Frauenvereine mit unterschiedlicher, oft sozialer Zielsetzung, manche liberal, manche radikal, viele christlich oder jüdisch geprägt. In Berlin beispielsweise wurde 1888 der Verein Frauenwohl von Minna Cauer (1841 – 1922) gegründet (Bild 1), der unter den Frauenvereinen eine radikale Position einnahm und die vollständige Gleichstellung der Frauen forderte. Ableger dieses Vereins gab es in Bonn, Breslau, Brieg, Bromberg, Danzig, Essen, Erlangen, Frankfurt a. Oder, Glogau, Görlitz, Hamburg, Hamm, Hof, Königsberg (Ostpreußen), Nürnberg, Rudolstadt, Sorau und anderen Städten.

Bild 1: Minna Cauer (1841-1922), Gründerin des Vereins Frauenwohl um 1912 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Am 28. März 1894 versammelten sich im Berliner Lettehaus am Viktoria-Luise-Platz 6 in Schöneberg Vertreterinnen von 34 deutschen Frauenvereinen und beschlossen die Gründung des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) (Bild 2). Dieser sollte die heterogenen Aktivitäten der Frauenverbände im deutschen Kaiserreich bündeln. Bereits ein Jahr später repräsentierte der BDF 65 Vereine, und 1900 waren es schon 137 Vereine mit 70.000 Mitgliedern. Zum ersten Vorstand gehörten die Berlinerinnen Anna Schepeler-Lette (1827 – 1897) und Helene Lange (1848 – 1930).

Bild 3: Vier Berliner Frauenrechtlerinnen der ersten Sunden. Oben: Anna Schepeler-Lette (links), Helene Lange; unten: Dr. Anna Bluhm (links), Dr. Franziska Tiburtius (alle Aufnahmen aus (1), gemeinfrei).

Nur zwei Jahre später kam es vom 19. bis 26. September 1896 zum ersten internationalen Kongress für Frauenrechte und Frauenbestrebungen in Berlin, im zeitlichen Zusammenhang mit der großen Gewerbeausstellung, die ursprünglich eine Weltausstellung hatte werden sollen. Mehr als 1000 Delegierte aus 13 Ländern Europas wie aus den USA und Russland versammelten sich im Bürgersaal (und wegen des Andrangs zusätzlich im Festsaal) des Rathauses, um über Themen wie politische Frauenrechte, Bildung, soziale Tätigkeiten, Prostitution, Kleidermode und anderes zu diskutieren. Im Planungskomitee des Kongresses waren einige Mitglieder, die ihren Wohnsitz im Lützow-Viertel oder in der unmittelbaren Nachbarschaft hatten (Bild 3), darunter eine der ersten Berliner Ärztinnen, Dr. Agnes Bluhm, die in dieser Zeit in der Lützowstraße 55 praktizierte – dazu demnächst einmal mehr. Der Kongress fand sowohl in der nationalen wie internationalen Presse viel Aufmerksamkeit.

Bild 3: Das Planungskommittee des Frauenkongresses von 1896 (Quelle: (2).

Die Gründung Berliner Frauenvereine

Das Berliner Tagblatt meldet in der Ausgabe von 13. März 1908 mit einem gewissen Stolz, dass Hamburg einen Frauenklub habe, „Berlin hat dagegen deren drei:  den Deutschen Lyzeumklub, W. Potsdamerstraße 118b, den Berliner Frauenklub von 1900, Potsdamerstraße 125, den Deutschen Frauenklub, Kurfürstenstraße„. Dabei waren es sogar mehr.

Der Berliner Kongress von 1896 hatte eine Einladung an die sozialistischen Frauenvereine unterlassen aus Angst, dann verboten zu werden. Frauen war eine Mitgliedschaft in politischen Parteien seit 1850 und bis 1908 gesetzlich untersagt; die sozialistischen Frauen, allen voran Clara Zetkin (1857 – 1933), wiederum hatten eine Teilnahme entschieden abgelehnt; die Bildungsfrage sollte erst nach der Klassenfrage gelöst werden. Diese Zweiteilung der Frauenschaft in einen proletarischen und einen bürgerlichen Flügel setzte sich nach dem Kongress fort: 1899 wurde in den Arminhallen in Kreuzberg (Kommandantenstraße 58-59) der „Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse zur Förderung des Wissens und Pflege der Geselligkeit gegründet, um das politische Verbot zu umgehen; er wählte die Sozialistin, Lehrerin und Politikerin Käte Duncker geborene Döll (1871 – 1953) zu ihrer ersten Vorsitzenden und bestand bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Der Verein war nicht lokal begrenzt, und die Familie war nicht verwandt mit der Berliner Verleger-Familie von Karl Duncker (1781 – 1869).

Bild 4: Käte Duncker geborene Döll (1871-1953), erste Vorsitzende des Vereins für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse, Foto um 1900 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei).

Der bürgerliche Flügel der Frauenschaft gründete im Jahr 1899 den Berliner Frauenklub von 1900 unter ihrer ersten Vorsitzenden Alice Salomon (1872 – 1948), eine jüdische Sozialreformerin, die von 1902 bis 1906 in Berlin Nationalökonomie studierte. Der Frauenklub sollte ein Treffpunkt vor allem für berufstätige Frauen der bürgerlichen Mittelschicht, wie Lehrerinnen, Angestellte, Ärztinnen, Künstlerinnen usw. sein. Der Frauenklub von 1900 grenzte sich mit dieser Zielsetzung vom Deutschen Frauenklub der Marie von Leyden (1844 – 1832), der bereits 1898 gegründet worden war und sich vor allem auf Bildungsfragen konzentrierte, aber auch vom Deutschen Lyceumsklub ab, der 1905 von der Schriftstellerin Marie von Bunsen (1860 – 1941) und anderen ins Leben gerufen wurde und sich an Frauen der Oberschicht und des Adels richtete. Sie werden im Folgenden in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Gründung in separaten Kapiteln behandelt werden.

Der Deutsche Frauenklub

Marie von Leyden geborene Oppenheim (1844 – 1832) (Bild 5) kam in Königsberg in Ostpreußen zur Welt, wuchs in der Bankiersfamilie Oppenheim auf und heiratete 1868 in Berlin den Arzt Ernst von Leyden (1832-1910). Von Leyden war seit 1859 an der Charité tätig und seit 1876 dort Professor für Medizin in Berlin; 1903 etablierte er das erste Krebsforschungsinstitut auf dem Gelände der Charité. Seine Frau engagierte sich in verschiedenen sozialen Vereinen, unter anderem im Lette-Verein, in dem sie 1884 Schriftführerin wurde, einer Stiftung für schulische Berufsausbildung von Frauen. Der Lette Verein war 1866 gegründet worden als Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts. Wilhelm Adolf Lette (1799- 1868) wurde zum Gründungsvorsitzenden gewählt. Der Verein stand unter dem Protektorat der Kronprinzessin Viktoria von Preußen und wurde von zahlreichen einflussreichen Familien und Firmen Berlins und Preußens gefördert. Seine Töchter Anne Schepeler-Lette (1827 – 1897) und Marie Fischer-Lette (1830 – 1918) setzten das sozialpolitische Engagement ihres Vaters fort. Marie von Leyden gründete 1907 das Kartell deutscher Frauenclubs. Sie war auch, gemeinsam mit Helene Lange, Vorsitzende der Vereinigung zur Veranstaltung von Gymnasialkursen für Frauen.

Bild 5: Marie von Leyden und ihr Ehemann, Ernst von Leyden, um 1905 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei).

Über den Deutschen Frauenklub berichtete die Berliner Tagespresse anlässlich eines Empfangs im März 1904: „Er pflegt eine vornehme Geselligkeit, die nicht ohne geistige Anregung ist, übt weitherzige Gastfreundschaft und bildet so eine glückliche zu dem im Nebenhaus residierenden Berliner Frauenklub, der mehr dem praktischen Leben dient“ (3); da hatte der Klub noch seine Räumlichkeiten in der Potsdamer Straße 126, gleich neben dem Berliner Frauenklub auf der nördlichen Seite des Landwehrkanals, etwa da, wo heute das Ibero-Amerikanische Institut ist. Ab 1906 hat der Club seine Heimat in der Kurfürstenstraße 124, damals an der Ecke zur Nettelbeckstraße (heute An der Urania). Anlässlich eines Empfangs im Jahr 1908 meldete die gleiche Zeitung: „Seine Begründerinnen … gehören noch immer dem Vorstand an. Die nach seinem Vorbild gegründeten `Berliner Frauenclub von 1900″ und ´Deutscher Lyzeumklub` hatten zur Feier Delegierte entsandt“ (4), aber über spezielle Aktivitäten dieses Vereins wird in der Presse wenig berichtet – er unterstützte (sponsorte, würde man heute wohl sagen) wohl vor allem Aktivitäten der Anderen im Hinblick auf Frauenbildung und -ausbildung. Der Verein hatte 1904 etwa 430 Mitgliede; er löste sich 1930 auf.

Literatur

  1. Bilder vom Internationalen Frauen-Kongress 1904, redigiert von Eliza Ichenhaeuser. Berlin, Verlag August Scherl 1904.
  2. Der Internationale Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin. Herausgegeben von Rosalie Schoenflies und andere. Berlin, Verlag Hermann Walter 1897.
  3. Berliner Tagblatt und Handelszeitung vom 21. März 1904, Seite 5.
  4. Berliner Tagblatt und Handelszeitung vom 20. Oktober 1908, Seite 5.

Paul Enck

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